Selbstmord aus Angst vor dem Tod

Wer hat die Wahlen in Griechenland gewonnen? Die Angst. Anders kann man das Ergebnis nicht interpretieren. Der rechtsgerichteter Abenteurer, der jetzt die „Märkte© und Politik beruhigt, heißt Andonis Samaras, politisch bis jetzt der geborener Verlierer. Aufgewachsen mit dem goldenen Löffel in der Hand als Angehöriger der wohlhabenden Elite steht Samaras beispielhaft für genau den Teil der griechischen Gesellschaft, die das Land in den Abgrund geritten hat.
1989 war Samaras griechischer Wirtschaftsminister für die konservative Nea Dimokratia, zwischen 1989 – 1992 Außenminister, einem Amt, aus dem er wegen seiner reaktionären Haltung in der Frage der Umbenennung Mazedoniens 92` vertrieben wurde.

Die Zeit zwischen 1992 und 2004 verbrachte Samaras mit erfolglosen Versuchen, mit einer eigenen rechtsgerichteten Partei zu punkten, ab 2004 war er wieder Mitglied der Nea Dimokratia. Nach einem kurzen Ausflug ins europäische Parlament wurde er im Oktober 2009 Kultusminister, ab November gleichen Jahres Parteivorsitzender der Partei.

Am 1.11.2011 verkündete der damalige sozialistische Ministerpräsident Giorgos Papandreou (Pasok) ein Referendum über die Sparauflagen der europäischen Banken (die Schrottpresse berichtete), eine Nachricht, die die Märkte© und europäische Politik in Angstquieken ausbrechen lies. Die Reaktion ist bekannt: Die europäischen Regierungen und Banken wählten Papandreou ab.
Die Übergangsregierung unter dem Technokraten Loukas Papadimos wurde von der ND und Samaras nach Kräften torpediert – man wollte Neuwahlen um jeden Preis, auch zu dem, daß Griechenland weiter in Agonie lag.

Vom 1.11.2011 bis zum heutigen Tage tritt Griechenland auf der Stelle. Die Volksbefragung, die Papandreou als Rückendeckung zu seiner Politik einforderte, ist bis jetzt aktuell. Hätte der damalige Ministerpräsident sie durchgeführt: Das Ergebnis wäre absehbar gewesen; absehbar genug, um alles dafür zu tun, den griechischen Sozialisten abzuservieren. Ein wenig Aufruhr hier, gewalttätige Demonstrationen dort und größtmögliche Verunsicherung – das reicht nach ein paar Monaten, den „Volkswillen“ in die gewünschten Bahnen zu lenken. Politiker wie Samaras waren ein Pfund, mit dem die Märkte© dabei wuchern konnten.

Wie sehr die Verzweiflung Andonis Samaras in die Hände gespielt hat, zeigt das Ergebnis der Wahl vom Sonntag. Nicht daß es sich nun um einen rauschenden Sieg der Nea Dimokratia gehandelt hat: 29,7% für die ND, 26,9% für das Linksbündnis Syriza (im Pressedeutsch „linksradikal“ genannt). Aber die Nachrichten geben Anlass zu froher Kunde. Der DAX zeigt sich beruhigt wie auch die Tokioter Börse. Der HangSeng-Index in Hongkong stieg um 1,2%. Damit wird deutlich, wer die Wahl in Auftrag gab und welches Ergebnis man beabsichtigte.
Die Gelder nach Griechenland können also weiter fließen. Von der Deutschen Bank direkt zu den Gläubigern, die bei der Deutschen Bank ein Konto haben. Damit der Kreisverkehr nicht unangenehm auffällt, pflegt man weiter die Legende, daß das Geld das Land auf Nimmerwiedersehen verlässt. Die BILD, WELT und andere Qualitätsmedien haben sich großzügigerweise bereiterklärt, diese Version dem Volke zu verkaufen. (Konsequenterweise an dieser Stelle keine Links oder Textauszüge – man will ja nicht nochmals dafür aufkommen, wofür die Märkte© bereits bezahlt haben.)

Der neue starke Mann in Griechenland heißt als Samaras. Ein willfähriges Geschöpf und Mitglied jener Kaste in Griechenland, die Milliarden Euros an Staatsvermögen ins Ausland transferierte und dadurch erst den wirtschaftlichen Zusammenbruch einleitete. Niemand würde diesem Sachverhalt widersprechen – auch nicht diejenigen, die zur Zeit das Ergebnis der Wahl als Grund zum Feiern nehmen. Und Grund zum Jubeln haben sie tatsächlich. Samaras ist als glückloser National-Rechtskonservativer der Garant dafür, daß der Weg Griechenlands seine vorgezeichnete Bahn nicht verlässt. Einer dieser Politiker, den nur die Verzweiflung aus dem Bodensatz der Geschichte spült.
Ein rechtsgerichteter Abenteurer als Krisenmanager – armes Griechenland!

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0 Kommentare zu Selbstmord aus Angst vor dem Tod

  1. der_emil sagt:

    Lange hab ich gedgrübelt, aber der Kerl muß sich wirklich so lange schon damit beschäftigt haben, die Demokratie zu beschädigen: Die Zeit zwischen 1992 und 2004 verbrachte Samaras mit erfolglosen Versuchen. Und er hat ja wirklich nicht viel dazugelernt …

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    • pantoufle sagt:

      1092 bis 2004 ist wirklich ziemlich lang 🙂 Wurstfinger eben …
      Als politische Figur ist der Kerl wirklich bemerkenswert. Selbst Springers „Welt“ bescheinigte ihm in einem ihrer letzten Artikel ein ziemlich unterirdisches Niveau.
      Man wird das Gefühl nicht los, es handelt sich bei Samaras um eine griechische Ausgabe von Freiherr v.u.z. Gutenberg. Und als ehemaliger Wirtschaftsminister muß er sich zudem dem Vorwurf stellen, an den Verhältnissen nicht unschuldig zu sein.
      Alles in allem: Eine Wahl, die rational nicht zu erklären ist.

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      • der_emil sagt:

        Nun, warten wir eben auf das Ende seines nächsten erfolglosen Versuchs. Aber ob auch die Griechen und vor allem die Banken so viel Geduld haben werden?

        Außerdem glaube ich, daß die Person im Moment sowieso keine Rolle spielt, solange sie nach der Pfeife der Finanzhaie tanzt …

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  2. pantoufle sagt:

    Ich habe es in dem Artikel nicht so deutlich aus dem Fenster gehängt – es ist auch mehr ein Gefühl: Griechenland ist im Moment vor allem ein putschgefährdetes Biotop. Wenn irgend jemand jetzt kommt und irgend etwas verspricht, gibt es wenig Mächte, die so einer Figur ernsthaften Widerstand entgegensetzen könnten. Der Deutschen Bank wäre das egal; die haben ihre Schafe weitgehend im Trockenen. Die Politik würde es auch begrüßen: Diktaturen dürfen nicht Mitglied in der EU sein – man könnte jeden Rettungsversuch umgehend einstellen.

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