Presseschredder 16.1.2018

Ein besonderes Datum! Ein geliebter Mensch und ein Auto haben heute zusammen den selben Geburtstag. Aus Gründen von die Datensicherheit wird die Person nicht verraten. Das Auto aber schon!
Der /8 wird 50! Also der Mercedes strichacht. Ein wunderbares Fahrzeug, meines kostete 1000 D-Mark inklusive der Fahrerbrille wie auf dem Zettel an der Windschutzscheibe ausdrücklich betont wurde. Keine Verhandlungsbasis – Festpreis! Und er war jede Mark wert, der 200er Benziner mit den durchzugsstarken 95 PS. Gott sei Dank ein Benziner und nicht so ein heizgedieselter Bauernporsche, auch gerne »Wanderdüne« wegen seiner beschleunigungslosen Fahrtaufnahme genannt. In Beinaheweiß und erste Serie. Also noch mit den »schönen« Rückspiegeln und und Ausstellfensterchen vorne. So, wie das sein muß! Meine Liebe zu Mercedes-Eisen war noch ungebrochen und die Lust, sich durch zentnerweise rostiges Blech zum eigentlichen Problem vorzuarbeiten, ungetrübt. Heute, wo man älter und weiser geworden ist, bevorzugt man Motorräder. Aber damals…?

Der W114 wurde zu einer Zeit konstruiert, in der die Menschen noch erheblich größer als heute waren. Auch wenn der Schrumpfungsprozess schon damals absehbar wurde. Gemessen am Vorgänger des /8, der Flosse, schien die statistisch durchschnittliche Körpergröße bereits etwa 5 cm geringer geworden sein. Aber verglichen mit einem aktuellen Golfauto war das Platzangebot für Riesen gedacht. Und man konnte aus den Fenstern hinaussehen – das heißt: Man sah auch etwas! Nicht Sehschlitze aus Führerbunkern, sondern Glas von unterhalb der Schulterhöhe bis weit über die Hutkrempe. Auch wenn kaum noch jemand Hüte trug. Außer vielleicht den Bauern in ihren meist stumpfgrünen Diesel /8; der andere Teil typischer /8 Besitzer bevorzugte einen Palästinenser-Feudel.
Gemessen an der Konkurrenz wie R4, Käfer, Bully oder Ente war der Benz ein richtiges Auto. Eines, für das die Autobahnrichtgeschwindigkeit von 130 km/h nicht nur im freien Fall erreichbar war. Souveräne 150 Sachen lagen durchaus im Bereich des Möglichen, wenn auch mit einer beeindruckenden Geräuschkulisse. Aber so klingt das eben, wenn nicht sogenannte Sound-Designer und mental gestörte Aerodynamiker die Federführung haben, sondern Autobauer. Allein das Schließgeräusch der Türen – der Kenner konnte im Winter hören, ob genügend Frostschutzmittel im Kühler oder die Maschine wieder komplett in Eis gehüllt war. Kurz anlassen, für zwei Minuten im Standgas laufen lassen, Motor abstellen und darauf warten, daß die Knacksgeräusche aus dem Motorraum aufhören. Apropos Geräusch: Ein /8 hat keinen Drehzahlmesser. Er braucht ihn nicht, man schaltet nach Gehör. Das diente der Fahrsicherheit, weil keine zappeligen Instrumente die Konzentration des Fahrers beeinflußten. Außer dem Becker-Cassetten-Radio gab’s keinerlei Elektronik – sicherlich einer der Gründe, warum der Benz grundsätzlich immer fuhr. Und selbst wenn er mal kaputt war: Nach Hause kam man immer irgendwie. Vorausgesetzt, man hatte einen Hammer im Kofferraum, um das notorische marode Anlasserrelais zur Mitarbeit zu bewegen.

Kopfstützen und Gurte für Fahrer und Beifahrer! Sicherheit wurde bei Mercedes immer schon groß geschrieben. Rechter Außenspiegel als aufpreispflichtiges Zubehör. Masse und Stahl statt Airbag. Mein geliebtes Assistenzsystem saß auf dem Beifahrersitz und zitierte den Falk: »Die nächste rechts ab… glaube ich«. Mehr Auto braucht kein Mensch.

Als die Rechnung des amtlichen Schweißers den Zeitwert des Benz um Faktor zwei überstiegen hätte, mußten wir uns leider trennen. Nicht aus Vernunft, sondern wegen unmenschlichem Druck regressiver Behörden. Was folgte, war ein W126, der auf Schweißers Hof stand. Eine vernünftige Entscheidung! Der Beste und vermutlich letzte Mercedes, den Benz herstellte. Automatik, wie sich das gehört und der fehlende fünfte Gang (der einzige Konstruktionsfehler der Baureihe W114) gehörte der Geschichte an. Ach ja: Unvergessen auch der W123 in Urinstein-Gelb. Und das Danaergeschenk der Schwiegermutter in Form ihres aussortierten 240er Diesels. Legendäre Telephonate auf dem Autobahnstandstreifen:
»Ach ja – die Benzinuhr ist nicht richtig. Wenn sie viertelvoll anzeigt, ist der Tank leer!«
»Ja, ich weiß!«

Ob ich nochmal…? Der Wurm steckt noch tief. Bei jedem /8 oder W126 am Straßenrand meldet er sich wieder. Die behutsame Tiefenpsychologie beim Mercedeshändler fehlt mir, wenn ich wieder einmal wütend dort stand »Irgend ein Arsch hat mir den Stern abgebrochen!«. Und der rührende Service, wenn nach der Frage zu Serien- und Schlüsselnummer (die man natürlich im Kopf hatte) der passende Talisman wieder auf die Motorhaube kam. »Macht 25 Thaler Courant«. Scheiß drauf, das war es mir wert!

Norwegen hat eine neue (alte) (konservative) (Minderheits) Regierung1. Minderheitsregierungen sind in Norwegen ganz normal. Als eine der ersten Amtshandlungen erreichte die liberale Venstre ein Verbot der Pelztierzucht. Er wird uns fehlen, der norwegische Leopardenpelz!

Die Koalitionsgespräche der neu gewählten Regierung dauerten zwölf Tage.
Wie es mit der Mode ohne Pelze weitergeht, zeigt der österreichische Standard2 in seinem Artikel über die Modemesse in Mailand. Wie man schnell erkennt, braucht man beim kreativen Umgang mit Altkleider-Containern keine Tiere.

ap photo bruno

Stichwort Messe. Die CES 2018 in Las Vegas3 ist zu Ende. Die Lichter sind jetzt endgültig aus. Zwischenzeitlich waren sie es auch schon mal: Ein überschwemmtes Trafohäuschen sorgte für einen kompletten Stromausfall. Die ganzen Gadgets waren für eine Stunde Attrappe im Dunkeln. Ganz am Rande bemerkt Heise.de dazu, so etwas wäre »hierzulande undenkbar.« Eine mehr als gewagte Aussage, aber wohl nötig in einem Umfeld, im dem der Zustand »kein Strom« gleichbedeutend mit »das Ende der Welt« ist.
»Ihr Handy hat jetzt noch für eine Stunde Saft und danach können Sie nicht einmal mehr die Rinde von einem Baum damit abkratzen.« Bestenfalls die Hundescheiße vom Straßenpflaster. Für 2000€ gab es den Roboterhund Aibo von »my first« Sony zu sehen. Ohne Hundescheiße, aber nach Aussagen kundiger Messebesuchern so dumm wie Weißbrot. Hervorragendste Eigenschaft: Jetzt noch niedlicher als sein Vorgänger. Soviel zum aktuellen Stand der KI. Aibo wird mit einem Ball und einem Plastikstück geliefert, welches einen Knochen darstellen soll.

1 SpoOn und pelziges

2 Der Standard.at Mailand

3 Heise.de La Vegas

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11 Kommentare zu Presseschredder 16.1.2018

  1. Peinhart sagt:

    Ja, das Strichle. Schööön. Ich hatte eine Wanderdüne, aber wenigstens schon mal satte 5 PS mehr als die Mindestmotorisierung, also einen 220D. Prägt meinen niedertourigen und überaus vorausschauenden Fahrstil bis heute. Insbesondere Überholmanöver mussten sorgfältig geplant werden – Lücke im fernen Gegenverkehr ausmachen, leicht zurückfallen lassen, Beschleunigung einholen und im Moment des Auftauchens besagter Lücke mit eingeholtem Geschwindigkeitsüberschuß links raus!

    Und es war Platz auch im Motorraum, notfalls konnte man sich da noch selbst mit reinstellen. Und man musste, um an etwas ranzukommen, vorher auch keine 73 andren Teile ausbauen, man kam an alles fast sofort ran.

    Meiner war dann nach 13 Jahren und etwa 1,5Mio Kilometern leider auch ‘durch’. Der Motor, zwischendrin überholt – einmal komplett neue Kolben für sagenhafte 800,- Deutschmark inklusive Arbeit! – wanderte dann noch in einen alten Unimog.

    Den rechten Außenspiegel übrigens unbedingt vorne auf’m Kotflügel!

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    • Pantoufle sagt:

      Moin Peinhart

      Ja, der Platz unter der Motorhaube war ein echt starkes Schrauber-Argument! Bei der Vergaser-Fraktion stand die Haube ja doch hin und wieder offen und man freute sich, daß man so viel Platz für sich und das Werkzeug hatte.
      Gedieselt hatte ich eine Flosse und besagtes Geschenk. Gerade die Flosse erzieht zum Mercedes-Fahrer. Entweder man wird gelassen oder schiebt den Panzer in den Graben und kauft sich einen BMW. Ich bin bei Mercedes geblieben und habe es nie bereut. Keine Unfälle und schon gar nicht wegen Beschleunigungsorgien. Einmal einen Bus gerammt. Der brauchte 4 Zentner neues Plastik am Heck, ich eine neue Lampenscheibe rechts (nur die Scheibe – die Chromfassung war noch ok).

      Das leidige »rechter Rückspiegelthema«! Außer den Taxifahrern brauchte den sowieso kein Mensch. Überholmanöver gehörten nicht zum Alltag. Und so weit vorne sieht schon etwas behindert aus. Werfe ich mal so in den Raum. Geschmackssache. Natürlich. Wird eigentlich nur noch durch aerodynamisch geformte Implantate aus der Manta-Ecke getoppt.

      Unverbastelte Originalsubstanz, kaum Rost. Billig an Selbstschrauber abzugeben. Originalteile noch vorhanden. Die Sitzbezüge weisen altersübliche Abnutzung auf, Auspuff müßte neu gemacht werden. KEIN TÜV!

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      • Peinhart sagt:

        Ich hab mal einen Derby in die ewigen Schrottgründe geschickt, durch simples Auffahren bei eher geringer Geschindigkeit. Das leichte V des Kühlergrills hat sich deutlich in der lackierten Alufolie abgedrückt, die dieses ‘Gefährt’ für seine Karosse hielt. Wirtschaftlicher Total. Bei mir war eigentlich nur besagter Grill abgerissen, ich musste eine neue Kühlerplakette (die rückwärtige Gewindestange hält ihn ja auch) für immerhin 7,50 kaufen. Da ich nachweisen konnte, dass völlig unnötig gebremst wurde, musste jeder seinen eigenen Schaden tragen. Tja. Ich halte mir immer noch zugute, damit zur Ästhetisierung der Umwelt beigetragen zu haben.

        Der Rückspiegel auf dem Kotflügel vorne war einfach besser im Auge zu behalten.

        Die Verkaufsanzeige ist für die AMG-Schlurre? Wenigstens ein 6.3 drin…? 😉

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      • gnaddrig sagt:

        Ja, schönes Auto (der Blaue), und neben einer Brauereikutsche mit Lindener Spezial gut geparkt.

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  2. Publicviewer sagt:

    Jaja, der Magnetschalter..kicher

    Ich hatte auch zwischenzeitlich mal eine Wanderdüne 220D.
    Da ist mir mal die Membrane der Vakuumpumpe für die Servolenkung durchgegangen.
    Der hat dann gequalmt wie ein alter Panzer und wollte partout nicht mehr ausgehen.
    Danach hatte ich einen 123er Kombi 240D der mit einem sehr sehr seltenem 5Ganggetriebe ausgestattet war.
    Man konnte dann auch mal Tachoanschlag fahren ohne die bekannte Geräuschkulisse wahrzunehmen.
    Den bekam dann mein französischer bester Freund der den dann noch 12 Jahre fuhr ohne nennenswerte Probleme zu machen.
    So viel dazu….
    Noch’n Gruß, an alle die das noch zu schätzen wissen…

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  3. Geliebter mensch der heute 50 wird – hab ich’s doch geahnt: Du liebst Gregor Gysi, der heute einen runden geburtstag hat und machst ihn aus liebe gleich 20 jahre jünger.

    Darauf ein großes glas mavrud!

    (Ich schreib jetzt kichernd eine antwort in unsere vergangene diskussion)

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