Obamas Wiederwahl

War das nun ein luxuriöses Gefängnis oder ein geniales Versteck? Sozusagen direkt unter den Augen des pakistanischen Geheimdienstes und dem Militär lebte Osama Bin Laden angeblich seit 2006, bis er in der Nacht zum Montag von amerikanischen Soldaten getötet wurde. Folgt man den deutschen Zeitungen, war es je nach Verlag eine Festung, Luxusvilla oder Residenz – eines war es auf jeden Fall: ein Präsentierteller.

Für US-amerikanische Verhältnisse gelang die Aktion erstaunlich reibungslos, was unter diesen Umständen nur dadurch zu erklären ist, das die pakistanische Regierung eingeweiht war und mehr oder weniger mitspielte. Wie weit diese Unterstützung ging, wird ein Geheimnis bleiben – zu groß ist die Angst vor Racheakten Al Kaidas und – vorausgesetzt, die Offiziellen wussten wirklich nicht, wer da unter ihren Augen lebt – die Blamage. Eine andere Lesart könnte sein, daß es sich bei dem Anwesen um eine großzügig bemessene Arrestzelle handelte und Pakistan Bin Laden schlicht „ zum Abschuß“ freigegeben hatte. In beiden Fällen gibt es also genug gute Gründe, warum sich die Verantwortlichen bis auf Weiteres in Schweigen hüllen.

Nach einer guten halben Stunde wilder Schießerei war Amerikas Staatsfeind Nummer eins tot, auf einen Flugzeugträger geflogen und kurze Zeit später über Bord geworfen worden. Das Anwesen verbrannt, die Beweise vernichtet: Amerika hatte seine Rache.

Bei Lichte betrachtet mehr eine symbolische Geste: Für die Al Kaida ist ein Märtyrer wichtiger als ein zurückgezogen lebender Anführer und es wird sich sicherlich jemand finden, der seine Rolle als Chef übernimmt – da stehen schon länger einige in der Warteschlange. Wer jetzt allen Ernstes glaubt, das „Terror-Netzwerk Al Kaida“ würde lautlos zusammenbrechen, hat das Wesen eines Schützenvereins nicht verstanden.

Für den amerikanischen Präsidenten, dem innenpolitisch das Wasser bis zum Hals steht, ist es ein Befreiungsschlag, der ihm zudem ein gewichtiges Argument für den geplanten Truppenabzug aus Afghanistan in die Hand gibt. Das Risiko, damit einen Rachefeldzug der Anhänger Bin Ladens zu provozieren, scheint Obama die Atempause wert zu sein, die er sich damit verschafft.

Amerika kann auf seine Symbolfigur des Bösen verzichten – trottelige Marionette an den Fingern des US-Militärs – weil die Installation des neuen Feindes „Internationaler Terrorismus“ erfolgreich abgeschlossen ist. Die Schlange braucht kein Gesicht, wenn sie denn nur Angst verbreitet. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan; der Mohr kann gehen.

Sowohl die USA wie Pakistan können aufatmen. Pakistan, weil sie nun endlich die ungeliebten Amerikaner loswerden und diese wiederum, weil sie bei äußerst großzügiger Auslegung der Tatsachen das Schlachtfeld am Hindukusch als Sieger verlassen.

Und auch Deutschland darf sich mit freuen, weil der grundgesetzwidrige Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan nun hoffentlich ein Ende findet.

Willkommen Zuhause, Bürger in Uniform!

Update am Morgen

Heribert Prantl in der Süddeutschen

Feynsin

Ahmed Rashid in der Frankfurter Rundschau

Die Jagt auf die widerwärtigen Details des Mordeinsatzes ist eröffnet – weiterführende Informationen ausser Splattervideos und blutverschmierten Bildern wird es wohl nicht geben. Dafür aber ein grandiose Steilvorlage für alle Verschwörungstheoretiker dieser Welt.

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0 Kommentare zu Obamas Wiederwahl

  1. opalkatze sagt:

    “Anwesen” und “kleine Höhle” fehlt noch. Was für ein Spektakel …

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  2. pantoufle sagt:

    Zu großen Bedauern der Drehbuchautoren CIA fand sich kein Neandertaler mit Kalaschnikow in einer Tropfsteinhöhle, sonder nur ein alter Mann mit Strom und fliessendem Wasser. Bin Ladens letztes Video auf Youtube – in Kürze!

    ziemlich angeekelt
    Pantoufle

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  3. opalkatze sagt:

    Lass mal. Bin ebenfalls ziemlich angeekelt.

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