Presseschredder 7.3.2014

Sibylle Lewitscharoff (nominiert für den Dawin-Award)

Vermögend, weiß, heterosexuell. Die Büchner-Preisträgerin hielt in Dresden eine Rede im dortigen Schauspielhaus. Die sollte man gelesen haben, auch wenn schon jetzt die Gazetten voll mit den Highlights sind. Für diejenigen, die sich den Tort mit ihrem Vortrag nicht antun wollen: Nach einer endlosen Einleitung über Elternhaus, Leben und vor allem den Tod beschäftigt sich die Vortragende mit künstlicher Befruchtung und den ihrer Meinung nach ekelerregenden Begleitumständen; von den Ergebnissen ganz zu schweigen.

Eine bemerkenswerte Rede, eine lange Rede und ein äußerst kurzer Sinn. Sie steht in einer Tradition, die seit kurzer Zeit mehrere erwähnenswerte Blüten zutage förderte. Matussek und Sarrazin sind nur einige Beispiele und jetzt Lewitscharoff; man könnte sie Ich-Reden nennen. Die Unsterblichkeit im Reiche der höchsten Selbstbeweihräucherungen wie Matusseks

»Ja, „so einer war tatsächlich Kulturchef des Spiegel“, ich habe tatsächlich über Goethe, Schiller, Hesse, Heine, die Romantiker, kürzlich Büchner geschrieben, ohne Probleme mit „Leseverständnis“ und „Interpretation“ und trotzdem fand die „taz“, dass da „Rock’n’Roll im Laden war“.«

sind natürlich unübertroffen, scheinen aber einen gewissen Vorbildcharakter zu besitzen.
Erst einmal das Ich, dann die Konsequenzen. Der perfekte Weg aus der Argumentationspflicht. »Ich habe ein UFO gesehen, also gibt es sie«.
Frau Lewitscharoff hatte eine schwere Kindheit©, ergo sind die Schlußfolgerungen, die sich für sie daraus ergeben, erst einmal allgemeingültig, tragen einen berechtigten Anspruch auf Ernsthaftigkeit bereits in sich. Zugegeben: Ernst nehmen sollte man sie, denn sie tragen einen perfiden Zug von Faschismus in sich.

Lewitscharoff beginnt langsam und im bewährten Duktus des neuen gehirnlosen Konservatismus:

»Als ich 1973 an der fu Berlin zu studieren begann, kam die Frauenbewegung voll in Fahrt und mit ihr die unsägliche Parole mein Bauch gehört mir! Eine Parole, die die eigensüchtige, humor – und kompromisslose Dynamik dieser Bewegung treffend wiederspiegelt.

Nein, wir lassen das einfach mal unkommentiert stehen – es ist in Ordnung, wenn man die Frauenbewegung grundsätzlich nicht wahrnimmt. Der Glaube an die Scheibengestalt der Erde ist nicht justiziabel.

»Kurzum: Hätte sich in meinem Bauch je ein heranwachsendes Kind befunden, hätte dieser Bauch ganz gewiss nicht allein mir gehört, sondern mir, dem Kind und dem dazugehörenden Vater, ganz zu schweigen von der langen Reihe vorausgegangener Generationen, die ihren verschwiegenen Anteil ebenfalls daran gehabt hätten. «

Gut, die Fronten sind geklärt. Nicht ihr Bauch, sondern eine sozialisierte Brutstätte zum Wohle der Gesellschaft im Geiste der Ahnen. Eine in diesem Zusammenhang nicht uninteressante Anmerkung wäre, das sie auf eigenen Wunsch kinderlos geblieben ist. Nur für alle mitlesenden Eltern.

»So sehr mich fremde kulturelle und gesellschaftliche Traditionen interessieren – nachahmen werde ich sie ganz bestimmt nicht, selbst wenn ich sie respektiere. Im Gegenteil: Im Lauf der Jahre hat sich die Rückbindung an den christlichen Vorstellungskreis, was Leben und Tod, was Sünde und mögliche Vergebung angeht, enorm gekräftigt. «

Das Wort Sonntags-Katholizismus schwebt im Raum – Matussek läßt schön grüßen -, ohne Gestalt anzunehmen. Aber da ist ja noch genug Luft nach unten.
Religiöser Fundamentalismus im Iran oder anderen muslimischen Staaten? Soweit braucht man nicht zu reisen, in diesem Falle hätte Dresden vollkommen ausgereicht. Langsam, aber sicher kommt sie zum eigentlichen Anliegen, der Fragwürdigkeit künstlicher Befruchtung.

»Frau Doktor und Herr Doktor Frankenstein, die weithin geschätzten Reproduktionsmediziner, haben ein sauberes Arztkittelchen an und werkeln nicht mit brodelnden Glaskolben und in einer mit giftigen Dämpfen erfüllten mittelalterlichen Bogenhalle. Es geht dabei sehr rein und fein und überaus vernünftig zu. Der Vorgang selbst ist darum nichts weniger als abscheulich.

Früher habe ich mich über das drastische biblische Onanieverbot gern lustig gemacht, inzwischen erscheint es mir geradezu als weise. Die Vorstellung, dass ein Mann in eine Kabine geschickt wird, wo er, je nach Belieben, mit oder ohne Hilfe von pornographischen Abbildungen, stimuliert wird, seine Spermien medizingerecht abzuliefern, die später in den Körper einer Frau praktiziert werden, ist mir nicht nur suspekt, ich finde sie absolut widerwärtig. «

Soweit die schlichte Hausfrau und Büchner – Preisträgerin. Sie selber sei heilfroh, nicht auf diese Weise entstanden zu sein. Das ist ihr gutes Recht, aber bis hierhin ist es doch… sagen wir mal vorsichtig: Mainstream.
Nach dieser eher gewöhnlichen Einleitung – gewöhnlich darf genau so verstanden werden – und einem Ausflug über das Thema Leihmütter kommt sie zu einem vorläufigen Fazit, das sie so formuliert:

»Mit Verlaub, angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen SS-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor. Ich übertreibe,
das ist klar, übertreibe, weil mir das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse derart widerwärtig erscheint, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden
sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas. «

Whow! Da bleibt einem die Spucke weg! Dann doch lieber Lebensborn als Weißnichtwas oder wie soll man diese krude Gedankenkonstruktion verstehen?

Der Mief ihrer Blähungen hatte sich noch nicht zu Gänze aus dem Staatstheater Dresden verzogen, da entschuldigte sich die Preisträgerin wegen der Bezeichnung »Halbwesen«. Sie würde den Satz gerne zurücknehmen, bat sie im ZDF-Morgenmagazin. Den Satz. Die anderen wohl nicht, obwohl sich das empfehlen würde. Das wird ihr mit Sicherheit auch nicht über die Lippen kommen, weil sie all das was da sagte, sicherlich sehr ernst nimmt und Buchstabe für Buchstabe auch so meint. Wie sie es eventuell meinte könnte in der FAZ stehen… Na ja: Meinungsfreiheit eben!

»Bisher jedenfalls kann ich mich aber weder dazu entschließen, vorauseilend eine Patientenverfügung zu verfassen, noch dem zuzustimmen, dass mir im Falle des Hirntodes Organe entnommen werden dürfen. In den seltenen Momenten der Glückseligkeit, die mir vergönnt sind, wenn mich angesichts des blauen Himmels ein kleiner Rausch befällt, dass Gottes Gnade vielleicht auch über meinem Scheitel waltet, ja, sogar die Gewissheit in mich fährt, dass dem so sei, denke ich: Lass die Ängste, lass die Sorgen fahren, es wird gut gehen, du wirst Einsichten erlangen, die du dir niemals hast ausmalen können. «

Man kaut auf dem Begriff »Hirntot«. Irgend etwas zwischen »Darwin-Award« und einer radikalen Neudefinition dieses Wortes. Aber eine Vertiefung solcher Gedankenspiele könnte sehr schnell in unbekannte Abgründe führen. Lassen wir das also.

Jan Fleischhauer (nominiert für den Dawin-Award)

»Die G8 Gruppe kann auf Russland selbstredent verzichten: Russland ist keine Industrienation. Das Einzige, was sie produzieren, ist die Kalaschnikow. Sonst nichts. Leben tut das Land von seinen Rohstoffen, wie Afrika mit einer Atombombe. Putin ist der Goldkettchenträger unter den Staatsmännern. Wie Berlusconi. Das Einzige, was Putin geblieben ist, ist die Fähigkeit, seinen Nachbarn eine Heidenangst einzujagen.«

Bei Spiegel-Online kann man damit sein Geld verdienen, wenn man so einen Schlonz in die Welt setzt. Und warum erinnert mich das an die Propaganda, Winston Spencer Churchill wäre permanent betrunken? Der dumme Deutsche, der alles, was er für »Ausland« hält, durch den schmalen Spalt seiner Scheuklappen danach absucht, was der Deutsche hat und der andere nicht.
Wann stirbt diese Spezies endlich aus?

Bundespräsident Joachim Gauck (nominiert für den Dawin-Award)

Griechenland, Entschuldigung, Predigt. Och nö: Nicht der schon wieder.

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0 Kommentare zu Presseschredder 7.3.2014

  1. Stony sagt:

    Mein erster Gedanke war: die Zombiekalypse ist losgebrochen, dabei waren es doch wieder nur die wandelnden Hirntoten. Schade eigentlich, ich wollte schon die Klingen wetzen. 🙁

    Schon eigenartig, angeblich sind wir doch das Land der ‘Dichter und Denker’ – wenn man sich diese ‘Eliten’-Vertreter anschaut kommen da doch arge Zweifel. Demnächst dann wieder “there be Dragons” auf der Landkarte.
    Und so zerrieselt sie, die Zivilisation…

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  2. pantoufle sagt:

    Moin Stony
    Ja, wie gesagt: Das Wort »gehirntot« weckt bei mir die entsetzlichsten Phantasien, solche, die auf einem Qualitätsblog besser nicht stehen sollten. Allein aus Gründen eventueller Klagen von scheintoten Schriftstellerinnen.
    Der im Großen und Ganzen sehr bemühte SpOn Kolumnist (welch erbarmungswürdiges Schicksal!) Georg Diez schrub: »Büchner-Preisträgerin Lewitscharoff lieferte in Dresden die Blaupause für einen neuen Klerikalfaschismus.« Das dürfte im Augenblick die Spitze der freien Meinungsäußerungen darstellen, obwohl die Interpretationen noch erheblich tiefer zielen könnten.

    Wie dem auch immer sei: Verwechselt man für einen Moment die Menge von Literaturpreisen mit intellektueller Bedeutung, könnte einem Angst und Bange werden. Es schwebt ja immer noch die Drohung/Wunsch im Raume, die Intelligenz dieses Landes solle sich wieder mehr in die Politik einmischen wie zu Zeiten des seligen Brandt. Bis vor wenigen Tagen habe ich mich auch noch zu diesen Rufern gezählt – jetzt graut mir davor… den Kleist-Preis hat sie auch bekommen. Kleist! Man denke nur!

    Ich möchte da noch einmal Diez zitieren, der das sehr gut auf den Punkt gebracht hat.

    »Sibylle Lewitscharoff lieferte mit ihrer Rede “Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod” eine Kombination von Antimodernität, frömmlerischer Religiosität und dumpfer Wissenschafts- und Technikfeindschaft, die die Blaupause für einen neuen Klerikalfaschismus bietet, der dort ansetzt, wo Faschismus immer ansetzt – bei der Frage nach dem Leben: Was ist Leben, was ist lebenswertes Leben, was sind die Kriterien, nach denen man über das Leben urteilen und entscheiden kann?«

    Mehr ist dazu vielleicht wirklich nicht zu sagen. Was aber gesagt werden muß, das muß jetzt diese ominöse geistige Elite tun: Der Präsident der Akademie der Künste Klaus Staeck hat es getan wie auch der Suhrkamp-Verlag, der sie verlegt und Robert Koall vom Schauspielhaus Dresden als erster: Man muß dagegen protestieren; im Namen der Menschenwürde, der Humanität und nicht zuletzt auch des guten Geschmacks.

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  3. chriwi sagt:

    Wenn man einen wie Fleischhauer auf seinen offensichtlichen Rassismus ansprechen würde, würde er auf die Meinungsfreiheit plädieren. Nur ist das keine Meinung, sondern Hetze. Ich bin der Meinung das Herr Fleischhauer ein Arschloch ist. Diese Meinung kann ich durch eine Vielzahl seiner Artikel belegen.

    [arrrgghhh! Warum dieser Kommentar im Spam hängenblieb, weiß ich nicht. Echt nicht!. Tut mir leid! Der Säzzer]

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  4. Klikkaklakka sagt:

    Allein von den kurzen Zitaten der Teilnehmer wird mir schlecht… Wie können solche Menschen nur soviel Aufmerksamkeit erregen? Warum lässt man sie sprechen? Schenkt ihnen Aufmerksamkeit? Meinungsfreiheit hin oder her, aber solche idiotischen, uninformierten und faschistischen Fahnenträger gehören doch nicht in die Öffentlichkeit.

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  5. Joachim sagt:

    Ja, Sibylle Lewitscharoff hat daneben gegriffen. Ich finde das gar nicht so falsch (daneben zu greifen). Schließlich redet sie aus der ich-Perspektive. Es sind ihre Meinungen. Wer sagt, das Meinungen logisch sein müssen? Wer sagt, dass die fair oder objektiv sein müssen? Ist es nicht so, dass auch Leser und Zuhörer eine Verantwortung haben? Nein? Dann stellt man den Sinn aller Texte in Frage. Denn dann braucht es keinen Rezipienten.

    Wer weiß schon, was mit “Halbwesen” wirklich gemeint ist, was etwa eine Zeugung aus Liebe für das spätere Kind bedeutet und ob es einen Unterschied gibt, wenn die Befruchtung künstlich erfolgt. Natürlich ist es Blödsinn alleine aus dem Vorgang etwas abzuleiten. Natürlich ist es unmöglich Menschen wegen der Form ihrer Zeugung zu diskreditieren. Hat sie das wirklich getan und wirklich gemeint? Sicher können wir da nicht sein. Sie spricht nur von einem persönlichem Gefühl. Das hat eben viele persönliche Ursachen, die außerhalb unserer Erkenntnismöglichkeiten liegen.

    Schriftsteller denken in Symbolen. Nur so lassen sich die Gedanken vermitteln. Schon jeder Buchstabe, jedes einzelne Wort ist Symbol, Sätze schon gar und Absätze, ganze Reden um so mehr. Es sind die Gedanken, die zu Buchstaben werden und hin und her übersetzt werden müssen.

    Man schreibe einmal einen Roman, der in einer Welt spielt, dessen Bewohner auf künstliche Befruchtung angewiesen sind. Eltern könnten vielleicht eine ganz andere Rolle spielen. Gesellschaft könnte ganz anders sein. Die Bewohner könnte eine seltsame und ewig unerfüllte Sehnsucht nach Liebe befallen. Es wäre Metathemen möglich. Solche Metathemen unterstelle ich der Lewitscharoff. Sonst wäre sie ein schlechter Schriftsteller. Ein Leser könnte auf den Gedanken kommen, was den eine (vorgebliche) Vereinbarkeit von Beruf und Familie in einer Welt bedeutet, die alle alten Strukturen aufgebrochen hat. Man könnte den Sinn von Tradition erkennen oder wenigstens ahnen, wie es dazu kam und vieles Andere mehr.

    Nun, das ist sicher eine unzulässige Extrapolation aus dieser Rede. Doch andere Stellen sind zweifelsfrei korrekt. Etwa “Herr über seine Leiden zu sein, bedeutet aber auch, schuld an seinen Leiden zu sein”. Ein kluger Gedanke über die Schuld und Unschuld des Menschen und darüber, wer Verantwortung für wen trägt. Der Gedanke ist eine eindeutige Kritik am christlichem Weltbild. Dennoch werden ihr fundamentalistische Züge vorgeworfen.

    Wenn wir solche Texte kritisieren, dann gibt es den logischen Aspekt. Es existieren aus meiner Sicht massive Kontradiktionen bei Lewitscharoff, etwa zum Thema Lebensverlängerung, dem Recht sterben zu dürfen und der Frage nach der Zulässigkeit von Suizid. Allerdings muss man die katastrophalen Erfahrungen der Autorin berücksichtigen. Es gibt nicht nur eine Wahrheit. Es gibt auch einen subjektiven Aspekt.

    Selbst wenn aus meiner Sicht der Text “seltsame” Züge aufweist die bis zu meiner vollständigen Ablehnung gehen, so muss ich gestehen, das ich es bin, der interpretiere. Es sind also meine Gedanken, die ich für korrekt halte, die den Widerspruch auslösen. Wessen Schuld ist es, wenn sich durch einen Text etwa ein Kreationist bestätigt fühlt oder ein Knipphals seine eigenen Triaden los lässt? Ist das immer nur die Schuld des Autors? Welche Erfahrungen lassen den Redakteur so wütend werden? Wie weit müssen wir auch seinen subjektiven Aspekt berücksichtigen und was sagt das über seine Aussage und unsere Möglichkeit der Interpretation aus?

    Wir können uns niemals sicher sein, was ein Autor wirklich meint. Wir können nur unsere Realität daraus ableiten und sagen: das will ich und das will ich nicht. Wenn das geschieht, dann hat selbst ein behauptet unsäglicher Text einen sinnvollen Zweck erfüllt.

    Zwei oder drei Fragen müssen wir dennoch stellen:

    a) ist der Text gut geschrieben?
    b) ist er logisch korrekt oder wenigstens menschlich nachvollziehbar?
    c) mag ich den Text?

    Diese Fragen muss ich etwa beim Taz-Artikel auch nicht unbedingt bejahen.

    „Fail“, maximal “drawn”. Und in diesem Fall, wo sich jemand über Andere erhebt, bedeutet das “you loose”.

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    • Joachim sagt:

      Ich muss noch einen Nachtrag loswerden.

      http://antjeschrupp.com/2014/03/08/die-denkwurdigen-sorgen-der-frau-lewitscharoff/

      Zitat: “Frauen setzten sich mit ihrer Selbstermächtigung keineswegs selbst an die Stelle Gottes, sie lassen bloß nicht mehr zu, dass Männer sich (ihnen und ihren Kindern gegenüber) an die Stelle Gottes setzen.”

      So geht das mit der Kritik. Die muss einen Mehrwert bringen. Großartig. Geht doch 😉

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      • pantoufle sagt:

        Nichts gegen das von Dir genannte Zitat, aber da habe ich ein für mich wichtigeres bei der Schruppschen gefunden:
        »Na klar gibt es einen medizinisch-pharmazeutischen Komplex und neoliberale Ideologen, die aus all dem Profit schlagen wollen, und es ist sehr wichtig, dies kritisch im Auge zu behalten (ein Bemühen, dem Lewitscharoff leider gerade einen Bärendienst erwiesen hat).«

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    • pantoufle sagt:

      Moin, Joachim

      Ist Gedankenfreiheit gleichzusetzen mit dem Recht der freien Rede? Vermutlich, aber es gibt da einen gravierenden Unterschied: In der Verantwortung. Die freie Rede legt einem eine weit höhere Verantwortung auf. Fairness und Objektivität sind hierbei nur 2 Parameter und nicht unbedingt die Entscheidenden. Auch haben die Zuhörer/Konsumenten eine Verantwortung, die allerdings – je nach Art der Veröffentlichung von Information – schnell an ihre Grenzen gerät.

      Was nun Frau Lewitscharoff betrifft, so fragt sie im FAZ-Interview »Darf ich in einer Rede nicht sagen, was ich denke? Ich verlange doch keine sofortige Gesetzesänderungen oder derartiges. Aber ich werde doch in einer Debatte meine Skepsis gegenüber Methoden der Reproduktionsmedizin formulieren dürfen.«
      Das darf sie natürlich alles. Aber erstens muß sie den Widerspruch, den ihre Gedankengänge hervorrufen, ebenso zur Kenntnis nehmen und zum Anderen übergeht das einen wichtigen Punkt, den ihre Rede auszeichnete: Sie nahm massive moralische Wertungen vor. Ob die nun auf persönlichen Erfahrungen oder Religiosität fußen, spielt überhaupt keine Rolle; eine Rolle nur in sofern, als daß das Objekt ihrer Kritik eine durchaus weltliche Angelegenheit ist. Nur für einen Augenblick angenommen, sie hätte mit so einer Argumentationslinie gegen HartzIV – Empfänger polemisiert… das hätte aber ein noch schöneres Donnerwetter gegeben. Man hätte ihr vermutlich und zu Recht Substanzlosigkeit unterstellt. Zu ihrem Glück ist die Reproduktionsmedizin vergleichsweise ein Randgruppenproblem.

      Das Groteske in ihrer Rede ist für mich allerdings etwas anderes. »[…] dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas.«
      Das kann man denken, das kann man auch sagen – es ist aber sowohl eine Frage des Anstands wie auch der Verantwortung, ob man es öffentlich tut. Was sie dort mit »Halbwesen« zitiert lässt wenig Interpretationsspielraum. Man muß sich schon gewaltig verbiegen, um das anders zu verstehen. Genau an diesem Punkt, mit dem sie verantwortungslos spielt, setzt gewöhnlich der Faschismus an. Am Leben. Vorzugsweise an dem einer Minderheit. Von diesem Zitat bis zum »lebensunwertes Leben« ist es nur ein winziger Schritt. Die Frage, warum sie das tut, ist für mich ehrlich gesagt nur von akademischen Interesse. Ihre alttestamentarisches Verständnis von Religion interessiert mich nicht, bringt mit seiner grobschlächtigen Theodizee keine Saite zum klingen. Das ist, betrachtet man die Tatsache, daß es sich um eine Schriftstellerin handelt, ein eher technisches Problem – beziehungsweise eines des Intellekts.
      Wessen naiven Geistes Kind sind Aussagen wie diese: »Das (künstlich gezeugte) Kind kann nichts dafür, das habe ich in meiner Rede gesagt. Man wird doch einmal einen schwarzen Gedanken äußern dürfen, oder nicht? Wie oft sagt einer „Ich bringe meinen Nachbarn um“ und tut es nicht.« Soll man das wirklich noch interpretieren? Wieviele »Nachbarn« müssen für soviel Naivität noch sterben?

      »Wir können uns niemals sicher sein, was ein Autor wirklich meint. Wir können nur unsere Realität daraus ableiten und sagen: das will ich und das will ich nicht. Wenn das geschieht, dann hat selbst ein behauptet unsäglicher Text einen sinnvollen Zweck erfüllt.«

      Nein, sicher sein können wir uns dabei nie. Die Bedeutung des Gesagten ergibt sich aber aus dem Kontext oder verdeutlicht es wenigstens. Der Kontext, in dem sich die Seelenschau Lewitscharoffs abspielt, nennt sich religiöser Fundamentalismus (allein aus diesem Grunde verbot sich eigentlich ihre Argumentationslinie).

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  6. Joachim sagt:

    Blödes WordPress. Ich veröffentliche Kommentare zu schnell. Stimmt, doch das hat keine Maschine zu entscheiden. Meint das sch…ß Teil, das sei kein Aufwand? Es ist Aufwand, der nur gerechtfertigt ist, weil pantoufle mehr als ausreichend Grund ist, ein wenig nachzudenken.
    Also noch ein Versuch.

    Die “freie Rede”, gerade dann wenn sie an prominenter Stelle erfolgt, bedeutet ohne Zweifel Verantwortung. Und ohne Zweifel ging diese Rede daneben. Doch in Wirklichkeit ist es vielleicht noch schlimmer. Frau Lewitscharoff nutzte möglicherweise konkrete oder gesellschaftlich etablierte (und in der Realität wenig hinterfrage) Vorstellungen um ihre eigenen Ideen daran aufzuhängen. Nun, mit Sprache kann sie offensichtlich umgehen.

    Alleine die Aussage, man würde dies doch noch sagen dürfen, erinnert an Sarrazin. Das ist für mich der wirkliche Fehler. Das ist der entscheidende Fehler, der mich zum Nachdenken bringt. Er ist ein Zeichen, dass sie sich in der Defensive befindet. Aus meiner Sicht ist Defensive ein Zeichen, dass da jemand unterliegt. Aus meiner Sicht ist das immer der “kategorische Imperativ” (schluck), dass Unterlegene den Starken brauchen und nicht der Gewinner. Die Gewinner bringen keinerlei Mehrwert. Niemand braucht sie. Schon gar nicht, wenn sie einzig in der Lage sind zum Todesstoß anzusetzen. Heule jemand anderes mit der Meute.

    Spätestens mit dem “brauchen” ergibt sich die Frage: Warum ist das so? Warum hat sie diese Meinungen? Und hier hat Antje Schrupp so wunderbar angesetzt und einen Kern erarbeitet. Antje Schrupp hat es nicht nötig zu diskreditieren. Ihre Kritik bringt einen deutlichen Mehrwert und steht für sich.

    Es ist immer schwer, moralisch oder religiös zu Argumentieren. Doch bei Kritik soll das dann erlaubt sein? Robert Koall argumentiert genau so. Er bringt aus meiner Sicht keinerlei Beleg. Seine Aussage ist ausschließlich: ich distanziere mich um Schaden von mir abzuhalten. Das tut er mit der Aufregung und Moralvorstellung, die er gerade eben noch kritisiert hat. “Das wäre eine enttäuschende Haltung für einen denkenden Menschen”. In der Tat, so ist es. Es ist bezeichnend, dass Vorwürfe immer wieder auf den Aggressor selbst zutreffen. Schon Freud wusste das.

    Derartige Kritik ist bestenfalls Gesellschaftskritik, genauer eine unbewusste Selbstkritik. Nur was macht Gesellschaftskritik, wenn sie zerstört? Was man mit dem Hintern umstößt, dass muss mit den Händen wieder aufgebaut werden. Sonst ist der Kritiker um nichts besser als der Kritisierte. Nein, er ist schlimmer. Denn es bleibt gar nichts mehr.

    Die Verantwortung eines Rezipienten ist es jedenfalls nicht einen Shitstorm auszulösen. Es ist nicht die Aufgabe der vollständigen Vernichtung unter Missachtung aller Fakten, einzig um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Es ist fatal, nur auf ein, zwei Trigger zu reagieren und zu übersehen, dass zum Beispiel Godwin’s law jegliche Diskussion ins Absurdum führt. Ja, ja, natürlich hat die Lewitscharoff damit angefangen. Hätte sie vielleicht besser gesagt, künstliche Befruchtung sei eine Technik aus der Schweinemast? Hätte sie anmerken sollen, dass überlegt wird, ob man nun blaue oder braune Augen bevorzugt, ganz wie die Bauern möglichst viele Rippen züchten möchten? Oder dass eine Industrie daran verdient? Bevor mir nun ganz schlecht wird: es gibt klar ethisch schwierige Fragen bei diesem Thema.

    Rezipienten haben eine Verantwortung. Ich bin sicher nicht Lewitscharoff Meinung. Ich berufe mich sicher auf vollständig andere Grundlagen. Doch ich hätte nicht übel Lust ihren Text einmal zu übersetzen, die Kritik an der Technik und am Christentum herauszuarbeiten und zu zeigen, dass es keineswegs gegen Lesben mit Kinderwunsch oder gegen wen auch immer gerichtet ist. Und auch ich würde eine gewisse Aggression an den Tag legen, wie man wohl deutlich hier sieht. Denn da sind Fragen. Fragen die sich auch daraus ergeben, dass wir mit unserer eigenen Technik nicht zurecht kommen und geistig in der Steinzeit verharren. Allerdings ist fraglich, ob ein Vortrag vor Keulenschwingern irgend einen Nutzen hat.

    Zum Beispiel: Brauchen Kinder einen Vater? Was meint ihr, wie eine Abstimmung ausgehen würde? Spätestens bei dem erweitertem Gedanken, ob sie überhaupt Eltern brauchen wird klar, woher ihr Gedanke kommt. Wer darüber nicht nachdenkt, der hat die Schere im Kopf. Und wer mir nun Homophobie vorwerfen will, der tut mir wirlich Leid. Der hat nichts verstanden.

    Natürlich macht Lewitscharoff Fehler. Doch Fehler haben einen Sinn. Diese Fehler zeigen – anders als bei Sarazzin – ihre eigene Zerrissenheit. Es ist wirklich mutig, dies zur Diskussion zu stellen. Es ist mutig, das eigene Selbstverständnis derart der Öffentlichkeit preiszugeben. Möglicherweise war das sogar die Auflehnung dagegen und die unbewusste Aufforderung es zu zerstören. Und das tun wir nun freudig statt ihr eine Alternative in die Hand zu geben? Wir sind einfach nur mies.

    Viel schlimmer finde ich Merkels Äußerung, in der Frage zur Adoption von Kindern durch schwule Paare sei ihre Grenze erreicht und die müsse man akzeptieren. Die stellt sich keiner Diskussion. Die ist Bundeskanzler. Da hat niemand aufgeschrien. Und das ist, was wirklich peinlich ist.

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  7. pantoufle sagt:

    @Joachim
    Da habe ich mich etwas missverständlich ausgedrückt: Man kann natürlich mit allem Recht der Welt »moralisch« argumentieren – ob man die Bibel dabei allzusehr in den Vordergrund stellen sollte, halte ich dagegen für fraglich. Zumal in einer alttestamentarischen Auslegung, die mit der Lebensrealität nun nichts mehr gemein hat. Das ist ein Problem, das selbst der amtierende Papst mittlerweile erkannt hat, eventuell sogar der Grund für den vorzeitigen Rücktritt seines Vorgängers, den Chef der heiligen Inquisition.

    Es fällt mir mittlerweile auch schwer, in diesem Zusammenhang meinen Text zu Diskussion zu stellen. Ich würde ihn in dieser Form sicherlich nicht noch einmal schreiben. Die Schruppsche hat da ganz klar den besseren Ansatz gefunden. Was ich aufrecht erhalten würde, habe ich im letzten Kommentar beschrieben; darauf sollte sich die Kritik reduzieren.
    Wie kritisieren? Woran bemisst sich die Schärfe und Tonfall der Kritik? Am angerichteten, zu befürchtenden Schaden oder unter Berücksichtigung persönlicher Umstände des »Opfers«? Schwere Kindheit? Die hat Reinhard Heydrich vielleicht auch gehabt – Pol Pot hatte sie sicherlich. Und bevor mir jetzt wieder Godwin reingrätscht: Natürlich hat die Schriftstellerin mit den Genannten nicht das Mindeste zu tun! Unterstellen wir einmal die Zerrissenheit, die sich im Laufe der Diskussion als evident erwies. Dann hat man es nicht mehr mit einer Kreuzzüglerin zu tun, sondern mit einem armen Schaf. Nur das dieses arme Schaf Ressentiments bedient, die in politisch indiskutablen Kreisen sehr populär sind. Daß es auch durchaus ernstzunehmende Kritiker dieser Biotechnik gibt, geht in dem Geschrei ohnehin unter; das hat Antje Schrupp sehr richtig festgestellt.
    Das ist aber nicht Ergebnis eines Shitstorms, sondern der Art und Weise des Vortrags geschuldet. Das Übel begann schon früher, nämlich mit der Einleitung »Sehr geehrte Damen und Herren«. Nun planscht das geklonte Kind fröhlich im Brunnen und man steht begossen da. An ihrer Zuneigung zum lieben Gott darf man nicht knitteln, von wegen nicht fein und jeder wähle sich seine Verehrungspraktiken nach freiem Willen. Moralisch hat der Vortrag nicht allzuviel bemerkenswertes zu liefern und so bliebe eigentlich nur ihre Kindheit. Nicht gerade 6 Richtige bei der Suche nach einer Diskussionsgrundlage. Hab ich was vergessen? Edathy, dem an dieser Stelle, wenn nicht gerade Sympathie, wohl aber das Recht auf faire Behandlung zugestanden wurde, droht nun damit, ein Buch zu schreiben. Ein Buch, in dem er alles erklären würde. Mein Gott: Was für ein Schwachsinn! Und ich Idiot hab mich auch noch aus dem Fenster gelehnt. Es ist nicht leicht, den richtigen Ton zu treffen. Es passiert immer etwas anders als gedenkt. Was wird nun aus Sybillen? Wird sie auch ein Buch schreiben, also noch eines, das sich dieses zum Thema setzt? Oder wird sie – wahrscheinlicher – zu einer der Ikonen fundamentalistischer Verneiner von Wasweißichwas? Da kann sie nun noch so fein und differenziert argumentieren, noch so viel Sympathie mit dem Gartenschlauch verspritzen: Zu spät, zu spät!

    Ich kann deine Kritik an der Art der Diskussion um Frau Lewitscharoff durchaus nachvollziehen. Die Meute rennt bereits und sucht passende Bäume. Schlimm genug. Folgt man Deinen Gedankengängen, sieht man (stark vereinfacht und verflacht) ein Opfer auf der Flucht. Das ist nicht zur Gänze auszuschließen. Eine andere Lesart wäre allerdings ebenfalls legitim: Es gibt eine unselige Tendenz verschiedener Protagonisten, sich mit aller Gewalt bekannt zu machen (ausdrücklich nicht beliebt). In diese Kategorie gehören Leute aus DSDS, Dschungelstarweichteile, Sarrazin, Matussek – es gehorcht den selben Regeln. Irgend einen unoriginellen Standpunkt bis aufs Blut verteidigen bei möglichst vielen Zuschauern. Einschaltquoten sind das Kriterium, nicht Argumente. Ginge es darum, könnte schon lange niemand mehr den Namen Sarrazins buchstabieren. Frau Lewitscharoff hat sich nun an äußerst prominenter Stelle sehr, sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Nicht der naivste Mensch der Erde konnte annehmen, das ihre Worte – vor diesem Forum gesprochen – nicht die Türen der Halle verlassen würden. War sie so naiv, so dumm, eine gewollte Provokation? Oder eine vollkommen stumpfsinnige PR-Aktion für ihren (unoriginellen) Standpunkt? Ist sie über einen etwas übertrieben Hang zur Selbstdarstellung gestolpert?

    Die Sache ist doch die: Das Thema hätte einen erheblich ernsthafteren Rahmen verdient, als ihm im Moment zuteil wird. Das ist nicht die ausschließliche Schuld derjenigen, die Frau Lewitscharoff in der Luft zerreißen. Es ist eben auch ihre Schuld. Das allein ist erst einmal ein Armutszeugnis, eines, zu dessen Entstehen ich sicherlich auch ein wenig beigetragen habe. Aber was willst du machen? Nichts sagen? Oder manchmal aus dem ersten Eindruck heraus?

    Die Nichtediertbarkeit der Kommentare ist ein Ärgerniss bei WP, gegen das ich leider kein Mittel weiß.
    Aber selbstverständlich könnt Ihr mir an die E-Mailadresse im Impressum Korrekturen oder komplette Beiträge senden, die ich dann in die entsprechenden Kommentare einpflegen kann. Kein Problem, wenn auch nicht in Echtzeit. 🙂

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    • Joachim sagt:

      Nur um der Vollständigkeit willen:

      Zu WP. Ich meine nicht eine Korrekturfunktion. Ich stehe zu meinen Fehlern 😉 wohl oder übel.
      WP hat meinen Post abgelehnt mit der Begründung, meine Postingfrequenz sei zu hoch.

      Zum Thema:
      Selbstverständlich hast Du Recht. Lewitscharoff ist kein armes Schaf und ja sie ist ein “Schaf”. Nur ist Schaf eine Beleidigung, wenn das nicht ordnentlich begründet wird. Mich ärgert diesbezüglich die pseudo-moralischen Kommentare in der sz, faz und besonders die des Theaterknülch. Das Thema selbst ist einfach zu wichtig und die Antworten der Lewitscharoff sind einfach zu “einfach” bis nachweislich falsch

      Was nun eine Behauptung ist. Ich denke aber, wir haben das durch.

      Sie mag ein Schaf sein, doch unfaire “Argumentation” bringt mir gar nichts und verhindert jegliche reale Auseinandersetzung mit dem Thema. Man könnte sagen, sie hat das nicht “verdient” (ja, das ist nun kompliziert). Egal, ich sage, eine solche Kritik ist einfach unlogisch weil bedeutungsleer und damit “falscher” als das, was kritisiert wird.

      Noch ein Ding, wieder wegen der Vollständigkeit:

      selbstverständlich kann man *nicht* moralisch argumentieren, wenn Wikipedia gilt:

      “Moral bezeichnet zumeist die faktischen Handlungsmuster, -konventionen, -regeln oder -prinzipien bestimmter Individuen, Gruppen oder Kulturen.”

      Irgend jemand findet hier immer ein Loch oder ist anderer Meinung. Es gibt auch noch sowas wie Logik (oh wei) und auch Empathie (einfach mal sein – im doppeltem Sinn – lassen). Zugegeben, das Thema ist mächtig kompliziert(er)…

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  8. Stony sagt:

    Interessant was sich da an Interpretationsräumen auf tut.
    Für meinen Teil muß ich sagen, daß ich Frau L. als ‘hirntot’ bezeichnete, weil ich ihr Gerede von der Rüchbesinnung auf christliche Werte, ihre Abscheu vor diesem und jenem und den Schlüssen die sie zog auf eine Weise deutete: da ist eine Frau mit Vergangenheit (über die ich nicht weiter weiß) die ‘offenbar’ mit der Gegenwart nicht so recht klarkommt, die ihre Vorstellungen, das was ihr eigen ist (was mit Sicherheit einiges an Entwicklung durchgemacht hat), nicht mit dem in Einklang bringen kann, wohin sich die Gesellschaft (in ihren Augen wohlbemerkt, Fr. Schrupp hat da z.B. ganz andere Ansichten) entwickelt hat. In ihrer ‘Verzweiflung’ wendet sie sich dem tröstlichen Glauben zu, ohne ihn gänzlich annehmen zu können, argumentiert mit und gegen ihn. ‘Festmachen’ würde ich es daran wollen:

    »In den seltenen Momenten der Glückseligkeit, die mir vergönnt sind, wenn mich angesichts des blauen Himmels ein kleiner Rausch befällt, dass Gottes Gnade vielleicht auch über meinem Scheitel waltet, ja, sogar die Gewissheit in mich fährt, dass dem so sei, denke ich: Lass die Ängste, lass die Sorgen fahren, es wird gut gehen, du wirst Einsichten erlangen, die du dir niemals hast ausmalen können.«

    Dieses Verlangen nach einfachen Lösungen, das Hingeben an unergründliche Ratschlüsse – die seltsamerweise immer ganz praktisch-konkrete Handlungsvorschriften zeitigen sollen – brache mich zu meiner abneigenden Bewertung.

    Für pantoufle ist es religiöser Fundamentalismus und unredliche Argumentation, für Joachim ein möglicher Hilferuf (verzeiht, wenn ich das mal so vereinfache!). Ich fühle mich irgendwie dazwischen angesiedelt, kann ich doch beides nachvollziehen, wenn auch nicht je zur Gänze teilen. Das ich Frau L., als hochdekorierter Autorin, mehr zugetraut hätte (falsch: mehr von ihr verlange!) und gleichzeitig Verständnis habe, ist sie doch keine Philosophin (oha, studierte Religionswissenschaftlerin), sondern denkt und schreibt sicherlich (Unterstellung!) in Bildern, zeigt meine eigene Voreingenommenheit.

    Mußte sie nun um die Methoden des Diskurses wissen und verging sich (absichtlich oder nicht) an diesen, hatte sie das ‘Recht auf Verantwortungslosigkeit’ (was für eine grausame Wortkonstruktion, mea culpa!) aus ihrer inneren Perspektive der Übersetzerin von Bildern in Sprache? Keine Ahnung, ich kann da nur ein Geschmacksurteil abgeben (gibt es denn wirklich andere?), welches nicht gerade positiv ausfällt. Allerdings, und darauf kommt es imho an, macht mich das nachdenklich und haut mir meine eigenen Vorurteile um die Ohren, sowie einiges, worüber ich bislang nicht nachgedacht habe.

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    • Stony sagt:

      Ein Nachtrag noch zu Kritik und Geschmacksurteil:

      Aus philosophischer Sicht kann Kritik (für mich zumindest) nur negativ sein, wenn negativ den Gegenpart zu positiv (erschaffend) meint. Ob sie Erdachtes nun ‘mit dem Hintern’ oder der ‘feinen Klinge’ einreißt/entzwei teilt ist da ersteinmal nebensächlich (bedeutsam wird dies erst mit dem Geschmack, wie ich meine). Das diskursive ist ein Werkzeug, eine Methode, an der sich das Gedachte auf seine Tauglichkeit hin messen lassen muß, es kann nichts Neues schaffen, nur beurteilen (und dieses Urteil ist für mich eben eines des Geschmacks).
      Was nach dem ‘zertrümmern’ des Vorgebrachten kommt, geht über die Kritik hinaus und gehört nicht direkt zu ihr, ist mögliche Folge, aber nichts Zwangsläufiges. Den Kritikern vorzuwerfen, daß sie eben nur kritisieren heißt für mich, das Wesen der Kritik falsch zu verstehen und dies als (Schein-)Argument gegen eben jene Kritik ins Felde zu führen.

      Dies nur als kleiner Nachtrag und subjektive Sichtweise.

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      • Joachim sagt:

        Stony, eine sehr interessante Sicht. Da ich Dir noch was “schulde”:

        Was geschieht, wenn Kritik etwas Negatives kritisiert? Sie negiert dann das Negative und ist somit positiv. Okay? Dann die Frage, warum man etwas Positives kritisieren sollte?

        Ergo ist sinnvolle Kritik immer positiv und konstruktiv. Ist sie negativ, so ist sie folglich unsinnig und damit falsch.

        Was ist mit der Behauptung, Kritik müsse nichts schaffen? Wenn ich einen Kollegen kritisiere (oder umgekehrt, der mich), sein toller Programmteil sei zu kompliziert, dann ist der angepisst. Wenn ich ihm zeige, dass seine 500 Zeilen durch 10 ersetzt werden – was tatächlich nicht nur einmal geschah – und dabei noch ein Problem lösen (etwa das der Wiederverwertbarkeit), dann könnte der happy sein, so es ihm um die Sache geht.

        Wenn Kritik objektive Fehler findet und dadurch das Programm korrigiert werden kann, dann ist das konstruktiv. Wertungen haben da nichts zu suchen. Zertrümmern ist kontraproduktiv, weil nichts mehr übrig bleibt.

        Ich übertrage das durchaus auf Texte oder Reden. Es gibt sinnvolle (logische) Regeln zu kritisieren (oh, die sollte ich mal selbst berücksichtigen…) und wundersamerweise verbessern sie die Kommunikation und bringen Mehrwert. Sie machen es besser.

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      • Stony sagt:

        Nun ja, da haben wir den Unterschied zwischen Kritik und konstruktiver Kritik. Der Unterschied ist mir wohl bewußt. Worauf ich hinaus wollte, an einem und deinem Beispiel: Wir bekommen beide eine Speise vorgesetzt, kosten und befinden sie für (handwerklich) schlecht. Während du kochen kannst und weißt, wie es besser geht, bleibt mir nur die Fehler aufzuzählen (versalzen etc.).
        Während für mich die 500 Zeilen Code deines Kollegen erstmal funktionieren, weißt du wie man es mit weniger besser machen kann und löst gleich noch Folgeprobleme, deren Einsicht mir verwährt bleibt.

        Du bist in beiden Fällen konstruktiv, wo ich nur ‘negativ’ oder gar nicht kritisch sein kann. Berechtigt ist imho aber doch jede Form der Kritik, auch wenn die eine über die andere hinaus geht. Ganz so ‘simpel’ sehe ich das also nicht.

        Ich habe mich oben nicht klar genug ausgedrückt, mit dem was ich als der Kritik folgend bezeichnet habe, das was nicht ‘zwangsläufig’ sein muß. Konstruktive Kritik sehe ich eben als das, was der ‘reinen’ Kritik folgend sein kann: aus der ursprünglich nur bewertenden Betrachtung (das Maßband das man anlegt, um Unterschiede zwischen dem ‘so ist es’ und dem ‘so soll es sein’ zu finden) seine Schlußfolgerungen ziehen und Besseres vorbringen.
        Insofern schafft kK aber eben neues, während K Geschaffenes auf Funktionalität bewertet. Wie das Ergebnis dieser Wertung aussieht ist erstmal egal. Wichtig ist, daß diese Bewertung Unterschiede aufzeigt und damit eine Basis legt. Ob der je einzelne Mensch, sowohl der Kritiker als auch der Kritisierte, damit dann etwas anzufangen weiß, das ist nochmal eine andere Geschichte.

        Negativ und positiv ist für mich in dieser Hinsicht nicht gleich bedeutend mit schlecht und gut; negativ meint hier nicht-schaffend, während positiv schaffend ist. Nicht-konstruktive Kritik kann als Wertung durchaus zum Ergenis haben: dies ist gut, dies ist schlecht, in Teilaspekten, oder je als Ganzes. Sie abzulehnen, weil sie eben nicht konstruktiv ist, heißt nur dem Kritiker vorzuwerfen, daß dieser nicht schaffend tätig wird. Das wiederum bedeutet u.a. auch: der Kritisierte sieht sich über dem Kritiker (‘Ich habe hier etwas geschaffen, während du mir nur meine Fehler aufzählst, mach erstmal selber!’) und ist angepißt.

        Klar sollte sein, daß konstruktive Kritik hilfreicher ist als das Aufzählen der Fehler, aber dazu muß halt auch die Befähigung vorliegen, oder der Wille dazu (wobei wir schnell bei einer weiteren zwischenmenschlichen Problematik währen). Als Basis ist die nicht-konstruktive Kritik aber Vorraussetzung für die konstruktive und man sollte ihr ihre Berechtigung nicht einfach absprechen, denn sinnvoll kann sie durchaus sein. 😉

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        • Joachim sagt:

          Man muss zwischen Bewertung und Kritik unterscheiden. Nach Foucault etwa ist es Aufgabe der Kritik nicht zu untersuchen, ob “Gegenstände”… “gut” oder “schlecht” sind. Statt dessen soll die Kritik das System der Bewertung selbst heraus arbeiten(!!).

          Also nicht etwa “der Tenor ist ein lächerlich schmales Hemd” sondern “In seiner Rolle als Held konnte er nicht überzeugen weil…”. Hier wird der Bezug zum Stück hergestellt, eine Behauptung aufgestellt, die innerhalb eines Bewertungssystems belegt werden kann (oder nicht). Immerhin hätte der Tenor “auswattiert” werden können. Das Bewertungssystem sollte das “Wesentliche”, etwa seine Stimme berücksichtigen, einigermaßen objektiv sein und Ursachen oder Verantwortlichkeiten erkennbar machen. Im Fall des schmalen Tenors kennt das Theater durchaus sinnvolle Mittel. Hier hat also nicht der Tenor versagt. Umfasst das Bewertungssystem die Qualität der Musik und deren Darbietung, so geht das “schmale Hemd” vollkommen an jeder Realität vorbei.

          Zwei Dinge sind aus meiner Sicht grundlegend, wenn es sich um nicht triviale Dinge handelt. Triviale Fälle sind Aussagen wie “mag ich oder mag ich nicht”. Das darfst Du. Das ist aber keine Kritik sondern eine Bekundung des eigenen Empfindens.

          1) Das System in dem sich Kritiker und Kritisierter befinden. In der euklidischen Geometrie berühren sich zwei Geraden höchstens in einem Punkt. In nicht euklidischen Geometrien ist das nicht (zwingend) der Fall. Ein Kritiker, der das Bezugssystem nicht erkennt, hat versagt. Und ja, er muss diese Systeme manchmal gegenüber stellen. Denn der schreibt ja für ein Publikum, das wieder ein möglicherweise eigenes Bewertungssystem hat. Kritiker müssen den Kontext berücksichtigen. Sonst sind sie nicht verständlich oder einfach unlogisch. Geradezu gefährlich ist es, ausschließlich den Kontext seines Rezipienten zu berücksichtigen, gar damit zu spielen oder zu manipulieren. Dann spricht man von Populismus.

          2) Ein Kritiker muss nicht in dem Sinn eines Künstlers schaffen. Doch er muss vielmehr eine Art “Mentor” sein. Ein Lehrer der in Massen Sechsen verteilt sollte einsehen, dass er es ist, der versagt hat. Bewertung ist keine Kritik. Sechsen sind einfach nur blöde, wenn sie nichts verbessern. Sechsen frustrieren. Kritik ist begründete Bewertung mit den Ziel, Dinge direkt oder indirekt zu verbessern. Der Kritiker muss dazu kompetent sein, zwar nicht das können, was der “Künstler” kann, jedoch muss er minimal auf Augenhöhe mit ihm sein. Er muss eine Art “Lehrer” sein. Er muss die Dinge so sehr lieben, wie der Kritisierte oder sogar noch mehr. Liebt (“Liebe” ist hier sehr abstrakt, geht über Gefühle weit hinaus. Kompetenz und die Entstehung von Kompetenz spielen da eine Rolle…) der es nicht, so sollte er es einfach lassen.

          Wenn man aber etwas aus “Liebe” tut, dann wird man nicht um des Aufsehens willen oder wegen der “Selbsterhöhung” vernichten. Es gehört zur Medienkompetenz, hier die Absichten des Kritikers oder eines Sprechers zu hinterfragen.

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        • Stony sagt:

          Ach Herrje, was hab ich da wieder angestellt…

          Bewertung ist keine Kritik.
          Kann man Kritik aber als Bewertung betrachten? Enger gefaßt, zurückgeführt auf den Ursprung unterscheiden, trennen sicherlich. Eine Reduzierung die aber nicht alles ist. In diesem Herunterbrechen auf einen Kernpunkt verwischt bei mir manchmal die Sicht; dann sehe ich den Wald, nein, nicht vor lauter Bäumen nicht, sondern weil ich nur noch eine Pflanze einzig wahrnehme und daraus auf das ganze Habitat ableite. Schon dämlich das, in vielerlei Hinsicht.

          Danke für den sanften ‘Nackenschlag’ und die praktische Vorführung dessen, was du inhaltlich beschrieben hast!

          Ps: Das mit dem mailen überleg ich mir vllt. nochmal. 🙂

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        • Joachim sagt:

          Kritik ist begründete Bewertung unter Berücksichtigung der .Bewertungssysteme.

          wg mailen: die Redaktion hier kennt kennt natürlich meine E-Mail. Es wäre wirklich sehr nett, wenn die Redaktion diese Adresse bei konkretem Bedarf an Stony weitergeben könnte.

          (Wobei ich schon öfter mal überlege, wie man einen solchen Service sicher und ohne Möglichkeit zum Missbrauch automatisieren könnte. Aber die Faulheit…)

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          • pantoufle sagt:

            Kein Problem: Gegenseitiges Einverständnis immer vorausgesetzt.

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          • Stony sagt:

            Herr pantoufle hat (hoffentlich verschlüsselte) Post.

            ps: ich übe noch, daß ich mein TB auf englisch umstellen mußte ist nicht gerade zuträglich… 😀

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  9. pantoufle sagt:

    Tikerscherk hat gerade eben meinen Text »geliked«. Da würde mich jetzt ernsthaft interessieren, ob sie den Artikel oder die viel besseren Kommentare meiner Leser meinte 🙂

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    • Joachim sagt:

      Wie, wo liken? Habe ich eine zu selektive Wahrnehmung oder nur meinen Browser zu sehr verrammelt?

      Okay, ich “like” Deinen Artikel auch (warum? nicht klar? Hoffentlich doch!). Diesmal ein sehr schönes Zeichen, Tikerscherk.

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  10. pantoufle sagt:

    @Stony & @Joachim
    Für meinen Teil klinke ich mich an dieser Stelle erst einmal aus. Nicht aus dem Thema; das ist wichtig und hat viel mit dem zu tun, was ich hier so treibe. Aber weitere konstruktive Beiträge kann ich nur in der Form bringen, wenn das Gesagte in die hier veröffentlichten Texte einfließt.
    Alles weitere wäre rein akademisch.

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    • Joachim sagt:

      Vollkommen okay, falls Du kein Problem mit dem Platz hier hast. Stony “will” ja nicht mailen 😉

      Bei der Gelegenheit bedankt für Deinen leitzten Kommentar (den ich schon “beantwortete”). Sehr schön, wenn es immer wieder etwas Neues (Mehrwert) zu entdecken gibt.

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