Presseschredder 16.2.2015

Karnevals-Umzug in Braunschweig wegen Terroralarm abgesagt. Die Innenstadt eine abgesperrte Wüste, der Chef der Umzügler nahm die Botschaft mit Tränen in den Augen entgegen. Mit bis zu 250.000 Menschen hatte man gerechnet – es blieb bei einer Hundertschaft Polizei, die zudem weder Tröten trötete noch tonnenweise Abfall hinterließ.
Das mediale Entsetzen war programmgemäß ein Großes.
Die Schrottpresse, Fachblatt für unterdrückte und geknechtete Minderheiten, will an dieser Stelle an die vielen, vielen Minderheiten erinnern, welche die Absage mit einem Stoßseufzer der Erleichterung zur Kenntnis nahmen. Kein Dreck, keine sinnlos Besoffenen, die bis in den frühen Morgen die Anwohner terrorisieren, keine dümmlichen Pappnasen – und auch ganz nebenbei keinerlei Bombenfunde.

Das ist natürlich erst einmal eine gute Nachricht. Sie wäre noch um einiges besser, hätten BND, Verfassungsschutz und Polizei nicht so nachhaltig jegliche Glaubwürdigkeit verspielt, was »den Terror« betrifft.
Ja, ja: Es hätte natürlich auch etwas dran sein können. In Kopenhagen hat ja auch jemand… ein 22jähriger, inspiriert vom Charlie Hebdo-Anschlag in Paris, spielte offenbar in klein nach was er im Fernsehen glaubte verstanden zu haben.
»Ein zynischer Akt des Terrors« nannte es der dänische Premierminister Helle Thorning-Schmidt – »Die Redefreiheit muß immer gesichert sein« kommentierte in England David Cameron, was aus dessen Munde mindestens genau so zynisch klingt.

An dieser Stelle müßte so etwas wie ein Fazit kommen, ein Hinweis auf eine Lösung – irgend etwas Erbauliches. Aber was soll man den Radikalen mit ihrem Tunnelblick noch zurufen? Nein, nicht einem gerade der Pubertät entsprungenen Irren mit Pistole, sondern denen von der Gegenseite. Um das Wasser auf die Mühlen derjenigen abzudrehen, die ihre feuchten Phantasien eines totalen Überwachungsstaates bisher durch demokratische Grundwerte behindert sahen.
Die Schändung jüdischer Gräber vom vergangenen Freitag wird gerne mit dem Hinweis auf den Überfall des koscheren Supermarktes im Zuge der Charlie Hebdo-Morde garniert: Auf einige der umgestürzten Grabsteinen waren Hakenkreuze geschmiert. Le Pen läßt grüßen.
Ach so. Das hat natürlich nichts miteinander zu tun. Tschuldige.

Womit wir bei der Hamburger Bürgerschaftswahl wären. Der legale Arm der Pegida Die AFD ist der einzige Gewinner dieser Wahl. Die FDP (wir erinnern uns!) hat auch etwas gewonnen: eine Bluttransfusion von der CDU. Merkels Herzblut, um den komatösen Patienten als Farbtupfer in einem von der SPD dominierten Rat am … Leben kann man das ja schlecht nennen… na ja – irgendwie zu halten.
Trotz des durchaus zu erwartenden Wahlausganges gehen wichtige Impulse für die Bundestagswahl 2017 von diesem Votum aus. Im Hamburger Stadtteil St.Pauli schlug die Partei DIE PARTEI und ihr Spitzenkandidat Dr. Dr. Eimer mit überwältigenden 4.2% die sogenannte Volkspartei »CDU«, die lediglich mickerige 4,0% der Stimmen auf sich vereinen konnte.
Daß es zum erwarteten Erdrutsch zugunsten DIE PARTEI dieses Mal nicht kam, ist nur dem erneuten Rekordtief der Wahlbeteiligung von lediglich 56,6% geschuldet.

Der alte und neue Bürgermeister Olaf Scholz (sPD) hat die absolute Mehrheit dank DIE PARTEI dieses Mal verfehlt; Grund genug für die Kandidatin der FDP, Katja Suding, zu versichern, daß sie ihre (hübschen) Beine umgehend wirbeln lassen würde, sollte der Bürgermeister sie anrufen.

Sonst noch was? Die AFD sieht ihre Ziele weit übertroffen, Grüne die ihren erreicht und die Beine der FDP hatten wir ja bereits. Bliebe da noch der offizielle Verlierer dieser Wahl, die CDU. »Da werden Köpfe rollen!«, so ein Mitglied dieser Partei zu den Aussichten beim nächsten Parteitreffen.
Das klingt gut, das verspricht Spannung; gerade in der Stadt, die einst einen Störtebeker über die Klinge springen ließ. Der Sage nach versprach der Magistrat der Stadt damals dem Seeräuberfürsten, daß all diejenigen seiner Kumpane, an denen er noch geköpft vorbeilaufen könne, dem Scharfrichter entgehen.

Der ehemalige Hinrichtungsort Grasbrook ist heute Teil der modernen Hafencity, ein durchaus passendes Ambiente, auf dem Dietrich Wersich (CDU) letztmalig seine Fähigkeiten im kopflosen herumstolpern unter Beweis stellen könnte.

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0 Kommentare zu Presseschredder 16.2.2015

  1. O süßes Gift des Terroralarms. Ein anonymer Anruf genügt und es werden die Reichsparteitage jedweder Couleur abgesagt, Spiele des FC Bayern, Talkshows … man kann die Schule ausfallen lassen und den eigenen Arbeitsplatz (sofern man aushäusig beschäftigt ist) zur verbotenen Zone erklären lassen. Aber das Resultat ist immer das gleiche: Mehr Überwachung, mehr Polizei, mehr Verbote. Man stranguliert sich nur, wenn man sich in seinen Fesseln bewegen will. Fifty shades of brown.

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    • DasKleineTeilchen sagt:

      ah, mitgelesen wird beim duke also schon? scnr

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    • pantoufle sagt:

      Der Braunschweiger Karneval hat es sogar auf Zeit.de geschafft. Ob der Sache – der sich Karsten Polke-Majewski dort angenommen hat – damit ein guter Dienst getan wurde…?

      »Hat der Terror gesiegt – oder unsere Angst? Die Bedrohung zeigt zumindest, was sich zu verteidigen lohnt.« […] Wenn es Braunschweig hätte treffen können, so doch auch Köln, Düsseldorf oder Mainz. Wer kann da noch befreit feiern?
      Doch zugleich macht uns die Bedrohung bewusst, was sich zu verteidigen lohnt: trotz der Angst Horte der Unbefangenheit zu erhalten.«

      Rettet den Karneval! Wenn schon die Demokratie baden geht, so rufen wir doch den Terroristen ein geschmettertes »Kölle Allaaf!« zu.
      Man sollte es nicht für möglich halten.

      Seine Argumentationslinie »wer an einer Demonstration teilnehme, müsse [auch] ein gewisses persönliches Risiko in Kauf nehmen.[…] Immer wieder hat es Verletzte gegeben, sogar Tote.« im Zusammenhang mit Karneval ist auch nicht schlecht. Sozusagen die Aufrechnung staatlichen Terrors gegen islamistischen.

      Na ja: Kann man lesen, muß man nicht. Polke-Majewski eiert um die Feststellung herum, daß in Zukunft wohl erheblich einfacher irgend etwas verboten werden kann. Als Höhepunkt des bürgerlichen Unwohlseins kommt am Rande der Satz »Aus Sicht der Bürger sind es Eingriffe in die Freiheit.« vor, aber das war´s dann auch schon. (Stellt sich ganz nebenbei die Frage, aus wessen Sicht es keine freiheitlichen Einschränkungen sind.)

      Hauptsache, der Karneval wird gerettet. Aufmüpfig bleiben mit einer lächerlichen bunten Mütze auf dem Schädel und nach Süßigkeiten buckeln. Sonst gibt es wohl nichts mehr zu retten.

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      • R@iner sagt:

        Wenn einer den Karneval aufhalten kann, dann ist der definitiv mein Freund.

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      • Joachim sagt:

        Wenn ich die Frage sehe, ob der Terror denn nun gewonnen hat, dann fallen mir nur die Lemminge ein. Auch auf die Gefahr hin als kreatonistisch missverstanden zu werden: Es scheint mir in der Natur ein Regulativ zu geben, dass die eindeutige Dominanz einer zu dummen Spezies verhindert. Terror ist kein Bug. Er ist ein Feature.

        Nur nicht für uns. Das würde alles erklären…

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  2. pantoufle sagt:

    Wie gerade bekannt wird, sind wegen der Grabschändung in Frankreich 5 Jugendliche im Alter zwischen 15 – 17 Jahren festgenommen worden. »Sie seien nicht vorbestraft und bislang nicht wegen einer ideologischen Einstellung bekannt gewesen.«

    Gott sei Dank: Es war nur ein Dummer-Jungen-Streich! Na, dann mal schnell Schwamm drüber, nachdem man mit ihm die Hakenkreuz-Schmierereien abgewischt hat.

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    • Joachim sagt:

      So wie ich das verstanden habe war das ein “Dummer-Jungen-Streich”. Allerdings einer im Klima eines Europas, dass politisch immer mehr nach rechts rückt. Die Politik macht es vor, die Stammtische laufen hinterher und rechte Parteien profitieren. Die Jungs haben nur in diesem Klima agiert. Natürlich waren die dumm. Doch schuldig ist wer ganz anders.

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      • pantoufle sagt:

        Moin Joachim

        Vollkommen richtig. Ich hätte es auch gar nicht kommentiert, hätte man nicht versucht, die Nachricht bei jeder Gelegenheit in die Nähe der Pariser Attentate zu bringen; meint: einen islamistischen Hintergrund zu unterstellen.
        Erst als das beim allerbesten Willen nicht mehr möglich war, löst sich das Ganze in einem »Dumme-Jungen-Streich« auf. Die Harmlosigkeit der Jugendlichen wäre sicherlich nicht so betont worden, hätte eine der Mütter ein Kopftuch getragen oder wäre aus dem Libanon geflohen.
        So aber…

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  3. Die heutige ARD-Karnevalssendung aus Köln hat das Motto “Social jeck – kunterbunt vernetzt”. Das müsste euch digitalen Pappnasenallergiker und schunkelintoleranten Blondinenwitzveganer doch mit dem Rosenmontag versöhnen, oder? :o)

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  4. Stony sagt:

    Is’ der/die/das Helle Absicht?
    (wunder mich nur)

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  5. waswegmuss sagt:

    Ist euch eigentlich klar wer für DIE PARTEI in HaHa Spitzenkandidat war?
    Prof. Dr. Dr. Eimer. http://www.die-partei-hamburg.de/wp-content/Coupons.pdf

    Will sagen ein Blecheimer holt mehr Stimmen als so ein – ach lassen wird das.

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    • pantoufle sagt:

      Was Du wolle?? Is mehr Stimme als »ich fick deine Mudda« CDU!

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    • pantoufle sagt:

      Ich würde für einen Tag in die CDU eintreten, hätte ich die Möglichkeit, der nächsten Parteitagssitzung der Hamburger CDU beizuwohnen. Wenn die Kandidaten aus jedem Stadtteil analysieren, warum sie gegen ihre Gegenkandidaten verloren haben. Mit Bild. Und Ton. Und dem leisen Wimmern des Verlierers von St. Pauli. Mit Live-Schalte zur Schrottpresse: »Meine Erklärung ist im Eimer!!!… wimmerweh!«

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