Presseschredder 11.12.2016 / Update

spamschleuder

»Postfaktisch: Das ist, wenn Sie auf Fakten bestehen und gleichzeitig Ihren Kindern Globuli geben.«
Hätten die von der Anstalt diese Weisheit nicht etwas früher in die Welt setzen können? Dann wäre Postfaktisch wohl kaum zum »Wort des Jahres« gekürt worden. Lachen tötet. Gruselclown stand auch zur Auswahl. Die Welt ist voll davon; warum also nicht Gruselclown?
Postfaktisch. Unter den vielen Dingen die ich nicht verstehe findet sich auch dieser Begriff. Wie Narrativ oder LSBTTIQ*. Das bedeutet daß ich dumm bin, intellektueller Freischwimmer, umgeben von Kanalüberquerungsleistungssportlern. Postfaktisch… ist das die Überlegung einiger Politiker, die Beitrittsverhandlungen der Türkei zur EU »bis auf weiteres ruhen zu lassen«? Sollte man mit so schwerwiegenden Schlußfolgerungen nicht besser warten, bis die Einreisebedingungen für Christen in die Türkei vergleichbar zu denen von Muslimen in die USA sind? Aber wie ich schon andeutete: Ich bin weit davon entfernt das zu verstehen.

Was ich auch nicht verstehe, ist die Entscheidung des Landgerichts Hamburg. Die Betreiber einer (gewerblichen) Webseite haften bei Links auch ohne Kenntnis für urheberrechtsverletzende Inhalte zu den verlinkten Seiten. Was nun genau gewerblich ist, wird dabei nicht aufgedröselt. Wie sich das Landgericht die Kenntnisnahme darüber vorstellt leider auch nicht. »Dem Linksetzenden obliege die Pflicht einer „zumutbaren Nachforschung zur Frage der Rechtmäßigkeit der Zugänglichmachung„«. Das für seine realitätsfernen Urteile berüchtigte Gericht könnte überdies das erste Opfer seines Urteils werden. Bis auf weiteres verlinkt der Heise-Verlag nicht mehr zum LG Hamburg. Jedenfalls so lange nicht, bis man dort die schriftliche Versicherung abgibt, keinerlei urheberrechtsverletzenden Inhalte auf der Internetpräsenz des Gerichtes zu haben.

»Sehr geehrte Damen und Herren,
wir beabsichtigen, im Rahmen unserer redaktionellen Berichterstattung für heise online Hyperlinks auf Ihre Online-Präsenz zu setzen. Ihr Haus hat jüngst entschieden, dass sich der Linksetzer vorab durch Nachforschungen zu vergewissern hat, ob der verlinkte Inhalt rechtmäßig zugänglich gemacht wurde.
Ich darf Sie daher bitten, uns schriftlich verbindlich zu bestätigen, dass sämtliche der im Rahmen Ihrer Webpräsenz verwendeten urheberrechtlich geschützten Inhalte in keiner Form und an keiner Stelle gegen die Vorgaben des Urheberrechts oder verwandter Gesetze verstoßen. Wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie uns diese verbindliche Erklärung schriftlich zukommen lassen. Dies gilt insbesondere für das Angebot unter http://justiz.hamburg.de/gerichte/landgericht-hamburg/ sowie sämtlichen Unterseiten.[…]«

Der Verlagsjustiziar Heises Jörg Heidrich

Daß bis zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Antwort der Poststelle@lg.justiz.hamburg.de vorliegt, ist wenig überraschend. Die Kollision der Realität mit den Urteilen dieses Gerichts wird nicht nur die Poststelle verwirren. Einige Kommentatoren im Heise-Forum versuchen die Zeit bis zur rechtsverbindlichen Antwort dahingehend zu nutzen, die Internetpräsenz des LG Hamburg zur Spamschleuder umzufunktionieren – siehe Titelbild. Traurig, traurig, diese immanente Gewaltbereitschaft! (Ach ja – die vollständige URL lautet http://www.hamburg.de/weiterempfehlen-np/?sendLink=http://google.de/&title=Willkommen%20beim%20Landgericht%20Hamburg&article=true)

Das klingt lustiger als es ist. Wenn dieses Urteil sich herumsprechen sollte und nicht in absehbarer Zeit korrigiert wird, hätte das nicht nur nur für »gewerbliche« Blogger katastrophale Konsequenzen. Daß der Richterspruch so sinnvoll ist wie eine Winterreifenpflicht für Schubkarren, ist die eine Sache – es wäre nicht das erste Mal, daß sich so ein Blödsinn im Alltag durchsetzt. Beispielsweise… ach, lassen wir das besser!

perlen315

Wenn’ denn stimmt: Wie Spiegel-Online herausgefunden haben will, übergibt Kriegsministerin v.d. Leyen – gerade in Jordanien weilend – nicht nur ein paar Schützenpanzer ohne Maschinengewehre, Munition und Wärmebildkameras im Rahmen einer »Ertüchtigungsinitiative« an das jordanische Volk. Auch Überwachungstechnik zum Abhören von Mobiltelefongesprächen, SMS-Nachrichten und Datenkommunikation sind Teil eines Deals, dessen Einzelheiten man lieber für sich behalten hätte. Schützenpanzer für noch mehr Demokratie und Menschenrechte hätte man noch widerspruchsfrei verkaufen können, aber Technik für »aktive und passive Gesprächsaufklärung«?
Ach ja: Die Maschinengewehre und alles, was so einen Schützenpanzer erst richtig hübsch macht, wurden unverständlicherweise nur vergessen zu bestellen. Wird postwendend nachgeliefert.

P.S. Auch nicht uninteressant sind die Tags von Zeit.de zu diesem Artikel: Jordanien, Panzer, Ursula-von-der-Leyen, Bollwerk, Terror

UpDate:

Das Hamburger Landgericht äußert sich dann doch noch:

Die Antwort vom Montag im Wortlaut:

Von: xxx
Gesendet: Montag, 12. Dezember 2016 08:23
An: joerg.heidrich@heise.de
Betreff: Bestätigung der Rechtmäßigkeit urheberrechtlich geschützter Inhalte

Sehr geehrter Herr Heidrich,

zu Ihrer Anfrage teile ich Ihnen mit, dass das Landgericht selbstverständlich davon ausgeht, dass die Zugänglichmachung sämtlicher Inhalte auf der Seite des Landgerichts rechtmäßig erfolgt.

Zu rechtsverbindlichen Erklärungen Ihnen gegenüber sehen wir uns indes nicht veranlasst.

Mit freundlichen Grüßen
xxx

Damit wäre ja alles geklärt! Die Schrottpresse für ihren Teil geht stillschweigend ebenfalls davon aus, daß sowohl auf der eigenen wie auch auf verlinkten Seiten alles in Ordnung ist. Das steht zwar in krassen Widerspruch zu dem vom Hamburger Landgericht gesprochenem Urteil, aber was soll’s? Vielleicht hat man den eigenen Rechtsspruch nicht zu Gänze verstanden.

Dieser Beitrag wurde unter Bildungsauftrag abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

34 Kommentare zu Presseschredder 11.12.2016 / Update

  1. waswegmuss sagt:

    LSBTTIQ. Ich habe mal erwähnt, dass in diesem Konstrukt ein H für Heterosexuell fehlt. Ich sag nur Breitseite. Soviel zu Leuten, die ständig Toleranz einfordern.

    • Pantoufle sagt:

      Was ist eigentlich mit den Nordfriesen und den Sorben? Sind deren kulturelle und historische Besonderheiten ausreichend berücksichtigt? Die Schrottpresse setzt sich hiermit nachdrücklich für Friesisch als Zweitsprache an allen Grundschulen bundesweit ein!einzelfzig!!

  2. OldFart sagt:

    Zum LG Hamburg:

    Wenn hier Juristen mit sardonischer Veranlagung und Spaß am Zurückpiesacken mitlesen, ein paar Startpunkte, um die Kollision des LG mit der selbstgeschaffenen Realität zu einem epischen Unfall aufzuwerten:

    – Deren Impressum ist nicht rechtskonform. Abmahner an die Front, bitte.
    – In ihrem Disclaimer steht, daß sie bei Links auf fremde Inhalte keine Haftung übernehmen möchten. Da möchte man ihr eigenes aktuelles Urteil zu gerne mal angewandt sehen.
    -In der Datenschutzerklärung behaupten sie, keine Cookies zu setzen und tun es dennoch. Sind solche Lügen strafbar?

    Los gehts. Immer druff.

    Ist solche „Recht“sprechung eigentlich nicht geradezu mustergültig „postfaktisch“? Also gefühltes „Recht“ zu sprechen derweil das eigene Treiben sowie die Lebensrealität bereits ganz faktisch und beweisbar ebendiesem widerspricht? Kognitive Dissonanz, anyone?

    • Pantoufle sagt:

      Moin OldFart

      Ich gehe davon aus, daß man sich diese Konstruktion des Hamburger Landgerichtes noch einmal genauer ansehen wird. Sie ist so fern realitätsfern, daß sie schlicht nicht durchsetzbar ist – jedenfalls nicht mit dem real existierenden Internet.

  3. flatter sagt:

    Damit du das mit dem Narrativ verstehst, schreibe ich gerade ein Buch drüber. Hier kann ich mich ja aus dem Klofenster lehnen 😉

  4. „Postfaktisch“ ist die Traumvorlage für alle, die noch nie Bock auf Ahnung hatten. Wozu Abitur, wozu Google, wenn ich einfach keine Lust auf Gegenmeinung habe?

    Neulich eine Debatte mit zwei Akademikern: Der Sturz aus 20 Meter Höhe führt nur zu leichten Verletzungen, höchstens ein Beinbruch. 20 Meter ist die Berliner Traufhöhe – und wir hockten tatsächlich (allerdings blau) in einem Kreuzberger Altbau. War der Kollegin und dem Kollegen nicht klar zu machen. Wenn du aus dieser Höhe, also vom Dach, auf dem Bürgersteig aufschlägst, ist Schicht im Schacht. Aber komm mal zwei Geisteswissenschaftlern mit Physik und Empirie.

  5. R@iner sagt:

    @pantoufle: Wenn dir „Narrativ“ als Begriff nicht gefällt, dann nimm doch „Propagandamodell“ und stell‘ dir z.B. vor, die faz schriebe heute einen Artikel darüber, dass Hausbesetzungen manchmal okay sein könnten oder dass man den Russen auf ewig für die Befreiung Deutschlands (von sich selbst) dankbar sein müsste. Die Liste wäre verlängerbar und man merkt sofort, dass gewisse Meinungen außerhalb des möglichen Diskurses (aua, schon wieder so ein blödes Wort) stehen und deren Äußerung sich daher von selbst verbieten, weil der gesetzte Deutungsrahmen ein anderer ist.
    Als postfaktisch wird all das bezeichnet, was sich außerhalb der erwünschten Erzählung, also des Narrativs befindet. Ist doch eigentlich ganz einfach.

  6. Pantoufle sagt:

    Moin R@iner

    Vielen Dank für Deine Erklärung. Aber wie Du ja bereits während ihrer Formulierung selber bemerkt hast, gibt es Worte, die mehr über den Autor verraten als sie der Sache dienen, die er vertritt.
    Es ist ja nicht so, daß mir der Sinn solcher Begriffe nicht klar wäre. Aber man sollte sich gelegentlich fragen, wann sie einem zum ersten Mal begegnet sind. Stehen sie bereits im Duden oder sind sie dieser zyklisch auftretenden Konstruktionen, die eine gewisse Zeit die Schriftstücke um ein paar Zeichen länger machen, um danach ohne Grabstein und Nachruf wieder zu verschwinden. Sind sie ohne Verlust durch andere Worte oder Beschreibungen zu ersetzen oder liegt ihr tieferer Sinn nicht vielleicht eher darin, die Zugehörigkeit zu einer Fraktion innerhalb des Diskurses zu beschreiben?

    Das muß man sich natürlich nicht fragen, kann es aber. Weil das aber ein weites Feld ist und nicht so einfach zu formulieren, gibt es jetzt auch wieder eine Editierfunktion.

    • R@iner sagt:

      Moin auch. Na klar signalisiert die Verwendung von „Narrativ“ bereits die Behauptung von Propaganda und erhebt damit selbst den Anspruch auf Gegenpropaganda ohne jedoch selbst Propaganda sein zu wollen. Es geht halt um den Besitz der „Wahrheit“. Ist so. War immer so.
      Wäre man Soziologe, würde man wahrscheinlich irgendwo bei „HowTo: Stärkung des Gruppenzusammenhalts“ nachschlagen.

      Edit: Kommentieren geht. Lecker – Danke!

    • Pantoufle sagt:

      Da bist Du mir knapp zuvorgekommen. Ich hatte es auch gerade gelesen. Ob man das allerdings als »weitergehen« bezeichnen sollte (im Sinne von Fortschritt) bleibt dahingestellt.

    • Pantoufle sagt:

      Wobei: Im Urteil stand ja etwas von »Gewinnabsicht«. Vielleicht ordnet sich das Landgericht selber nicht in diese Kategorie ein. Nicht einmal der der Erkenntnis.

  7. Stony sagt:

    Das sind bestümmt ‚yogic flyer‘, für die gildet das mit Newton nicht (so wirklich). Ha! Rätsel lösen: kann ich!¡!

    Tante Edith meckert ausm Off: Das sollte unter R@iners 10:04 stehen.

    • Pantoufle sagt:

      Gruß an Tante Edith. Aber die Kommentare sind ja überschaubar – die finden das schon! Ganz sicher!

      • Stony sagt:

        Edith ist ’ne olle Dramaqueen und icke bin zu duldsam.

        Cheers!

      • Pantoufle sagt:

        Oh Mann – ich sach Dir! Eigentlich wollte ich mir ja um den bedauerlichen Zustand der Welt kümmern, aba nun habe ich ein neues Auto für die beste aller Ehefrauen zum Fest gekauft und nun fahre ich immer damit. Eine zweisitzige Unvernunft mit Mittelmotor in rot. Isn MR2, der mir für die ganz kleine Mark zugelaufen ist, aba er hat sogar einen Kofferraum! Fahren tut er wie früher als Autofahren noch Spaß machte und ohne Hydrauliklenkung. Die Bremsen offenbar auch ohne; da muß ich wohl noch ma bei. Ach, ist das schön!

        • Stony sagt:

          Uiii, der ganz Alte, in eckig? Hach ist das schön, da glänzen meine Augäpfel mal wieder – wünsche ganz viel Spaß damit, Euch beiden!

        • Pantoufle sagt:

          Das Mittelding. ’91 Baujahr. Noch genug Ecken fürs Auge, Targa, schwarzes Leder.
          Danke, danke! Wenigstens ich habe ihn bereits. Nur der Frau des Hauses muß ich ihn noch verkaufen. Aber im Grunde ihres Herzens heizt sie gerne 🙂

        • Stony sagt:

          Ach naja, das einzige Manko ist halt die Kurbelei beim Einparken, aber wer will schon Parken mit so ’nem hübschen Flitzer!?!

        • DasKleineTeilchen sagt:

          in ROT, ja? ich könnte jetzt was über das ästhetische narrativ alterWeisserMänner schrei…oh…

          https://www.youtube.com/watch?v=j184FPzAzeE

          ach, got it. der dir demnächst zulaufende mazda iss dann wohl für tochter numma eins. obde den toyota dann nochma loswirst…

        • Pantoufle sagt:

          Moin, kleines Teilchen
          Nö! Die Rechnung war eigentlich, daß Töchting1 den (roten) Golf bekommt. An dem ist nicht viel kaputtzumachen.
          Was den den MR betrifft, so ist mir das völlig gleichgültig, ob der danach auf den Schrott geht oder noch einen stillen Liebhaber findet. Rechne automobile Vernunft mal so: 2 Autos (Golf und MR2) für jeweils 500€ Kaufpreis mit je 2 Jahren TÜV, den man ½ Jahr überzieht. Macht eine Nutzungsdauer von 5 Jahren. 1000€/60Monate=16,66€ pro Monat. Das ist OK! Plus Fräulein Milchmädchen? An Reparaturen hat mich der Golf im Laufe von 3 Jahren ca.45 Euro gekostet (Zahnriemen, Wasserpumpe, Hydrostößel). Der MR kam mit Verschleißteilen im Kofferraum (Bremsscheiben und Klötzen, Dichtungen, Zündkabel ect) und 2 Satz Reifen. Das ist finanziell gesehen geradezu alternativlos. Nur in die Werkstatt darf er nicht, größere Reparaturen heißen zwangsläufig Im- & Export Hassan Murat o.ä. Das spart die Kosten für die Verschrottung und abgeholt wird er auch noch.

        • Duderich sagt:

          Was macht denn eigentlich Deine Handheizung von Deinem ollen Bike? Oder wird die erst im Sommer repariert, weil zur Zeit die Finger zu klamm zum schrauben sind?

          LG
          Dude

        • Pantoufle sagt:

          Moin Duderich
          Draußen ist es pisswarm. Das lohnt sich nicht!

        • Duderich sagt:

          „The winter is coming!“

        • Pantoufle sagt:

          Dann denke ich noch mal darüber nach, wenn’s soweit ist.

Hier könnte Deine Meinung stehen