Presseschredder 13.7.2016

Das Leben ohne Adblock+ und NoScript

Das Leben ohne Adblock+ und NoScript

Was nehmen wir uns denn mal heute vor die Flinte? Wer möchte der Selbstmordkandidat sein? Freiwillige vor… ach, da kommt er ja gehoppelt!
Ein Stern – Stern.de, um genau zu sein.

»“BLOCKxit“ – Wie man vom Blocken loskommt
Werbung ist wichtig, um ein Angebot wie stern.de zu finanzieren. Ad-Blocker gefährden dieses Geschäftsmodell. Um Aufklärung zum Thema Werbeblocker zu betreiben, startet der stern die Kampagne „BLOCKxit“.«

Micky Beisenherz, mit dem Sexappeal eines Türstehers vor der Provinzdisco, erklärt warum man Ad-Blocker bei Stern.de ausschalten soll. Lustig soll es sein, eine Satire, brüllend komisch.
Nachdem sich das Geschäftsmodell »Hitlers Tagebücher« nicht durchgesetzt hat, nun also ein rein werbefinanzierter Qualitätsjournalismus. Was gibt’s denn statt dessen? »Wie Hitler die ganze Welt täuschte.« (ahem…ja!), »Diese Studie belegt: Frauen stehen auf Bad Boys«, »Junge Aktfotografie: Nackttherapie«. Ja, nackt ist sie tatsächlich und hat eine Miezekatze zwischen den Schenkeln. »Bella Hadid ohne BH«. Mit Adblock+ hat sie aber auch keinen an – da schreit der Handlungsbedarf.

Guter Journalismus ist nicht umsonst – aber wie man unzeitgemäße Geschäftsmodelle finanzieren soll, weiß auch niemand genau.
Die Gerichts-Prozesse von Springer, Burda und anderen ist ausreichend kommentiert worden wie auch die zum Teil hanebüchenen Argumente der Verlage: Adblock würde Content blocken »wie zum Beispiel die Fußzeile mit Hinweisen auf das Impressum oder Angaben zum Datenschutz, redaktionelle Hinweise der Klägerin oder der Copyright-Vermerk«. Man behauptete, daß zwischen Zeitung »und dem einzelnen Nutzer [der] Internetseite jeweils ein faktisches Vertragsverhältnis begründet werde«. »Unentgeltliche Lektüre journalistischer Inhalte gegen Zulassung von Werbung!« Die auf diesem »faktischen Vertragsverhältnis aufbauenden Erlösmöglichkeiten der Klägerin würden durch die unmittelbare Beeinträchtigung der Vergütungsquelle gefährdet bzw. zunichte gemacht«.
Nun ja! Ein Fall für die Justiz.

Schalten wir also Adblock+ einmal kurz aus und sehen, was passiert: Ein Gewaber und Nachladen von Megabytes aggressiv programmierter Werbung, Flash, Silverlight, Java und was der Scripte mehr sind. Wo verbirgt er sich doch noch gleich, der Qualitätscontent? Irgendwo unter dem Popup vom Reisebüro: Ankara sehen und sterben.
Adblock ist Notwehr.

Daß so viele Menschen überhaupt Adblock verwenden (ca.25% in Deutschland), ist ohnehin ein Wunder. Sieht man sich den Rechner von OttoNormalUser an, verwundert es, warum sich zwischen dem Müll von Computerbild-Spam und Chip-Maleware ausgerechnet dieses nützliche AddOn befindet. Es sind eben schon lange nicht mehr nur Nerds, die von der Werbeschwemme angepisst sind.

Leicht kriminell

Es gibt Verhaltensregeln für den Umgang mit dem Internet, die schon lange Schimmel angesetzt haben: Keine unbekannten .exe, .com, .gif, .jpg – Dateien im Mailanhang öffnen, kein Geld für Eisenbahnaktien in Nigeria, installiere einen Virenscanner, NoScript und Adblock+.
Und das ist auch nötig: Browser sind mittlerweile kleine Betriebssysteme, die im Sekundentakt .exe, .com, .gif, .jpg – Dateien öffnen. Sie verwalten Mails, ermöglichen Dokumentenbearbeitung, laden Musik und Videos und werden zum Remote-Login und Telephon-Konferenzen eingesetzt. Sie unterliegen keiner File-Permission oder einer nachvollziehbaren System-Rechtevergabe. Selbst wenn die gängigen Browser regelmäßig auditiert werden, so gilt das in der Regel nicht für die unzähligen XPIs , mit denen jeder von ihnen angehübscht werden kann.
Sie sind ist das, was man sicherheitstechnisch als offenes Scheunentor bezeichnet.

Es gehört ein gerütteltes Maß an Vertrauen (bzw. Dummheit) dazu, irgend jemandem zu erlauben, die einzigen schwachen Schutzmechanismen außer Kraft zu setzen, über die man überhaupt verfügt. Das würde mindestens voraussetzen, daß der Anbieter ein Mindestmaß an Kontrolle über das hat, was er da als »Mehrwert« verschleudert. Dazu gibt es eine interessante Grafik des CCC. Es wurde bei den gezeigten Webseiten überprüft, wieviele Server-Zugriffe beim Laden während einer etwa zweiminütigen Session stattfanden:

CC by Frank Rieger, CCC - vermute ich jedenfalls

CC by Frank Rieger, CCC – vermute ich jedenfalls

Unter Requests stehen die gesamten Zugriffe, Unique Hosts sind kontaktierte Server, deren Adresse dabei nur einmal vorkam. Own Host bezeichnen die Server, die dem jeweiligen Anbieter tatsächlich gehören und bei denen man Kontrolle über den Content hat. Also bei weniger als 10% aller involvierten Server!
Die Verlage oder Redaktionen haben dabei weder das Wissen, geschweige denn Kontrolle darüber, was an Daten ausgetauscht wird. Das können sie nicht haben und wollen es auch nicht: Von irgendwoher kommt das Geld, wenn sie es zulassen und alles andere ist Sache des Kunden. Das Geschäftsmodell des Online-Journalismus beruht auf der potentiellen Verbreitung von Schadsoftware.

Und genau dort wird es kriminell. Die Verlage, die mit großem Tamtam gegen Adblocker prozessieren, haften selbstverständlich nicht dafür, wenn es zu irgendwelchen Schäden kommt. Weder für das bei Ransomeware nötigen »Lösegeld«, noch bei Trojanern oder Adware – so sie die nicht sogar selbst auf dem Gewissen haben.
Selbst wenn keine böse Absicht dahintersteckt: Wer sind denn diejenigen, die all die bunten Bilder, Filmchen und Wackelbilder erstellen? Keiner kennt sie, diese sogenannten Kreativen, die hemmungslos alles benutzen, was auffälliger als das vom Mitbewerber ist. Das sind doch keine ernstzunehmenden Programmierer, mit einem Namen und dem Risiko eine Reputation zu verlieren. Von der Glasfassade bis hinunter zum gekalkten Keller ist da alles vertreten. Die haben sich alles denkbare auf die Fahnen geschrieben, nur nicht »Security«.

Es ist schon erstaunlich genug, daß man auf dem Milliardenmarkt Online-Werbung keinen Mechanismus kennt, der diesen Java- und anderen Müll wenigstens oberflächlich prüft. Und das wird auch nicht passieren, solange niemand für Schäden haftbar gemacht werden kann. Bei den App-Stores von Apple und Co passiert das allein aus Selbstschutz – nicht, daß das lückenlos funktioniert, aber es ist ein Anfang. Bei Online-Werbung existiert das nicht einmal im Ansatz.

Die BLOCKxit-Kampagne bei Stern.de. Ja ja, ein Wortspiel… schon wieder. Witzig ist es allerdings nicht.

»Die Kampagne informiert mit einem Augenzwinkern, aber doch ernst über die Folgen der Nutzung von Werbeblockern. Wer www.stern.de mit aktiviertem Adblocker ansurft, bekommt eines von vier BLOCKxit-Motiven angezeigt.«

Es werden aber vier gleichzeitig angezeigt. Nicht einmal das können sie. Und über die tatsächlich möglichen Folgen erfährt man auch nichts. Nur etwas über ein verkorkstes Geschäftsmodell.

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33 Kommentare zu Presseschredder 13.7.2016

  1. teich sagt:

    „Es sind eben schon lange mehr nur Nerds, die von der Werbeschwemme angepisst sind.“ Hm.

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  2. flatter sagt:

    Ist der Knopp eigentlich endlich Chefredakteur beim braunen Zwerg Stern?
    Habe gestern aus der Serie „Installateure des Blitzkriegs“ die Doppelfolge „Rohrbruch in der Wolfsschanze / Hitlers Eckventil“ geschaut. Like!

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    • pantoufle sagt:

      Ja, ohne Hitler läge der Online-Journalismus völlig im Kies. Das einzige bei dem man sicher sein kann, daß dort nicht von Reuters oder dpa gecopyt und pastet wurde. Ich sollte auch mal wieder heute Abend… Wunderwaffen mit Wagner.

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  3. Ich finde die Linie, die die BILD fährt, gut. Wer einen Adblocker benutzt, kann keine Artikel lesen. Und deswegen bin ich seither kein BILD-Leser mehr :o)))

    Sollten sie alle machen. Aber es gibt ja auch die verzweifelten Boulevardklitschen wie SPON, die echt glauben, mit Spiegel Plus könnten sie ein paar Fliegen in ihr Scheißhaus locken …

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    • pantoufle sagt:

      Stand August 2014: Weltweit immerhin noch 2,3 Millionen Menschen benutzen ihre AOL-CDs nicht als Bierdeckel, sondern überweisen durchschnittlich etwa 22€ monatlich für einen AOL-Internetzugang.
      Das ist die Welt, in der man auch für Spiegel Plus Abonnenten gewinnt! Oder Bild-Extra-Schrei oder Stern-Spam-Schleuder.

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  4. Dirk sagt:

    „…installiere einen Virenscanner…“ Für mich als Laie hat der Burks mal recht einleuchtend erklärt, warum die Benutzung von Virenscannern keinen Sinn macht – vorausgesetzt man klickt nicht wild und ohne nachzudenken durch die Weiten des Netzes. Und siehe da, es funktioniert tatsächlich, habe seit fast 3 Jahren auch ohne Scanner keine Probleme.

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    • pantoufle sagt:

      Da hat der gute Burks auch vollkommen recht: Virenscanner sind Schlangenöl. Ich selber habe Linux und BSD – dafür gibt’s sowas eh nicht.
      Das ändert aber nichts daran, daß ich Oma oder Gerda von nebenan trotzdem sowas installieren würde. Und sei es nur aus psychologischen Gründen. Die klicken nämlich wild und ohne nachzudenken durchs Internetz. Und natürlich Adblock+

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      • R@iner sagt:

        Natürlich gibt’s Virenscanner für Linux.

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        • pantoufle sagt:

          Ja, wenn ich Dateiserverdienste anbieten würde, die auch von Windows-Clients benutzt werden, dann hätte das einen gewissen Nährwert.

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          • R@iner sagt:

            Wenn Du als Firma jemandem eine Mail mit verseuchtem Inhalt zusendest, dann kann das Ärger geben, wenn ich mich recht entsinne. Kannst Du im Klagefall aber darauf verweisen, dass Du einen Virenscanner verwendest, bist Du raus aus dem Schneider.

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          • pantoufle sagt:

            Na, nu wolln wa mal nicht kleinlich sein! Natürlich können wir hier einen Thread aufmachen, was ich als Firma (ja, ich bin eine) oder als Anbieter von Serverdiensten tun oder lassen muß. Und noch ein ja: Ich hab auf einer Büchse ClamAV, die ich genau dafür verwende. Nur geht es darum gar nicht – völlig anderes Thema.

            Was das Feld betrifft den mein Text beackert, so ist der Fall dort völlig anders gelagert. Wenn ich als Normal-User meine Büchse halbwegs sauber halten will, muß ich Java von der Platte schmeißen, eine Firewall einigermaßen schlüssig konfigurieren, OS und Browser auf dem letzten Stand halten – meinetwegen auch Schlangenöl verschütten – und noch einiges andere.
            Wenn trotz aller Mühe was schiefgeht (meine Platte urplötzlich verschlüsselt ist und jemand einen Theresientaler Lösegeld fordert), ist das trotzdem mein eigenes Problem. Ich kann nämlich nicht Stern.de an den Eiern packen. Jegliche Verantwortung wird auf den Endkunden abgeschoben.
            »Wenn Du als Firma jemandem eine Mail mit verseuchtem Inhalt zusendest, dann kann das Ärger geben, wenn ich mich recht entsinne«
            Witzigerweise nicht, wenn sie dich zwingen, dir verseuchte Werbung reinzupfeifen, die von irgend einem Server aus Liberia stammt.

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          • R@iner sagt:

            Ist ja schon gut, aber zu schreiben, dass es keine Virenscanner gebe, stimmt halt nicht.
            Peace!

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          • pantoufle sagt:

            Peace!
            ClamAV. Findet Windows Viren. Manchmal. Einige.

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  5. Dirk sagt:

    Oma klickt wohl eher nicht wild durchs Netz. Wenn Du mit der „Gerda von nebenan“ die 15jährige Nachbarstochter meinst, gebe ich zu bedenken, dass in ihrem Fall die Installation wohl eher dazu führt, noch wilder zu klicken, weil ihr Tablet oder Smartphone ja schließlich geschützt ist…

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  6. waswegmuss sagt:

    Du feuerst ja wie ein Maschinengewehr. Ich habe den letzten Artikel noch mal richtig angefangen; geschweige denn verstoffwechselt.
    Ein kleines Beispiel aus der Internetgeschichte: Kennt noch jemand Altavista?
    Das war die bessere Suchmaschine. Nur haben die damals die Startseite derart mit schlampig programmierten Animated GIFs zugeknallt, dass sich die Laderei bei VorISDN zu einer Meditationsübung für bewährte Zenmeister entwickelte. Google hat’s gefreut.
    Im Übrigen gehört diesen Werbefuzzis mal ein C64 mit Akkustikkoppler. Dann hören die auf mit dieser Augenpest.
    So.

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    • pantoufle sagt:

      Die können bei mir die Wurzeln von den verdammten Sträuchern aus dem Vorgarten buddeln! Einmal im Leben was sinnvolles machen!

      Was den letzten Artikel betrifft, nimm Dir nur Zeit. Ich hab auch lange daran gebastelt; das wirkt dann so, als käme hier Maschine – der lag aber schon rum und wurde langsam ranzig.

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  7. R@iner sagt:

    Die Titanic hat schon reagiert: „STERNxit“ – Wie man Stern.de blockiert

    Ob ich AdBlock Plus noch empfehlen würde, weiß ich nicht. Ich habe seit ein paar Wochen uBlock auf einer Kiste. Scheint mir brauchbar zu sein.

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  8. GrooveX sagt:

    mein ublock origin blockiert auf dieser seite 12 anfragen und hat bislang – noch nicht so lang, erst seit da|max darauf aufmerksam gemacht hat – 334066 anfragen blockiert. das ist schon ne ganze menge an mist. und das alles ohne ‚ich bin der hans-uli‘-postillje.

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  9. pantoufle sagt:

    föllich OT: Ich komme mal meiner gesellschaftlichen Pflicht nach und veröffentliche Flyer, die sonst nicht mehr in den Briefkasten passen würden:
    https://edelfeda.files.wordpress.com/2016/07/programm_verteiler-1-1.jpg

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  10. pantoufle sagt:

    Noch ein OHTEE: Britain’s top diplomat, Minister of Foreign Affairs

    https://edelfeda.files.wordpress.com/2016/07/aussenminister.png

    Einen herzlichen Glückwunsch der Redaktion der Schrottpresse zu diesem Produkt!

    Ich beginne, mich mit dem Brexit anzufreunden.

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  11. pantoufle sagt:

    Eine kleine Putin-Verherrlichung am Morgen! Danach hisse ich Hammer und Sichel im Garten, bevor ich mich unter dem Absingen der Internationale an die gnadenlose Vernichtung der Brennesseln mache

    Link via fefe

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