Slice of reality I

HMS slice of reality

Jetzt mal wieder London für eine knappe Woche. Nicht gerade das, was man unter einem Motorradparadies versteht, aber auch ganz lustig.

Auf der M1 hat es gebrannt, zwischen Abfahrt 1-4 ist ist sie beidseitig gesperrt und der Verkehr wird großräumig umgeleitet. Das bedeutet, das Verkehr nicht mehr stattfindet, sondern eine massive Blechschlange stundenlang einfach nur dumm rumsteht und die Straße blockiert.
Bentleys, Jaguare,Volkswagen und Mercedes haben eine sozialistisch gleiche Höchstgeschwindigkeit: gar keine. Das einzige, was noch als Individualverkehr geht, sind Hubschrauber und Motorräder. Straßenanarchie; gibt es eine Lücke: nutze sie! Lücken sind alles – absolut alles – wo meine Dicke mit Packtaschen durchpasst: Busspuren, Gegenfahrbahn, Bürgersteig und alles, was dazwischen liegt. Der englische Autofahrer ist im tiefsten Inneren auch Biker und macht, wenn immer möglich, Platz; gibt Vorfahrt.

Meist rotten sich ein paar Motorrad-Kollegen zusammen und surfen gemeinsam. Mit Glück findet sich heute einer, der in dieselbe Richtung will… „wo willst Du hin?“ „Isle of dogs!“ „Fahr hinter mir her!“ Klingt ganz einfach – ist es aber nicht, der Mann hat Ortskenntnis, eine CBR600 und eine revolutionäre Interpretation von Verkehrsregeln. Die CBR ist fast 100kg leichter als mein vollgepackter Bock, sein Fahrer hat offensichtlich Liebeskummer und will unbedingt sein sinnlos gewordenes Leben beenden – und ich immer hinterher. Hinter mir hängt noch ein anderer, der denkt, wo das Yamaha-Schiff durchkommt, passt es auch für ihn. Nach 2,3 Straßenzügen zeigt sich aber, das er unseren Fatalismus nicht teilt und es bleiben nur noch 2 Fahrer mit Aussicht aufs Podium. Eine halbe Stunde später sehe ich die Einfahrt zum Blackwalltunnel, jetzt weiß ich selber weiter, nach links raus, Gruß – danke, Alter: Die nächste Liebe wartet schon, nicht verzweifeln! – wer so gut fährt, ist zu jung für die Kiste!

Noch 3 Ecken und ich stehe vor dem Hotel. Mit etwas zittrigen Fingern eine Zigarette gekurbelt und blos nicht darüber nachdenken, was das gerade war…wobei: Hat ja eigentlich einen Mordsspaß gemacht! Man sollte man mal über eine Supermoto nachdenken! Ein einzelner möglichst großer Zylinder mit richtig Radau aus niedrigen Drehzahlen und wenig Gewicht… komplett mattschwarz… muss das Licht aufsaugen – damit hätte man Chancen auf die Meisterschaft!

Die Docklands

Richtiger: Die ehemaligen Docklands, eines der schwarzen Kapitel Londons. Hier lagen die Warenhäuser und Docks des ehemals größten Hafens der Welt. Allein auf der Isle of Dogs lebten um 1900 mehr als 20.000 Arbeiter mit ihren Familien zwischen Werkstätten, den Lagern und Docks. Es war ein eigenständiger Menschenschlag mit eigenem Dialekt, Kultur und einem ausgeprägten Sinn für Unabhängigkeit, der soweit ging, das in den zwanziger Jahren die einzigen beiden Verbindungsstraßen zur Halbinsel von den Bewohnern gesperrt wurden und für einige Monate die Unabhängigkeit von London ausgerufen wurde.

In den siebziger Jahren kam mit Aufkommen der Containerschifffahrt das Ende des Seehandels und der Docks in London, da die Themse bei weitem zu flach für diese neue Generation von Schiffen war. Es fehlte an Arbeit und Ideen, die Krise zu bewältigen.

Die latenten und nun verschärften Probleme wurden Anfang der achtziger Jahre rustikal dadurch gelöst, das man begann, die Isle of Dogs schlicht zu planieren, um Platz für ein paar Luxusapartments zu bekommen oder im besten Fall die vorhandenen Gebäude gemäß den Wünschen der sehr reichen Kundschaft umzubauen. Der größte Teil des Geländes wurden an ein kanadischen Konsortium verschleudert zu einem Viertel des üblichen Grundstückpreises und Grundsteuerbefreiung. Da die Kanadier mit der örtlichen Geographie nicht so vertraut waren, verließ man sich dort auf die Aussage, daß die Entfernung zur City lediglich 2 Meilen betragen würde (nach fachkundiger Meinung die längsten 2 Meilen Englands) und der Versicherung, das der Schwemmboden die höchsten Wolkenkratzer Englands tragen würde. Das Fehlen moderner Verkehrsanbindungen und der gewöhnungsbedürftige Baugrund führte nach kurzer Zeit zum Bankrott des Konsortiums.
Da war das Unglück aber schon geschehen: das Nebeneinander von Arbeitersiedlungen und Luxusapartments führte natürlich zu „sozialen Spannungen“, die es zu beheben galt. Das wurde mit der Gründlichkeit der Ära Thatcher erledigt: Die Bewohner wehrten sich verzweifelt, während die Regierung erfolgreich nach der bewährten Parole „keine Gefangenen“ verfuhr und die Bevölkerung vertrieb.

Irgendwann wurde das flehende Betteln der Londoner Stadtverwaltung bei einer schweizer Bank erhört und die Wüste des neuen Geschäftszentrums zu Ende gebaut. Es ist der einzige Stadtteil Londons, der nicht den Hauch einer Seele hat, der jede Geschichte leugnet; diese ungeheuerliche Stahl – und Betonfassade ist zutiefst kalt, verkommen und absolut unenglisch. Canary Warf ist ein Schandfleck!

Über die jahrzehntelangen Kämpfe und Geschichten findet sich praktisch nirgendwo mehr ein Hinweis. Es wurde erfolgreich aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht. Es gibt am Rand der Reste des West India Quay ganz am Ende, hinter den Tappa-Bars und Biertränken, in einem der übrig gebliebenen Lagerhäuser ein kleines Museum, dem das ehrenvolle Verdienst zufällt, diese Geschichte zu bewahren. Man hat dort diesem Andenken eine eigene Abteilung gewidmet. Das sollte sich das ansehen und statt schalem Bier mit Fish&Chips lieber eines der liebevoll gemachten Photobände erwerben, aus denen die Irrlichter der Schwarz-Weißbilder in unsere Zeit herüberblicken: Seht, was aus uns geworden ist.

Mein Hotel liegt 15 Minuten Fußweg entfernt von dort.

0
Dieser Beitrag wurde unter Benzin, Motorrad abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

0 Kommentare zu Slice of reality I

  1. Pingback: Royal Wedding Hype: Eine kleine Presseschau « … Kaffee bei mir?

  2. Pingback: Glanzlichter 65 « … Kaffee bei mir?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *