Presseschredder 13.1.16?

Terror

Da muß man sich erst einmal dran gewöhnen. 16! Und Presseschredder in dieser Woche? Ach, das sollte man eigentlich besser bleibenlassen: Irgend etwas zwischen Gruselkabinett und Klippschule. Facebook und Twitter: Entfesselt. Die niedrigsten Instinkte brechen sich Bahn.

Da freut es den besorgten Bürger doch, daß es noch feste Werte gibt: Die Deutsch-Israelische Waffenbrüderschaft ist einer davon! Strukturschwache Regionen an der Nordsee und die darbende Werftindustrie freuen sich über die Auslieferung des zweiten Bauloses der Dolphin-Klasse an Israel. Das U-Boot »Rahav« zum deutsch-israelischen Sonderpreis wird mit nuklearen Marschflugkörpern ausgestattet, nur für den Fall, daß einer der Nachbarn Israels mal wieder mit Massenvernichtungsmitteln jongliert. Also für das Standartszenario. Wie Tagesschau.de verkündet, waren diese Waffenlieferungen niemals umstritten. »Die Bundesregierung steht mit der Lieferung von U-Booten an Israel in der Kontinuität ihrer Vorgängerregierungen«. Ein interessantes Selbstverständnis, sich in der direkten Tradition Adenauers zu sehen – aber wenn’s schön macht?

Apropos schön: Die Polizei im Leipziger Stadtteil Connewitz hat recht gute Kritiken bekommen. Jedenfalls in einem Interview der taz mit der Linke-Politikerin Juliane Nagel.
»Ein erfolgreicher Polizeieinsatz?«
»Montag gab es hier tatsächlich nichts zu kritisieren.«
Das ist doch mal schön. Nicht so schön die Antwort auf »Sind die Behörden immer noch auf dem rechten Auge blind?«

»Aus dem NSU hat man auf Bundesebene immer noch nichts gelernt. Aber in Sachsen, dem Heimatland der Extremismus-These, ist es noch schlimmer: Rechts und Links werden gleichgesetzt. Viele verteufeln die Linke sogar mehr als die Rechte, die im Behördenverständnis noch zur Mitte gehört. Es gibt hier keine staatliche Stelle, die Pegida und Legida wenigstens Schnittmengen zum extrem rechten Spektrum attestiert. Sie verharmlosen es als „Bürgerbewegung“ oder „rechtspopulistische Versammlungen“.«

Das ist sehr zurückhaltend formuliert. Was da als Mangel angemerkt wird, ist die Zukunft. Genau das ist die logische Konsequenz aus Köln und Leipzig. Eine Gesellschaft, die kollektiv ruckartig nach rechts springt. Der Kiezneurotiker hat das in seinem Artikel letzte Nacht ausgezeichnet formuliert. SA marschiert und die Blicke aus den Fenstern des Bürgertums werden zunehmend freundlicher. Die Begriffe von links und rechts sind überholt, gehen bis auf weiteres in Rente. Das gerade gewählte Unwort des Jahres Gutmensch wird zeitgleich als angemessener Feindbegriff rehabilitiert. Links? Eine Splittergruppe, die im Taumel von, wie es Alfred Harmsworth I. Viscount Northcliffe formulierte, »Blut, Vagina, Vaterland« der Feind im Inneren wird.

Das Blöde regiert. Köln: Das ist nicht eine Frage von Feminismus, Polizeiaufgaben oder Abschiebepraxis. Köln ist eine Frage der politischen, rechtsstaatlichen und moralischen Diskussionskultur. Einen wichtigen Beitrag dazu hat der bereits verlinkte (…und ich mache das gleich nochmal!) Bundesrichter Thomas Fischer mit seinem Beitrag »Unser Sexmob« geleistet. Wie Jens Berger dazu richtig anmerkt: »Man merkt dem armen Thomas Fischer an, daß auch er diesen Irrsinn nur noch mittels Sarkasmus und Zynismus verarbeiten kann. Gerade deshalb ist diese Kolumne aber auch absolut brillant und ein aufklärerisches Leuchtfeuer im dichten Nebel der Idiotie.«
Der dichte Nebel der Idiotie?

»Weshalb Thomas Fischer von Amerikahassern und Putinverstehern von ganz links und ganz rechts jetzt gefeiert wird, ist schnell geklärt. Er hatte unter anderem Folgendes in seiner Kolumne geschrieben: „Schluss mit der politisch motivierten Schonung von Ausländern! Knallharte Verfolgung nordamerikanischer Verbrecher, die das Gastrecht in Ramstein missbrauchen!“«

Volkes Stimme, wie sie krakeelt und kriecht. Aber machen wir uns nichts vor: So verkommen dumm ist wieder Mainstream. Die Schlägerhorden und ihre Schreiberlinge.

Derweil reagiert die hohe Politik. Wie immer mit ruhiger Hand:

»Die Bundesregierung will nach den Übergriffen in Köln Stärke demonstrieren: Innenminister de Maizière und Justizminister Maas haben sich geeinigt, das Ausweisungs- und das Sexualstrafrecht zu verschärfen.
Kriminelle Ausländer sollen künftig bereits dann ausgewiesen werden können, wenn sie wegen schwerwiegender Delikte zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurden – unabhängig davon, ob die Strafe zur Bewährung ausgesetzt wurde oder nicht. Darauf hat sich die Bundesregierung verständigt, wie Innenminister Thomas de Maizière und Justizminister Heiko Maas mitteilten.«

Nur zwei von denen, die Fischer nicht gelesen haben. Es fehlt außerdem »Entschiedener Kampf gegen Pegida und ihre rechten Schlägertruppen sowie die allgemeine Verblödung«. 400m Hürdenlauf gegen den AFD. Nur daß man selber noch fleißig über die rechtsstaatlichen Hindernisse hüpft, während der Gegner sich in gerader Bahn durch den Parcours fräst.

Weimar.


 

Blick in ferne Zukunft

…Und wenn alles vorüber ist –; wenn sich das alles totgelaufen hat: der Hordenwahnsinn, die Wonne, in Massen aufzutreten, in Massen zu brüllen und in Gruppen Fahnen zu schwenken, wenn diese Zeitkrankheit vergangen ist, die die niedrigen Eigenschaften des Menschen zu guten umlügt; wenn die Leute zwar nicht klüger, aber müde geworden sind; wenn alle Kämpfe um den Faschismus ausgekämpft und wenn die letzten freiheitlichen Emigranten dahingeschieden sind –:
dann wird es eines Tages wieder sehr modern werden, liberal zu sein.
Dann wird einer kommen, der wird eine gradezu donnernde Entdeckung machen: er wird den Einzelmenschen entdecken. Er wird sagen: Es gibt einen Organismus, Mensch geheißen, und auf den kommt es an. Und ob der glücklich ist, das ist die Frage. Daß der frei ist, das ist das Ziel. Gruppen sind etwas Sekundäres – der Staat ist etwas Sekundäres. Es kommt nicht darauf an, daß der Staat lebe – es kommt darauf an, daß der Mensch lebe.
Dieser Mann, der so spricht, wird eine große Wirkung hervorrufen. Die Leute werden seiner These zujubeln und werden sagen: »Das ist ja ganz neu! Welch ein Mut! Das haben wir noch nie gehört! Eine neue Epoche der Menschheit bricht an! Welch ein Genie haben wir unter uns! Auf, auf! Die neue Lehre –!«
Und seine Bücher werden gekauft werden oder vielmehr die seiner Nachschreiber, denn der erste ist ja immer der Dumme.
Und dann wird sich das auswirken, und hunderttausend schwarzer, brauner und roter Hemden werden in die Ecke fliegen und auf den Misthaufen. Und die Leute werden wieder Mut zu sich selber bekommen, ohne Mehrheitsbeschlüsse und ohne Angst vor dem Staat, vor dem sie gekuscht hatten wie geprügelte Hunde. Und das wird dann so gehen, bis eines Tages…

Ignaz Wrobel, Die Weltbühne, 28.10.1930, Nr. 44, S. 665, in: Lerne wieder Lachen.

0
Dieser Beitrag wurde unter der Untergang abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

34 Kommentare zu Presseschredder 13.1.16?

  1. R@iner sagt:

    OT: Kouloglou & Yes Men – Anti-terrorism Hoax – EU Parliament

    Mmh, die kennen die Yes Men nicht. Gibt’s das?

    0

  2. oblomow sagt:

    Das war so schön, danke. Unfassbar?!, okay, nur die sind so …, hältste nicht aus. Prust und prost und das schon am ganz frühen abend.

    0

  3. flatter sagt:

    Schön hier, und danke für die Aufmunterung, kann ich gerade gut gebrauchen.

    0

    • pantoufle sagt:

      Ja, es ist schön hier. Das ist mir gestern auch gerade wieder aufgefallen.Ein Haufen sehr netter Leute hier, die niemals das kommentieren, was ich schreibe. Wahrscheinlich deswegen wird es nie langweilig.

      0

  4. waswegmuss sagt:

    Das war ihr Meisterstück. In 15 Minuten ca. 250 Mio. Dollar zu Asche.

    0

    • pantoufle sagt:

      Bemerkenswert vor allem die Reaktion der Betroffenen in Bophal auf die Nummer. Ob die begriffen haben, daß bei Dow soviel Kohle verbrannt wurde, weiß ich nicht. Aber die Geste hatten sie verstanden und sie lachten. Das war sehr berührend.

      0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *