Ratzinger

Zur Eröffnung der lateinamerikanischen Bischofskonferenz im Jahre 2007 sprach Herr Ratzinger von der Evangelisierung der Ureinwohner als einem Ereignis, welches sich die Indios unbewusst herbeigesehnt hätten. Der Historiker Hans-Jürgen Prien wiederum bezeichnete diese Äußerung als „unglaubliche Geschichtsklitterung“, einer Meinung, der sich die katholische Kirche nicht anschloss.

Diese Äußerung des Oberhauptes der katholischen Kirche kann man tatsächlich nicht als konservative oder besonders originelle Ansicht eines jahrhundertelangen Völkermordes betrachten: Es ist die vollkommene groteske Verkennung von historischen Tatsachen.

In einer demokratischen Gesellschaft muß sich ein weltlicher Machtanspruch mit der Vernunft begründen – nicht so beim Papst. Seine Macht ist nicht von dieser Erde: Sein Anspruch ist nichts weniger, als der von einer höheren Macht in sein Amt berufen zu sein. Der Papst ist Papst, weil es Gottes Ratschluss ist! Dann kann man auch ungestraft so einen hinterhältigen Blödsinn von sich geben.

Auch über andere historische Ereignisse wie dem Urteil der Kirche gegen Galileo Galilei, das Ratzinger unter Berufung auf den österreichischen Philosophen Feyerabend als „rational und gerecht“ bezeichnete, lag er mit seinem Urteil auf einer Linie, die man im späten Mittelalter vermuten würde – nicht aber in einem demokratischen modernen Europa.

Die überkommene Sittenstrenge, ein vorzeitliches Frauenbild, das empörende Verbot von Verhütungsmitteln in Entwicklungsländern oder das Fehlen demokratischer Strukturen innerhalb dieser Kirche ist nicht das Werk Ratzingers – er aber ist die führende Person einer Institution, die an diesem Status Quo festhält.

Herr Ratzinger soll nun vor dem deutschen Bundestag sprechen. Das widerspricht nicht nur dem Gebot von der Trennung von Staat und Kirche: Es widerspricht auch der Erfahrung, das von diesem Mann keine positiven, modernen Impulse ausgehen. Er ist der führende Vertreter eines gefährlichen, rückwärtsgewandten Weltbildes. Mag der Wunsch einiger Politiker im Reichstag verständlich sein, sich im Glanz eines „Papstes“ zu sonnen – er gehört dort nicht hin. Auf die Schulbank eines Geschichtsseminars: Ja! Als Helfer zu den Streetworkern auf dem Kiez, als Entwicklungshelfer nach Afrika oder als Messdiener für einen südamerikanischen Befreiungstheologen – besser noch: In den endgültigen Ruhestand. Aber nicht in den Bundestag.

Klaus Baum bemerkte zu diesem Thema auf seinem Blog, das „[…] die hohe Zahl der Menschen, die den Papst hören möchte, sei ein Indiz dafür, dass es unter den Menschen ein großes Bedürfnis nach Orientierung, nach Ethik und Moral gäbe. Diese Aussage aber macht doch deutlich, dass Politik und Wirtschaft, Politik und Finanzen eine moralische Orientierung nicht bieten.

Das ist sicherlich soweit richtig. Allein: Diesen Mangel kann Ratzinger nicht mildern. Der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Platz.

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0 Kommentare zu Ratzinger

  1. der_emil sagt:

    Nur eine Anmerkung zur Rede im Bundestag:

    Der Papst ist (leider Gottes) auch weltliches Oberhaupt eines souveränen Staates (Vatikanstadt), und ihm steht somit das Recht auf Empfang mit militärischen Ehren usw. laut diplomatischen Protokoll zu … Selbst wenn ich das nicht gutheiße, kann ich es keinem Politiker zum Vorwurf machen, daß er sich streng an ebendieses Protokoll hält – wenn er sich daran hält und nicht darüberhinausgehende Allüren pflegt.

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    • pantoufle sagt:

      Moin Emil
      Da hast Du recht: Ich habe diesen Gedanken auch gehabt – er verfängt nur nicht ganz. Herr Ratzinger kommt nicht als Staatsoberhaupt, sondern als oberster Chef einer Glaubensgemeinschaft. Er kommt ausdrücklich nicht als “Präsident” eines souveränen Staates in Deutschland. Auch der Dalai Lama wäre so ein Fall.
      Es geht in diesem Fall nur und ausschließlich um die Funktion als Oberhaupt der katholischen Kirche. Sollte ich da irgend wie falsch liegen, müßte man mir den Auftritt im Fussballstadion erklären: 70.000 Leute sind in Deutschland schon lange nicht mehr zusammengekommen, um einem Staatsoberhaupt eim Reden zuzuhören.
      Aber das nur nebenbei. Es interessiert mich nicht, ob der Mann mit miltärischem Protokoll und 24 Salutschüssen am Flughafen empfangen wird.
      Es interessiert mich, warum keiner getroffen hat!
      Liebe Grüße
      das Pantoufle

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