Presseschredder 30.12.2016

Reh.

Auf taz-Online kann man veganen Dünger kaufen. Sechseurofuffzig, 10% Rabatt für taz-AbonnentInnen und GenossInnen. Und nachhaltige Winterreifen aus biologischem Anbau, einen fairen Lattenrost und Viagra-Globuli C-60. Die letzten Fake-News des Jahres.

Bei anderen Nachrichten ist das nicht so leicht zu erkennen. Nur mal angenommen, es gäbe einen Anschlag, bei dem ein bereits seit langem behördenbekannter Anschläger nur deswegen nicht verhaftet wurde, weil man sich noch Großes von ihm versprach. Einen Anschlag zum Beispiel, der eine anstehende Wahl in die gewünschte Richtung drehen könnte. Daß der Anschläger im Sinne seiner Berufung eine sichere Bank war, weiß man durch V-Leute des LKA seit einem Jahr – daß er wirklich etwas Großes vorhat, aus seinem geklauten Mobil-Telephon. Um sicherzugehen daß auch alles klappt, schickt man ihn nicht nur, sondern begleitet ihn persönlich zum Ort des Anschlags.
Da bleiben Fragen offen: Warum hat man ihm nicht ein paar Fahrstunden auf dem Fabrikat des Anschlagsfahrzeuges spendiert? Ist der Kostendruck, unter dem die Geheimdienste arbeiten müssen, wirklich so schlimm, daß es nicht für eine direkte Bahn-Verbindung Berlin-Mailand reichte? Die Frage nach Reservemagazinen für die Waffe des Anschlägers wagt man kaum zu stellen…
Aber es handelt sich wie gesagt um eine rein hypothetische Frage. Dankenswerterweise wird das im Aufbau befindliche Wahrheitsministerium dafür sorgen, daß es in Zukunft nachvollziehbare Antworten für den Osterhasen, die Scheibengestalt der Erde und islamistische Anschläge geben wird.

Ein Erbe aus 5.340 Tonnen Papier

»Trotz alledem: Zweieinhalb Jahrzehnte nach der Öffnung der Stasiakten belegt schon die Normalität, in der die Aktenbehörde ihren Auftrag erfüllt, den Erfolg dieses beispiellosen Experiments. Einmal gewährt, ist das Recht, den von staatlicher Willkür verzerrten Teil der individuellen Biografie kennen zu lernen, nicht rückholbar. Warum auch? Was in den Lesesälen der ehemaligen Stasizentrale stattfindet, ist Staatsbürgerkunde der einprägsamsten Art. Die gesellschaftliche Resistenz gegen autoritäre und nostalgische Verlockung lässt sich wohl kaum sicherer fördern als durch die Konfrontation mit den Akten.«

Nichts hat der Bürger mehr zu befürchten als einen Systemwechsel. »Die gesellschaftliche Resistenz gegen autoritäre und nostalgische Verlockung lässt sich wohl kaum sicherer fördern als durch die Konfrontation mit …« Facebook? Das ist eigenartigerweise das erste, was mir einfällt, wenn mal wieder jemand von der ausstehenden »Systemfrage« schwadroniert. Daß der linke alte Traum vom Systemwechsel (es ist natürlich wieder die falsche Richtung) in Kürze wahr werden könnte, steht kaum noch in Frage. Eine andere Frage ist allerdings, in welchen Archiven man an welcher Stelle auftauchen sollte. Besser in gar keinem – eine Idee, die der taz offensichtlich nicht einfiel. Selbst wenn man Festplatten aneinanderstellen könnte, kämen wohl keine 178km dabei heraus. Wer kann sich schon etwas unter Petabyte vorstellen, wenn er fast 200km abschreiten kann? Bei Tempo 30.

»Wer die Akten vernichte, behindere nicht nur den notwendigen gesellschaftlichen Heilungsprozess – er vernichte auch die Chance auf eine geschichtliche und kulturelle Aufarbeitung der SED-Herrschaft.«

Laßt sie uns verbrennen, Stasiakten statt Braunkohle. Sie behindern den Blick auf das herrschende System; lediglich ihr vergleichsweise geringer Umfang taugt noch zum Vergleich des bestehenden und stetig wachsenden Datenbestandes. Den gesellschaftliche Heilungsprozess haben Aldi, Tui und die allgegenwärtigen Konsumtempel der Innenstädte längst erfolgreich übernommen.

Der Versuch, etwas über Sex-Roboter zu schreiben, endete als als Beschreibung einer Chimäre und wurde vorzeitig abgebrochen.

Verfolgt man die Diskussion des auslaufenden Jahres, so scheint an jeder Ecke ein Werbeplakat für die Toyota Schantalle 230E zu hängen. Wie aus der Bezeichnung hervorgeht, das Modell für den Herren.
Sieht man sich die tatsächlich vorhandenen Entwürfe an, drängt sich allerdings der Eindruck eines stammelnden Dildos auf. Oder dem Gegenteil davon – das soll an dieser Stelle nicht vertieft werden. Das Abendland wie wir es kennen, stirbt wieder einmal – dieses Mal über die Frage, ob Roboter einen Orgasmus nur vortäuschen oder ob sie wirklich… man sollte es nicht für möglich halten. Gemessen an den aktuellen Speerspitzen der Robotik wie Hondas Asimo, den Atlas von Boston Dynamics oder Pepper von Aldebaran Robotics SAS/SoftBank Mobile Corp. an, kommt einem alles mögliche in den Sinn – nur nicht die Montage von primären oder sekundären Geschlechtsmerkmalen. Bei aller Hochachtung vor der Leistung von Hondas Ingenieuren, aber mit dem humanoiden Bewegungsapparat eines Vamps hat das noch wenig zu tun.
So läßt man konsequenterweise die Kreationen für den sexuellen Gebrauch nicht laufen oder auch nur auf allen Vieren kriechen. Sie können sitzen oder liegen und das auch nur dank der Schwerkraft. Von ihre Vorgängern unterscheiden sie sich technologisch hauptsächlich dadurch, daß man sie nicht aufblasen muß. 6.000 – 40.000 $ für eine Sexpuppe, die Mama und Papa sagen, sich aber nicht bewegen kann? (Und nein: Das wird sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern!)

»Vorteile von Sexrobotern sind ständige Verfügbarkeit, relativ gute Hygiene bei richtiger Verwendung und Entlastung von Sexarbeiterinnen und -arbeitern. Nachteile sind die eingeschränkte Bandbreite bei der Befriedigung und die geringe Akzeptanz in der Bevölkerung.«

Der Indikativ Präsens klingt zwar nicht so optimistisch, wäre aber geboten. Wem ist schon ein Sexroboter bei der Arbeit begegnet oder auch nur im Katalog von Orion? »Frigid Farrah«, »Wild Wendy« oder »S&M Susan« sind bis auf weiteres Schaufensterpuppen mit Internetanschluß, ein weiteres Element des IoT. Mit allen bekannten Vor- und Nachteilen: Die ungeklärte Haftungsfrage bei Unfällen ist eine davon. Wer haftet, wenn man beim Ins-Bett-Schleppen des Androiden einen Bandscheibenvorfall erleidet? Ist Identitätsverlust durch fehlerhafte Updates oder die urplötzliche Wandlung von »Shy Emma« in »SM-Lisa« (mit allen körperlichen Folgen für die Besitzer!) ein Teil der Sachmangelhaftung? Wird das Abschalten des Hersteller-Servers bei Insolvenz o.Ä. zum Scheidungsgrund, bei dem der Hersteller Unterhaltspflichtig wird?

Wie gesagt: Eine Scheindebatte! Roboter gibt es längst, auch wenn sie anders aussehen als in den Science Fiction der Sechziger Jahre. Sie fliegen – aus sicherer Entfernung ferngelenkt oder automatisch – über Städte und Dörfer und töten Menschen wahllos für Öl. Drohnen… wer hätte gedacht, daß man Roboter einmal so nennt? Aber das ist erforderlich, um Zusammenhänge zu verschleiern. Deswegen wohl auch eine breite Diskussion über die moralische Verdammnis sprechender Mösen und Schwänzen aus Plastik: Das und nichts anderes ist die Forderung unserer Zeit!

Ach, und in diesem Zusammenhang hat die Redaktion der Schrottpresse noch einen echten Hoax eine echte Fake-News: Geheime Reichssache – Das Borghild-Projekt 1941! Auch davon hat der Führer nichts gewußt!

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5 Kommentare zu Presseschredder 30.12.2016

  1. OldFart sagt:

    Ist es auch Irrsinn, so hat es doch Methode. Ich habe mal eine Doku gesehen, wie alle handzerrissenen Stasi-Aktenschnipsel gescannt, in eine Datenbank eingepflegt und mit eigens entwickelter Software automatisiert zusammengepuzzelt werden. Man vergleiche mal den Aufwand, der hier getrieben wird, mit den Aufklärungsaktivitäten in Sachen NSU, BND, NSA, Ramstein & Co. (Liste nach eigenem Ermessen erweitern).

    Aber im einen Fall geht es halt um die Festigung des Bilds vom bösen Feind und spielt in der Vergangenheit. Außerdem lenkt es den Fokus weg von hier und jetzt.
    Während im anderen Fall wir, DIE GUTEN™, in der Gegenwart auf eine Weise den Repressions-, Terror- und Überwachungsstaat kultivieren, daß die antiquierte Stasi dagegen wie ein Kindergeburtstag wirkt. Der schiere Vergleich von Stasi-Datensammlung und dem, was die NSA mit heutigen Mitteln hier und jetzt in Kooperation mit „unseren“ SICHERHEITSBEHÖRDEN™ so zusammenträgt sollte die Sicht doch eigentlich geraderücken. Das zum Punkt „178km“.

    Ich habe es an geeigneten Testsubjekten probiert und prompt die übliche Reaktion geerntet. Stasi: schlimm-schlimm. Hiesige Totalüberwachung: Habe-doch-nix-zu-verbergen. Die Methode funktioniert offenkundig. Dummerweise wird die tumbe Majorität mit dem ganzen TERROR™ Bohei in Panik gehalten. Und da fahren die Leut voll drauf ab. Ich verzweifel an dieser Idiotie. Daß ebendiese SICHERHEITSBEHÖRDEN™ wie immer in der Inszenierung bis zum Hals mit drinstecken ist ganz klar nur Verschwörungstheorie.

    Bleibt am Ende die wenig hoffnungsfrohe Frage: Wie kann man etwas Aufklärung an diese Leute heranbringen, bevor uns das in Arbeit befindliche Wahrheitsministerium ganz und final die Gurgel zudrückt?

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    • GrooveX sagt:

      alles andere (von dem es viel gibt!) wegblendend, kann ich mir gut vorstellen, dass die stasischnipsel dringend nach kompromitierendem material durchsucht werden mussten. denn wenn man wusste, dass die wussten, was man hätte wissen müssen, dann war ein gründlicher scan aller geschredderten akten größter not geschuldet. da konnten keine finanziellen kompromisse eingegangen werden. die propagandalinie war da nur das kolorit, denke ich mal.

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  2. Pantoufle sagt:

    Moin OldFart

    Ja, die beim NSU verwendeten Schredder scheinen von weit überlegener Qualität gewesen zu sein. Das ist schon auffällig.
    Ist doch aber ebenso auffällig, daß dieses Archiv mit Lust herangezogen wird, um das »Unrechtsregime« DDR zu belegen. Als würde nicht allein seine Existenz die Legitimität jedes ähnlich gearteten Archives und seiner Betreiber infrage stellen; vollkommen unabhängig seiner Größe.

    Für einen überschaubaren Zeitraum kann ich das Bedürfnis von Betroffenen nachvollziehen, Täter zu identifizieren und ihnen einen Namen zu geben. Ob es der Gerechtigkeit dient, ist dabei eine andere Frage, eine, die ich nicht beantworten kann und möchte. Dafür gibt es die Justiz. Wobei einem ziemlich unwohl wird, wenn man z.B. bei der Landesbeauftragten des Stasi-Archivs Sachsen-Anhalts liest, die Aufarbeitung diene unter anderem auch den Folge-Zusammenhängen von NS- und SED-Diktatur. Da ist dem Missbrauch allein durch die Wortwahl Tür und Tor geöffnet.
    Die Opfer hatten nun 25 Jahre Zeit, um Einsicht in ihre Akten zu erhalten, einer zumutbaren Zeitspanne. Welche »Wahrheit « könnte jetzt noch ans Licht kommen? Das Beispiel Andrej Holm zeigt nur zu deutlich, wessen Wahrheit dort gesucht wird und nach welchen Kriterien aussortiert wird. Es ist ein elementarer Unterschied, ob man die Aufarbeitung solcher Archive Historikern oder Politikern überläßt.

    »Wie kann man etwas Aufklärung an diese Leute heranbringen…«

    Gar nicht. Kein Archiv ist per se dazu geeignet, eine Lebenswirklichkeit zu erklären, kein Buch, kein Power-Point-Karaoke. Erklären kann man nur das, wofür es ein Interesse an Erklärungen gibt.

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  3. tikerscherk sagt:

    Zum Jahreswechsel wollte ich Dich, liebster Pantoufle, noch einmal von ganzem Herzen, und dieses Mal zielgerichtet, anflirten (komme gerade von Annika).
    Schön, dass Du da bist. Ich bin sehr froh, dass 2016 Dir nicht mehr anhaben konnte und für 2017 erhoffe ich mir noch mehr Deiner fucking fantastic Prosa.

    In herzlichstem Überschwange sende ich Dir 10.000 schillernde Hauptstadtbussis!

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    • Pantoufle sagt:

      Ach, Tikerscherk
      Ja, ich hab’s auch gelesen und mir fiel partout nichts rasend komisches ein. Nur viel Dankbarkeit darüber, daß es Dich noch gibt und mich natürlich auch. »Nicht zielgerichtet…« hat sie geschrieben, das Mädchen. Hat sie kein Ziel? Kein Königskind?
      Prosa… Ich weiß nicht, ob 2017 ein Jahr für Prosa oder eher für Lyrik ist. Lyrik schreiben kann ich nicht. Ich möchte Dein Garten sein.

      Ich will ein Garten sein
      Ich will ein Garten sein, an dessen Bronnen
      die vielen Träume neue Blumen brächen,
      die einen abgesondert und versonnen,
      und die geeint in schweigsamen Gesprächen.

      Und wo sie schreiten, über ihren Häupten
      will ich mit Worten wie mit Wipfeln rauschen,
      und wo sie ruhen, will ich den Betäubten
      mit meinem Schweigen in den Schlummer lauschen.

      R.M. Rilke

      Dir wünsche ich ein wunderbares, neues Jahr und ein Atemhauch streicht über Deine Stirn.
      Pantoufle

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