Sprengköpfe

»Könnten wir den ausprobieren, bevor wir ihn kaufen?«
»Das ist ein thermonuklearer Sprengsatz!«
»Draußen vielleicht?«

»Sachlicher Dialog ist mit so einem Typen bar jeder Vernunft nicht möglich, nur mit absoluter Stärke ist ihm beizukommen«. Kim Jong-un sieht das vollkommen richtig – daran ändert der Sprung in der eigenen Schüssel wenig.

Nur hat der Grinsekater aus Pjöngjang sie auch nicht, die absolute Stärke. Niemand hat sie – weder das US-Repräsentantenhaus noch die geballte Weltpresse oder die NATO-Verbündeten der USA. Obwohl sie sich insgeheim alle mehr oder weniger darüber einig sind, daß Donald Trump ein unzurechnungsfähiger Idiot ist. Um so erschreckender ist es , daß die Kommentare der Kuh-Presse nahelegen, daß Trump der Situation mit den Drohungen aus Nordkorea in irgend einer Form intellektuell gewachsen sein könnte. Als wäre er nicht bereits an erheblich kleineren Problemen grandios gescheitert.
Zum anderen drängt sich bei unbedarftem lesen der Eindruck auf, als daß praktisch jede Woche irgendwo eine Atombombe gezündet wird. Eine alltägliche Waffe scheinbar, deren Verwendung sozusagen zum guten Ton der Diplomatie gehört. Nicht aber, daß der kriegerische Einsatz dieser Massenvernichtungswaffe bereits 72 Jahre zurückliegt. Da hat es wohl bei einigen die Erinnerung unterspült, was man mit diesen Waffen anrichten kann. Hiroshima war gestern: Sowohl das Gerät des nordkoreanischen Wahnsinnigen wie das desjenigen aus den USA können mittlerweile erheblich more bang for the buck.
Die Erinnerung daran, daß Atomwaffen als letzte »Sicherheitsgarantie« wahrgenommen wurden, liegt auch etwas zurück – der Unsinn stammt aus der Zeit des kalten Krieges.
Jetzt also Kernwaffen im scharfen Einsatz – die USA habe ja angeblich noch genügend davon.

Schauen Sie nicht in den Feuerball!

Ja, das war ungefähr der Stand vom Ende letzter Woche. Dann kam Leo Fischer (ex Titanic Chefredakteur) und ließ auf Zeit.de die Bombe über Pjöngyang schon mal explodieren. Wie immer bei solchen Explosionen üblich, lachte nicht jeder mit. Eigenartigerweise taten sich beim Jaulen besonders der Revolverjournalist Julian Reichelt (BILD) und sein Lieblingsschmierfink Julian Röpcke (#JihadiJulian) hervor: Daß ausgerechnet das Fachblatt für Falschmeldungen und Kriegstreiberei den Hoax nicht begierig aufgriff, verwunderte. Es wäre schließlich nicht der erste Krieg, der Aufgrund gezielter Falschmeldungen in Gang gekommen wäre; man muß da nur die richtigen Leute dranlassen! Eine Unterlassungssünde, für die jeder Volontär von diesem Blatt gefeuert worden wäre, entschuldbar nur durch die zeitgleich erschienene Nachricht vom Ableben Mehmet Scholls. Über Krieg könnte man ja reden, aber beim Fußball hört der Spaß dann endgültig auf.
Flankensicherung bekam BILD ausgerechnet von der Hauspostille der Grünen, der TAZ:

»Leo Fischer, ehemaliger Chefredakteur der Titanic, Kolumnist für die linksextremistischen Kampfblätter Neues Deutschland und Jungle World, Erika-Steinbach-Darsteller und als solcher Bundestagskandidat der Partei Die Partei hat einen seltsamen; einen sogenannten Humor. Am Donnerstag teilte er der überraschten Öffentlichkeit mit, dass erstens Mehmet Scholl tot sei und insinuierte zweitens, dass die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngyang Ziel eines Atomschlags wurde.«

Auch das ehemalig linksextremistische Kampfblatt TAZ vergab die Chance, sich zu fragen, was eigentlich wäre, wenn es nicht ein Hoax gewesen wäre. [Ich sage nur Feinstaubbelastung! Der Säzzer.] Was wollen sie jetzt noch schreiben, wenn die Raketen tatsächlich einschlagen? Und wenn man schon so entgeistert über den Witz war: Warum fehlt dort jede Erklärung, worin genau die angebliche Blasphemie bestanden haben soll?

Die EU berief eine Krisensitzung ein – wegen Fibronal-Eiern, nicht aber wegen eines drohenden Atomkrieges. UpDate: Wie aus dem Kanzleramt verlautet, wandte sich Frau Merkel mit der Botschaft an den US-Präsidenten: »Die Bundeswehr ist leider nur bedingt abwehrbereit!« Wer konnte damit rechnen? Unwahr dagegen sind Gerüchte, nachdem das auswärtige Amt eine Reisewarnung für Guam ausgesprochen hätte. Unwahr ist – vermutlich – auch, daß die TAZ bereits Listen ausarbeitet, welche Lebensmittel nach dem erfolgten Atomschlag geradezu Diesel für den Verzehr seien.

Nein, liebe TAZ: Nicht der Witz von Leo ist blöd – ihr seid es, die ihr vergessen habt, was das ist, ein Atomkrieg. Zugegeben, wir hatten ja auch noch keinen, aber eine klitzekleine Vorstellung davon sollte selbst noch bei Euch durch die Verlagsräume schweben. Denn das ist es, was nicht nur diesem Artikel fehlt: Das Grauen davor, daß es Wirklichkeit wird. Davon schimmert nicht die kleinste Nuance durch Eure Zeilen.
Der Leo Fischer darf das, Satire darf es; lest mal Edgar Hilsenraths »der Nazi & der Friseur«. Geht’s noch? Ja, es geht. Satire darf noch viel mehr.

P.S. Alles, was man über den vollkommen amoralischen Schmierfinken Julian Reichelt wissen sollte: Hier!

 

Sprengkopf

Update

Und Venezuela natürlich auch. Die imperialen Sturmtruppen stehen bereit!

Krieg aus der Golf-Club-Perspektive. Das Wort »Leistungsträger« als Synonym für die vollkommene Abwesenheit von Gehirn.

Ach ja, und noch eines: Die Tageschau.de möge es doch bitte unterlassen, noch irgend etwas über D. Trump zu schreiben. Wenigstens, solange in jedem Beitrag unabwendbar die Zeile »Drohungen Trumps auch in den USA umstritten« auftaucht. Niemand unterstellt, die Vereinigten Staaten würden aus 323 Millionen sabbernden Vollidioten bestehen. Es ist aber eine unübersehbare Tatsache, daß keinerlei Bestrebungen sichtbar sind, die tickende Zeitbombe Trump zu entsorgen.
Man schreibt ja auch nicht: »Die reaktionäre Politik der großen Koalition ist auch in Deutschland umstritten« oder »Winnfried Kretschmann nimmt Auto-Industrie bei der Diesel-Krise in Schutz«.

Oder – pruuuust! – »Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel hat einem Bericht zufolge vom Fraktionswechsel der Grünen-Landtagsabgeordneten Elke Twesten zur niedersächsischen CDU-Landtagsfraktion vorab gewusst.«
Das sogenannte Sommerloch steckt jedenfalls voll mit Nachrichten, die man sich gar nicht ausdenken kann.

Da darf man sich über einen Trump nicht zu laut beklagen.

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16 Kommentare zu Sprengköpfe

  1. da]v[ax sagt:

    Man schreibt ja auch nicht: »Die reaktionäre Politik der großen Koalition ist auch in Deutschland umstritten«

    Doch doch, schreibt man. m(

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  2. da]v[ax sagt:

    PS: sag mal, gab’s bei dir nicht mal die Option „Benachrichtige mich über weitere Kommentare per Mail“? Das vermisse ich schmerzlich…

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    • Pantoufle sagt:

      Eine Antwort ist Ihnen eben als E-Mail zugegangen.

      Da steht »59 Prozent der Deutschen sind laut ARD-„Deutschlandtrend“ zufrieden mit der Arbeit von Angela Merkel.« Das ist ungefähr 10% weniger umstritten als Trump.

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  3. Alles gelogen!!!1!
    Julian Reichelt twittert längst für die Titanic.

    Ansonsten müßte jetzt nur noch Duran-Duran in den Charts sein und die 80er wären wieder da (except taz).

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    • Pantoufle sagt:

      Würden Sie von diesem Mann einen Sprengstoffgürtel kaufen???

      »Julian Reichelt twittert längst für die Titanic.«
      Weiß ich doch, liebe Dame, weiß ich doch! Mein liebster Fascho-Troll schlägt gerade Purzelbäume vor Wut 😀 Es ist ja auch zu entsetzlich, was dieser Julian von sich gibt. S.c.h.a.m.l.o.s.

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  4. Annika sagt:

    Mir graut davor, dass die beiden Klappsköppe ernst machen, weil sie niemand aufhält. Und wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie wirklich von niemandem aufgehalten werden. Das sieht man ja schon im Kleinen. Fast jede Firma hat so einen Klappskopp, und alle bewundern stets des Kaisers neue Kleider.

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    • Pantoufle sagt:

      »Und wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie wirklich von niemandem aufgehalten werden«.
      Hoch. Sehr hoch. Wer sollte sie aufhalten? Oder genauer: Wer will sie wirklich aufhalten (außer der chinesischen Regierung)? Es schleicht sich langsam ein Gefühl ein, daß einige nur auf den großen Knall warten, damit endlich wieder Ruhe ist. Solche Schmierfinken wie Röpcke mit Zitaten wie in dem Nachschlag oben stehen dafür. »6 Monate, 500.000 Mann und eine Bodeninvasion« . Und es gibt genügend Idioten, die das für bare Münze nehmen. [abgesehen davon: 500.000 Mann ohne Bodeninvasion wäre irgendwie leicht widersinnig. Oder eine Bodeninvasion ohne »Mann«. Der Säzzer]

      Aber »Trump will nur mal draufhauen«. Wie weit muß der Realitätsverlußt gediehen sein, um so einen Satz abzusondern?

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      • Siewurdengelesen sagt:

        „Wie weit muß der Realitätsverlust gediehen sein, um so einen Satz abzusondern?“

        Wieviele sind überhaupt noch so weit in der Realität, als dass sie da noch etwas verlieren können?

        Bei Trump weiss man nie, ob er in seinem Egotrip nicht doch einmal eine seiner Drohungen wahr macht aus einer Laune heraus. Nordkoreas politische Spitze halte ich trotz allen Geklappers noch für so clever, ihre Grenzen zu kennen. Das hat manchmal nur mehr den Anschein, sich irgendwie noch „wehren“ zu müssen.

        Dagegen scheinen die US-amerikanischen Kriegstreiber wieder ein neues Afghanistan oder einen neuen Irak zu brauchen und diesmal hat man sich Nordkorea ausgesucht als Teil der Achse des Bösen und alternativ stänkert „the big Stick“ schon in Venezuela herum.

        Kurzgefasst: Bei Röpcke braucht man nur den Laden dahinter zu sehen und dessen Verflechtungen in Politik und Wirtschaft. Dann passt das Bild und solche Kommentare erscheinen nicht mehr nur als scheinbar realitätsferne Dumpfbratzenkommentare aka Trump auf Twitter.

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  5. Pantoufle sagt:

    Das ist recht so! Ich packe gerade für Summerbreeze

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  6. Siewurdengelesen sagt:

    „Ich packe gerade für Summerbreeze“

    Hey cool – kommst Du mit der Effe? So btw. bist Du dann gar nicht soweit weg von mir, wenn Du in Dinkelsbühl bist – da musst Du dann nur noch ebbes d´ Alb ra.

    Meine muss demnächst mal etwas den Deckel lupfen, die Ventile wollen bei 72000 gestellt sein und die Ventildeckeldichtung schwitzt sowieso etwas. Die kleene Emme dagegen hat schon wieder einen Hinterreifen gefressen.

    Dann viel Spass mit Pommesgabel und Headbangen;-)

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    • Pantoufle sagt:

      Ja, darauf freue ich mich seit Monaten. Jedes Jahr einmal so richtig die (Metal)Sau rauslassen. Ohne Speedlimit und mit einem Superpublikum. Wobei dieses Jahr… Drehbühne, keine Pausen… ich werde davon berichten.

      Und natürlich mit der FJ – auch wie jedes Jahr. Das gehört einfach dazu. Leider haben wir dieses Mal nicht unser altes Hotel. Das war ziemlich geil und man kannte sich bereits. Schräg gegenüber auf der andren Seite der Straße der mit Abstand schlechteste Italiener der Welt. Aber immer wieder ein Spaß für die ganze Crew.
      An die Ventile müßte ich auch mal ran, neue Reifen (sehr dringend!), neuen Kettensatz (auch dringend), TÜV wäre auch ganz nett… eine Baustelle. Dichtungen sind Odin sei Dank alle noch ganz ok. Die Deckelschrauben haben etwas geweint, aber das war mit einem Hauch Skuril in den Griff zu bekommen. Was mir mehr Sorgen macht, ist ein leichtes Flattern in schnellen Kurven und Zittern bei 150. Bei 170 isses wieder weg. Neues Gabelöl ist ohnehin fällig, aber ich vermute, es ist der der Slick vorne drauf. Mal sehen, aber erst nach dieser Woche. Die anstehenden 1000km wird sie hoffentlich noch mal durchhalten 😀

      Ob ich Zeit zum moshen habe, wage ich mal zu bezweifeln, aber der eine oder andere Rundgang wird es wohl werden. Gegen Feierabend auf ein Bier mit den Metal-Heads. Ik freu mir!

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  7. Siewurdengelesen sagt:

    Kette und Reifen sind mit einer neuen Bremsscheibe plus Socken bereits drauf, allerdings war die Rille hinten nach dem urlaub auch nur noch optisch vorhanden.

    Probleme mit dem Lenkkopf und daher das berüchtigte Pendeln kann es aber nicht sein? Das Tempo spräche jedenfalls dafür.

    http://www.motorradonline.de/gebrauchte-motorraeder/gebrauchtberatung-yamaha-fj-1200.105087.html

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    • Pantoufle sagt:

      Ne, Lager ist es nicht. Das ist neu und sauber eingestellt. Es pendelt auch nicht (da würde ich eher nach Luftdruck, Federn und Dämpferöl sehen), sondern wie schlecht ausgewuchtet. Der Reifen ist einfach runter.
      Ansonsten bin ich bei Problemen gerne im Forum unterwegs

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  8. Thelonious sagt:

    Neidisch könnt man werden, wenn man euch so liest. Die Duc ist weg. Verkauft. Eingetauscht quasi. Gegen ein Häusle. Wie man das als Schwabe eben so macht. Aber weit weg.

    Mit Ruhe. Ruhe vor Merkel, Brexit oder Chulz. Vor Nazis in Seenot und reflexhaften Wadenbeisser-Genderideologen. Ruhe vor schwachsinnig-kriminellen Konzernmanagern und den ihnen ergebenen Politikern. Vor Leitartiklern, die eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr fordern oder eine Verschärfung der Flüchtlingspolitik. Kein Deutschland den Deutschen und keine Lobpreisung der kapitalistischen Effizienz. Ein umgekehrter Flüchtling. Nicht ganz. Ich kann auch zurück.

    Und jetzt droht mir der Lümmel im weißen Haus, einen Strich durch die Rechnung zu machen. Atomare Allmachtsphantasien. Das nehme ich durchaus persönlich. Ein lokal begrenzbarer Atomkrieg sei in Korea möglich habe ich neulich in einer Gazette gelesen. Welch ein Schwachsinn. Hat der Autor da auch die Koreaner und die Chinesen dazu befragt oder nur einen Unterabteilungsleiter der Wehrmacht?

    Seit zwei Wochen bin ich wieder hier und es reicht mir schon. Sechs Wochen beinahe ohne Internet und gänzlich ohne Zeitung. Das hat was. Nicht, dass es dortens nicht auch Scheiße gäbe. Aber sie ist anders.

    Welchen Bestechungssummen muss ich für den Ortsvorsteher und den örtlichen Klerus ausgeben, damit ich meine Ruhe habe? Wie repariert man ein Dach? Wie lebt man ohne Strom? Wie kommuniziere ich mit Leuten, deren Sprache ich kaum spreche? Wie koche ich mir etwas mit Zutaten, die ich nicht kenne? Was ist höflich, und was nicht? Wo darf ich hin und wo habe ich nichts zu suchen? Letzteres sind essentielle Fragen.

    Doch es sind Probleme, auf die ich Einfluss habe. Learning by doing. Der Ortsvorsteher sieht 10 Prozent der Baumaterialien als sein Eigentum. Der Mann von der Voodoo-Fraktion 15 Prozent. Das geht noch. So sind Kabel, Rohre und Steine weitgehend gegen Diebstahl gesichert. Die weltliche und die geistliche Macht stehen hinter mir.

    Das ist korrupt? Selbstverständlich. Wenn die Weltbevölkerung eines vom Kapitalismus gelernt hat, dann dass Korruption eine lohnenswerte Angelegenheit für die beteiligten Parteien ist. Ein Mafiasystem braucht eben mafiöse Methoden.

    In der Bar oder bei den Händlern zahle ich mindestens den doppelten Preis. Das ist blanker Rassismus. Ich bin weiß. Ich bin reich. So das Vorurteil. Für die dortigen Verhältnisse stimmt es ja auch. Und warum sollte ich mich mit dem Wirt wegen ein paar Pfennigen streiten? Das sollte man auch hier nie machen. Außerdem ist er mir eine wichtige Stütze. Nicht nur wegen des Biers, sondern weil er weiß, wo ich was bekomme.

    Hier muss ich mich wieder neu justieren. Ich habe es einfacher und gleichzeitig schwerer. Hier hyperventiliert eine ganze Region ob des Dieselbetrugs. „Der Daimler ond der Zetsche. Des hätt ich nie glaubt.“ So reden die Leute hier am Stammtisch, oder während sie ihre Autos am Samstagmittag wienern. Sie haben Angst um ihre Existenzen, denn die meisten sind von dem Quartalszahlen des Herrn Zetsche abhängig. Aber der ist ein honoriger Mann. Das ist mein Ortsvorsteher auch. „Des isch doch was gaanz anderes“, höre ich dann. Es kommt eben offensichtlich darauf an, wie hoch man in der Rangfolge des Syndikats steht. Irgendwann ist die Weste wieder sauber.

    Was wollte ich denn jetzt eigentlich erzählen? Ach ja, ich habe la donnaccia verkauft. Das war irgendetwas zwischen lustig und frustrierend. Zielgruppen orientiertes Denken war angesagt. Also habe ich die potentiellen Käufer stilvoll erwartet. Im Weinberg. Vor der Hütte standen la donnaccia und daneben die Panigale meines Freundes. Mein Leihmotorrad. Beide frisch geputzt und der Desmo habe ich sogar einen neuen Tank spendiert. Statt silbernem Stahlblech blau lackiertes CFK.

    Ein kleines Stehtischchen mit weißem Überzug. Schmalzbrote und ein gekühlter Sekt. Eine richtige Verkaufsveranstaltung. Aber nur für jeweils einen potenziellen Kunden. Für den Preis, den ich erzielen wollte, musste ich mir auch ein wenig Mühe geben.

    Grundsätzlich gibt es drei Arten von Käufern für dieses Altmetall. Da sind zuerst die Händler. Die zahlen nicht genug. Schließlich müssen sie selbst Gewinn machen. Dann gibt es die Freaks. Genügend Kohle in der Tasche, aber die kennen jede Schraube mit Vornamen. Und das Moped ist alles. Nur nicht mehr im Originalzustand. Nicht falsch verstehen. Sie sieht immer noch aus, wie eine SS900 auszusehen hat. Aber ihre technische Ausstattung ist eben grundlegend modernisiert worden. Und das ist für Oldtimerenthusiasten ein absolute NoGo. Auch wenn es eine umfangreiche Dokumentation über ihr Leben gibt. Zweimal auf der Isle of Wright dabei, wenn auch unter ferner liefen. Mehrere Siege auf irgendwelchen Flugplatzrennen durch den Vorbesitzer. Das ist für diese Leute extrem wichtig.

    Mir war das immer scheißegal. Ich wollte sie als Jugendlicher nur haben und fahren.

    Auf der Habenseite stehen 90 PS am Hinterrad. Damit dürfte sie einzigartig sein. Ursprünglich waren es serienmäßig etwa 60 PS. Das ist aber auch das Problem. Mit den original Köpfen und Kolben ist diese Leistung unmöglich. Die Desmodromic wurde ebenfalls komplett überarbeitet. Andere Steuerzeiten und geringere Toleranzen, sowie andere Materialien bei den Königswellen. Andere Übersetzungen im Getriebe waren die logische Folge. Von der anderen Gabel und den hinteren Stoßdämpfern reden wir gleich gar nicht.

    Dafür schlägt dich jeder Oldtimerfan tot.

    Aber es gibt ja noch die Gimpel. Die haben genügend Geld in der Tasche und keine Ahnung. Und für diese habe ich das Set aufgebaut. Und sie kamen. Wenn auch nicht in Scharen. „Generalüberholt“ stand in der Beschreibung und das war, im wörtlichen Sinne, gelogen. La donnoccia ist eben nicht generalüberholt, sondern neu. Aber sie ist besser als das Original. Viel besser. Doch dadurch leider eigentlich nichts mehr wert. Außer wenn man nur fahren und Spaß haben will. Als Geldanlage im eigentlichen Sinne taugt sie nichts. Denke ich.

    Ich habe diese Leute auch nie im Unklaren darüber gelassen. Ich habe sie dargestellt als ein verdammt heißes Stück Alteisen. Etwaige Spekulationsgewinne habe ich nie bestätigt. Das nennt man PR. Und so lief mir dann ein Schnösel ins Netz, der sie nicht mal richtig antreten konnte. Das habe ich übernommen. War ihm allerdings relativ egal. Die Probefahrt? Gemeinsam fuhren wir los, falls dieses pezzo di merda unterwegs stehen bleibt. Sie hat einen sehr zickigen Charakter. Das weiß ich. Aber alles ging in diesen Tagen reibungslos über die Bühne. Nur musste ich dauernd bremsen.

    Und dann war sie verkauft. Zu meinen Bedingungen. Der Käufer brauchte eben etwas für die Garage. Zum posen. Die Dollarzeichen in seinen Augen waren sichtbar. Jetzt ist sie also eine Geldanlage statt einem Groschengrab. Ob das für sie wirklich ein Aufstieg ist? Er spekuliert darauf, dass sie mal so teuer wird, wie ihre kleine Schwester. Da kannst du lange darauf warten du Laffe.

    Eine Stunde lang hat er mir ein Gespräch ins Knie geschraubt, um mir zu beweisen, was für ein toller Typ er sei. Der Sekt war längst alle und die Flasche Wein, die ich aus der Hütte holte, landete komplett in meinem Magen. Anders hätte ich sein Geschwätz nicht überstanden.

    Ganz stilvoll hat sie der Penner ein paar Tage abholen lassen. Mit einem Abschleppwagen. Künftig wird sie wohl öfter nach Borgo Panigale gebracht werden. Dann, wenn sich die Herren Anwälte, Unternehmer und Chefärzte ein Stelldichein geben, um zu prahlen.

    Deswegen werde ich neidisch, wenn ich euch lese. Von Reifen mit Profilproblemen und eventuellen Lenkkopfschäden. Ich repariere im Moment den Roller von Sohn eins, den werde ich dann mitnehmen, wenn meine Frau und ich umziehen. Ich habe es schon jetzt satt fünf Kilometer bis zum nächsten Bier zu laufen.

    Meine Frau weiß noch nicht ganz, ob sie über das neue Gebrauchtgefährt froh sein soll. Sie ist nur einmal auf der Duc mit gefahren. Dann nie wieder. Dabei hatte ich mir extra eine Zwei-Mann-Sitzbank besorgt.

    3+

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