Presseschredder 14.9.2017

Wer erinnert sich nicht an das entführte Passagierflugzeug »Landshut« und das glückliche Ende des Geisel-Dramas durch den Einsatz der GSG9 am 18. Oktober 1977?

»Jeder aus meiner Generation erinnert sich an die dramatischen Tage im Deutschen Herbst im Oktober 1977, als die RAF die noch junge Bundesrepublik Deutschland buchstäblich in Atem hielt (…) All das hat Deutschland und besonders meine Generation ganz stark geprägt.«

Sigmar Gabriel, momentaner Außenminister

Seit ein paar Jahren gammelt das Kurzstreckenflugzeug auf einem brasilianischen Friedhof für Airliner-Alteisen vor sich hin. Flugunfähig, aber nichtsdesdoweniger symbolträchtig. Symbolträchtig im Sinne von… ja, für was eigentlich? Jedenfalls so sehr Symbol, daß der Bundes-Außenminister alles (Geld) daransetzt, es noch vor der Bundestagswahl heim ins Reich ins Luftfahrt-Museum in Friedrichshafen am Bodensee zu transportieren. Aus »nationalem Interesse«, wie gerne betont wird.

Was könnte das genau sein? Die PLFP-SC, die »Volksfront zur Befreiung Palästinas« […gnigger… Sehr Cool. Der Säzzer], die den Flieger entführte, wird es wohl nicht sein. Oder die Erinnerung daran, daß es in Palästina immer noch unter brodelt? Seit 1948, um genau zu sein, ohne daß der Staat Israel Ermahnungen, Forderungen oder Beschlüsse der Weltgemeinschaft mehr als zur Kenntnis nehmen würde. Das wäre dann allerdings ein Grund.
Nein, es geht wohl doch eher um RAF, die »rote Armee Fraktion«. Zum ersten Male seit Kriegende gab es 1977 wieder eine einsatzfähige para-militärische Truppe (die GSG9 natürlich!), auf die man kollektiv stolz war. Das müßte doch etwas sein, wo man – unter vollkommen anderen Vorzeichen – dem autoritärem Staat für ein paar Millionen Euro ein Denkmal setzen könnte. Eines im Kampf gegen den Kollektivfeind, das »Links«. Das ultimative Mahnmal für 40 Jahre Erfolgsbesoffenheit darüber, den starken Staat wiederentdeckt zu haben, die Kompensation eines jahrelang gewachsenen Identifikationsdefizits. Hatte der Spiegel noch Anfang 77’ vom »klassischen Zügen des ‚McCarthyismus« der Bundesregierung geschrieben, so lobt er das»besonnene Handeln« der Regierung nach Mogadischu.

»In der Bevölkerung hatte der Terrorismus nicht nur keine Chancen – er trug sogar zur Solidarität mit dem demokratischen Staat bei. Vielleicht wurde Mogadischu politisch das erste große nationale Symbol seit Gründung der Republik. […] Auch die Demokratie ließ sich nicht alles gefallen. Es war die große, tiefgreifende Erfahrung eines Volkes, das sich nach dem Krieg in eine alltägliche Spannung von staatlicher Macht und individueller Freiheit erst mühsam hineinleben mußte.«

Wolfgang Jäger, Republik im Wandel

Die Geiselbefreiung begründet die Umdeutung der Auseinandersetzung der Staatsorgane mit der RAF in eine Erfolgsgeschichte, deren Antwort die Waffen der GSG9 liefert, nicht eine gesellschaftlich-politische Auseinandersetzung mit linken Postionen. Auseinandersetzung bedeutet zukünftig in erster Linie für alle nicht systemkonformen Meinungen, sich von der RAF und dem Terrorismus sowie seinem politischen Hintergrund ohne Einschränkungen zu distanzieren, die Deutungshoheit faktisch also dem System zu überlassen. Ein Solidarisierungszwang, dem nie eine Diskussion des Sinns und des Zwecks über derartige Aktionen wie der RAF vorausgegangen war.
Eine normierte, dominierende Erinnerungskultur an den »Deutschen Herbst« und ein neues Selbstverständnis der Bundesrepublik, das vorläufig gute Ende eines nicht erklärten Ausnahmezustandes. Nach Mogadischu wird dieser Zustand mehr und mehr Normalität: Der Anti-Terrorismus wird zur Volksideologie und legitimiert alles.

Nach dem Willen von Generalbundesanwalt Kurt Rebmann sollten die RAF-Gefangenen nach Standrecht erschossen werden, im »internationalen Frühschoppen« wird Einführung der »blutigen Folter« gefordert. Die CSU-Landesgruppe im Bundestag schwadroniert über »Erschießung[en] der Gefangenen Terroristen in halbstündigem Abstand« – »so lange, bis der Entführte freigelassen wird«
MdB Alfred Dregger (CDU) entwirft in Gedanken »Terroristen-Jagdkommandos«, die »keinen fragwürdigen bürokratischen Einwirkungen unterliegen“ sollen.
Wir dürfen nicht nur reagieren, wir müssen die Terroristen aufsuchen und vorbeugend zuschlagen.
Franz Josef Strauß plädiert für Lynchjustiz, wenn er vorschlug, die RAF-Gefangenen »dem Volk« zu überlassen, denn »dann brauchen die Polizei und die Justiz sich nicht mehr drum zu kümmern«
Prof. Dr. Wilfried Lange aus Düsseldorf bringt es in der WELT auf den Punkt:

»Niemand wird bestreiten, daß die Todesstrafe hier einen von der Vernunft bestimmten Zweck erfüllt: Ein Staat, der seine Terroristen hinrichtet, kann nicht mehr genötigt werden, sie nach Südjemen auszufliegen. Auch scheidet ein exekutierter Verbrecher künftig als Attentäter aus.«

WELT, 29.9.1977

Die Geburtsstunde der »geistigen Täter« – natürlich der von links, mutmaßlich terroristische Vereinigungen.

»Ich wünsche mir, daß die Landshut wieder in Deutschland ist, wenn sich die 40 Jahre des Deutschen Herbstes jähren.«
S. Gabriel

Das sagt Gabriel im deutschen Winter, der dem Herbst folgte. In dem es zum ersten Mal seit langer Zeit wieder eine Nazi-Partei im deutschen Bundestag geben wird (fernab jedes vernünftigen Zweifels). Ein dunkles Mahnmal wäre angebrachter. Die Verhältnisse bezüglich Terrorverdachts unterschieden sich nur minimal zu den Zuständen in der heutigen Türkei. Ja, es gibt eine Generation, die sich daran erinnert, Herr Gabriel! Und das, was nach dem deutschen Herbst 77’ folgte, führt in gerader Linie zur AFD im Bundestag.

Glückwunsch!

»Was hast du getan, als 2017 die AfD ins Parlament kam?« Bleiben wir kurz bei den Nazis. Martin Kaul kotzt sich auf taz.de sich die Gedärme aus dem Leib.
»Somuncu, der Psychotyp mit der Kapuzenmütze«. Serdar Somunco will Kançler werden – soweit richtig. Nur heißt der Typ mit der Kapuze Nico Semsrott und ist Gegenbewegung. So gut sollte man den fürchterlichen Gegner dann doch kennen.
»In ihrem Kern [der DIE PARTEI ihrem] verachtenswerter als die AFD«.
Junge, Junge… da muß Dir doch jemand sehr zielsicher ins Gehirn geschissen haben.
Was ist geschehen? Hast Du ein Plakat von DIE PARTEI gesehen, das Du im ersten Moment für eines von Bündnis 90/ die GRÜNEN gehalten hast? Und dann hast Du Dich geschämt – los, gibs zu, Schnupsi!

Na ja, kann ja mal passieren!

Die Frage sollte doch vielmehr lauten: »Was hast Du getan, bevor 2017 die AFD ins Parlament kam?«

»Die taz entstand in der Folge des Tunix-Kongresses im Januar 1978 in Berlin und war auch eine Reaktion auf den „Deutschen Herbst“ 1977. Unter den taz-Mitgründern befanden sich unter anderem Hans-Christian Ströbele und Gaby Weber.«

wikipedia

Und nun sehe in den Spiegel (nein, nicht in den – den im Badezimmer!) und weine!

Arggghhhh!!!
Schon wieder reingefallen. Der bisher intellektuellste Wahlspot der PARTEI. Jawoll, die PARTEI ist sehr, sehr gut! Jetzt kennen auch alle taz-Leser die PARTEI. Ging wohl nicht anders…

Silke Burmester im Deutschlandfunk

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11 Kommentare zu Presseschredder 14.9.2017

  1. Mit den »schnupsis« ist also kein staat zu machen. Das ist doch genau der grund, weshalb ich sie wähle, weil ich mich noch zu gut an die GRÜNE »staatmacherei« erinnern kann, die mir und vielen anderen nämlich alles andere als gut bekommen ist.

    Von der »taz« erwarte ich nichts anderes, als daß sie spaßig ist, wie grüngewordenes grahambrot auf dem frühstückstisch. Wenn man mich fragt, was ich getan habe, als 2017 die AfD ins parlament kam, werde ich dazu sagen können, daß ich einen kançlerkandidaten mit migrationshintergrund gewählt habe und zwar nicht wegen dessen migrationshintergrund, sondern weil der imstande ist, in diskussionen durchaus rational zu argumentieren.

    Besser wäre es natürlich, wenn man die AfDler hinterher fragen müßte, was sie getan haben, als die PARTEI ins parlament kam…

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    • Pantoufle sagt:

      Moin Mechthild

      Ja, bei dem Autor des Erbrochenem handelt es sich vermutlich um einen Super-Realo der Grünen. Und die schrecken bekanntlich auch vor einem Krieg nicht zurück, wenn auch mit Bauchschmerzen, die sie dann mit Globuli behandeln.

      Die Frage nach dem »was hast Du getan?« hat mich allerdings ehrlich erbittert. Daß Martin Kaul zu dumm oder zu faul war, sich wenigstens die Gesichter und Personen der PARTEI anzusehen… geschenkt! Ist ja auch nur ein Journalist. Aber gerade bei Somunco diese Frage zu stellen, ist schon eine arge Unverschämtheit. (wie die Katze aus dem Sack mit dem beispielhaften Link auf das Video klarstellt).
      Komisch: Als 2012 die Idee umherging, Georg Schramm als Bundespräsident aufzustellen, hat man aus dieser Ecke solche schrägen Töne nicht gehört. Nicht, daß es einen Sinn ergeben würde, Schramm und Somunco inhaltlich zu vergleichen, aber die Ernsthaftigkeit und das Engagement ist beiden gleich.
      Was aber Intelligenz und Befähigung real existierender Politiker angeht, so hat Parteigenosse Sonneborn bereits vor längerer Zeit demonstriert, um was für Pfosten es sich dabei handelt. By the way: Alle in dem Video vorkommenden Politiker sind nicht wegen Teilnahme und den anschließenden Fragen ohne Rentenbezüge vom Fleck weg gefeuert worden.
      »Klar, kann ich einen Luftballon aufblasen und dann sagen, ich hätte die Welt verändert.«

      Extra für Dich, Mechthild

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  2. Stony sagt:

    Moin Pantoufle,

    schön auf’n Punkt und mit Schmackes serviert; sag ich mal so, als einer der sich nicht erinnern kann (in der Krabbelgruppe hatten wir andere Themen).
    Erlaube mir Dir zuzuprosten. Cheers!

    (Die PARTEI werde ich allerdings nicht wählen – bin immer noch stinkig, daß mir damals, als es noch zweistellige Mitgliedsnummer gab, mein Wunsch dezidiert als Mitläufer geführt zu werden negativ beschieden wurde. Irgendwas mit Extrawurst war die passend faule Ausrede. Pffft…)

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    • Pantoufle sagt:

      Recht haben sie! Den Mitläufer muß man sich erst mal verdienen!

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      • Stony sagt:

        Nun, diesen Grund hätte ich angemessen gefunden, auch das Konstatieren von mangeldem Humor hätte ich hingenommen, allein “zuviel Aufwand” (so zumindest mein Verständnis dunnemals) find ich halt lahm. Naja, egal. Vllt. überleg ich es mir noch anders.

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  3. Die Katze aus dem Sack sagt:

    “Serdar Somuncu – Die Wahrheit über uns und unsere Gesellschaft!” (5,28 min.):
    https://www.youtube.com/watch?v=RBwcqO2Xc6o

    Man solle, so die Aufforderung vorweg, einmal über diese Worte nachdenken.

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    • Pantoufle sagt:

      Moin, Katze aus dem Sack

      Wie ich schon Mechthild gegenüber andeutete: Nachdenken hat der Autor des Artikels auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Vermutlich auf den, wenn ihm persönlich die Frage nach dem »was tatest Du?« gestellt wird.

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    • Siewurdengelesen sagt:

      +1

      Viel schlimmer, dass es den Menschen so um die Ohren geknallt werden muss, weil sie oft genug:

      1. nicht nachdenken

      2. nur an den eigenen Arsch denken

      Was glauben wir, wieviele der Besucher dieses Auftritts dort betroffen waren und nach diesem die geistige Tonne öffnen und dort alles wieder abladen? Man war bei so einem Ding dabei, hat seinen Ablass geleistet und alles ist wieder gut und wir in unserer Blase zurück…

      …die besorgten Bürger und anderweitig ignoranten erreichst man damit auch nicht. Die fühlen sich höchstens am Rande gestört dadurch und hetzen trotzdem weiter in ihrer spiessbürgerlichen und beschissenen “Angst”.

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  4. Fluchtwagenfahrer sagt:

    Moin Pantoufle, schöned Ding.
    Ich bin mir sicher das die Pestbeule, dieses eklige Geschwür nie herausoperiert wurde. (Nürnberger… ) Erst Schorf, dann ein dünnes Häutchen und 70 Jahre später wird wieder dran geknibbelt und der erste Eiter fließt schon. Die eine Seite mag zwar die Argumente haben, aber wir haben die Knarren. Da wird nicht diskutiert, seit wann haben denn die Frösche was zu sagen, den Teich legen wir trrrocken. Wird endlich Zeit den letzten Zug zu machen und die Bw im Inneren, massiv und kompromisslos, den “feigen Attentäter, Terroristen ……….”entgegen zu werrrrfen.
    Die Idee mit den “Terroristen-Jagdkommandos” und den anderen Maßnahmen war allerdings ein super Exportschlager (s. dazu z. B. Lateinamerika), du siehst wir waren schon immer Exportweltmeister, Hr. Macrone in FR hat wohl auch aufmerksam zugehört und baut endlich diese faule Grande Nation um, damit sie “wettbewerbsfähig” werden.
    Du siehst der Exportweltmeister muss nicht Meister der Herzen sein.
    Vielleicht hätte die Enola Gay lieber rechts abbiegen sollen, dann wäre dem ein oder anderen einiges erspart geblieben, den ein zukünftiges Fatherland alla R. Harris will ich mir nicht vorstellen.

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    • Pantoufle sagt:

      Moin Fluchtwagenfahrer

      Beim Schreiben an diesem Text kam bei mir das eine oder andere Mal ohnehin das kalte Kotzen wieder hoch. Teils wegen der persönlichen Erinnerungen an diese Zeit (ich des Kindergartens durchaus entwachsen), teils wegen dem, was ich dazu als Hintergrundlektüre gelesen habe. Die angeführten Zitate sind recht wahllos und nicht nach Ungeheuerlichkeit ausgewählt; man kann eigentlich mit verschlossenen Augen in den Sack greifen und findet tonnenweise blutige Perlen wie diese.
      Dem Begriff »Exportschlager« kann ich mich allerdings nicht anschließen. Als mit 9/11 eine Weichenstellung geschah, war es doch eher so, daß die BRD sich in Selbstverständnis und Ausrichtung bestätigt sah. Man hatte ja bereits »jahrzehntelange Erfahrung« mit dem Terrorismus. Es war ein tiefes Luftholen und praktisch alle Vorschläge und Verfahren der Altnazis (NSDAP-Mitglied Alfred Dregger beendete die Nazizeit als Bataillonskommandeur) kamen erneut auf den Tisch. Die Grundlagen von »Terroristen-Jagdkommandos«, also eine Kriegsführung gegen jedes Kriegs- und humanitäre Recht, würde ich eher in Zeiten des Korea- und Vietnamkrieges oder in der McCathy-Ära suchen.

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