Presseschredder 28.10.2016

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, fallende Blätter und Straßenbahnschienen machen das Motorradfahren wieder spannend und auch sonst bekommt man allerorten das Gefühl, alles würde in einer gewissen Lustlosigkeit versinken. Es wird wohl Zeit, daß die Weihnachtszeit, die schöne, um sich schlägt und umgetopften Osterhasen wieder im Schaufenster stehen. Glühwein, Mandelbaum und Blockflöten.

Kanzlerin Merkel empfiehlt gegen das Gefühl, vom Islam überrollt zu werden, sich wieder auf deutsche Kerntugenden und Leitkultur zu besinnen; AFD und anderen den Wind aus den nationalen Segeln nehmen und ihn statt dessen durch eine Flöte jagen:

»Wie viel christliche Weihnachtslieder kennen wir denn noch und wie viel bringen wir denn unseren Kindern und Enkeln noch bei? Dann muss man eben mal ein paar Liederzettel kopieren und einen, der noch Blockflöte spielen kann […] mal bitten«

Man kann durchaus geteilter Meinung darüber sein, ob die gemeine Blockflöte das geeignete Mittel gegen Pegida und AFD ist. In der Einzelanwendung und viel Mangel an Talent sicherlich, als Massenvernichtungswaffe eher nicht.
Auch in anderer Hinsicht zeugt der Vorschlag von treudoofer Naivität. Im Neuland wird einen der Tip der Kanzlerin schnell in Kontakt mit Content-Mafia und GEMA bringen, eine Erfahrung, die Schulen und Kindergärten alle Jahre wieder machen. Die Kindergärtnerin, die »eben mal ein paar Liederzettel« kopiert, wird sich kaum auf die Empfehlung der Kanzlerin rausreden können. Wobei: Einen Versuch wäre es wert!

Etwas weniger lustig ist der Aspekt, gegen Fremdenfeindlichkeit, rechte Gewalt und nationalistische Hassgesänge nichts besseres aus dem Arsenal zu rollen als ausgerechnet die Blockflöte. Daß Frau Merkel das »ganz ehrlich meint«, ändert wenig an der Dürftigkeit ihres Vorschlages. Die besorgten Bürger der Montagsspaziergänge trugen so gut wie nie Kreuze mit einem Jesus, öfter dagegen solche mit Haken. Blockflöten gegen rechte Schlägertrupps. Nun ja!

Da lacht der Kriminalbeamte: Der Mord geschah, weil der behandelnde Chirurg das Skalpell, mit dem er die verschiedenen Operationen ausführte, niemals sterilisierte.
Ach nein – das war ja eine andere Geschichte. Außerdem nennt man das Kunstfehler.

Auf der Suche nach dem Mörder der Polizistin Michéle Kiesewetter, deren zwei Kollegen Mitglieder des Ku-Klux-Klans waren, führten DNA-Spuren zu einer Massenmörderin, deren genetische Fingerabdrücke an wenigstens 40 weiteren Tatorten nachgewiesen wurden. Die Ermittlungsbehörde »Parkplatz« konnte sie zweifelsfrei einer Verpackungsarbeiterin zuordnen, die es aber nicht gewesen sein wollte. Da sie beruflich stark eingespannt und auch sonst wenig reiselustig sei, wäre es ihr unmöglich gewesen, an so vielen Orten – und das zum Teil noch gleichzeitig – zu weilen. Eine Ausrede, der sich die ermittelnde Staatsanwaltschaft nach zwei Jahren ebenfalls anschloß.
Man einigte sich auf ein Mördertrio aus der rechten Szene, was umso leichter fiel, da der vermutete Täter – wenn auch aus unklaren Gründen – bereits 2011 das Zeitliche gesegnet hatte.

Fünf Jahre nach dem Tod des rechten Terroristen findet man ein weiters Opfer von jenen Mördern (das Charter des Ku-Klux-Klans ist mittlerweile aufgelöst), wiederum mit eindeutigen DNA-Spuren. Der vermutliche Mörder des Kindes, dem diese Spuren zugeordnet werden können, ist immer noch tot, weshalb in alle Richtungen ermittelt wird.
Um die Ermittlungen spannend zu halten, hatten militärischer Abschirmdienst, Verfassungsschutzbehörden und Polizei die vergangenen Jahre damit verbracht, möglichst viele Akten über den (bzw. die ) Täter zu vernichten. Ein Vorgang, den die Öffentlichkeit mit Verwunderung zu Kenntnis nahm… aber wenn’s der Sache dient?

Gerade als die letzte Überlebende der Terrorbande über den Mord und den vermuteten Täter eine Aussage machen will, präsentieren die Ermittler die Panne zu beheben alle Pannen: Nach fünf (!) Jahren sei das Ermittlungswerkzeug (ein Zollstock) erstmalig wieder zum Einsatz gekommen und da hätte man doch glatt vergessen, mal kurz mit dem Lappen die Blutspuren der letzten Leiche zu beseitigen.
Kann ja mal vorkommen!
Nun kann endlich wieder in alle Richtungen ermittelt werden – die Eltern des toten Kindes werden es mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen. Die Sache ist in guten Händen!

Wie jetzt? Das war ein Scheißkrimi? Völlig unglaubwürdig, verworren, dumm und unzusammenhängend? Ein ARD-Tatort mit einer Einschaltquote von 0,1%?
Na, dann eben was anderes:

Alle Jahre wieder
Kommt das Christuskind
Auf die Erde nieder,
Wo wir Menschen sind;

Kehrt mit seinem Segen
Ein in jedes Haus,
Geht auf allen Wegen
Mit uns ein und aus;

Ist auch mir zur Seite
Still und unerkannt,
Daß es treu mich leite
An der lieben Hand

Hoffentlich ist der Text gemeinfrei.

Nachtrag:

So ist das manchmal: Eben gerade gelesen bei Telepolis.

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8 Kommentare zu Presseschredder 28.10.2016

  1. R@iner sagt:

    Moin. Wir könnten den Zollstock “Metermaaßen” nennen und das Gedicht trifft wohl auch eher auf den Verfassungsschutz und den Zugriff eines Sondereinsatzkommandos zu.

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  2. R@iner sagt:

    Ich pappe das einfach mal hin:

    http://i.imgur.com/4aIEsfT.png

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  3. pantoufle sagt:

    Mensch, stimmt ja: Da sind heute vorgezogene Neuwahlen wegen der Panama-Papers. Und Wahlen in Island sind ja immer für Überraschungen gut. Morgen sind wir schlauer. Ein nicht mehr ganz so überraschender Sieg für die Piraten wäre allerdings eine schallende Ohrfeige für die heimischen Gewächse, die sich mittlerweile nicht zu schade sind, selbst für die FDP anzutreten.
    Mal sehen.

    Thematisch bin ich allerdings gerade ganz woanders. Türkei schon wieder. Selbst der Deutschlandfunk stellt nun fest, daß die Situation »komplett aus den Fugen« geraten sei.
    Morgen gips dann wahrscheinlich wieder die gute Nachricht, daß die Kanzlerin ihren Kollegen Erdogan völlig im Griff hat.

    »An staatlichen Bühnen in der Türkei würden seit Beginn der Theatersaison keine ausländischen Autoren mehr gespielt. Nur noch Stücke türkischer Autoren, die “mit der türkischen Nation übereinstimmen”, schafften es auf die Bühnen des Landes. Kunst und Kultur in der Türkei würden mittlerweile immer mehr als “entartete Kunst” angesehen.«

    Lale Akgün

    Etwas Alarmismus in der Süddeutschen »die Türkei steht kurz vor einem Bürgerkrieg« von Yavuz Baydar. Nun ist der Mann kein Idiot und was wissen wir denn schon, was dort tatsächlich passiert. Bundesdeutsche Medien haben den Grundsatz, daß bestimmte Nachrichten die Bevölkerung nur verunsichern, gründlich inhaliert.

    Da ist man von der Nachricht, daß die Konservativen in Island ihr kurzes Gastspiel bereits wieder beenden, natürlich positiv angetan.

    Außerdem hat der Kiezneurotiker Geburtstag und ich hab noch gar nicht gratuliert, was er aber sicherlich verschmerzen wird.

    P.S. Ach ja, und dann war da ja auch noch Griechenland. Das Handelsblatt registriert das Desaster, nennt die vermutlich richtigen Zahlen und liegt nur in der Analyse ein paar Lichtjahre daneben. Handelsblatt.com eben.

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    • DasKleineTeilchen sagt:

      ach sieh an; plötzlich “darf” man auch im mainstream bezüglich erdogan nen soften godwin pullen, ohne gleich als notorischer VTler dazustehen? na immerhin.

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  4. R@iner sagt:

    Erdogan will schnell Todesstrafe wieder einführen

    [..] Dass das türkische Militär Kriegsverbrechen begeht, kann nun unmissverständlich belegt werden: In den sozialen Medien kursiert ein Video, aufgenommen von einem beteiligten türkischen Soldaten in den Bergen im Südosten. Darauf ist zu sehen, wie zwei Frauen mit mehreren Schüssen hingerichtet werden. Nach der Exekution sagt einer der Soldaten: “Jetzt ist genug. Stoppen wir.” [..]

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