Querfrontler und anderes Gemüse.

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Neulich habe ich mir ja eine Lampe eingefangen. In einem Kommentar – warum kommentiere ich auch auf andren Blogs? – behauptete ich, Querfront sei wohl so etwas wie Chemtrails oder Reichsflugscheiben an die man nur fest genug glauben müßte.
Oho!
»Man muss einfach nur feste daran glauben, dass es sowas wie Querfront nicht gibt.« wurde ich ich aus normalerweise völlig humorlosem Mund zurechtgewiesen.
Ja, da saß ich nun und war auch ganz traurig, weil ich den Ernst der Lage nicht begriffen hatte. Normalerweise begegnen einem Querfrontler ja hauptsächlich in sogenannten Watchblogs: Nachdenk-, Spiegelfechter-, Querfront- oder Ampelwatchblogs. Vergnüglicher Nachmittags-Zeitvertrieb für unterbeschäftigte Frührentner oder solche, denen die Welt nicht überschaubar genug sein kann.

Eine naheliegende Frage: Kennt man eigentlich persönlich jemanden, auf den die Beschreibung »Querfröntler« zutreffen würde? Also jemanden, der linkes und rechtes Gedankengut solange verquirlt, bis ein strammer Rechter dabei herauskommt, der unablässig aus dem »Kapital« zitiert. Die Frage kann ich persönlich mit einem klaren Nö beantworten. Das liegt an mehreren Dingen. Zum einen fußt der historische Begriff Querfront auf einem Zusammenhang, den es heute gar nicht mehr gibt. Weder gibt es ein Klassenbewußtsein, das die Zugehörigkeit zu einer Partei beeinflussen würde, noch eine inhaltlich strickte Trennungen der Parteien wie zu Zeiten der Weimarer Republik. Keine linke Arbeiterpartei, die »der Arbeiter« traditionell wählt, kein Stahlhelm, kein Zentrum. Auch gibt es keine linke Partei wie die KPD, als deren inhaltliche Nachfolger die Linkspartei gerne betrachtet wird. Es gibt bei Lichte betrachtet überhaupt keine Partei, die sich das Attribut links anheften könnte – bestenfalls etwas, was diese Begrifflichkeit wieder mit Inhalt erfüllen könnte. Redet man innerhalb der existierenden Parteienlandschaft über die links und rechts, beschreibt das inhaltliche Nuancen, weit entfernt von der Realität der Weimarer Republik. Allein die Unvergleichbarkeit der Zustände verbietet eine Übernahme des Begriffes – niemand würde im Ernst Pegida und andere Spaziergänger als Wiedergänger der SA bezeichnen. Bei dem Begriff Querfront nimmt man es nicht so genau; nützlich an ihm dabei ist die Konstruktion simplifizierte von Freund-Feind Schemata.

Daß man ihn überhaupt benutzt, ist verwunderlich genug. Die Linke steht für ein humanistisches Menschenbild, die Rechte nicht. Verliert die Linke diese Tatsache aus den Augen, ist sie nicht links. Eine unverhandelbare Position.
Wenn AFD und Linkspartei zufällig zeitgleich gegen den Bau eines Eisenbahntunnels sind, bringt sie das weltanschaulich keinen Zentimeter näher. So einfach ist das, von Querfront keine Spur. Auch der politische Gegner kann aus guten Gründen gegen finanziellen oder ökologischen Nonsens stimmen. Und wenn einen die Vernunft menschlich ein Stück näher bringt – um so besser. Es besteht immerhin eine kleine Chance, vom anderen zu lernen. Vielleicht sogar Humanismus.
Es ist natürlich vollkommen gleichgültig, was ich über dieses Thema schreibe – es ist bereits entschieden wie darüber verhandelt wird: Unsoziale Netzwerke und Twitter.

Im stillen Kämmerlein stelle ich mir vor, auf einem vielgelesenen Twitter-Account würde der Satz eines Franzosen »Niemals waren wir freier als unter der deutschen Besatzung« auftauchen (Es steht jedem frei, sich die Reaktion zu überlegen!) Zu unwahrscheinlich? Vor nicht allzu langer Zeit zitierte Sahra Wagenknecht im Bundestag eine Passage von Didier Eribon. Einige Parlamentarier rechts vom Rednerpult quittierten es mit dem Zwischenruf »AFD-Polemik«. So und nicht anders nährt sich der Begriff »Querfront«: Er funktioniert nur, wenn man Kontext und Hintergrund vollkommen ausblendet. Es müssen alle Scheuklappen mitmachen. Sonst gibt es ihn nicht.

Das herrliche Gif im Header habe ich von der wunderbaren MRS.MCH gemopst

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8 Kommentare zu Querfrontler und anderes Gemüse.

  1. Troptard sagt:

    Sehr geehrter Herr Pantoufle,

    was ich ihnen jetzt unmöglich verzeihen kann ist, dass sie diesen vollkommen humorlosen Satz nicht mit den Namen des Autors versehen haben. Ich war es! Ja, der Troptard!

    Und mein Humor ist vollkommen ohne Witz und mein Witz vollkommen humorlos.
    Ein Zugeständnis meinerseits. Was das eigentliche Thema betriftt, so mag ich Ihnen einfach nicht folgen.

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    • Pantoufle sagt:

      Moin, Herr Troptard

      Daß ich den Witz nicht in diesem Falle nicht verstanden habe will ich nicht ausschließen. Das soll passieren.

      Über das Thema an sich – und das handelt ausdrücklich nicht von einem wie auch immer geartetem Humorverständnis – mache ich mir seit einiger Zeit Gedanken. Daß man dem nicht folgt – auch das soll passieren.

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  2. Mrs.McH sagt:

    Ich wundere mich tatsächlich über das ‚wunderbar‘, freue mich aber ganz wunderbar 🙂

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    • Pantoufle sagt:

      Moin Mrs.McH

      Ja, wie soll ich sagen? Ich gestehe natürlich, daß es einigermaßen unverschämt ist, daß ein Politik-Blog seine Leser auf eine andere Fährte führt; Lyrik statt Gezänk, aber man will die Menschheit ja auch ein klein wenig verbessern. Und vielleicht schafft es ja Dein Werk, wo ich versage.
      Das fände ich wiederum wunderbar.

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      • Mrs.McH sagt:

        Vielleicht können wir die Lyrik als externes Ergebnis des internen Gezänks eines Lyrikers betrachten, der nichtsdestotrotz ein politisches Herz haben könnte, sich aber entschlossen hat, seine restliche Lebenszeit vor Untergang des Abendlandes mit der Verdrehung von Gefühlen und Gedanken und deren Verfassung in noch verdrehtere Worte zu widmen? Dann hätten wir einen kleinen Kreis, der sich schließen könnte und das wäre erneut wunderbar.

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        • Pantoufle sagt:

          Es ist doch auffällig, daß die Menschen niemals dieselbe verderbte Ideologie, die sie in die Hölle gebracht hatte, zur Erklärung und Trost dafür verwenden wenn sie sie zufällig überlebten. Das war dann ein Gottfried Benn, Georg Trakl, Else Lasker-Schüler, Bertold Brecht oder Alfred Döblin, die es erklären mußten. Wenn dieses Schmerzpflaster seine Schuldigkeit getan hatte, war es an der Zeit,die nächste Ungeheuerlichkeit auszugraben, aber erst dann. Der Glaube an die Poesie scheint etwas mit Schmerz zu tun haben.

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        • Mrs.McH sagt:

          Kann nicht unter dem letzten Kommentar von dir antworten. „Der Glaube an die Poesie scheint etwas mit Schmerz zu tun haben.“ Das ist meine Überzeugung.

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  3. Pantoufle sagt:

    Habe gerade einen phantastischen Satz gelesen: » Vorübergehend war er Mitglied der Guttempler und der SPD«
    Hans Falada, Wikipedia.

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