Presseschredder 28.9.2017

»Opposition ist Mist«, fand der ehemalige SPD-Vorsitzende Müntefering noch vor nicht allzu langer Zeit. In welcher Tonne verschwanden eigentlich die ganzen Argumente für die große Koalition? Leichteres Durchkommen im Bundesrat? Pöstchen ergattern? Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier hatte den Deutschen in Aussicht gestellt, als Bundeskanzler bis 2020 vier Millionen Arbeitsplätze entstehen zu lassen und der Arbeitslosigkeit den Todesstoß zu versetzen (na, wer erinnert sich?)
Wenn Ignoranz zur Psychose wird, dann nimmt man die Nahles, Mrs. 10% und neunzigprozentige Zustimmung von Seiten der SPD-Fraktion für Andrea, die »widiwidewiesiedirgefällt«-Stimmungskanone. Macht 100% Kanzlerkandidatin. Auch nach Jahren engagiertem Interesse in politische Abläufe und Verfahrensweisen bleibt das ein Rätsel. Wer am Boden angekommen ist, sollte eigentlich aufhören zu buddeln – und nicht einem seelenlosen Apparatschik ( löchriger Mindestlohn, Leiharbeit und Werkverträge, Schwächung der Gewerkschaften, (Mutterschutz/Elternzeit, Rauswurf von Sarrazin) einen Spaten in die Hand drücken.
Jetzt also mindestens ein Fenster pro Betriebstoilette bis 2021.

Ohne Worte (via daMax)

Die Law & Order-Junkies können sich wieder hinsetzen und den Sabber von der Fresse wischen: Die Besetzung der Volksbühne in Berlin ist beendet. Sinn- und gewaltlos wurden die letzten Besetzer nach einem turbulenten Vormittag von der Polizei aus dem Gebäude geführt. Der neue Intendant Chris »MacBeth« Dercon hatte die Polizei eingeschaltet und Anzeige gegen die Besetzer erstattet. Das durfte er – jedenfalls nach der Bundestagswahl.

Na ja – immerhin die Polizei ist noch da und hat sich dem ungewohnten Umfeld schnell angepasst. Ist das auch eine Performance?

Unberechtigt in einem Volkstheater: Ein interessanter Straftatbestand!
»Die Theater-Besetzer wollten eine „kollektive Intendanz“ erreichen, um mit Stadt, Senat, Mitarbeitern und Künstlern ein neues Konzept für die Volksbühne zu entwickeln.«, Theater für alle.

»Die Berichterstattung über die Besetzung der Berliner Volksbühne  in der Presse und auch die Kommentare der Intendanten anderer Theater (gesammelt in der SZ vom 26. September) leben von der scheinbar selbstverständlichen Prämisse, das ganze Theater sei in einem Handstreich von den Besetzern übernommen worden, deshalb sei kein Probenbetrieb mehr möglich, die dort arbeitenden Künstler seien von den Besetzern verdrängt und die Produktionsmittel und -räume gewaltsam angeeignet worden. […] Einen solchen Akt der Okkupation ohne Rücksicht auf die dort bereits Arbeitenden hat es nicht gegeben. Die Besetzer und ihre Sympathisanten halten sich lediglich in der Kassenhalle und in den Theaterfoyers  auf. […]
Die von Dercon auf Kosten des Ensembles aufgeblähte  Marketingabteilung sollte sich auf diese smarten jungen Leute stürzen. Sie haben mit den Protesten des bisherigen Volksbühnenpublikums, die sich unter anderem in einer dem Kultursenator überreichten Petition mit über 40000 Unterschriften niederschlugen, und mit dem  Widerstand von großen Teilen der Belegschaft der Volksbühne wenig zu tun. Aber das muss nicht gegen sie sprechen.«

Carl Hegemann, Autor, Theaterschaffender, Professor für Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig in der FAZ.

40.000 Unterschriften für den Erhalt der alten Volksbühne. Das ist soviel, wie Grüne, SPD, CDU und die LINKE in Berlin zusammen an Parteimitgliedern haben (42555, Stand 2016). Es muß wohl um andere Dinge als so unwichtiges Zeug wie Theater und Kultur gehen, damit jemand aufwacht und solche Zahlen ernst nimmt. Hocheffiziente Geldverbrennungsmaschinen wie Theater und Orchester bieten zudem genügend Gründe, sie einmal für längere Zeit zu besetzen; warum also nicht gerade etwas, was sich Volksbühne nennt?
Nun ja! Klaus Lederer, Senator für Kultur in Berlin, hat sich seine Sporen verdient. Auch eine Art von Kultur.

Konter & Revolution: Senat verpasst die Chance auf einen kulturellen Freiraum und ein Signal für Stadt von unten.

Neues Deutschland: Der Verlierer heißt Lederer

taz: Ein einmaliges Experiment

Um zum guten Schluß noch ein vollkommen sinnloses Netz-Fundstück unteruzubringen: Hurra@Patriot aus dem Glashaus Twitter, degeneriertes Hausmaskottchen der Schrottpresse, wollte auch noch was sagen

Und damit allen Lesern einen schönen Feierabend.

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5 Kommentare zu Presseschredder 28.9.2017

  1. Wie schrieben Sie neulich? “Die SPD: Wird wegen Mangel an Relevanz nicht kommentiert.

    Falls das nun doch irgendwie sein muß, vergleicht man am besten die jüngste Rede von Jeremy Corbyn mit dem SPD-Erneuerungsaufruf von Marco Bülow und ist mit dem Thema dann eigentlich auch schon wieder fertig. Nur zu Andrea Nahles hätte ich noch eine Ergänzung: die verzögerte (Mutterschutz/Elternzeit) und verhinderte auf diese Weise den 2. Sarrazin-Rauswurf-Versuch (sie bestand auf die Leitung des Parteiausschlußverfahrens) – halte ich für unverzeihlich, neben Hartz lV in seiner gängelnden Praxis.

    Zur Volksbühne wärmstens empfehlen möchte ich eine rbb-Dokumentation (von Lutz Pehnert), in der Arbeitergroschen, weitere Entstehungs-, Früh- und DDR-Geschichte und die Traditionsfortführung bis Ende der Castorf-Ära ausführlich beleuchtet werden.

    In der Decron-Ära ist es nur logisch, im Volk und seiner Bühne “Unberechtigte” auszumachen. Ayayayay.

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  2. Pantoufle sagt:

    Moin Dame

    »Na, also ick bin ja eijentlich, bei Licht besehn, ein alter, jeiebter Sosjaldemokrat. Sehn Se mah, mein Vata war aktiva Untroffssier … da liecht die Disseplin in de Familie.«
    Hier liege ich und konnte nicht anders. Aber die fehlenden Punkte habe ich natürlich gerne ergänzt. Auch wenn das vermutlich immer noch unvollständig ist. Sie ist halt ein bewährter Spaltpilz der Sosjaldemokratn.

    Das is ja ne scheene Film!
    Da bekommt der Decron ja gleich eine ganz andere Duftnote – wobei: Man muß auch einfach mal abwarten, was er daraus macht! Auch wenn der Start einfach extrem unglücklich ist. In erster Linie trifft’s wohl den Lederer, der sich von den Scharfmachern im Senat treiben ließ.
    Nehmen wir einmal an, daß C. Hegemann in der FAZ recht hat, wenn er sagt:

    »Die Aufgabe, die Dercon offenbar vertraglich übernommen hat und die im Entwurf des Wirtschaftsplans 2017/18 festgehalten ist – nämlich die Volksbühne als Repertoire- und Ensembletheater mit der fast kompletten bisherigen Belegschaft zu erhalten und sie gleichzeitig in eine „Plattform“ für  Einkauf, Herstellung und Distribution  internationaler Koproduktionen von Kunst nahezu jeder Art zu verwandeln, wobei der Name Volksbühne als „Dachmarke“ fungieren soll – ist unlösbar. Die Entscheidungsträger in der Kulturpolitik, die sich das ausgedacht haben, waren ahnungslos. Und Herr Dercon, der dem zugestimmt hat, offensichtlich auch. Und das Parlament, das solche Entscheidungen prüfen müsste, scheint es gar nicht mitgekriegt zu haben. Aus diesem „Plan“ wird nichts werden.«

    Das klingt so vertraut, daß es wohl genau so war. Ahnungslose Politiker, schwindelfreie Intendanten und der Auswurf in ihrem Anhang und die Sicherheit, daß Theater im Zweifel einfach nur rasend viel Geld aus Steuergeldern brauchen.

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  3. OldFart sagt:

    Das Plakat von Klaus Staeck mach mich wehmütig. Vor 40 Jahren war er ein Kämpfer für soziale Gerechtigkeit und Frieden. Unvergessen der Eklat, als er der CDU ihre teils offene, teils klammheimliche Sympathie für den Putsch in Chile vorhielt. Dort begann übrigens des Siegeszug der Chicago Boys und der neoliberalen Heilslehre.

    Heute hält er Nibelungentreue zur SPD, redet die Agenda 2010 schön und hat keine Probleme, wenn das Führungspersonal die neoliberale Umverteilung von unten nach oben “gesetzlich” festschreibt und offenen Sozialrassimus und Sozialdarwinismus für kompatibel mit dem Parteiprogramm befindet. An der Mitarbeit und Zustimmung ebendieses SPD-Führungspersonals an Krieg, Verschleppung, Mord und Folter hat der ehemalige Kämpfer auch nichts mehr zu beanstanden. Stattdessen publiziert er: “Für mehr Gerechtigkeit in Deutschland mit einer starken SPD”. Ja genau, mit Hartz 4, Tarifeinheitsgesetz und Altersarmut. Junge, Junge, bei solcher Geistesverwirrung halte ich einen Arztbesuch und Entmündigung für dringend angezeigt.

    Wenn ich sowas sehe, frage ich mich immer, ob man im hohen Alter (er wird demnächst 80) notwendigerweise so werden muß. Beispiele sind Legion. In dem Kontext naheliegend der Otto Schily: vom RAF-Verteidiger über Grüne bis zur SPD und ebendort dann der Fanatiker des Überwachungs- und Repressionstaats. Auch so ein geriatrischer Spezialdemokrat. Wenn ich auch mal so abgleiten sollte, möge man mich bitte erschießen.

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  4. GrooveX sagt:

    “Unvergessen der Eklat, als er der CDU ihre teils offene, teils klammheimliche Sympathie für den Putsch in Chile vorhielt. Dort begann übrigens des Siegeszug der Chicago Boys und der neoliberalen Heilslehre.”

    und auch das hat sich im laufe von vier jahrzehnten dynamisch entwickelt. nur während man die anderen dafür versucht, so schnell wie möglich totzukriegen, wird es bei den einen, so gut es geht, totgeschwiegen.

    auch’n aspekt…

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  5. Pantoufle sagt:

    Na ja: Wegen seiner Nibelungentreue zur SPD hängt der Staeck natürlich nicht dort an der Wand. Eher aus Erinnerung und Nostalgie. Viele Dinge überleben sich ja und warum sollte die SPD im 21. Jahrhundert ihre eigenen Villen enteignen?
    Ob man so werden muß? Nein, eigentlich nicht. Ich habe gerade eine lesenswerte Laudatio zu Wallraff in der Süddeutschen gelesen, aber soweit muß man gar nicht blicken. Ich habe in meinem Bekanntenkreis genügend Beispiele von Menschen, die im hohem Alter normal bleiben. Man muß sich nicht an den omnipräsenten Negativbeispielen orientieren. Es liegt an jedem einzelnen.

    Otto Schily war einer der Verteidiger, ein anderer war Hans-Christian Ströbele, Horst Mahler suchte Unterschlupf in Ungarn. Was wird aus einem Menschen, wenn man von Seiten der Springerpresse in diesem Zusammenhang das Wort Anwalt 30 Jahre lang nur in Anführungszeichen schreibt?

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