Schöne Hotelzimmer

Die liebe Annika hat vorgelegt, ich möchte gemächlich nachziehen.

Keycard geht nicht. Rote Lampe. Nochmal. Immer noch rot. Auch nach dem fünften und sechsten Male wird das nichts. Zwei Treppen runter zurück zur Rezeption.
Nachtschichten in Hotels sind grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen. Würden sie etwas taugen, wären sie vorzugsweise am Vormittag beschäftigt. Hundswache im Hotel, es glast eins.
»Ja, das ist so: Eine Kostenübernahme Ihrer Firma hatten wir nur bis heute Mittag. Jetzt ist das Zimmer gesperrt.«
Was haben Rezeptionisten eigentlich vor der Erfindung von Bildschirmen gemacht? Als würde ihm das Ding irgend etwas anderes erzählen können als das was er mir eben sagte? Er starrt weiter auf den Computer. Augenkontakt tunlichst vermeiden!
»Gut, dann lassen Sie mich bitte an meine Sachen. Da sind Telephon, Laptop… das ganze Zeug, was ich jetzt brauche. Im übrigen ist es Sonntag Nacht und eine Kostenübernahme der Firma ist jetzt nicht zu bekommen.«
Der »Manager in duty« aus einem fernen Land ist dazugetreten und klärt die Situation in holperigem Deutsch.
»An Ihre Sachen kommen Sie, wenn das Zimmer bezahlt ist! Wenn Ihnen das nicht gefällt, können Sie ja die Polizei rufen!«
Ohne Telephon. Aber mit etwas Glück findet sich ja vielleicht ein umherstreifender Beamter. Nein, mit der Klärung dieser Angelegenheit könne man keinesfalls bis morgen früh warten, wenn wieder jemand in der Firma ist – Kohle auf den Tisch des Hauses oder raus.

[Hotel Handelshof, Am Hauptbahnhof 2, 45127 Essen. Schönen Gruß!]

Am nächsten Morgen fragt eine entschieden hübschere Person hinter dem Tresen, ob der Aufenthalt angenehm gewesen wäre; etwas schüchter und stolperig, aber der auswendig gelernte Text muß raus.
»Fragen Sie Ihre Nachtschicht!«
»Ja, ich hörte schon… es tut uns wirklich entsetzlich leid! Das hätte man anders regeln müssen. Sie haben ja noch gar nicht gefrühstückt…«
»Mir ist der Appetit vergangen!«
Aber so richtig sauer bin ich eigentlich auch nicht mehr. Sie ist wirklich sehr hübsch. Kann ich nicht, auch nicht ohne Frühstück. So freundlich und ansehnlich!

So ist das mit Hotels. Es sind nicht die Zimmer, es ist das Personal, das die Zimmer bewacht und sie verschönert. Da kann die Einrichtung noch so grottig sein. Ich würde auch nicht so weit gehen, zu behaupten, daß das Personal mit der Anzahl der Sterne im Quadrat unangenehmer wird. Vielleicht könnte man eine Tendenz ausmachen, daß jeder noch so groteske Nepp als normal und branchenüblich verkauft wird, aber unfreundlicher…?

Das ist nicht (!) im Handelshof Essen

Das unangenehme an Hotelzimmern ist, daß sie unbewohnt sind. Persönlich bevorzuge ich dafür die optische Lösung, mein Gepäck innerhalb der ersten Minute weiträumig auf alle Möbel zu verteilen. Das verkürzt die Eingewöhnungsphase.
Halbvolle Gläser und die Geräte des täglichen Gebrauchs sollten griffbereit und sichtbar drapiert sein. Lethermann, Maglite, der Papierkram für die nächste Show und ein Buch auf dem Nachttisch; schon wird es wohnlich!
Der Reiz extrem teurer und luxuriös eingerichteter Hotelzimmer ist ein ephemer. Es kostet erheblich mehr Mühe, sie zu verschandeln wohnlich zu gestalten. Einmal ganz davon abgesehen, daß ein unvorsichtiger Tritt gegen die Tür der Minibar leicht die Cateringpauschale von ein, zwei Tagen kosten kann – an der Hotelbar sind es dann Tagessätze. Man wird als Normalverdiener geradezu gezwungen, das Hotel zu verlassen um sich ein wenig zu vergnügen. Da imponiert das Bett mit den Goldbrokat-Decken in den Dimensionen eines Atlantik-Bunkers dann auch nicht mehr.

Es gibt diesen bemerkenswert wahren Satz von K.Tucholsky »Die Geschäfte haben immer die Auslagen in den Schaufenstern, die sie nicht führen.« Das gilt in vollem Umfang für Hotels, ist geradezu ein Hotelführer. Wenn beispielsweise an jeder Ecke des Etablissements auf die SPA-Einrichungen des Hauses verwiesen wird, bedeutet das was? Genau! Latschenbeschuhte Bademäntel, die nur notdürftig umhüllte, unförmige Körper im Fahrstuhl transportieren. Und das vor dem Frühstück! Vom penetranten Geruch ayurwedischer Öle und Wunder-Salben ganz zu schweigen. Also das genaue Gegenteil von Wellness!
Minenfeld Hotel-Restaurant. Übergehen wir die phantasievolle Preisgestaltung dieser Einrichtungen für einen Moment. Weniger ist mehr und das bekommt auch noch der Nachtportier hin. Als Vergleich drängt das Radisson Blu Edwardian New Providence Wharf in den Londoner Docklands mit jedem x-beliebigen Landgasthof im finstersten Winkel der Lüneburger Heide auf. Fritten haben sie beide, aber… Kein Lokomotivführer im Ruhestand (jetzt Chefkoch im »Zum Blattschuß«) käme auf die Idee, ein Filet in Sojatunke aus dem Supermarkt – soll ich weitererzählen?
Nein? Auch gut!

Während ich das hier schreibe, schwirren die Bilder, Gerüche und Menschen in diesen Hotels an mir vorbei. Komische, berauschte, unvergessliche Stunden in Hotels, in denen ich so unendlich viel Zeit verbringen mußte. Manchmal war es auch ein Vergnügen. Aber es ist eben so, daß der Begriff Hotel für einen Ausnahmezustand im Alltag steht und nur notdürftig den Mangel der eigenen vier Wände kaschieren kann. Wer ist schon gerne Gast? Dieses eine Hotel irgendwo in Skandinavien, das, als die Produktion von Willie Nelson einfiel, die Texanische Flagge am Eingang gehisst hatten…groß, ganz, ganz groß!

Bitte keinen Protz-Barock im Schlafzimmer, keine falschen Versprechungen und wenn ich in der Nacht todmüde von der Arbeit zurückkomme, bitte kein gemachtes Bett.

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9 Kommentare zu Schöne Hotelzimmer

  1. Annika sagt:

    Ich bin ja auch hotelgeplagt, in einem früheren Leben bereiste ich ausführlich Mecklenburg Vorpommern. Alle beneideten mich darum, dass ich jeden Sommer an der Küste bin. Aber im Sommer war’s teurer, so dass ich in Spelunken musste, weit ab vom Meer.

    Aber eins habe ich nie vergessen: ein winziges Einzelzimmer direkt unter dem Dach. Über dem Bett war das Dach verglast und ich sah stundenlang in den Regen und hörte den Sturm und das Meer und fühlte mich sehr kommod. Hier schlief ich:
    https://www.hotel-am-meer.de/ostsee/zimmer-appartements/einzelzimmer-binz.html

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    • Pantoufle sagt:

      Das ist ein sehr schönes Zimmer! Das, was da in meinem Text in der Mitte ist, aber auch. Sowas was ich mag. Kein sülberner Barock.

      Ich sehe grad Nordstory auf NDR. Ich muß mal wieder an die Küste. Seit Mutter tot ist, komme ich zu selten ans Salzwasser. In irgend einen lausigen Landgasthof. Abends auf einen Schnaps an die Bar runter. Und des Nachts ins kalte Linnen. Wo war der Lichtschalter?

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  2. Annika sagt:

    Tu das! Macht man nix falsch.

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  3. glumm sagt:

    die tochter von Lowell George.. ich werd verrückt. Freunde von mir, die Musiker waren/sind, haben früher Little Feat gehört bis zum Umfallen. Fand ich nicht schlecht, aber irgendwie war die Musik von Lowell George & co Musik für Musiker, erst später freundete ich mich damit an: an diese unnachahmliche Weite in den Songs.

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    • Pantoufle sagt:

      Musik für Musiker? Ja, könnte man so sehen. Für Deutschland mag das stimmen. Das liegt aber meiner Meinung nach weniger an ihrer Musik, sondern vielmehr daran, daß einige Genres US-amerikanischer Musik in Deutschland selten Fuß gefasst haben; von Chart-Plazierungen ganz zu schweigen. Neville-Brother oder Willie Nelson (überhaupt der ganze progressive Country&Western-Bereich) sind Beispiele dafür.

      Jedenfalls bin ich seit Jahrzehnten ein Riesenfan von Little Feat. Man sollte aber die Live-Sachen hören. Die Feat sind die Liveband vor dem Herren – im Studio rollen die einfach nicht so im Korsett der Zeit.

      Noch ein kleines Beispiel. War hier schon mal verlinkt, ist aber immer wieder schön.

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      • glumm sagt:

        verschwitzt und auf den punkt, großartige Nummer! und Willin‘ schieb ich noch nach..

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      • Oh und die Neville Brothers, ich weine gleich!

        Falls es mal jemanden nach Frechen verschlagen sollte: das mir liebste aller billigen Billighotels ist das Hotel Durst, wo der Name Programm und die Wirtin Mitglied im allerersten weiblichen Karnevalsverein ist – frau trägt ungeachtet der Figur Netzstrümpfe, Frack, Zylinder, wie Marlene Dietrich im Blonden Engel.

        Dort gibt es Alleinunterhalter, ausufernde Geburtstagsfeiern 50jähriger Zwillinge mit schlimmen Schlagern und Polonaise, altmodische Schrankduschen im Zimmer und wenn die Wirtin einen leiden kann, darf man sonntags (Ruhetag) mit ihr Tatort gucken, kriegt Kölsch satt und einen Teller mit viel Fleisch vorgesetzt. Nachdem ich in zwei Jahren an einem bestimmten Wochenende dort übernachtet hatte, rief man mich jedes Jahr vorher an, ob ich denn auch komme. Die Zimmer sind zu klein, um unbewohnt zu wirken und von Wellness wurde dort noch nie was gehört.

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  4. Pantoufle sagt:

    Selten stampften sie schöner. Na ja: Vielleicht bis auf den zwei Live-Raubpressungen aus den siebzigern in meinem Plattenregal
    Mit diversen »stundenlangen« Solos mit echtem Nährwert. (Willin 1:02)

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  5. Pantoufle sagt:

    Na ja, wenn wir schon beim Auflegen sind: Würde ich auf dem Motorrad Musik hören, gäbe da einen Favoriten und ein Stück

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