Presseschredder 21.7.2014

Die langersehnte Rückkehr des kalten Krieges, dieser Ersatzreligion derjenigen, denen an einfachen Fragen und noch einfacheren Antworten liegt. Dazu eine Schlagwortsammlung aus dem Deutschlandfunk mit Rebecca Harms (Co-Vorsitzende der Europäischen Grünen Fraktion im Europäischen Parlament):

Harms: Ja, ich habe in Slawjansk und Artjomowsk diese beiden Städte besucht, die inzwischen befreit sind, in denen die ukrainische Armee wieder für Ordnung und Gesetz sorgt, und habe mir erzählen lassen, daß die Menschen in den letzten Wochen, egal wie sie zu Russland oder Kiew stehen, doch sehr unter der völligen Gesetzeslosigkeit und einer Art Banditenherrschaft in diesen Städten gelitten haben.

Schulz: Wenn wir jetzt auf den Flugzeugabsturz schauen: Die Anschuldigungen gehen ja hin und her zwischen Kiew und den Separatisten. Was ist aus Ihrer Sicht derzeit das plausibelste Szenario? Wer ist verantwortlich für den Absturz?

Harms: Bisher haben ja diese selbst ernannten Separatisten immer wieder Flugzeuge abgeschossen. Es waren bisher ukrainische Militärflugzeuge und Transportflugzeuge. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, es wird hier in Kiew, es wird auch im Osten der Ukraine eigentlich gar nicht bestritten, daß der Abschuss des malaysischen Flugzeuges nur durch die Separatisten und dank russischer Spezialwaffen und gut ausgebildeter Kräfte wahrscheinlich auch aus Russland möglich gewesen ist.

Schulz: Wenn ich es richtig verstanden habe, haben Sie auch Gespräche geführt mit den Separatisten. Mit welchem Eindruck sind Sie aus diesen Begegnungen rausgegangen?

Harms: Nein, ich konnte keine Gespräche mit Separatisten führen. Ich habe mit ukrainischen Soldaten, mit Freiwilligen und mit Bürgern aus unterschiedlichen politischen Lagern in Slawjansk, in Artjomowsk und in Charkiw gesprochen. […]

Wer darin einen Informationswert erkennen mag, der soll das tun. Man redet nicht mit der Hamas, al Qaida, Devrimci Sol oder wer auch immer keinen Platz in Ordnung und Gesetz fand. Der Präsident des ANC bekam noch den Friedensnobelpreis; eine Wiederholung wird man zu verhindern wissen. Nicht ein Mahatma Gandhi (»Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg.«) oder Malcolm X.
Zeit, sich mit der Hamas zu solidarisieren – die Trolle der Springerpresse in Habachtposition. Der Springerpresse? Ach, wenn`s denn nur diese wären: Journalismus wie öffentliche Gelöbnisse – es fehlen nur noch Matrosenanzüge für die Kleinen. Der Untertan feiert fröhliche Auferstehung. Militarisierung: Die Durchsetzung von Gehorsam und Hierarchie, Ausweitung des Befehls- und Gehorsamskonzeptes auf alle gesellschaftlichen Bereiche. Die sauber geordneten Wertigkeit von Individuen innerhalb der Gesellschaft und der Akzeptanz der gewalttätiger Durchsetzung ihrer Ideen.
Innere Sicherheit ist ein Gefühl und Supergrundrecht.

Sechs teutonische Bettgarnituren

»Ihr eigenes Bettzeug! Was für eine Last für den geduldigen Familienvater. Also mußte ein Feriengast mit Frau und vier Kindern sechs Garnituren Betten mitbringen? Sechs teutonische Bettgarnituren mit Federn gefüllt? Sechs Kopfkissen, sechs Stück jener Dinger, Keilkissen genannt, sechs Steppdecken, mit Daunen gefüllt, wenn dies die gesellschaftliche Stellung verlangte, und mit Watte, wenn man es sich leisten konnte, der öffentlichen Meinung zu trotzen.«
Elizabeth von Arnim (1904)

Ein äußerst kurzweiliger Artikel im Blättchen, geschrieben und zusammengetragen von Dieter Neumann über eine Zeit, da der Bäderreisende – und nicht nur dieser – sein eigenes Bettzeug mitbringen mußte, wollte er während des Urlaubs nicht auf den Luxus eines Pfühls verzichten. Idylle.

Noch mehr Idylle gefällig? Die Altertumsforscherin Susanne Elm über die Sklavenarbeit innerhalb der spätrömischen Marktwirtschaft in der FAZ. Beim schnellen Überfliegen las es sich noch »spätrömische Dekadenz« – unselige Konditionierung aus einer Zeit, da die FDP noch eine Partei war.
Auf die Frage, ob Frau Elm lieber als zeitgenössische Spargelstecherin oder als römischer Haussklave arbeiten würde:

»Dann würde ich eindeutig das Leben in Rom gegenüber der Schinderei als Spargelstecherin bevorzugen. Noch lieber wäre es mir allerdings, männlicher Sklave im spätantiken Nordafrika zu sein.«

Bei allem Verständnis für die Begeisterung einer Forscherin an ihrem Fach und der dazugehörigen Euphorie liest es sich beinahe unfreiwillig komisch, durchgängig fast zeitgenössisch.

R.Hank: War die römische Gesellschaft eine Art moderner Marktwirtschaft?

S.Elm »Abermals sage ich: sowohl als auch. Es gab sowohl einen funktionierenden Markt – als auch eine klare Hierarchie der Gesellschaft und einen starken Staat.«

Oder ist das gar nicht komisch?

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0 Kommentare zu Presseschredder 21.7.2014

  1. Stony sagt:

    Zumindest beherrscht Fr. Elm das gefährliche Handwerk des Analogismus ganz vorzüglich; mein Favorit:

    »Das iPhone spricht ja auch zu mir.« m(

    ***

    Und sonst so? Ich wünscht ich hätt ’nen Hund.

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    • pantoufle sagt:

      Moin Stony

      Nun ist die Frau Elm eine Historikerin mit einer Professur in Berkeley und wird schon wissen, wovon sie redet. Wäre ihr Spezialgebiet Foltermethoden des ausgehenden Mittelalters, hätte sie vielleicht Daumenschrauben der eisernen Jungfrau oder dem Stäuben vorgezogen.
      Auch hat sie inhaltlich sicher recht mit ihren Ausführungen, schwebte da nicht dieser sanfte Wahn von Zeitgeist über jeder Zeile.
      Ich weiß immer noch nicht, ob ich das komisch finden soll 🙂

      Redaktionskampfhunde sind überaus zu empfehlen!

      Gruß
      das Pantoufle

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  2. Thelonious sagt:

    Ach komm pantoufle, es handelt sich um die FAZ das Zeitgeistmagazin unserer „Eliten“. Das muss so sein, weil es so sein muss. 🙂

    Lustig finde ich, dass die Frau eine These von mir bestätigt, die ich manchmal in den Raum werfe, wenn ich auf Streit aus bin. Die Sklaverei wurde nicht aus edlen Motiven abgeschafft, sondern weil sie einfach zu teuer war. So ein Sklave ist schließlich ein Investitionsgut. Das sollte man auch pfleglich behandeln. Man muss ihm Nahrung geben und Unterkunft. Kleidung und Gesundheitsvorsorge. Sonst stirbt er weg, der Undankbare. Dann ist das Geheule groß, weil die Investition in einem Totalverlust endet. Und wenn dann mal keine Arbeit für ihn da ist, lungert er auf Kosten des Sklavenhalters herum. Das ist nicht schön.

    Mit einem Lohnarbeiter ist es da viel einfacher. Dem gibt man ein bißchen Geld und das war es. Wenn er krank wird ist das seine Sache und wenn keine Arbeit da ist, schmeisst man ihn einfach raus. Und wohnen tut er auch nicht im Haus des Arbeitgebers. Gut, man darf ihm nicht einfach eine aufs Maul geben, weil man dazu gerade Lust hat, aber das ist nur ein kleiner Nachteil, der nicht so sehr ins Gewicht fällt.

    Und vor allem die persönlichen Sklaven haben auch eine ungemeine Macht. Sie kennen all die kleinen und großen Geheimnisse ihrer Besitzer. Da reicht dann schon ein Blick, wenn der Sklave sich ungerecht behandelt fühlt.

    Nein, in einer modernen Marktwirtschaft hätte Sklaverei keine Zukunft. Leibeigenschaft, das wäre die ideale Form. Leibeigene werden ja nicht teuer gekauft, sondern gehören dem Herrn qua Geburt. Oder Zwangsarbeit. Sie verbinden alle Vorteile des Lohnarbeiters und aufs Maul hauen darf man ihnen auch.

    Leibeigene und Zwangsarbeiter dürfen auch nicht wählen oder überhaupt irgend etwas bestimmen. Die haben einfach nur zu spuren und wenn sie das nicht tun, dann kann die von dir erwähnte eiserne Jungfrau zum Einsatz kommen.

    Vor ein paar Monaten hat sich im Zuge der x-ten H4 Debatte auch ein Hinterbänkler aus dem Bundestag zu Wort gemeldet. Er meinte, dass eigentlich nur Steuerzahler wählen gehen dürfen sollten. Das war echter Zeitgeist. Aus dem Mann könnte noch was werden.

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  3. Stony sagt:

    Mist, mein letzter Kommentar ist nicht mit umgezogen.
    Dabei war da Katzencontent drin, und Hunde!
    Wann bekommt man sowas schon mal 2in1..?!

    @Thelonious:

    Funktioniert das bei dir wenigstens, auf diese Weise Streit anzufangen? Ich ernte bei sowas immer nur verständnislose Blicke oder Zustimmung. 🙁

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    • Thelonious sagt:

      stony: Ich wohne ja in einer Ecke, die man durchaus überindustrialisiert nennen könnte. Dr Daimler, dr Porsche ond dr Bosch – so lautet im Stammland des Pietkong die heilige Dreieinigkeit. Die dort Beschäftigten empfinden sich als die Elite, selbst wenn sie nur Hallenhilfskehrer sind. Sie sind das einzig wahre Proletariat. Wenn der Bezirk Nordwürttemberg/Nordbaden einen Tarifabschluss macht, schaut die gesamte Republik hin. Die Liste derjenigen, die aus dem Bezirk in den Vorstand der IG Metall abwandern ist lang. Darauf ist man stolz. In den Betriebsräten und den Gewerkschaftern kumulieren sich diese Eigenschaften. Wenn man diesen Leuten nun mit obiger Theorie kommt, beißen sie in den Tisch wie Suarez in die Schulter von Chielini. Dann fühlen sie sich in ihrer Arbeiter- und Gewerkschafterehre gekränkt. Das ist überaus komisch. Und klappt immer.

      Manchmal gondelt der „alte Stihl“, der ehemalige Arbeitgeberpräsident, mit seinem Maybach bei uns durchs Kaff. Dann bleiben die Leute ehrfurchtsvoll stehen und schauen ihm nach. Das hat so etwas Feudalistisches und ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich ihm eigentlich ganz gerne ein Krönchen auf seine Wagentür malen will, damit die Szenerie noch authentischer ‚rüberkommt. Ich tue es natürlich nicht. Aus Respekt. Dem Auto gegenüber.

      Die Kommentarfunktion verursacht ja ein schönes Kuddelmuddel. Man weiß gar nicht, wer wem antwortet und ob der Betreffende er selbst ist. Ich finde, das sollte so bleiben. 🙂

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      • Stony sagt:

        Sehr interessant, danke für die Antwort!

        Hier bei mir (Thüringen) scheinen die Leute anders drauf zu sein. Pragmatismus herrscht hier eher vor, für ‚Verklärung‘ (ich reduzier das mal eben) fehlen wohl die gewachsenen Strukturen. Die Narrative funktionieren bei uns noch nicht so wirklich, auch wenn Cheffe fleißig dran arbeitet. Die Firma in der ich bin hat nach 15 Jahren Bestehen jetzt erst ’nen Betriebsrat bekommen (bei 4-500 Leuten), Gewerkschaft ist entsprechend jung und naiv. Ich schau mir beide Seiten an (wobei, eigentlich sind es ja drei, die IGM sieht die Beschäftigten imho nur als Verhandlungsmasse für eigene Interessen) und bin immer am Staunen ob der Dämlichkeit mit der Geschichten erzählt werden.

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      • pantoufle sagt:

        Ach ja… das ist noch eine schreckliche Unordnung hier. Photos, die nicht erscheinen oder doppelte Artikel – der Staub überall! Die Apokryphen habe ich mir nämlich schon vor Längerem als Fluchtbunker gebaut, aber nie gepflegt. Wie das so ist 🙂 Das Design ist irgendwie auch nicht so dolle, aber was solls.
        Schön ruhig hier: Ich vermisse den täglichen Zustrom von Onkelz-Fans auch gar weniger als befürchtet.

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  4. pantoufle sagt:

    Stony:
    Moin Pantoufle.

    Ich wollte keinesfalls die Kompetenzen der Dame in ihrem Fachgebiet in Frage stellen, allein ihre Deutungen sind, nun ja, gewöhnungsbedürftig. Ein „sanfte(r) Wahn von Zeitgeist“ bringt das gut auf den Punkt. In Verbindung mit den angebrachten Analogien löste das bei mir Kopfschütteln und trockenes Lachen aus.
    Man müßte wohl mehr von ihr lesen, um das Interview und sie selbst angemessen einordnen zu können (auf die Schnelle hab ich leider nichts gefunden). Mit wem sie da gesprochen hat ist natürlich auch so ein Punkt.

    „Stäuben“ ist mir bislang noch nicht untergekommen, mußte ich erstmal nachschlagen – merci!

    ***

    Ach ja, Hundis. Geht sich bei mir leider zeitlich nicht aus, da ist die verdammte Sklaven Lohnschinderei vor. Freilandhaltung wäre u.U. eine Möglichkeit, allerdings eine gefährliche – der ortsansässige Verband militanter Katzen ist groß und rauflustig. In Anbetracht der Situation käme wohl, wenn überhaupt, nur ein Rhodesian Ridgeback in Betracht.

    Hmmm, die Straße runter lebt einer, ich werde vllt. mal mit seinem Herrchen ein paar Worte wechseln. 😉

    BG
    Stony

    Möönsch: DAS TUTET MIR ECHT LEID!!einz!!

    Aber irgendwann mußt du den Cut fürs BackUp machen – das ist sowieso höchst spannend, ob der ganze Kram wirklich auf der neuen Adresse landet. Komplette Backups von allen Texten habe ich (natürlich) nicht und das erhöht die Spannung zusätzlich.

    @Thelonious
    »… weil sie zu teuer war.« Eine alte Arbeitstheorie, die ich mich nie traute auszusprechen. Seit »Onkel Toms Hütte« waberte mir das durch den Kopf.

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  5. Stony sagt:

    Moin Pantoufle,

    danke für die Mühe, tat doch nicht Not!^^ 😉

    Betreffs Backup: Texte, Bilder, Kommentare … kann alles betroffen sein?

    ***

    »… weil sie zu teuer war.« Eine alte Arbeitstheorie, die ich mich nie traute auszusprechen. Seit »Onkel Toms Hütte« waberte mir das durch den Kopf.

    Den Abolitionisten in den US of A z.B. würde ich ihre Ideale nicht absprechen wollen, daß deren Unterstützer aus dem Norden allerdings auch finanzielle Vorteile sahen, scheint mir plausibel. Wohin mit all den Einwanderern, wie die immer dringlicher werdenden sozialen Probleme in den Griff bekommen? Dazu noch die fortschreitende Industrialisierung, ein wirtschaftlich erstarkendes Bürgertum, getriebene Politik. Verschiedenste Konzepte die da aufeinanderprallen und eine interessante Gemengelage bilden. Und das wären nur die USA, zeitgleich, oder versetzt, lief da ja auch einiges in Europa ab.
    Je nachdem auf welche Aspekte man da seinen Blick richtet, erscheint die Entwicklung folgerichtig und unausweichlich, Systemimmanent wenn man so will. Wobei ich bezweifle, daß ein solches Ausschnittsdenken und ein zusammensetzen der einzelnen Ausschnitte zu einem Gesamtbild, die eigentliche Dynamik solch geschichtlicher Prozesse gebührend wiedergibt.

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