Presseschredder 2.3.2017

»Selbst vor Teddybären schrecken Hacker nicht mehr zurück.« (Bild © Nicolas Asfouri/AFP/Getty Images), wird also nicht abgebildet. Bären, funkverdrahtet, niedlich, originalverpackt und noch ausgeschaltet.
»Nach Sicherheitslücken bei Hello Barbie und dem umstrittenen Verbot der Puppe Cayla gibt es erneut Aufregung um vernetztes Kinderspielzeug …«
Es gibt immer noch Menschen, die diesen Witz nicht begreifen. »Selbst vor Teddybären…«. Niedliche Teddybären hören ihre Besitzer ab, legen die Gesprächsmitschnitte in die Cloud, wo sie mit putzigen Passworten wie »Passwort«, »123456« oder »qwe« gesichert, auf jemanden warten der dieser Einladung Folge leistet. Sicherheitshinweis des Herstellers: »Lassen Sie bitte beim Verlassen der Wohnung den Hausschlüssel stecken, damit der Einbrecher bei seiner Arbeit nicht die Haustüre beschädigen muß.«

Das Mitleid der Schrottpresseredaktion hält sich in sehr, sehr engen Grenzen. Was bei dem Getöse um die bösen Hacker leider vollkommen untergeht, ist der eigentliche Daseinszweck dieses Spielzeugs. Eltern können mit diesen Tools ihre Kinder abhören oder via Telephonapp mit ihnen »kommunizieren«. Allein das zeugt von einem Menschenbild der Eltern, das die aktuellen Hacks als gerechte, wenn auch viel zu milde Strafe erscheinen läßt.
Ob die behördlichen Hacker diese Spielwiese ebenfalls schon entdeckt haben, ist nicht bekannt, böte sich aber an. Die Agentur für Arbeit wüßte sicherlich zu gerne, wie sie weitere Leistungen kürzen kann und auch die Schützer von Freiheit und Ordnung wären mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn sie diese Steilvorlage ungenutzt ließen.

P.S: Kleine Bitte an die hackende Zunft: Tauscht doch während des Wartens aufs Lösegeld den Inhalt derjenigen Datenbanken aus, auf denen sich vorkonfektionierte Dialogsätze wie für »Hello Barbie« befinden. Da geht doch noch was! Für kreative Mitarbeit immer ansprechbar, MfG, die Schrottpresse.

»Die für gestern geplante Sendung hat nicht unseren Qualitätsansprüchen entsprochen. Die Zuschauer erwarten gerade in Zeiten von gefühlter Unsicherheit und oft unüberschaubaren Nachrichtenlagen von einem Nachrichtensender Orientierung und Einordnung. Insbesondere bei Breaking News ist daher besondere Sensibilität gefragt. Die Sendung enthielt Elemente, die die Zuschauer eher verwirrt hätten. Daher haben wir uns entschieden, sie nicht auszustrahlen.«
Bettina Klauser, Sendersprecherin von n-tv

Die Redaktion der Schrottpresse hat beschlossen, Bettinas Gedicht in Schwabacher Lettern über die Türe zu nageln. Die Entscheidung dafür erfolgte einstimmig und unter tränenfeuchten Augen der Beteiligten. Soviel Rücksichtnahme und Einfühlungsvermögen sollte man nicht für möglich halten!
Schade zwar für Serdar Somuncu, aber auch er wird einsehen, daß das Publikum so grundverblödet ist, daß ihm Satire grundsätzlich nicht zuzumuten ist. Es ist ja auch zu verwirrend, als satirische Fake-News zu behaupten, der Düsseldorfer Baukonzern Hochtief wäre am Bau von Trumps Mexikomauer interessiert, um keine halbe Stunde später von der Realität eingeholt zu werden.

Das Kippen von Somuncus Sendung mit dem Motto »Alternativlos schmutzig: Wie extrem wird der Wahlkampf?« zugunsten der Dokumentation »Frankreichs Elite-Einheit RAID« enthält bereits die Antwort. Der Nachrichtensender n-tv beschließt im Wahljahr seine Berichterstattung von Elementen zu befreien, die geeignet sind, gefühlte Unsicherheit zu befördern und die Zuschauer eher zu verwirren.
Sehr schmutzig.

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6 Kommentare zu Presseschredder 2.3.2017

  1. vilmoskörte sagt:

    Wobei die Bildunterschrift „Selbst vor Teddybären schrecken Hacker nicht mehr zurück“ das Thema vollkommen verfehlt. Aber so kann der Qualitätsjournalist natürlich prima Stimmung gegen die bösen, bösen Hacker machen.

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    • Pantoufle sagt:

      Vor allem Teddybären! Bären sind überhaupt nicht niedlich. Das weiß doch jeder! Kängurus dagegen: Die sind echt niedlich. Oder Schlafeschafe.
      Teddybären, das ich nicht lache…

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  2. OldFart sagt:

    Ich habe eben zweimal angesetzt, meinen Senf zu Stasi-Barbie & Co. dazuzugeben, aber es endete beide Male in einem länglichen Rant über die von Unkenntnis und/oder Desinteresse angetriebene Post-Privacy-Spackeria. Whatever, ich wünsche allen Protagonisten einen heftigen und schmerzhaften Sturz auf die Fresse und nehme mir das Recht heraus, dann herzhaft sardonisch zu lachen. Hoffentlich kracht das alles zusammen, bevor diese Lemminge mich mit Zwangsbeglückungen a la eGK (bzw. die zentraliserte elektronische Krankenakte), SmartMeter, eTickets, bargeldlosem Zahlungszwang & Co. mit in den Abgrund reißen. Die Chancen stehen gut: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Bayern-Gemeldete-Datenpannen-nehmen-massiv-zu-3643086.html. Zumindest möchte ich das mal so lesen.

    Beim Lesen des Artikel zur Barbie von 2015 entdeckte ich dann diese kleine linguistische Perle wieder: „Die Gespräche werden maximal zwei Jahre auf einem Server gespeichert und nicht zu Werbezwecken missbraucht, versichert Mattel.“

    Chapeau! Die Suggestion ist hohe Schule: Niemand hat die Absicht, Gespräche und Daten auszuwerten. Wenn man genauer hinguckt, sieht man aber gleich ZWEI andere Lesarten. Betonung auf WERBEZWECKE: Klar werden die Daten mißbraucht, möglicherweise auf mannigfaltige Weise, aber nicht für Werbung. Betonung auf MISSBRAUCHT: Klar machen wir damit (auch) Werbung, aber das ist halt kein Mißbrauch, sondern Gebrauch.
    Ich bin morbide fasziniert davon, wie die PR-Profis einem mit so einem überspezifischen Dementi die Wahrheit ins Gesicht sagen und dabei trotzdem dem arglosen Leser/Hörer etwas ganz anderes vermitteln können. Und sie haben damit bei der Masse Erfolg. Nicht nur Mattel, versteht sich.

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    • Pantoufle sagt:

      »…aber es endete beide Male in einem länglichen Rant über die von Unkenntnis und/oder Desinteresse…«
      Och, fühl Dich von mir nicht davon abgehalten. Nur helfen wird es nichts mehr. Der Zug ist bis auf weiteres abgefahren, siehe Dein Beispiel mit »Die Gespräche werden maximal zwei Jahre auf einem Server gespeichert und nicht zu…«. Das stand früher gut versteckt im Kleingedruckten, während man es heute ohne Bedenken direkt neben die Titelzeile setzen kann. Die Spacken glaube es tatsächlich. Und wenn die Datenpannen zunehmen, dann sind es eben die cyber-cyber-wirwerdenallesterben- Hacker. Nicht die Einzelhandelsfachverkäuferin, der die Hoheit über eine Kundenkartei in der Cloud übertragen wird, sondern Cyberkriminelle, die von einem Cyberinnenminister mit seiner Cyberpolizei gejagt werden. Am Ende bleibt dann nur das schluchzende Mädchen »Aber ich wollte doch nur…«. Tja, dumm gelaufen! Im allerbesten Falle lag nicht einmal böse Absicht vor: Da wollte nur jemand die Schutzkappe über dem roten Knopf wieder gängig machen. Mausrutscher.

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  3. waswegmuss sagt:

    Der Präzisionsvorleser Max Goldt prägte mal das wunderschöne Wort Kloumpuschelung für das was ich immer als Pisciadello bezeichnete. Wählerwattierung passt noch nicht. Ich denke nach.

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