Putinversteher

Via gblog

Via gblog

Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee –! Ermordung des Thronfolgers!Thronfolger – Franz Ferdinant d’Este, der öster.-ung. Thronfolger. War beim Adel unbeliebt, seine Ermordung am 28.07.1914 war der Vorwand zum Weltkrieg I. Da Täta vahaftet!
Ein Korsobesucher (zu seiner Frau): Gottlob kein Jud.
Seine Frau: Komm nach Haus. (Sie zieht ihn weg.)
Zweiter Zeitungsausrufer: Extraausgabee –! Neue Freie Presse! Die Pluttat von Serajevo! Da Täta ein Serbee!
Ein Offizier: Grüß dich Powolny! Also was sagst? Gehst in die Gartenbau?
Zweiter Offizier (mit Spazierstock):Woher denn? G’schlossen!
Der Erste (betroffen): G’schlossen?
Ein Dritter: Ausg’schlossen!
Der Zweite: Wenn ich dir sag!
Der Erste: Also was sagst?
Der Zweite: Na gehn mr halt zum Hopfner.
Der Erste: Selbstverständlich – aber ich mein, was sagst politisch, du bist doch gscheit –
Der Zweite: Weißt, no wer’ mr halt (fuchtelt mit dem Spazierstock) – a bisserl a Aufmischung – gar nicht schlecht – kann gar nicht schaden – höxte Zeit –

Karl Kraus »Die letzten Tage der Menschheit«, erste Szene, Vorspiel

Ein wenig aufmischen. Wie zärtlich klang das nach Wirtshausschlägerei. Aber darum soll es nicht gehen. Keine Wiener Erinnerungen, die mir ohnehin nicht zustehen würden; mein Verhältnis zu dieser Stadt ist mit »gespalten« nur äußerst euphemistisch beschrieben.

Nein: Es quirlt aus mir heraus, es muß gesagt werden – Zeit für die Offenbarung: Ich bin ein Putinversteher!
So, jetzt ist es raus! Ich fühle mich auch gleich viel, viel besser… war doch gar nicht so schwer. Jetzt muß man nur noch definieren, was man als Putinversteher eigentlich zu machen hat? Putin verstehen. Schon klar. Mechanistisch betrachtet ist das etwa so wie mein Verständnis für den Redaktionskampfhund Oskar. Man hat eine Wurst in der Hand, Oskar sieht mich mit großen runden Augen an, es tropft leicht aus dem Maul – Ich bin ein Oskarversteher!
Bei Putin ist es etwas komplizierter. Würde ich mich als Oskarversteher outen, wäre das kein gesellschaftliches Problem. Niemand würde von mir erwarten, daß ich meinen Haufen neben dem Bürgersteig hinterlasse, das Bein an jedem zweiten Baum hebe oder den Hundedamen am Hintern schnüffele. Bei Putin…

Putinversteher bedeutet sich zu entscheiden. Früher nannte man es »schlaffer Pazifist«, »zersetzendes Element« oder gar »Vaterlandsverräter«. Ein bisschen Putinversteher gibt es nicht. Alles oder gar nichts. Entweder man stimmt bedingungslos in das allgemeine Geheul mit ein oder man muß sich zum Schämen vor der ganzen Klasse in die Ecke stellen. Harte Zeiten! Als Putinversteher befindet man sich zudem in zum Teil äußerst schlechter Gesellschaft. Von links und rechts flankiert von obskuren Gestalten, denen entweder die Lust am Morden und der rauchenden Trümmer aus den Maul geifert oder diejenigen, die die letzten 20 Jahre still verpennt haben und Russland Putin für eine Sowjetunion V2.1 halten; irgend was mit Sozialismus, und scheine dieser noch so verhangen durch den Bodennebel.

Wäre man kein Putinversteher, könnte man ohne Brechreiz wunderbar detaillierte Aufsätze lesen wie »Ukraine-Krise: Vorbereitung auf den Ernstfall – Situation in Moskau, NATO-Lageführung und Kriegsplan Guardian Eagle«.
Sieh an – das Kind hat schon einen Namen! Wie »Dessert Storm« oder »Operation Iraqi Freedom«. Ein großer Artikel, ein tiefsinniger Gerhard Piper (Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit.), der mit der Aufforderung endet, bei den kommenden Ostermärschen könne die Friedensbewegung ja endlich einmal Stellung beziehen. Welche Stacheldrahtverhaue er dabei im Sinn hat, beschreibt er eingehend mit seinen Spekulationen, wieviel Waffen und Soldaten man in welcher Zeit gegen »den Russen« in Stellung bringen könnte und warum das alternativlos sei. Die Forderung an die Friedensmärsche klingt dann etwa so wie die Aufforderung an die Kirche, die Waffen zu segnen; nicht gerade neu, aber immer wieder schön zu lesen. Gott ist mit uns und unseren Schießprügeln!

Der Hinweis auf die Friedensbewegung zeigt auch auf das Dilemma, dem sich jeder Putinversteher ausgesetzt sieht. Er ist im Grunde ein Einsamer, ein Einzelkämpfer, der sich, um seine unhaltbare Position nicht noch zu verschlimmern, nicht solidarisieren darf. Versucht er es beispielsweise mit DIE LINKE, so hat er in Windeseile alles zu erklären, was diese Partei jemals in ihrer Geschichte verbockt hat. War das nicht einmal die SED? Dabei wäre doch jede einzelne Stimme so unendlich wichtig, um diesen geplanten Wahnsinn zu aufzuhalten.
Die Guten in diesem Schauspiel – die Nichtversteher – sind in unangreifbarer Position. Niemals haben sie sich etwas zuschulden kommen lassen, kein Verstoß gegen Völkerrecht oder einen gebrochenen Vertrag. Wenn sie etwas taten – nur weil es in ihrer Macht lag, es zu tun – so war es doch wiederum gut, weil das Ergebnis davon die Welt ist, die wir vor uns sehen. Und die kann nicht schlecht sein, weil sie ja ist. Das Bestehende ist ein Wert an sich, den es zu verteidigen gilt. Als Putinversteher steht man vor der undankbaren Aufgabe, dieses gesamte (wenn auch äußerst schlichte) Gebäude abzutragen.
Das wird erwartungsgemäß auch diesmal wieder nicht passieren.

Schwere Zeiten für Putinversteher. Trotzdem sollte man sich unbedingt dafür entscheiden. Es verpflichtet ja erst einmal zu gar nichts außer dem Wunsch nach Nicht-Krieg. Wenn sie es nicht Putinversteher nennen würden, wäre es irgend etwas anderes. Eines dieser Worte, die sie erfinden, wenn jemand bei Takt der Marschmusik nicht mitläuft. Dabei ist es vollkommen gleichgültig, ob derjenige mit einem Buch vor der Nase still auf der Parkbank sitzenbleibt oder in die Gegenrichtung marschiert. Ein Krieger-Verein ist nur dann einer, wenn es auch Nicht-Krieger gibt – worauf sollte man sonst verächtlich – empört herunterschauen? Und aus guter alter Sitte ist der Feind immer der hinter der Grenze und der Innere, die fünfte Kolonne.

Wie war das eigentlich, als es noch keine »Friedensbewegung« gab? Wie erging es einer Berta Suttner, einem Gustav Landauer oder Erich Mühsam? Was hätten sie gefühlt, würden sie die Tageszeitung aufschlagen und die Schlagzeile auf Platz eins würde »Das Ende von „Wetten das…“« lauten? Ist es das, was die Putin-Nicht-Versteher verteidigen wollten?

Soldatenlied

Wir lernten in der Schlacht zu stehn
bei Sturm und Höllenglut.
Wir lernten in den Tod zu gehn,
nicht achtend unser Blut.
Und wenn sich einst die Waffe kehrt
auf die, die uns den Kampf gelehrt,
sie werden uns nicht feige sehn.
Ihr Unterricht war gut.

Wir töten, wie man uns befahl,
mit Blei und Dynamit,
für Vaterland und Kapital,
für Kaiser und Profit.
Doch wenn erfüllt die Tage sind,
dann stehn wir auf für Weib und Kind
und kämpfen, bis durch Dunst und Qual
die lichte Sonne sieht.

Soldaten! Ruft’s von Front zu Front:
Es ruhe das Gewehr!
Wer für die Reichen bluten konnt,
kann für die Seinen mehr.
Ihr drüben! Auf zur gleichen Pflicht!
Vergeßt den Freund im Feinde nicht!
In Flammen ruft der Horizont
nach Hause jedes Heer.

Lebt wohl, ihr Brüder! Unsre Hand,
daß ferner Friede sei!
Nie wieder reiß das Völkerband
in rohem Krieg entzwei.
Sieg allen in der Heimatschlacht!
Dann sinken Grenzen, stürzt die Macht,
und alle Welt ist Vaterland,
und alle Welt ist frei!

Erich Mühsam

Ostermärsche

Dieser LINK dient lediglich dazu, die Putin-Nicht-Versteher zu ärgern. Im Übrigen ist natürlich jedes Wort, was dort fällt, gelogen. Natürlich.

Das ZDF und seine Informanten. Prädikat: Besonders dämlich! (sich bei so etwas erwischen zu lassen)

Mit leichter Hand vom Krieg schreiben, Matthias Nass in der ZEIT

0
Dieser Beitrag wurde unter der Untergang abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

0 Kommentare zu Putinversteher

  1. oblomow sagt:

    Danke für die klaren worte und mal so von putinversteher zu putinversteher und weiteren hier lesenden putinverstehern von wegen Karl Kraus: wenn nicht schon bekannt, empfehle ich als einstieg Helmut Qualtinger liest aus Die letzten Tage der Menschheit – großartig. (bei youtube zu finden). Anschließend die szenen peu á peu lesen, man kann sich zeit lassen und “es lohnt sich”.

    0

  2. piet sagt:

    Ich les gerade “Ginster” von Sigfried Kracauer, der auch ein Gesellschaftsgemälde voll Phrasen und Zwängen, Ängsten rund um den unfreiwillig freiwillig meldenden Jungmann und Kleinbürger Ginster zu Beginn des 1. Weltkriegs zeichnet. Wiedererkennungslevel zum heutigen TamTam sehr hoch. Wie der schöne Zufall es will, finde ich im Netz gerade das hier : http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/anregend-subtil-verlogen-drei-ansichten-ueber-kracauers-ginster-12154404.html.

    0

    • pantoufle sagt:

      »Steht der erfundene Ginster dem Kräftemessen der Völker von Anfang an skeptisch gegenüber, schreibt der reale Kracauer noch 1915 den Essay „Vom Erleben des Krieges“. In ihm und anderen Texten äußert er zeittypisch kampfaffine Gedanken wie den, dass der Weltenbrand noch die „blödesten Menschen“ lebendig mache und ihnen die Gelegenheit biete, sich aus den Fesseln des zivilen Alltags zum Einsatz für ein höheres Ideal zu befreien. Kracauer, kritisiert Jäger, blende seine reale Kriegsbegeisterungsgeschichte aus der angeblich so autobiographisch angelegten Figur Ginsters aus, als habe es sie nie gegeben. Aufgrund der Blindheit in eigener Sache gebe es gute Gründe dafür, in Kracauers Roman „eines der verlogensten Bücher der neueren deutschen Literatur“ zu sehen.»

      Aus dem FAZ-Artikel

      Das ist mal eine waghalsige Feststellung! Verfolgt man den Gedanken zu seinem traurigen Ende, so wäre die einzige authentische (anti) Kriegsliteratur von Ernst Jünger. Interessanter Ansatz.
      Das Buch sowie der Autor sind bis jetzt an mir vorbeigegangen; das sollte sich ändern lassen. Danke für den Tip.

      0

      • oblomow sagt:

        Witzig, genau das fiel mir auch auf und ist selten dämlich von Lorenz Jäger. Siehe zu diesem auch: http://bit.ly/1kGidvb

        0

        • pantoufle sagt:

          »Die rechtskonservative Wochenzeitung Junge Freiheit lobte Jägers Haltung zur Piusbruderschaft.«

          Ach ne…

          Auch nicht schlecht:
          »Jägers Buch (Kulturgeschichte des Hakenkreuzes) ist eine Hakenkreuz-Apologie. Er macht sich darin nicht einmal die Mühe, das völkische und von den Nationalsozialisten freudig aufgegriffene Gegensatzpaar ‚Arier‘ – ‚Jude‘ als das zu bezeichnen, was es ist, nämlich als historisch und wissenschaftlich unhaltbar.«

          Damit hat sich die Reputation dieses Herren Journalisten weitgehend erledigt. Aber am Schluß des Wiki steht ja auch noch, er habe sich gebessert. Nun ja.

          0

  3. Joachim sagt:

    Ich wäre ja wirklich einverstanden, stünde da nicht, Putinversteher bedeutete: “Es verpflichtet ja erst einmal zu gar nichts außer dem Wunsch nach Nicht-Krieg.”. Als ginge es Putin darum, einem Krieg aus Menschenliebe auszuweichen. Wo kann man das festmachen?

    Zunächst bedeutet “verstehen” keineswegs “beipflichten”. Zum Anderen gibt es keinerlei Anlass, Putin anders zu bewerten, als jeden Mächtigen dieser Welt, etwa den Präsidenten der USA. Putin ist kein lupenreiner Demokrat, verhaftet Leute ohne rechtsstaatliche Grundlage, genau wie z.B. Obama bestenfalls von der Opposition gehindert wird. Aus meiner Sicht handelt der als Drohnenpräsident selbst zutiefst verwerflich. Und Merkel weiß immer noch von nichts.

    Also, “Versteher” bedeutet nicht Position für irgend eine Macht zu beziehen. Ich finde, die Mächtigen werden generell überbewertet und sind sowieso in einer Minderheit. Die brauchen keinen Schutz. Wir brauchen vielmehr Schutz vor ihnen, genauer vor einigen von ihnen.

    Regierungen handeln in eigenem Interesse. Wenn er etwas gewinnt, dann zieht Putin eben in den Krieg oder verhaftet Punker – wie fast jeder Präsident der Welt, so man ihn lässt. Verstehen bedeutet vielmehr, mieses Pack und Kriegstreiber zu erkennen, wo immer sie ihre hässliche Fratze zeigen.

    Der Mächtige, der sich hier betroffen und verunglimpft fühlt, der hat sich den Schuh gerade selbst angezogen. Das tut mir Leid. Wirklich! Dafür kann ich aber nichts. Ich wünschte, es sei anders und vollkommen unnötig.

    0

  4. pantoufle sagt:

    Moin Joachim

    »Als ginge es Putin darum, einem Krieg aus Menschenliebe auszuweichen. Wo kann man das festmachen?«

    Das Wort »Wunsch« ist ungeschickt. Es müßte heißen »dem unbedingten Bestreben«.

    Ganz gleich, ob da ein Putin, Hitler (darf bekanntlich in diesem Zusammenhang nicht fehlen) oder ein Idi Amin als Gegner ausgemacht wird: Es gibt keinen gerechten Krieg, aber der Lauf der Geschichte hat gezeigt, daß es unendlich viele ungenutzte Optionen gab. Unabhängig davon, wie sich die Figur auf der anderen Seite darstellt, hilft einem der Versuch zu verstehen bei der Auswahl dieser Optionen. Der flachbrüstige Kampfbegriff »XXX-Versteher« impliziert dagegen geradezu, daß man es von vornherein ablehnt, sich in die Lage des Gegners zu versetzen und nur seinem eignen Halbwissen folgt. Putin verstehen bedeutet nicht, ihn zu schützen, sondern seine Beweggründe nachvollziehen zu können.

    Unabhängig davon, daß es sich bei den sogenannten Mächtigen um eine kleine, militante Minderheit handelt (die in der Tat keinerlei Schutzes oder Fürsorge bedarf) sind es eben diejenigen, die in diesem Moment die Fäden ziehen. Und da ist es eigenartigerweise so, daß ich einen Putin besser verstehe als einen Obama oder eine Merkel – von anderen Namen ganz zu schweigen.

    Tatsächlich hat das Etikett Putinversteher ja auch eine ganz andere Funktion als den wiederholten Hinweis darauf, daß es sich bei dem russischen Präsidenten nicht um einen lupenreinen Demokraten handelt. Er soll in erster Linie einmal diffamieren. Der Impuls kommt sicherlich von irgend einer Macht, aber das verselbständigt sich in kürzester Zeit. Ein Anstoß dazu, die Debatte auf das denkbar niedrigste Niveau zu bringen – sie letztlich unmöglich zu machen. Was zuerst bei den Trollen der untersten Kategorie herumschwappt, wird kurze Zeit später gesellschaftsfähig und dann selbst von Leuten benutzt, mit denen man sich – wenn vielleicht auch kontrovers – nutzbringend unterhalten hätte.
    Das ist die eigentliche Gefahr und es ist das, was gerade passiert. Es braucht bereits keinen direkten Einfluß der »Mächtigen« mehr; anstelle einer Diskussion über Optionen wird die Welt in Kriegsbefürworter und deren Gegner aufgeteilt. Der kleinste wahrnehmbare Nenner, durch den das Problem scheinbar geteilt werden kann. Mehr als diese zwei Optionen verwirren das Publikum nur: Einfluß von oben ist nicht mehr von Nöten. Man schreit sich selber in Stimmung.

    Die letzten Kriege, bei denen groß angekündigte Allianzen von Willigen mitmarschieren sollten, haben in Deutschland ein eher geringes Echo gefunden. Ich habe den Eindruck, man hat daraus gelernt und arbeitet mit aller Kraft daran, dieses Mal ein besseres Product-Placement zu erarbeiten.
    Ziemlich erfolgreich.

    0

    • Joachim sagt:

      Ich dachte nicht, Du solltest Dich zur Erklärung genötigt sehen. Das hat Erich Mühsam schon klar gestellt. Vielleicht habe ich Deine Argumentation nur nicht satirisch auf alle Machthaber ausgeweitet. Ich verstehe “sie”, glaube das wenigstens und das zeigt mir aus meiner Sicht das Problem.

      Deine Absicht so zu diffamieren, derart eine gewisse Intelligenz voraussetzend, finde ich besonders interessant. Du verlangst viel. Gut so, endlich mal jemand. Da stellt sich nämlich die Frage, was man “schreiben” kann, wenn ein Text erst im Kopf des Empfängers entsteht. Kann man tatsächlich, bei Erkenntnis, dass eine Seite etwas falsch macht, einfach die Gegenposition einnehmen? Etwa nur Dessert Storm erwähnen? Den Putin verstehen? Den Spiegel nur den eigenen Machthabern vorhalten?

      Man kann. Das tun die Medien mit umgekehrtem Vorzeichen auch, freilich, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein. Ein Spiegel ist wohl immer blind auf der anderen Seite. Deine Absicht war ganz anders, als ich sie darstelle. Nur, sage das mal einem EU-Versteher oder einen USA-Versteher. Der versteht Deinen Text sicher nicht oder höchstens als Angriff. Und der selbsternannte Putin-Versteher wird auch nur seine Interpretation haben. Mir ist absolut unklar, wie wir da raus kommen.

      Vielleicht doch. Vielleicht geht das so:

      Einigen wir uns darauf, ich hätte nichts verstanden und Deine Erklärung gäbe den “Verstehern” doch noch die Möglichkeit, aus der Geschichte zu lernen. Das wäre dann ein Mehrwert, ich könnte in Ruhe mit den “Russen” Wodka trinken, mit den Leuten aus Tennessee Wiskey und Stony kommt hoffentlich auch mit. Gut, meinetwegen gibt es nur Tomatensaft, während Putin und Obama den Kampf Mann gegen Mann austragen. Putin liebt doch diese Art, fängt sogar Tiger oder waren es Fische(?) mit nackten Händen und Oberkörper. Die zart besaitete Venus EU hört vor Schreck auf mit dem Feuer zu “spielen” – Liberalisierung der Märkte ist ihr Lieblingsthema und der pöse Putin ist nichts als ein doofes, jegliche Harmonie störendes Handelshemmnis mit seinem blödem Gas. Obama zückt dann, weil Drohnen absolut verboten sind, er aber unbedingt, yes we can, gewinnen will, das Messer, während Putin schon illegal mit der Keule schwingt.

      Was für eine Show wäre das. Ups, das könnte ja tatsächlich so kommen. Tomatensaft anyone? Doof nur, dass in der Ukraine echte Menschen leben…

      (und nein, ich habe nichts getrunken)

      0

    • Joachim sagt:

      Noch ein Nachtrag zu dem Spiegel. Offenbar kann man den mit Absicht so stellen, dass alles nach Wunsch erscheint. Von “nicht bewusst” kann in öffentlich rechtlichen Medien wohl keine Rede sein.

      https://blog.fefe.de/?ts=adbaa624
      http://www.freitag.de/autoren/lapple08m214/zdf-skandal-berichte-im-auftrag-kiews

      Zitat aus dem Freitag:

      Das ZDF arbeitet in seiner Berichterstattung über die Ukraine-Krise eng mit dem Ukrainian Crisis Media Center (UCMC) zusammen: einem internationalen PR-Netzwerk gegen “russische Propaganda”.

      Da fühlt man sich dich gleich viel besser be<-<-verraten.

      0

  5. Stony sagt:

    @Joachim: Beim Trinken und dem ‘Mann-gegen-Mann’ Spektakel wär ich ‘türlich mit von der Partie; Tomatensaft oder Bourbon kommen mir aber nur über die Lippen, wenn wenigstens Weltfrieden bei rumkommt, da bin ich eigen! 😉

    ***

    Ich fühle mich langsam, als ob ich inmitten einer großen Menschenmasse ziemlich allein herumstehe. Kriegstreiber und Beschwichtiger laufen wie Marktschreier herum und bieten ihre fauliges Angebot feil, die Welt verliert ihre Buntheit und zugleich werden die Kontraste schärfer (wobei mir beides als Illusion erscheint).
    Einzig ein paar Farbtupfer hier und da halten mich davon ab direkt mit ein paar Flaschen feinsten Single-Malts auf einen Berg zu kraxeln und mich vergnügt zu Tode zu saufen (so satt hab ich die Welt der Menschen mittlerweile, manchmal, wenn der Blues zuschlägt und der Abgrund den Blick erwidert).
    Das ewig gleiche Spiel, sich selbst befeuernd; Regeln die sich verfeinern, Schlachtfelder die sich verlagern – und wenn nichts mehr geht wird die Welt erst schwarz-weiß, um anschließend in den schaurigen Glanz der Flammen zu tauchen…

    Die Menschheit steht (nach dem aufrechten Gang und der Erfindung der Arbeit) vor ihrem dritten großen Sprung: der Ablösung der Wirtschafts- und Arbeitsgesellschaft. Das alte System wehrt sich nach Kräften, das neue ist unbekanntes Land. Ob der Absprung gelingt, oder der Untergang des alten ein gänzlicher wird (so oder so wird er das wohl, die Frage ist nur, was dann noch übrig bleibt), wird die Zeit zeigen.

    Wie man sieht neige ich nicht gerade zu Optimismus, auch wenn ich ehrlichen Herzens eine bessere Welt, wie sie euch vorschwebt, p. & J., begrüßen würde.

    Nächtliche Grüße (nüchtern)
    und sry für’s Abschweifen
    ich halt dann
    wieder den
    Rand…

    0

    • Joachim sagt:

      Der dritte große Sprung? Meinst Du wirklich? Wo ich noch den Ersten vermisse? Vielleicht, wenn Du Bergbau und Drecksarbeit meinst. Doch ein Auto baut sich nicht von alleine. Und so gut es es auch nicht, wenn Putzkolonnen den Werkstatt-Beppo verdrängen, weil die es einfach billiger machen und seine (scheinbar) mangelhafte Intelligenz an Subunternehmer delegiert wird. Das “Kapital” spekuliert mit Lebensmitteln und Häusern oder den Hypotheken darauf, während jemand, der keine 20% macht, für blöde erklärt wird. Geld zu Geld, wie das entsteht ist irrelevant. Ganze Länder gehen Pleite und Deutschland profitiert auch noch davon, meint die Anderen seien nur “korrupt” und “faul”. Hier wird das Rentenalter wieder verringert, so für gefühlte 0.1% der Betroffenen. So zieht man die Schlinge enger, ohne das es jemand bemerkt. Diese Regierung ist wirklich “einmalig” (gestrichenes Attribut, weil es nicht geziemt), doch die Griechen, die Erfinder der Philosophie, sollen länger arbeiten. Arbeit wird ins Ausland verlagert, nicht um denen was Gutes zu tun, sondern um die eigenen Gewinne zu maximieren. Und wenn alles nicht hilft, dann baut man Panzer, spielt ein wenig Krieg, denn Rüstung ist auch Industrie und Industrie bedeutet Arbeitsplätze. Nun, deshalb ist es ja auch vernünftige Energiepolitik nicht so wichtig, es es gilt nach mir die Sintflut.

      Das alte System ist das neue System, nur computertechnisch, hochfrequent optimiert. Der Geier fliegt nicht selbst, er steuert eine Wirtschaftsdrohne – oder lässt steuern. Dann merkt man nicht so leicht, ob Kinder arbeiten oder wenn eine einfache Grippe zur Familienkatastrophe wird.

      Böse Flecken im System, wenn tausende im Mittelmeer ertrinken werden mit Populismus “entfernt” weil die muslimische Religion ja die Welt verändern möchte. Was soll sie sonst tun? Ich sagt euch was, ihr Religionen: tut das. Schlimmer kann es sowieso nicht mehr werden in Zeiten der Le Pen. Wilders, Viktor Orbán, die nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Auch hier hört man aus allen Parteien viel zu oft den selben Unsinn. Wir werden eine gemeinsame Lösung finden? Ich lach mich tot, wenn ich die Realität sehe, etwa Kinder in einer Homo-Ehe nun doch an die Grenze der Kanzlerin geht. Muss man doch verstehen, dass jeder das Recht zu diskriminieren hat, um noch ein paar Stimmen mehr vom rechten Rand zu fischen. Polemik? Nein, natürlich glaube ich ihr das. Die ist wirklich so. Sie sagt die Wahrheit und das ist gerade das traurige daran.

      Ist es das alte System, das sich wehrt? Das von dem Pantouffle spricht? Erich Mühsam? Anarchisten, die vom System zerstört werden? Traut sich jemand noch zu sagen “brich das Gesetz”, wenn er die Konsequenzen so wie Mühsam sieht? Will sich jemand opfern?

      Man müsste schon jegliche Achtung vor Autorität verlieren, falls sie nicht inhaltlich oder menschlich belegt wurde. Man müsste die Fähigkeit zur Einsicht haben, die Menschen lieben und aus der Einsicht Konsequenzen ziehen. Man müsste, um der Populismusfalle und dem Gequatsche zu entgehen, Glaube durch Wissen ersetzen, Logik und ein gesundes Bauchgefühl vor falsche Versprechen setzen. Und man müsste “Nein” sagen können. Man müsste sagen, “dies ist mein Land”, “dies ist meine Welt”, “nicht mit mir”, dem Bruder, der Schwester die Hand reichen und für ihn eintreten. Das hat weniger mit Nächstenliebe zu tun, als mit Vernunft und Gerechtigkeit. Es existiert eine Realität. Ich glaube manchmal, die einzige Möglichkeit es richtig zu machen, ist es nichts für sich selbst zu tun, nichts zu leisten, wenn Leistung sich wieder lohnen soll, weil sich die Leistung sowieso nur jemand ungerechtfertigt einsteckt. Man darf sich nicht von behaupteter Unmöglichkeit abschrecken zu lassen. Einfach tun, weil es gut ist, weil es richtig ist, besonders wenn die Dinge unmöglich sind. “Geh’ mir aus der Sonne” war ein kluger Satz. Trioden in einer Endstufe sind einen Versuch wert. Sonst wäre mein Anspruch unmöglich (beachte die Rekursion) und nichts als “Gutbürgertum”, zudem noch äußerst frustrierend. Ist es nicht. Es ist nur der Blues, dieses Symbol, der einen dazu treibt das Richtige zu tun.

      Blues ist etwas, das man macht und so eine andere, sinnvolle Wirklichkeit schafft. Es ist eine Art Projektion. Blues ist, wenn es überhaupt ein Zustand ist, Gemeinschaft und Verbundenheit und zutiefst schwarz. Ob nun “Sweet home Chicago”, oder Bachs e-Moll Suite oder ein südamerikanisches Gedicht. Blues ist etwas, das man lebt. Blues ist keine Krankheit. Blues ist der Heiler. Egal, ob in Indien, Spanien, den USA, China oder sonst wo auf der Welt.

      E-Dur, die 7 auf der Tonika, wie in den alten Zeiten, weil es ist Blues.
      come on Stony, lets rock. Wir ändern die Welt für genau 16 Takte.

      0

    • Joachim sagt:

      Und noch ein Nachtrag, warum ich den ersten Schritt der Menschheit vermisse. “Der aufrechte Gang”. Man denke einmal über die Bedeutungen von “aufrecht” nach.

      0

      • Stony sagt:

        Mit dem ‘ersten Schritt’ und dem ‘aufrechten Gang’ meine ich den entwicklungsbiologischen Schritt, den Punkt, an dem sich die Wege unserer Vorfahren trennten. Als ein Teil der Primaten ihrer verschwindenden Nische folgte, während ein anderer Teil in eine Welt aufbrach, die sich aus vielen Lebensräumen zusammensetzte. Die Menschwerdung im biologischen Sinne halt. Einhergehend damit die fundamentale Veränderung: Entspezialisierung – das zurichten seiner selbst auf einen unspezifischen Lebensraum, ständiger Wechsel als Normalzustand.

        Mit dem ‘alten System’ meine ich all das ‘Wir gegen Sie’, incl. deren Spielarten, den wechselnden Bündnissen, den Ideologiescheiß und eben das Grundprinzip dieser Gesellschaften: Wirtschaft und Arbeit. Gerade ‘wir’ Deutschen, die “Krönung” dieser Perversion der Idee des “freien Menschen”; sind ‘wir’ eigentlich die einzige Nation die allein lebt um zu arbeiten, während die anderen nur noch nicht an “unserem Wesen genesen” sind? Oft scheint es so, aber ‘Mutti Merkel wird’s schon richten… Ich brauch ‘nen neuen Eimer, der alte ist gleich wieder voll.^^

        Der Mensch ist “das Tier das denken kann”, d.h., daß wir (zumindest theoretisch! aber immerhin) unsere Welt nicht nur unseren Bedürfnissen anpassen können, das können andere Tiere auch, sondern, daß wir dies mit vollem Bewußtsein, reflektierend, Vernunft und Wissen folgend tun könn(t)en. Und genau da sehe ich den “dritten Sprung”.
        Ich bin beileibe kein Hippie, ich bin kein ‘Baumumarmer’ und Esoscheiß kann mir gestohlen bleiben – eine bessere Welt wird nicht durch einfache Lösungen kommen, das wird ein Umbruch sein der vllt. sogar verdammt lange dauern wird und mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr sehr schmerzhaft wird (auf die eine oder andere Weise und für viele Menschen, verdammt viele) … aber kommen muß er, sonst… nun, wenn es so weiter geht wie gehabt, ist die Zukunft eine Dystopie, gegen die Orwell ein Kindergeburtstag ist.

        PS: Ich wollte grad was über Blues und mich tippseln, aber scheiße, nein, ich hab ihn nie verstanden; das wird mir grad bewußt, wenn ich deine Zeilen dazu wieder und wieder lese. Ich habe bestenfalls eine Ahnung, den Anflug eines Gefühls; Verstehen kann ich das nicht nennen. Was das angeht bin und bleibe ich ein kleiner, dreckiger und verzweifelter Punk, der seine Wut höchstens noch in Aggression entladen kann. Leider.

        Hab Dank!

        0

        • Joachim sagt:

          Nun, wir befinden uns in der seltsamen Lage, hochtechnisiert in der Steinzeit zu leben. So sehr unterscheiden wir uns von den Tieren nicht. Während wir in der Steinzeit keine drei Tage überleben würden, könnte etwa Microsoft durchaus erfolgreich von einem Neandertaler geführt werden. Deine drei Schritte kann ich nicht erkennen. Ich frage mich sogar, ob die wünschenswert wären oder besser, welche Voraussetzungen sie wünschenswert machen könnten.

          Das ist wie mit Putin, Merkel und Obama. Ein Psychologe würde Erstaunliches zu deren Verhalten sagen können. Ich hatte das angedeutet, als ich die EU als Venus bezeichnete und Putin als den Heldenkrieger, Obama als verzweifelt mit dem Messer stechend um die Oberhand kämpfen. Sie reagieren auf dem Level meiner Katze, allerdings mit deutlich höherem Schadenspotential. Wäre das anders, so würden sie eine minimale Logik akzeptieren.

          Logisch ist, dass man sich nicht die Köpfe einschlägt. Putin könnte sehr leicht deeskalieren. Obama könnte das und die EU könnte das. Was versteht man nicht an dem Gedanken und den Vorteilen der Kooperation? Oder am Gedanken der Souveränität der Völker?

          Blödsinn, Populismus bekämpft man nicht mit Blödsinn und Populismus. Man reagiert nicht mit Reflexen, man schickt keine Schiffe, Panzer, Flugzeuge und Kanonen, unterlässt Drohungen, die weder mit der Sache zu tun haben, noch wirksam sind. Man verarscht die Leute nicht, besonders wenn man Medium wie das ZDF oder gar eine Regierung ist. Man lässt den Voodo-Zauber, die Kriegsbemalung, die Drohgebärden und das Geschrei um von eigenen Interessen abzulenken. Vor allen Dingen bezeichnet man das nicht als Zivilisation. Niemand will Krieg? Gut, dann benehme sich niemand so, als gäbe es keine Entwicklung.

          Wenn nun jemand meint, das sei zu einfach, zu fundamentalistisch und zu entfernt von den realen Problemen, dem stimme ich zu. Doch dem rate ich, sich einmal mit komplexen Systemen zu beschäftigen. Ja, es geht durchaus auch anders. Das Ergebnis ist identisch.

          PS: it’s only rock’n’roll. Das ist das Echo der Trommeln aus dem Urwald und den Anfängen der Menschheit. Das war der Zeitpunkt, wo Zivilisation gelebt wurde oder besser eine Chance gehabt hätte.

          Ich schau mal nach, irgendwo hatte ich einen kleinen Text zu Blues geschrieben. Mal sehen, suchen, wird dauern, wenn ich den überhaupt noch finde. Hab ja Deine Mailadresse.

          0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *