Presseschredder 10.2.2017

»Sag mir, wie geht es dir? Bete zu Allah, wallah wir brauchen nur eure Gebete. Das ist es, was wir brauchen. Ich schwöre. Wie geht es unserem Bruder Noor? Gut? (ein Motorrad rattert im Hintergrund durch)«

Quelle: Correctiv.Ruhr, BND oder Verfassungsschutz. Wer weiß das schon genau?

 

Der heiße Draht des IS ins Ruhrgebiet liegt Correctiv vor. Alles wahr! Isch schwöre, wallah! Das unabhängige Recherchenetzwerk klärt auf:
»Deutschland rückt immer mehr in den Fokus dschihadistischer Terroristen. Netzwerke spannen sich über die Republik, Anschläge werden geplant. […] Dieses Mal ist es passiert. Anis Amris Anschlag in Berlin im Dezember vergangenen Jahres war der bisher tödlichste islamistisch motivierte Terrorakt in Deutschland. Verglichen mit der Präsenz gewaltbereiter Islamisten in der Bundesrepublik muß man von Glück reden, daß der islamistischen Szene nicht schon früher Anschläge dieser Größenordnung gelungen sind.«

Um dies zu belegen, folgt ein Text mit ca. 1250 Worten, in dem… nein, kein Zusammenhang mit dem schwersten aller islamistischen Anschläge in Deutschland hergestellt wird. Mit den weniger schweren nebenbei auch nicht. Streng genommen und bei Lichte betrachtet wird überhaupt kein Zusammenhang mit irgend einer religiös motivierten Straftat deutlich. Es geht um abgehörte Telephonate aus den Jahren 2001 – 2002 zwischen dem Terror-Papst Abu Musab Al-Zarqawi (IS) und seinen Freunden im Ruhrgebiet. Worüber Attentäter eben so reden am Telephon: Wie es so geht an der Heimatfront, ob man im Namen des einzigen Gottes nicht mal was zusammen in die Luft sprengen sollte, der Sohnematz noch Schnupfen hat und so weiter. Mehr eigentlich nicht. Es geht wie üblich lediglich darum, was hätte sein können und wie finster deswegen die Zukunft aussieht.

Dabei darf Mohammed Ghassan Ali Abu Dhess  nicht fehlen. Abu Dhess galt als Kopf der al-Tawhid-Gruppe in Essen. Was er damit zu tun hatte?
»Obwohl in Deutschland eher unbekannt, war die Tawhid-Gruppe bis zu ihrer Auflösung die hierzulande gefährlichste Terrorzelle. So jedenfalls bezeichnet sie der Berliner Terrorismusexperte Guido Steinberg in seinem 2013 erschienenen Buch German Jihad.«

Deswegen wurden Abu Dhess und einige seine Mitstreiter 2002 verhaftet. Abu Dhess wurde 2005 zu acht Jahren Haft wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt. Weil sie so gefährlich waren! Verhaftet zusammen mit vielen anderen aus allen möglichen deutschen Städten – nicht nur an Rhein und Ruhr. Nach 9/11 2001 geschah das weltweit und die Begründungen dafür glichen sich wie ein Ei dem anderen.
Unter anderem DER SPIEGEL berichtete über die Verhaftungswelle: »Als die Beamten Mitte vergangener Woche im westfälischen Städtchen Beckum eine Wohnung in der Wilhelmstraße filzten, fiel ihnen ein sorgsam gerahmtes Bild auf – es zeigt Osama Bin Laden!«
Noch viele andere hübsche Details finden sich in dem gut 15 Jahre alten Spiegel-Artikel, Prädikat »durchaus lesenswert!« und sei es nur aus nostalgischen Gründen.
Dabei drängt sich die Frage nach dem Sinn des Correctiv-Artikels auf. Das ist sehr alter Käse, aus dem da ein Fondue bereitet wird. Neu hinzugekommen sind lediglich die Telephonmitschnitte. Die dafür infrage kommenden Quellen sind überschaubar, spielen aber keine große Rolle.
Um den Sinn der Botschaft zu verstehen, muß man die lähmende Angst, die ihr Inhalt unweigerlich erzeugt, für einen Moment beiseite schieben und im Kleingedruckten wühlen:

»Ein Mitglied der Terrorcrew, die in den USA das World Trade Center angriff, lebte zuvor in einem Bochumer Studentenwohnheim an der Stiepeler Straße 75.«
Das war 2001

»Kein Wunder, dass sich der Tunesier Amri vor dem Anschlag längere Zeit in Nordrhein-Westfalen aufhielt.«
2016. Da war der Telephonator Abu Musab Al-Zarqawi bereits seit zehn Jahren tot.

»Fortan duldeten ihn (Abu Dhess) die deutschen Behörden. Nach verschiedenen Stationen in NRW ließ er sich in Essen nieder und gründete eine lokale Terrorzelle mit drei weiteren Palästinensern und einem Algerier«
1995

»Die Duldung, eine gängige Behördenpraxis, wurde später im Prozess gegen die Mitglieder der Terrorzelle vom zuständigen Richter kritisiert. Sie erinnert an den Fall Anis Amri Jahre später.«
2016. Zwanzig Jahre ohne Fortschritt.

»In all den Jahren hat sich wenig geändert. Konsequenzen aus dieser schon damals problematischen Praxis sind kaum feststellbar.«
2017

All das, um Änderungen der Abschiebepraxis durch die Hintertür schmackhaft zu machen? Mit einem uralten, dubiosen Telephonmitschnitt und dieser zusammenhanglosen journalistischen Geisterbahn? Damit wäre der letzte Satz des Artikels als Drohung zu verstehen:
»Wir sind mittendrin. In loser Folge werden wir uns nun den heute noch aktiven Gruppen annehmen und über ihre Tätigkeiten in Oberhausen, Bochum, Dortmund berichten.«

 

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13 Kommentare zu Presseschredder 10.2.2017

  1. OldFart sagt:

    Ogott. Ich bin vor 30 Jahren in eine Wohnung eingezogen, in der vorher ein Chemiker residierte. Und schwupps, schon explodiert gestern was quasi ums Eck im Atomkraftwerk Flamanville. Jetzt hab ich Angst vor Chemikern, Mietwohnungen und mir selbst. Ich glaube, es ist besser, ich gehe nachher zur Polizeiwache meines Vertraues und stelle mich als Terrorist.

    Vielleicht habe ich auch Glück und die Suada erweist sich als Übungstext für die angehenden Facebook-Zensoren in ihrer Ausbildung. Damit soll möglicherweise das Erkennen von insinuierender Aneinanderreihung unkorrelierter Faktoide sowie die Aufdeckung stimmungsschürenden Angstgeraunes trainiert werden, damit die Faktenchecker ihren Job bei der Wahrheitsprüfung und zur Bekämpfung demagogischer Hysterie wohlvorbereitet angehen können.

    In letzterem Fall bitte ich Correctiv um umgehende Aufklärung, vorzugsweise bevor ich mich der Polizei stelle.

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  2. Pantoufle sagt:

    Moin OldFart

    Ja, was soll man dazu sagen? Ich habe den Artikel ein paar mal rauf und runtergelesen auf der Suche nach »wo ist die Story?« Spätestens beim googeln nach Al-Zarqawi machte sich eine gewisse Enttäuschung breit. Tot! Töter geht’s nicht. Seit 10 Jahren. Das nimmt der Enthüllung etwas den Schwung. Und als einzig dünner Faden zur Gegenwart die Unterstellung, alle Verursacher von Verkehrsunfällen, die einmal in Bochum, Stiepeler Straße 75, gewohnt haben, wären…och nö, nich?

    Und dieser unterschwellig staatstragende Ton. »Das änderte sich auch nicht, als die Vereinigten Staaten im Herbst 2001 mit deutscher Unterstützung in Afghanistan einmarschierten, um die Taliban zu stürzen und die dortige Al-Qaida-Zentralstelle zu zerschlagen.« Ja, genau deswegen waren sie in Afghanistan! Die Zentralstelle! Und was geschah weiter?
    Mädelz & Jungs: Sagt doch, daß Ihr die Abhörprotokolle aus der Rumpelkammer des BND habt! Ist doch nix dabei! Bei der Gelegenheit fragt doch mal nach, ob sich dort noch etwas erhellendes über Murat Kurnaz findet. Könnte ja sein – ist ja schon alles ewig her und auch danach kräht kein Hahn mehr.

    Im übrigen wirst Du wohl mit Deiner Vermutung richtig liegen: Das klingt ein wenig nach Correctivs Journalisten-Bootcamp. »»Wir sind mittendrin. In loser Folge werden wir uns nun den heute noch aktiven Gruppen annehmen…«

    Ich bin ein Journalist – holt mich hier raus!

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  3. Martin Däniken sagt:

    Die müssen sich noch die Gefährlichkeitsskala hocharbeiten,nur pöse Purschen sehen da einen Zusammenhang mit Glaubwürdigkeit oder einer auch nur ansatz nachvollziehbaren Logik..oder Psychologik.
    Perish or publish.

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  4. Fluchtwagenfahrer sagt:

    Moin,
    „Das ist sehr alter Käse, aus dem da ein Fondue bereitet wird.“
    Ja und wenn er wirklich sehr,sehr alt ist kann es einem schonmal die Augen zum tränen bringen.
    Dann wird die Sicht auf die Fakes getrübt.
    Beim Wahrheitsministerium denke ich immer an Harry Potter.

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  5. Martin Däniken sagt:

    He,ich sag nicht mehr Fake-News sondern Märchenstunde und hab direkt Hans Paetsch oder Harry Giese im Ohre je nach Stimmung!

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  6. Hallo Pantoufle,
    hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Mit dem Stempel „Trump-freie ZONE“ ist dein Blog eben nicht Trump-frei, sondern ruft eine Kette von Gedanken, Fragen und Rückschlüsse auf, entsprechend Watzlawicks Axiom „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Da erhellt sich die Bedeutung des Satzes: „Den werde ich noch nicht mal ignorieren.“ Das ändert zwar nichts an den Verhältnissen, wahrt aber den eigenen Seelenfrieden.

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  7. tikerscherk sagt:

    Huhu, Pantoufle. Sag mal was, bitte…

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  8. Pantoufle sagt:

    Ja, guten Abend allerseits… ich lebe, ich lebe.

    Aber leider wollen gelegentlich Menschen singen und musizieren und ich soll ihnen unbedingt dabei zuhören. Ob ihnen diese Gabe gegeben ist oder auch nicht, spielt dabei keine Rolle, sondern ich mache das alles für Geld und nur dafür. Ich hasse Gesang, Tanz, laute Musik und viele Leute.
    Aber das nur nebenbei.

    Und was zu schreiben hatte ich auch nicht. Seit Chulz die Nahles beauftragt hat, die Agenda 2010 nach Kommafehlern zu durchsuchen, fällt mir eh nix mehr ein. Nahles. Die Nahles. Gar nichts. Statt dessen hab ich angefangen, einen animierten Film zu animieren. Der ungefähre Plot: Godzilla spielt Mikado, nachdem er gerade Tokio atomisiert hat. Niedliche kleine Mikado-Stäbchen und im Hintergrund raucht es noch. Godzilla hat sich ein Stück Erdöl-Pipeline zurechtgebogen und versucht damit, die ganz kleinen Stäbchen…
    Das wird viral oder wie das heißt!
    Die Monsterechse mit dem Gesicht von – ach, lassen wir das!

    Ja, soweit erst mal. Ich hab Euch auch nicht vergessen, aber so entsetzlich wenig Zeit! Außerdem war ich im Kino! Ich brauchte mal was für die verwundete Seele, gegen den Hass, die Trolle, Trump und die allgemeine Ungerechtigkeit. Da war ich froh, daß mein Sohn mich eingeladen hat. Mit Beck’s und Popkorn zu John Wick II. Sehr empfehlenswert! Summer in the city, ein Hauch von Frühling in Rom… ach…, seufz!!einz!

    Wenn ich mich recht entsinne, konnte man sogar zweimal kurz die Sonne sehen.

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