Presseschredder 22.8.2016

Stimmt das Datum überhaupt? Redaktionssitzung bei der Schrottpresse. Datum stimmt! »An der Rezeption erhalten unsere Gäste die Gebrauchsanweisung, wie man auch bei uns im tiefsten Süden der Republik Zugang zum Internet erhält!«
Der Gang zur freundlichen Dame am Tresen war ein Gang zuviel – Chefredakteur Pantoufle hatte auch so genug zu laufen. Nachrichtensperre für ein paar Tage. Ist eigentlich schon mal jemandem aufgefallen, daß man im Netz zwar ausgezeichnet die Ereignisse der letzten 48 Stunden nachvollziehen kann, nicht aber die der vergangenen Woche? Übersichtlich wird es erst wieder im Jahresrückblick zu Silvester. Es gibt viel zu wenig Jahresrückblicke.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière, diese unselige Mischung aus dem Erbgut Hans-Peter Friedrichs, Karl-Eduard von Schnitzlers und Eduard Zimmermanns, stellt sich nachdrücklich als Fehlentwicklung heraus. Was bei Dolly dem Klonschaf noch als nobelpreisreifes Experiment durchgeht, ergibt nicht unbedingt einen nützlichen Innenminister.
Jedes abfallende Teil einer Türinnverkleidung des Autos (das von Kindern verschluckt werden kann!) führt zu einer weltweiten Rückrufaktion. Bei einem Innenminister dagegen darf auch die komplette Fassade am Stück herunterfallen:

»Jeder Museumsbesucher ist längst daran gewöhnt, daß er am Eingang Tasche oder Rucksack abgeben muß. Wir werden uns an erhöhte Sicherheitsmaßnahmen wie längere Schlangen, stärkere Kontrollen oder personengebundene Eintrittskarten gewöhnen müssen. Das ist lästig, unbequem und kostet Zeit, ist aber für mich keine Einschränkung der Freiheit. Wenn wir das Oktoberfest absagen würden, wäre das eine Einschränkung der Freiheit.«

Dazu könnte man durchaus anmerken: Nein, längst nicht jeder hat sich daran gewöhnt und es existiert überdies kein Grund sich gewöhnen zu müssen. Die Behauptung, man müsse es, ist keine Begründung.

Es ist die nicht unbekannte Nebelkerze »fordere etwas vollkommen Widersinniges, um vom eigentlichen Zweck der Übung abzulenken.« Ginge es nach de Maizière, soll an Bahnhöfen und Flughäfen eine automatische Gesichtserkennung Terrorverdächtige aufspüren. Automatisch. Terror. Bahnhof.
Fassen wir also zusammen: Zu einer öffentlichen Veranstaltung fährt man mit einem autonom gesteuerten Auto, dessen Ziel man mit einer iPhone-App festlegt. Dort angekommen stellt man sich in eine kilometerlange Schlange, bei der die Gesichtserkennung genügend Zeit zur Erfassung des Terrors bekommt. Man gibt seine persönliche Habe am Eingang ab, wird kontrolliert und im folgenden von einer unterbelichteten Security bewacht. Der Rückweg über den Umweg Restaurant oder Kneipe in umgekehrter Reihenfolge. Was taten Sie am Vormittag des 16. April in der Wohnung des Opfers?

Ein semantisches Nullsummenspiel: Nach ihrer Abschaffung entfällt logischerweise die Einschränkung von Freiheit, reduziert auf die Forderung, die Überwachungsinstrumente aus eigener Tasche zu bezahlen.
Nötige Reaktion auf das schreckliche Ereignis in München, als eine oktoberfest-sturzbesoffene Niqab-Trägerin die Bombe explodieren ließ, die sie in ihrem Rucksack ins Deutsche Museum geschmuggelt hatte.

»Die Sprache ist weder reaktionär noch progressiv, sie ist ganz einfach faschistisch; denn Faschismus heißt nicht am Sagen hindern, es heißt zum Sagen zwingen. Sobald sie hervorgebracht wird, und sei es im tiefsten Innern des Subjekts, tritt die Sprache in den Dienst einer Macht. Unweigerlich zeichnen sich in ihr zwei Rubriken ab: die Autorität der Behauptung und das Herdenhafte der Wiederholung.«

Roland Barthes, 1978

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10 Kommentare zu Presseschredder 22.8.2016

  1. OldFart sagt:

    Ich lese da eine gewisse Konfusion darüber heraus, daß unter der Flagge der “Freiheitsbewahrung” und mit viel diesbezuglichem Wortgetöse ebendiese Freiheit abgeschafft wird. Ein gängiges Motiv übrigens, in dieser Sache ist ja unser präsidiale Pastor geradezu leuchtturmhaft unterwegs.

    Nun, die Konfusion verringert sich, wenn man mal nachschaut, WESSEN Freiheit jeweils gemeint ist. Neben wir das genannte Beispiel und Zitat: Oktoberfest. Kommerzrummel ist um jeden Preis zu gewährleisten, andernfalls ist die Freiheit™ bedroht. Die der unternehmerischen Profiterzielung nämlich. Daß der Zugang zum Rummel quasimilitärische Begleiterscheinungen für die Besucher zeitigt, die dann auch noch verstetigt und dauerhaft allgegenwärtig implementiert werden, das ist ein ganz anderes Ding, versteht sich. Ganz andere Freiheit!

    Ich greife mal tief in mein Schatzkästchen und stelle ans Ende meiner Wortmeldung auch ein Zitat. Schmetterlinge, Proletenpassion, 1977:

    Wer möglichst viele Möglichkeiten hat, dessen Freiheit ist es.
    Hat der Arbeiter möglichst viele Möglichkeiten,
    ist es die Freiheit des Arbeiters.
    Hat das Kapital möglichst viele Möglichkeiten,
    ist es die Freiheit des Kapitalisten.
    Schau um dich, wer möglichst viele Möglichkeiten hat,
    und du weißt, wessen Freiheit das ist.

    40 Jahre her: https://de.wikipedia.org/wiki/Proletenpassion

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  2. Rucksäcke verboten, aber Golftaschen und Diplomatenkoffer erlaubt. Quo vadis, Klassengesellschaft?

    Statt der Burka sollte man die Jogginghose verbieten.

    Seit dem AfD-Parteitag bei uns in Bingen prangt der Spruch “Nationalismus ist keine Alternative” am anderen Rheinufer. Nur das K wurde entfernt, aber wieder erneuert. Jetzt lese ich bei indymedia, dass es sich um eine Antifa-Gruppe handelt, die um zwei Ecken vom Bundesfamilienministerium finanziert wird. Sie prahlen mit den 30 Litern Farbe, die sie verbraucht hätten. Es sei die neue Wacht am Rhein, heißt es. Buben- und Mädchenstreiche, so was haben wir früher ohne Presseerklärung in der großen Pause erledigt.

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  3. da]v[ax sagt:

    Diese Aussage von der Misere in der Tagesschau (“…muss man sich halt gewöhnen…”) hat bei mir auch wieder zu einem spontanen Wutausbruch geführt. Und direkt im Anschluss “rät” Unsere Geliebte Bundesregierung zu Vorratskäufen, damit wir im Falle eines atomaren Erstschlags des irren Iwan mindestens 3 Wochen untertage ausreichend zu trinken haben.

    Die tun echt alles, um uns im Panikmodus zu halten. Sowas von eklig.

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  4. pantoufle sagt:

    @OldFart

    Konfusion trifft es nicht – das wäre wie Mitleid mit der türkischen Gefängnisverwaltung, daß sie vor lauter Überfüllung Gefangene wieder entlassen müssen. Es ist eher das Erstaunen, mit welche Gelassenheit und Naivität man die wahnwitzigsten Zusammenhänge konstruiert und sie dem Volk, dem doofen, als kalte Vorspeise serviert.

    Ich vermute dahinter den Grund, aus welchem man Twitter und Facebook nicht verboten hat. Diese Verdummungsmaschinen sind einfach genial. Wer das schluckt, schluckt alles.

    »Auch die Anbieter von E-Mail-Diensten und die Betreiber Sozialer Medien müssen verpflichtet werden, Verkehrsdaten zu speichern. Der Straftatenkatalog, der zu einer Verkehrsdatenspeicherung ermächtigt, muss erweitert werden, etwa um den Tatbestand der Terrorismusfinanzierung. Die Fristen für die Speicherung müssen von bisher nur zehn Wochen auf sechs Monate deutlich erhöht werden.«

    Nachdem das BVG vor nicht allzu langer Zeit den Herren eine weitere Klatsche genau über dieses Thema verpasst hat, fragt man sich langsam, ab wann solche Forderungen eigentlich strafbar werden. Also mindestens so strafbar wie Terrorismusfinanzierung (§ 89c StGB) und seine Möglichkeit der Verkehrsdatenüberwachung (§ 100 StPO).

    Terrorismusfinanzierung: Dann wäre München nie passiert! Man sollte es nicht für möglich halten… Dieses unselige Zusammentreffen von Wahljahr und den Morden, bei denen ein scheinbarer Zusammenhang mit dem islamistischen Terror mit Müh’ und Not über die Glaubensrichtung der Täter erfolgt.

    @Matthias
    Golftaschen! Solltest Du etwa auch… ?
    Die neue Wacht am Rhein. Eine mehr als interessante Selbsteinschätzung:

    Durch Hunderttausend zuckt es schnell,
    Und Aller Augen blitzen hell,
    Der Deutsche, bieder, fromm und stark,
    Beschirmt die heil’ge Landesmark.

    Er blickt hinauf in Himmelsau’n,
    Wo Heldenväter niederschau’n,
    Und schwört mit stolzer Kampfeslust:
    »Du Rhein bleibst deutsch wie meine Brust.«

    Da schauen sie dann herunter, die Heldenväter, die das früher auf dem Schulhof machten.

    P.S. Was hat man damals noch alles in der großen Pause getrieben »Guck mal! Und jetzt, wo die Spinne keine Beine mehr hat, kann sie auch nicht mehr krabbeln!«

    @Max
    Hamsterkäufe für die Zivilverteidigung

    https://edelfeda.files.wordpress.com/2016/08/hamsterkc3a4ufe.jpg

    Hamster-Content!!!

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  5. waswegmuss sagt:

    “diese unselige Mischung aus dem Erbgut Hans-Peter Friedrichs, Karl-Eduard von Schnitzlers und Eduard Zimmermanns”. Ede Zimmermann war wenigstens ein Knacki von reinstem Geblüte.

    Was wollte ich denn jetzt schon wieder. Achja. Innenminister mussen zwingend von der CSU sein. Die erzählen zwar das Gleiche. aber beim CSUlerIn weiß der Normalbürger, dass die ausgestoßene Luft allenfalls zum Haare trocken reicht.

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    • flurdab sagt:

      Jetzt wissen wir wenigstens was Schäuble mit seiner Inzucht meinte.
      Den Innenminister und vermutlich auch seinen Schwiegersohn.

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  6. Thelonious sagt:

    Gestern, beim Hundespaziergang, habe ich die praktische Umsetzung des neuen Konzepts bewundern können. Zwei ältere Frauen, mit mehreren Plastiktüten ausgestattet, rodeten die Ränder eines Maisfeldes. Es scheint also ernst zu werden.

    Ich horte jetzt Alkoholika in meinem Keller, denn ab einem gewissen Zeitpunkt ist dieser Schwachsinn, der täglich auf uns niederprasselt, nicht mehr nüchtern zu ertragen.

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  7. pantoufle sagt:

    Moin Thelonious

    Also ich finde, da ist durchaus noch Luft nach oben! Was ich schmerzlich vermisse, sind putzige, kleine Videos, die – unterbrochen von einer Halliburton-Werbung – Verhaltenshinweise für den Fall von Cyber-Cyberangriffen geben:

    Auch für den Umgang mit Flüchtlingen und deren terroristischem Potential gibt es bereits Lehrfilme, die mittels einer einfachen sprachlichen Resynchronisation sofort sendefähig wären.

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