Presseschredder 7.3.2016

In einer Mainacht 1943 brach nach Bombardierungen der Staudamm am Möhnesee. Die Bewohner des nahegelegenen Ortes Neheim wurden im Schlaf überrascht. Viele von ihnen flohen vor den Flugzeugen in ihre Luftschutzbunker und ertranken in der Flut.

Unfassbar symbolisches Symbolbild!

»Bei den Kommunalwahlen in Hessen hat sich bis zum frühen Sonntagnachmittag eine höhere Wahlbeteiligung abgezeichnet als vor fünf Jahren. In der Landeshauptstadt Wiesbaden lag sie nach Angaben des Wahlamtsleiters um 14.00 Uhr bei 21,8 Prozent – beim Urnengang 2011 waren es nur 19,9 Prozent gewesen. In Frankfurt stieg die Wahlbeteiligung auf 20,1 Prozent (2011: 19,7 Prozent).«

Frankfurt/Main (dpa/lhe)

Am Ende des Tages sind es dann ca. 48%. Der Nichtwähler hat wieder einmal sein Machtwort gesprochen. Ministerpräsident Volker Bouffier sieht die Kommunalwahlen «ganz sicherlich nicht» als Testwahl. Wenn bei 12 Kommunen von 150, in denen die AFD antritt, sofort Ergebnisse um die 13% für diese Partei erzielt werden, darf schon mal nachgedacht werden. Wo die AFD nicht antrat, votierte man vorzugsweise gleich für die NPD. Konsequent, wenn auch nicht besonders zukunftsträchtig.
Was der Wähler sprach, ist das Eine, das Andere die Abgewatschten, die den Schuß nicht hören:

»“Das Wahlsystem muss einfacher werden“, sagte SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel am Sonntagabend im hr-Fernsehen. Das Kumulieren und Panaschieren bringe lange Wahlzettel mit sich und überfordere die Bürger. Außerdem regte er die Einführung einer Drei-Prozent-Hürde an, um kleine populistische oder „Spaßparteien“ aus den kommunalen Parlamenten fernzuhalten.«

Tagesspiegel

Der Zusammenhang zwischen »populistischen Spaßpartei« und der SPD entging Schäfer-Gümbel leider, aber die »richtigen« Wahlen stehen ja noch aus – spätestens die 2017.
Zur Zeit wird noch ausgezählt. Alle Zahlen also unter Vorbehalt, wenn auch mit dem üblichen Parteien-Sprech untermalt: »Auf dem richtigen Weg«, »Kurs bestätigt«, »Keinen Zusammenhang mit… [irgend einer anderen Wahl] oder »überschaubaren Verlusten«. Und wenn man das Ergebnis beim besten Willen nicht mehr schönreden kann, die übliche Forderung nach Änderung des Wahlverfahrens.
Im Westen also nichts Neues.

Passend dazu die Nachricht, daß Olivier Ndjimbi-Tshiende, seines Zeichens farbiger Pfarrer der Gemeinde Zorneding/Bayern, aufgrund von Morddrohungen und rassistischer Hetze das Handtuch wirft. Da kann man als Pfarrer vielleicht noch Anzeige erstatten, was aber in der derzeitigen Situation lediglich symbolischen Charakter hat. Da steht auf der einen Seite ein in Deutschland habilitierter Philosoph und auf der anderen… ach, lassen wir das! Es war ja keine Testwahl.

Alf Frommer schreibt auf seinem Blog kressNews einen lesenswerten Text: »Meinung schafft am Ende kein Vertrauen«.

»Meinung hat jeder. […] Dafür braucht es keine mehrjährige Ausbildung und man muss keine Sekunde dafür recherchieren oder anstrengend Informationen doppelt checken. Sie ist einfach da. Ob am Stammtisch, der Regierungsbank oder auf der Internet-Konferenz (da besonders). Auch dieser Einwurf für kress.de ist einfach nur eine kleine Meinung im Meer von Meinungen. Genauso wie die Unmengen an Hass-Kommentaren im Netz. Man kann mit Fug und Recht behaupten: Meinung ist heute der beliebteste Content im Internet. Schnell produziert und je provokanter desto populärer.«

Sein Schwenk zum professionellen Journalismus und der durchaus richtigen Feststellung eines »Nachrichten Entertainments« hinterläßt allerdings ein schales Gefühl. Es fehlt etwas.

»Natürlich ist es richtig, in Zeiten von brennenden Flüchtlingsheimen Stellung zu beziehen. Wenn daraus aber ein dauernder Kampf mit Nazis und deren Sympathisanten wird, verliert der Journalismus seine ursprüngliche Wächter-Rolle.

Das führt ohne großen Umweg schnell zu dem berüchtigten Satz »Einen guten Journalisten erkennt man daran, daß er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.« Ohne auf die anhaltende Diskussion darüber einzugehen, fehlt etwas bei der Bewertung Alf Frommers etwas wie auch beim Zitat Hans Joachim Friedrichs.
Es ist das Wort Haltung. Das ist eine Eigenschaft, die auch eine vielleicht als reaktionär empfundene Haltung notfalls erträglich macht, aber in jedem Falle die Grundvoraussetzung von Journalismus überhaupt.
Wenn in der Türkei eine Zeitungsredaktion mit Gewalt in die Hände der herrschenden Regierung gebracht wird oder wie Frommer schreibt sich »ein dauernder Kampf mit Nazis und deren Sympathisanten« abzeichnet, ist Schluß mit jeder Neutralität. Dann gilt es, eine Haltung zu bewahren und zu vertreten. Der Kampf gegen Neonazis (die alles andere als »neo« sind) und gegen jede Einschränkung der Pressefreiheit sind keine »Meinung«.

Das Beispiel Frommers mit der Journalistin Anja Reschke hinkt: Ihre öffentlichen Kommentare zur Situation der Flüchtlinge ist mitnichten eine Meinung. Sie hat Haltung gezeigt und genau so sollte man es auch nennen.

 

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7 Kommentare zu Presseschredder 7.3.2016

  1. Ex-Vermieter sagt:

    “Neonazis (die alles andere als »neo« sind)”
    Kurz und knapp das Wesentliche erwähnt. Nazis sind einfach nur Nazis.

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  2. oblomow sagt:

    Pantoufle, sieh’s mir nach, als anmerkung nur das: Thoma und Tucho in gedichten und fundstücke von Rosa und Karl (hier Kraus)

    Resignation

    Es gibt noch Leute, die sich quälen,
    Aus denen sich die Frage ringt:
    Wie wird der Deutsche nächstens wählen?
    Wie wird das, was die Urne bringt?

    Die Guten! Wie sie immer hoffen!
    Wie macht sie doch ein jedesmal
    Der Ausfall neuerdings betroffen!
    Als wär’ er anders wie normal!

    Wir wissen doch von Adam Riese,
    Dass zwei mal zwei gleich vieren zählt.
    Und eine Wahrheit fest wie diese
    Ist, dass man immer Schwarze wählt.

    Das Faktum lässt sich nicht bestreiten,
    Auch wenn es noch so bitter schmeckt.
    Doch hat das Übel gute Seiten:
    Es ruhet nicht auf Intellekt.

    Man muss die Sache recht verstehen;
    Sie ist nicht böse, ist nicht gut.
    Der Deutsche will zur Urne gehen,
    So wie man das Gewohnte tut.

    Wer hofft, dass es noch anders würde,
    Der täuscht sich hier wie überall.
    Die Schafe suchen ihre Hürde,
    Das Rindvieh suchet seinen Stall.

    Ludwig Thoma

    Geschändet, entehrt, im Blute watend, vor Schmutz triefend – so steht die bürgerliche Gesellschaft da, so ist sie. Nicht wenn sie, geleckt und sittsam, Kultur, Philosophie und Ethik, Ordnung, Frieden und Rechtsstaat mimt – als reißende Bestie, als Hexensabbat der Anarchie, als Pesthauch für Kultur und Menschheit, so zeigt sie sich in ihrer wahren, nackten Gestalt.

    Rosa Luxemburg 1915

    Ich, der allem Missverstand zum Trotz weit von jeder Möglichkeit steht, es mit einer Partei zu halten, aber nie vor der Gefahr, um nicht für einen Politiker zu gelten, die Partei der Menschlichkeit zu verlassen, behaupte in diesen Dingen doch den einen unverrückbaren Standpunkt, das Bürgertum in allen Gestalten und in seinem ganzen Ausdruck in Presse und Staatsleben mit einem Hasse zu hassen, der ihm durch Generationen anhaften wird.

    Karl Kraus 1923

    Rosen auf den Weg gestreut

    Ihr müßt sie lieb und nett behandeln,
    erschreckt sie nicht – sie sind so zart!
    Ihr müßt mit Palmen sie umwandeln,
    getreulich ihrer Eigenart!
    Pfeift euerm Hunde, wenn er kläfft –:
    Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!

    Wenn sie in ihren Sälen hetzen,
    sagt: »Ja und Amen – aber gern!
    Hier habt ihr mich – schlagt mich in Fetzen!«
    Und prügeln sie, so lobt den Herrn.
    Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!
    Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft.

    Und schießen sie –: du lieber Himmel,
    schätzt ihr das Leben so hoch ein?
    Das ist ein Pazifisten-Fimmel!
    Wer möchte nicht gern Opfer sein?
    Nennt sie: die süßen Schnuckerchen,
    gebt ihnen Bonbons und Zuckerchen …
    Und verspürt ihr auch
    in euerm Bauch
    den Hitler-Dolch, tief, bis zum Heft –:
    Küßt die Faschisten, küßt die Faschisten,
    küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft –!

    Theobald Tiger
    Die Weltbühne, 31.03.1931, Nr. 13, S. 452.

    Und was müller-simpel usw angeht:

    In welcher Fabrik der Atem hergestellt wird, der die Sozialdemokratie am Leben erhält, ist ihr Parteigeheimnis. Sie ist lebendig gewordene Langeweile, … Sie ist in keinem Geist zuhause – sie geht uns nichts mehr an.

    Karl Kraus 1932 (die grünen inbegriffen und die linke ist auf “gutem” weg)

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  3. pantoufle sagt:

    … wenn ich bloß nicht dieses erdrückende Gefühl hätte, es wollte mich jemand ans Gedicht am Dienstag erinnern…
    Ich bitte um Verständnis: Wie einige sicherlich bereits festgestellt haben, fehlt bei den Baubeschreibungen der letzten Zeit noch die Abteilung Lautsprecher. Und genau die wird gerade auf einen aktuellen Stand gebracht, nachdem ich mit dem Dayton PS180 nicht einmal sterben kann. Das Chassis geht gar nicht! Alles oberhalb von 5kHz ist eine komprimierte Strafe.
    Da muß Hand angelegt werden und dieses Mal gründlich.

    Also gerade Holz, Metall und Simulation.

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