Sie haben zwei Stimmen!

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Mir würde eine reichen. Ich würde die von Günther Jauch nehmen. Einmal alle 4 Jahre die Spitzenkandidaten der Parteien entfesselt aller Manieren aufeinander loslassen, damit sie sich vor laufenden Kameras als das darstellen, was sie sind: Eine Laienspieltruppe – gerne auch Gurkentruppe genannt, wenn die Wahl vorüber ist.
Ein dümmliches Kettchen der Kanzlerin; kein Günther Grass, der für die SPD schimpft. Ein zappeliger Philip Rösler: Was macht eigentlich eine Partei, die aus dem Bundestag fliegt? Zettel vor der Bahnhofsmission verteilen? Seite an Seite mit der Tierschutzpartei und Pro-Faschismus? »Ach, Herr Rösler: Sie ausgerechnet hier zu treffen…!«

Man wünscht sich beinahe einen F.J. Strauss zurück. Ratten, Schmeißfliegen und weniger Demokratie wagen. Auf der anderen Seite stand »Strauss stoppen«. Hat geklappt. Seit Helmut Kohl klappt nichts mehr. Das Strafgericht der rot-grünen Koalition im Bundestag dauerte nur zwei Legislaturperioden, dann hatten sie ihr politisches Profil soweit heruntergeritten, daß man doch lieber wieder schwarz wählte. Die bleierne Zeit unter Kohl hat die Sehnsucht nach biedermeierlicher Glückseligkeit geweckt: Zusammen mit einer Gurkentruppe im politischen Einmachglas. Statt Demokratie wagen einen Westerwelle als Außenminister, eine Kristina Schröder und einen H.P. Friedrich. Amüsant, nicht wahr? Noch mehr Namen gefällig oder beginnt der Brechreiz bereits?

Welche Parole wird von diesem Wahlkampf in den Köpfen der Mehrheitsbeschaffer hängen bleiben? »Inhalte überwinden« böte sich an – eine perfekte Zusammenfassung der unerträglich öden Nichtsätze und Photoshop-Zombies, die nicht ignorierbar den Himmel verdunkeln. Die hysterische Debatte um die immer größer werdende Fraktion der Nichtwähler beschreibt indirekt die vermehrt sichtbaren Kollateralschäden, soll ablenken davon, daß es sich um keine Politikverdrossenheit, wohl aber Politikerverdrossenheit handelt. Das »kleinere Übel« hat ausgedient zugunsten einer grundsätzlichen Unakzeptierbarkeit der zur Wahl stehenden. Mündige Staatsbürger für eine halbe Stunde im Wahllokal, danach vier Jahre ohnmächtige Lethargie. Die euphemistisch Krisen genannten Zerfallserscheinungen folgen sich aneinander so schnell, daß sie sich den Platz auf den selben Titelseiten der Journale streitig machen. Alle 4 Jahre eine vermeintliche Chance auf Änderung, eine halbe Stunde, zwei Kreuze – die verbleibenden 1460 und einen Tag nutzt ein eingespieltes System für anarchistischen Wildwuchs.

Sie haben zwei Stimmen!

Mir würde die eine eines Papstes zusagen. Eine moralisch unabhängige Instanz, wenn es so etwas überhaupt geben kann. Im Grundgesetz war einmal im Ansatz die Rede von einem Bundespräsidenten, dem – wohlgemerkt im Ansatz – eine solche Rolle zugedacht war. Sie haben vorsichtshalber einen der ihren in dieses Amt gehoben; eine gute Wahl wie sich zeigte. Mit dem amtierenden Lautsprecher der Regierung ist das letzte regulative Stimmchen verstummt. Kein Widerstand, kein Charakter – der Pfaffe ist eine Marionette mit einem unseligen Hang zu Militäruniformen. Köpfe? Nein: Stinkefinger als Symbol für die Kampfparole »das Wir entscheidet«. Es wundert, daß man sich nicht parteiübergreifend auf den selben Kampfruf einigte. Die Parteispitzen Seite an Seite mit erhobenem Mittelfinger vor den Kameras: »Wir entscheiden!«.

Es fällt schwer, sie auseinanderzuhalten. Die Kanzlerin macht es einem leicht: Sie ist eine schlecht gekleidete Frau mit zerfallenem Gesicht, die Visage als Spiegelbild ihrer Politik. Der Rest? Seit Jahren die selben hellen Stellen über dunklen Anzügen. Keine Gesichter, die selben Stimmen im Einheitsbrei eines verquasten Logikerjargons, der Müdigkeit erzeugt, erzeugen soll. »Von wegen langweilig«. Nicht nur die Süddeutsche verkrampft sich im Verbreiten guter Wahllaune; die großen Zeitungen und Medien als Alleinunterhalter auf einem Betriebsfest mit Anwesenheitspflicht. Während einem angetrunkenen Annäherungsversuch des Personalchefs gegen die Sekretärin verkündet der für viel Geld Engagierte, dem niemand zuhört und der nur den Lärmpegel erhöht: »Geht wählen!«, jongliert mit drei Orangen und einer Banane – der Höhepunkt seiner Show. Tischfeuerwerk, das die vom kalten Büfett ergatterten Würstchen mit Krautsalat endgültig ungenießbar macht. Ein elendes Schauspiel – noch eine Rede!
Die letzte des heutigen Abends hoffentlich.

Herr Nonnenmacher: Öden Sie mich bitte noch schnell an! »Die Zeit, in der sich Intellektuelle im Wahlkampf für eine Partei engagierten, scheinen vorbei zu sein.« Für wen sollte sich ein denkender Mensch einsetzen? Einen Patrick Döring? Ronald Pofalla? Sie erkennen den Unterschied zwischen »angeekelt mit Grausen abwenden« und Politikverdrossenheit nicht.
Singen Sie lieber noch ein Lied, so eines zum Mitmachen – der Abend geht schon seinem Ende entgegen. Wie wäre es mit »Polonäse Blankenese«? Ihr Publikum ist schon betrunken genug dafür. Betrunken genug, um die AFD zu wählen und vielleicht sogar die FDP! »Mitmachen heißt wählen gehen« und faßt sie von Hinten an die … Schulter.

Morgen geht das Leben weiter. Der Alleinunterhalter hat sein elektrisches Piano abgebaut und sich ein paar Scheine in die Tasche gesteckt sowie zwei übrig gebliebene Flaschen Schnaps. Die Sekretärin ist nach einer beherzten Ohrfeige unbeschadet davongekommen – der Geschlagene wird es vergessen haben; Kater, Herr Brüderle? Morgen ist die Wahl vorbei. Die hysterischen Gewinner neben den Gesichtstrümmern der Verlierer.
Der Wähler hat nun einmal so entschieden.

Hätte ich eine Stimme, so würde sie sagen: Schluß mit dem Kaspertheater. Zurück auf Start – ziehen Sie keine 5000€ ein. Herr Sonneborn ist ein sehr kluger Mann. Sicher würde er gerne als Kanzler dem Volk dienen. Beaufsichtigt vom Bundespräsidenten Georg Schramm. Innenministerin Wagenknecht im Dauerclinch mit Justizminister Gysi. Der Alterspräsident Dieter Hildebrandt eröffnet die erste Sitzung des Parlamentes…

Keine Stimme

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0 Kommentare zu Sie haben zwei Stimmen!

  1. Pingback: Politikerverdrossenheit in der Schrottpresse | -=daMax=-

  2. daMæx sagt:

    Die hysterische Debatte um die immer größer werdende Fraktion der Nichtwähler beschreibt indirekt die vermehrt sichtbaren Kollateralschäden, soll ablenken davon, daß es sich um keine Politikverdrossenheit, wohl aber Politikerverdrossenheit handelt.

    Ihr habt euch doch abgesprochen…

    Die Leute mit vorgehaltener Waffe zur Urne zu zwingen, ist kontraproduktiv. Die Leute sind ja auch nicht Politikverdrossen – sie sind Politikerverdrossen, etwas, was viel zu wenig im Fokus gehalten wird. Es wird nichts hinterfragt. Man hinterfragt nicht, wieso sich immer weniger Menschen von den gewählten Volksvertretern auch vertreten fühlen.

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    • pantoufle sagt:

      *lacht*
      Nein, ehrlich nicht! Ich hab gesehen, daß die Tante was darüber geschrieben hat, habe es aber mit Absicht nicht zu genau gelesen. Das werde ich jetzt mal nachholen. Und als grundsätzliches (gewolltes) Missverständnis steht es ohnehin im Raum… abgesehen davon: Die Tante hat es eine Spur besser formuliert. Nächstes Mal schreibe ich gleich ab 🙂

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  3. Daß Frau Merkel Kanzler wird, ist schon ausgemacht. Doch kann man immer noch etwas ausrichten: Man kann nämlich noch dafür sorgen, daß die Arschlochwähler leer ausgehen. Da gibt es einen Haufen kleiner Parteien: Pro-Faschismus, Anbruch der Dunkelheit, FDP. Wenn wir alle wählen gehen und APPD, DIE PARTEI oder die Piraten wählen, dann schaffen wir es, daß die Stimmen von immerhin ungefähr 20% der Wähler nicht berücksichtigt werden, und damit die deutsche Teaparty ausfällt. Man muß nur wählen gehen. Also: Arsch hoch!

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  4. „Jongliert mit drei Orangen und einer Banane“. Sehr schönes Bild. Ja, so soweit ist es schon, dass sie Roland Kaiser und Mario Barth ins Rennen schicken, um Werbung (!) für das Wählen zu machen als müsse man Antifaltencreme oder die neue Show von Cindy aus Marzahn unter die Leute bringen. Sie machen Werbung für den Akt, der die Farce legitimieren soll.

    Um 0,7% Prozentpunkte liegt die Wahlbeteiligung höher als 2009. Was für ein Erfolg für Cindy und Mario. Und überhaupt: Schade eigentlich, dass es die Boulevardpresse von Spiegel bis Bild nicht ganz geschafft hat, die Alte zur absoluten Mehrheit zu schreiben. Dann wäre sie endlich sichtbar, die Postdemokratie.

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  5. pantoufle sagt:

    Die Kunststücke der Alleinunerhalter waren nicht allzu anspruchsvoll. Speziell der sogenannte Kuh-Journalismus hat auf der ganzen Linie versagt. Die gestelzte Aufgeregtheit Nonnenmachers fand ich besonders possierlich: Warum beschwert er sich darüber, die »Intelligenzia« hätte sich betont aus dem Wahlkampf herausgehalten? Haben die keine eigenen zurechnungsfähigen Mitarbeiter? Ein Prantl oder irgend etwas in dieser Leistungsklasse? Es hätte ihnen frei gestanden, zur Situation Stellung zu beziehen. Statt dessen der durchsichtichtige Krampf, Frau Merkel in die nächste Legislaturperiode zu schreiben. Auftragsjournalismus nennt man das wohl.

    Was den Bodensatz deutsche Fröhlichkeit anbetrifft, der sich für Wahlwerbung verwursten lässt: Die haben es nicht besser verdient – das Wahlvolk nebenbei auch nicht.

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