Qualitätspresse am Morgen

Na, was gibt es denn heute morgen so … Massaker in Syrien – das wievielte? Große Umschulungsaktion von Schlecker-Mitarbeiterinnen zu Erzieherinnen und Tagesmüttern? Heilige K.Schröder und selige U.v.d.Leyen! Und sowas lebt in Saus und Braus von meinen Steuergeldern.
Heute Morgen mag ich gerade nicht – lieber ein wenig Feuilleton. Die Frankfurter Rundschau … sieh da, das interessiert doch: Alte Objektive an digitalen Kameras. Da lebt das Pantoufle auf.

Mit dem Verlinken und dem Zitieren ist das ja so eine Sache geworden … machen wir also mal besser nicht – wer suchet, der findet im Bereich „digital“.
Alte Objektive also: Die renommierte Qualitätspresse ergreift die Chance, Aufklärungsarbeit gegen die unrealistische Werbung einiger Hersteller zu leisten. Recht so; dann wollen wir mal sehen …

Statt des erwarteten Artikels erscheint leider nur eine Bilderstrecke – dieses Krebsgeschwür des WWW. Willenlos heruntergeladene Bilder aus den Weiten des Netzes, der Hausphotograph hatte seinen freien Tag. Aber die begleitenden Texte darunter – da sollte die Qualität der Presse doch erbarmungslos zuschlagen.

Dann eroberten digitale Kameras den Markt und verdrängten die Spiegelreflex“. Na na, ganz soweit sind wir noch nicht. Und woran wollen Sie denn die Gebrauchtobjektive schrauben, wenn nicht an eine digitale Spiegelreflex?

Alte Objektive passen grundsätzlich am besten an die neuen Kameras desselben Herstellers.“ Wer hätte das nicht geahnt, aber irgend eine Einleitung braucht schließlich jeder – auch die Feinfeder der FR. Die Frage, „ob jedes Objektiv an eine Kamera passt“, könnte man damit beantworten, daß das Objektiv an sich genau dafür geschaffen wurde – man muß nur genügend Kameras durchprobieren. Ob man sich diese Arbeit allerdings für die zitierten Photo-Quelle und Porst Linsen aus DDR-Produktion machen sollte, steht auf einem anderen Blatt.

Bild drei und vier von acht: Langsam kommen knallhart recherchierte technische Fakten. Funktioniert die automatische Belichtung und der Autofokus an den neuen Kameras? Nö, eigentlich nicht oder nur eingeschränkt. Schlimmer noch: Man muß manuell scharfstellen! Ja, warum macht man sich denn überhaupt die Mühe, eine Alternative zu den überteuerten Optiken aus den aktuellen Katalogen zu suchen. Bild fünf fragt also, ob die „analoge“ Optik überhaupt für den professionellen Einsatz taugt. Die im Artikel zitierte Photographin verneint das. Nur für die sogenannte „Kreativphotographie“ taugt das Zeug noch … wenn es auf Schärfe nicht ankommt und optische Fehler die Kreativität ersetzen müssen.

Wer jetzt die Marketing-Abteilung von Nicanpentakonison als Autor des Artikels vermutet, ist hypersensibel und Verschwörungstheoretiker. Auch das Bild des völlig unbrauchbaren Gebrauchtobjektives hat damit rein gar nichts zu tun. Die abgebildete Linse hat nämlich „Fungus“. Das ist ein sogenannten Glaspilzes, der nicht nur die befallenen Gläser zerstört, sondern zudem ansteckend ist, wenn das betreffende Objektiv zusammen mit anderen Gläsern gelagert wird. Und sowas wollen Sie an Ihre wertvolle „Digitale“ schrauben?

Deshalb schnell nachgeschoben, daß nur digital drin ist, wo digital draufsteht. Die Hersteller haben ja nicht geschlafen und werfen jede Woche mehrfach hochvergütete Revolutionen auf den Markt!
Sind die neuen Produkte also besser als die Alten? Das Fazit unter Bild acht kann nicht anders lauten:  Alte Linsen sollte nur derjenige einsetzen, der unscharfe Portraits machen will.

Nun gut: Die FR ist kein Photomagazin. Aber (Schleich)Werbung sollte als solche gekennzeichnet sein. Wer sich auf das Parkett „Photo“ begibt, muß bei einem solchen Artikel technische Mindeststandards erfüllen.

Sehr geehrter Autor – nur für`s nächste Mal: Beschichtete Linsen gibt es seit den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Daß antireflektierende Beschichtungen zunehmend wichtiger werden, hat wenig mit analog oder digital zu tun, sondern damit, daß man Gläser verkaufen will, die physikalisch streng genommen unmöglich sind. Eine Gummilinse mit zehn und mehr Einzelelementen hat konstruktionsbedingt schon so viele Fehler, daß man tatsächlich einen erheblichen Aufwand treiben muß, um diese Mogelpackung verkaufsfähig zu machen – die Beschichtung ist ein Aspekt davon. Jeder, der einmal eine einfache 50mm Tessar-Festbrennweite mit einer 18-300mm Wundertüte verglichen hat, weiß das.

Der Unterschied Digital oder Silberhalogenid ist letztlich Glaubenssache. Bis auf Weiteres wird das Bild aber immer noch durch ein optisches Element auf den Träger projiziert – das ist keine Frage der Religion, sondern von Physik.
Die Berechnung von Optiken der üblichen Festbrennweiten zwischen 20mm – 300mm sind aus Zeiten des seligen Oskar Barnack, also den zwanziger Jahren. An diesen Berechnungen hat sich bis heute nichts geändert – das Licht bricht sich immer noch mit den selben Koeffizienten. Das Tessar (der klassische Vierlinser von Paul Rudolph) wurde 1902 patentiert – außer der Beschichtung (ab 1935) hat sich an der Konstruktion praktisch nichts geändert. Jeder namenhafte Kamerahersteller benutzt es bis heute.

Ein Zeiss Planar (eingetragene Marke seit 1897) aus den 70. Jahren macht unscharfe Bilder, ein Mamyia 250/4,5 Sekor-C soll nur für „Kreativphotographie“ taugen?

Sehr geehrter Qualitätsjournalist: Verschonen Sie mich bitte mit solchen Weisheiten. Zusammenstoppelte Bilder mit naiven Texten aus den Katalogen des Versandhandels. Und das am frühen Morgen!

Das klassische Printmedium in der Krise? Warum bloß …

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