Russische Grippe

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Der Flughafen Hannover ist ein kleiner, mieser, popeliger Ort, der eigentlich nur den Vorteil hat, daß es nie Schlangen vor den Schaltern gibt. Diesmal nicht. Vor dem Schalter der Aeroflot staut sich die Menge. Macht nix – mein Kumpel und ich sind früh genug, um noch entspannt zwei Gläser Herrenhäuser zu trinken. Das ist das lokale Bier, das genau so schmeckt wie Hannover aussieht.

Als die Animateure im Flugzeug ihre rhythmische Sportgymnastik absolvieren, dämmern wir bereits Richtung Moskau. Ein ruhiger Flug in die Hauptstadt des Bösen, wenn man ihn zur Gänze verpennt. Dafür, daß die USA Kampfflugzeuge nach Polen geschickt haben und mit den Norwegern irgendwelche nutzlosen Manöver abhalten, ist die Kontrolle am Zielflughafen erstaunlich zügig. Man könnte sogar behaupten: Schneller als in Hannover. Man stelle sich nur vor, die Russen hätten auf Kuba Raketen stationiert, würden mit Venezuela Seemanöver abhalten und man wollte mit einem DDR-Passport in Miami landen. Na, das wäre aber ein Spaß!

Aber der Russe an sich ist ja ein Gelassener. Gelassen genug, um uns mit einer klassischen viertürigen Limousine der Oberklasse eines renommierten deutschen Herstellers zum Hotel zu fahren. Hatte ich schon erwähnt, daß ich auf so eine reaktionäre Scheiße voll stehe? Und weil das Hotel Ukraine heißt, kann man sich auch ganz besonders sicher fühlen. Es wimmelt nur so von Security und Polizei. Das macht aber den Gästen nicht das Geringste aus. Sie fühlen sich wahrscheinlich nicht sicherer, aber bedeutend. Man wundert sich sowieso, warum sie Schmuck, Uhren, Kreditkarten und Autopapiere nicht auf einem kleinen Wägelchen vor sich herschieben, auf daß ein jeder sehen kann, was sie besitzen. Hier ist man reich, um es zu zeigen – stehen da noch ein paar Schwerbewaffnete herum? Umso besser!

Wenn es Nacht wird, bevölkern ausnehmend gut gekleidete, ältere Herren mit ausnehmend gut aussehenden, sorgfältig, aber billig gekleidete jungen Mädchen die Flure. Escort Service ist deutlich einträglicher als Porno-Darstellerin und das Essen unvergleichlich besser. Sehen wir es, wie es ist und verlieren wir alle Illusionen. Wer hier um 1:00 Nachts noch an eine bessere Welt glauben mag, ist entweder hoffnungslos irre oder blind. Die Mädchen sind wunderschön, haben ein kaltes Lächeln und ich würde zu gerne einmal sehen, wie sie mit den Gender-Spezialistinnen der Humbold-Uni Berlin aneinandergeraten. Nebbich! Wir sind zum Arbeiten hier und alles, was ich haben wollte, ist ein Raucherzimmer. »Aber sicher doch, der Herr. Darf es auch das mit den vergoldeten Aschenbechern sein?« Es gibt hier keine Probleme: Es gibt Lösungsbedarf, das Bett ist groß, Internet inklusive und den Kamm, den ich vergaß sowie schwarze Schuhcreme findet sich im Badezimmer. Enjoy.

Was ich hier eigentlich mache? Das glaubt mir doch wieder kein Schwein. Eine jiddische Hochzeit, die erste meines Lebens nebenbei. Ein reicher Sohn heiratet eine reiche Frau und ein noch reicherer Papi schenkt seinem Filius ein Hochzeitsfest, das sich gewaschen hat. Neben vielem anderen tritt auch ein bekannter amerikanischer Sänger auf (ein Held der Braut) und weil sie den Sänger nicht bekommen konnte, soll der wenigstens auf der Hochzeit singen. Schwiegerpapi bezahlt. Und weil Pantoufle Mitarbeiter einer amerikanischen Tonfirma ist, bekommt er leihweise einen goldenen Aschenbecher. Früher gab`s das eiserne Kreuz. Das bekam man dafür, wenn man ganz, ganz viele Leute erschossen hat – auf diesem Job bekomme ich den goldenen Aschenbecher, wenn mich niemand erschießt. Die Soldaten -, Security- und Hausmeisterdichte ist ist gegenüber dem Hotel noch einmal deutlich gesteigert. Und das sind keine Gaspistolen und Gummiknüppel, die sie mit sich herumschleppen. Nur für diejenigen, die es interessiert: AKS 74U und Saiga 12K. Vor allem die (maschinenpistolenartige) Schrotflinte Saiga darf als ungemein effektiv auf Hochzeiten angesehen werden. Der AKS dagegen wird nachgesagt, daß sie auf größere Distanzen und längeren Feuerstößen zur Ungenauigkeit neigt – auch das spielt hier kaum eine Rolle, weil die ca. 1500 Gäste so dicht gepackt sind, daß es kaum zu Reklamationen beim Hersteller dieses robusten und zuverlässigen Arbeitsgerätes kommen sollte.

Die frische Luft tut gut, rieselnder Schnee und ein Parkplatz, der zu einer kurzweiligen Überlegung einläd. Wieviel Geld steht dort im schmutzigen Matsch und was könntest Du dir alles davon kaufen? Der Auspuff und zwei Kotflügel von dem Brabus G500 wären schon einmal ein neues Dach für das Haus. Die abgestufte Eskalation der EU sieht Sanktionen gegen Putin vor. Warum eigentlich gegen Wladimir Wladimirowitsch Putin? Hier sind doch alle so wie er. Putin catcht mit dem Bären, hangelt einen Berg rauf und angelt Walfische? Das machen sie hier alle. Putin zeigt damit nur, daß er auch dazugehört. Daß sich niemand Andrea Nahles in der Kletterwand vorstellen kann, Steinmeier auf dem Rennrad oder Merkel beim Biathlon heißt ja nicht, daß es grundsätzlich nicht menschenmöglich ist. Singt Barack Obama »ein bisschen Frieden«?

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Mein Gott – wie putzig! Da werden ein paar Kreditkarten gesperrt und Reiseerleichterungen zurückgenommen. Das sind also die Sanktionen, die der Westen als Ersatzhandlungen anstelle des kalten Krieges aus dem Zylinder zaubert. Was da morgens beim Frühstücksbuffet sitzt, verschiebt Panzer nach Nigeria. Ein oder zwei von den Dingern bar in die eigene Hosentasche transferiert, reicht für ein ausgiebiges Mittagessen und die Jahresinspektion des AMG-Zwölfzylinders. Ob der Vizekommandeur der russischen Schwarzmeerflotte sehr unter seinem Ausreiseverbot leidet? Bei der Bank, die ihm seine Kreditkarte sperrte, eröffnet Putin nun ein Konto. In Deutschland kann man sich derweil Gedanken um die Kohleverflüssigung wie unter Hitler machen. Russland läßt sich nicht erpressen… hat sich übrigens noch nie erpressen lassen.
Und wäre es nur der Blick auf den Parkplatz gewesen, so wäre das schon eine Erklärung für Frau Merkels Zurückhaltung. Wegen der hier vertretenen Firmen hat man schon ganz andere Kompromisse gemacht. Verstoß gegen das Völkerrecht? Ja! Das ist sicher ein wenig ärgerlich, aber man muß auch die Märkte™ verstehen. Die wiederum verstehen bei so etwas überhaupt keinen Spaß.

Der Thron, auf dem das Brautpaar der Versammlung vorsitzt, ist nicht aus Zuckerguß. Garantiert nicht. Ich habe daran geleckt und es war Papp-Mache. Ehrlich und bei allem, was mir noch heilig ist. Geglitzert hat es aber doch wie der Rest des Saales – Disney-Land at his best. Es ist so unglaublich kitschig, dämlich, neureich, alt, stupide, daß man kotzen möchte. Irgend ein güldenes Gefäß dafür steht in jeder Ecke. Aschenbecher, Spucknäpfe und dazwischen Kellner, die koscheres Döner Gassi führen. Ich lach mich schlapp: Auf der Suche nach einem Schleichweg an den Millionären vorbei rausche ich durch einen Vorhang direkt in die Mündung einer Kalaschnikow. Irgend welche Sensibelchen haben nach dem Machtantritt Zensursulars als Kriegsministerin vermutet, es beginne eine militarisierung der zivilen Gesellschaft in Deutschland. Bei allem Verständnis: Militarisierung der Gesellschaft und Kinderkrippen für die äußerst braven Feldgrauen ist ein himmelweiter Unterschied.
Der Polizist erinnert sich an mein Gesicht, hebt den Lauf und sein Grinsen sagt: »Pass auf, Alter: Ich hab eine Wumme und Du hast keine! Also beweg Dich langsam«. So einfach ist das. Später treffen wir uns auf eine Zigarette und er erzählt, daß jemand gerade sein Auto, abgestellt auf dem Parkplatz vor seiner Wohnplatte, zu Schrott gefahren hat. Und er hätte echt schlechte Laune. Das will ich gerne glauben. Er ist der Typ mit der Saiga und hat 5 Reservemagazine im Gürtel. Da kann man schon mal unwidersprochen schlechte Laune haben.

Die Hochzeit kommt in Fahrt. Es beginnt um etwa 17:00 und bis 2:00 Uhr in der Nacht gibt es keine ruhige Minute. Eine Sensation scheucht die nächste und es ist bestimmt eine unvergessliche Erinnerung für das Brautpaar, was auf dieser Fete alles nicht passiert ist. Pantoufle im dreiteiligen blauen Nadelstreifen, fehlt nur noch Hut und Pajes. Ich falle nicht auf.
Die russischen PA-Kollegen – an dieser Stelle: Mike! Genauer gesagt Michail – Ey: Großes Hallentennis, was ihr da abgeliefert habt. Vor allem Du! Der Einzige, der wirklich Durchblick hatte, immer ein Ohr und immer ansprechbar. Super Job, was Du da abgeliefert hast! Ich hoffe, Olga von der örtlichen Produktion hat Dir das Essen und die zwei Kisten Bier von uns rechtzeitig hingestellt. Vielen, vielen Dank, Du rothaariger Russe. Spasiba und Do svidaniya! RickiTikiTschik – Du und Ich, wir sind von gleichem Blute! Der Deutsche und sein verehrter Russenkollege. Mate. Jederzeit wieder.

Nicht nur ich bin gerührt, Gäste und Brautpaar sind es auch. Der Vater tritt herfür, schenkt Sohnmatz das halbe Königreich, die Jungfernschaft der Tochter (… hmmm… ähh – second Hand gildet auch) und den halben Betrieb aus uraltem Familienbesitz. Na, wenn das nix is!
Man erhebt sich wechselseitig, um sich zuzuprosten und mein FOH-Engineer tobt, weil er nichts von der Bühne sieht. Die Kellnerin (unfassbar schön, anmutig, zerbrechlich, sicher hochgebildet, empfindsam, ihre brünetten Haare glitzern geheimnisvoll im Scheinwerferlicht, aber leider weder der deutschen noch der englischen Sprache mächtig) konnte ich noch mit Charme und einem Lächeln dazu bewegen, nicht vor der Sichtluke des Ton-Tecs herumzulungern – bei den Millionären traue ich mich nicht. Ich bin ein erbarmungswürdiger Feigling. Ich Wurm!
Alles eskaliert. Der berühmte amerikanische Sänger, den ich in Verbindung mit einem deutschen Mode-Modell in Erinnerung hatte, entpuppt sich als einer der grottenschlechtesten Entertainer, die mir jemals unter die Finger gekommen sind, alle johlt – der Mann ist der Hauptgewinn des Abends; vermutlich wegen der grotesken Gage, die er aufrief. Erste Anzeichen einer schweren Erkältung. Das Brautpaar eröffnet den Tanz, der berühmte amerikanische Sänger rückt der Lady ans Korsett, der Bräutigam denkt an das halbe Königreich und ich an die Krim. Das ist jetzt das harmloseste, was mir einfällt. Alles andere über achtzehn. Ich will nach Hause.

Hat sich hier irgend jemand über die russische Küche beschwert? Nein, die war großartig. Der Übersetzungsfehler des Jahrzehnts: Wachteln sind keine »roasted chicken«. Otternnasen und Biberpenissitzbezüge. Aber warum gibt es jeden Tag das Selbe? Es ist schön, wenn sich bestimmte Formen halten. Nur, daß sie jetzt nicht nicht mehr »aus« sind, sondern jeden Tag frisch erhältlich. Moskau? Eine Stadt wie jede andere.
Zurück ins Land der Steinewerfer. Steinchen. Wattebäuschchen. Raus aus dieser fettgefressenen Stadt mit seine kalten, erbarmungslosen Menschen. Zurück in diese Gesellschaft, in der jeder seinen Platz findet.
Jedem das Seine.

Flughafen Hannover, Du Platz ohne Taschentücher. Die Nase läuft, der Kopf ist dick und ich habe Dir etwas mitgebracht: Die russische Grippe. Sie bricht aus, wenn man Grenzen nicht beachtet, zweierlei Recht beansprucht, einkreist und die Leute durch Dummheit nervös macht. Putin? Das ist kein Zar – es ist Alexander der Mittelgroße. Wie ein Kloster in Irland wenn die Wikinger kommen – nötiger Gen-Pool, aber leider etwas zu habgierig. Die Krim? Lasst sie Putin und seid froh, so billig mit der Auflösung des Ost-West Konfliktes davongekommen zu sein. Es hätte um so viel teurer sein können…

Außerdem hat er im Gegensatz zu den Eroberungen der USA ein paar handfeste Gründe für seine Sturheit. Er reitet mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd – man stelle sich das bei Sigmar Gabriel vor! – nach Kiew. Es ist Asien, nicht Europa. Da kann man die Ukraine noch so herzlich in die Arme schließen. Hat man eigentlich die Schlagzeilen vergessen, die man vor vier Jahren in Auftrag gab? Damals war der Zar der Ukraine noch ein Diktator.
Das war die Zeit, in der mein Reisepass in Kiew während einer Tour ablief. Man stellte mir den »Örtlichen« an die Seite. »Wir brauchen so- und soviel 100 Dollar-Noten und dies und das.« Mit einem Gelände… fuck: Es war der Humvee eines Zuhälters, karrten sie mich in eine Ecke, die ich ohne Leibwache niemals betreten hätte. Bei dieser Person einen Hunderter an diese Stelle, der andere möchte sie lieber in direkt in die Hand. Die Dame mit der gefährlichen Mütze will gleich zwei davon (vermutlich hat sie viele Kinder). Nach zwei Stunden war ich eintausendfünfhundert Dollar los und hatte meine Stempel. Das ist vier Jahre her. Höchste Zeit, daß die Ukraine Teil Europas wird?

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0 Kommentare zu Russische Grippe

  1. Tante Jay sagt:

    Die Krim? Lasst sie Putin und seid froh, so billig mit der Auflösung des Ost-West Konfliktes davongekommen zu sein. Es hätte um so viel teurer sein können…

    Ich fürchte, man hört dich nicht 🙁

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  2. DasKleineTeilchen sagt:

    so war das also mit dem rotzschädel. hammerharter einblick. und vielleicht hört man dich ja doch. nur nicht an richtiger stelle. aber diejenigen dies angeht scheissen vermutlich eh drauf.

    öhm, btw, seal? (ich stolper nur über „amerikanischer…“).

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  3. pantoufle sagt:

    Öhh – ja, stimmt: Ami isser nich! Hab ich Seal gesagt? Hätte ich eigentlich nie innerhalb des Textes.

    Sonst wars aber eigentlich ganz lustig. Catering ausgezeichnet, in der Nähe war sowas wie ein Supermarkt, wo man sich eine Tüte russischer Bierdosen für die kleine Mark abholen konnte und bezahlt wird man dafür auch noch. Was willste mehr?

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