No tears left

Blatt im Wind

Lass mich das Pochen deines Herzens spüren,
dass ich nicht höre, wie das meine schlägt.
Tu vor mir auf all die geheimen Türen,
da sich ein Riegel vor die meinen legt.

Ich kann es, Liebster, nicht im Wort bekennen
und meine Tränen bleiben ungeweint,
Die Macht, die uns von Anbeginn vereint,
wird uns am letzten aller Tage trennen.

All meinen Schmerz ertränke ich in Küssen.
All mein Geheimnis trag ich wie ein Kind.
Ich bin ein Blatt, zu früh vom Baum gerissen.
Ob alle Liebenden so einsam sind?

Mascha Kaléko

Sie starrte auf sein Profil, das telephonierend und mit der Speisenkarte wedelnd nicht nur sie ignorierte. Die Frau sah sehr zufrieden aus und keineswegs gestört von der nur wenig mehr als virtuellen Anwesenheit ihres Gegenübers.
Ob sie ihn wohl liebte? Er war so beschäftigt; vielleicht mit einem Geschäftspartner oder etwas in dieser Art. In einem anderen Term: Er war jagen, um Beute ins heimische Nest zu bringen. Das schätzte sie an ihm. Daß er die Kellnerin anzüglich musterte und ihr so gierig in den offenen Ausschnitt blickte, als jene die Getränke brachte, entging ihr. Oder wollte sie es nicht sehen? Ich denke, sie hatte es nicht gesehen.

Irgendwann legte er das Telephon beiseite. Weit genug weg, um mehr Platz für den Teller zu haben, nahe genug um dessen immerwährende Nähe zu verdeutlichen. Seine Augen gingen auf die Jagd nach anderen Frauen; auch das ignorierte sie, obwohl es nicht zu übersehen war. Sie saß da, kam nicht einmal auf die Idee, seinen Blicken zu folgen und betrachtete nur ihn, während er alleine sprach.

Ich schloß die Augen und ging mit den beiden zusammen nach Hause. Sie küßte ihn schüchtern, als er die Türe aufschloß. Dafür mußte sie sich auf die Zehenspitzen stellen in ihren hochhackigen Schuhen. Sie war ein gutes Stück kleiner als er. Während er auf einen Knopf des Anrufbeantworters drückte, auf dem zwei Nachrichten gespeichert waren, lief sie ins Schlafzimmer. Um sich ihrer doch unbequemen Schuhe zu entledigen, wie sie durch die offene Tür in den Flur trällerte.
Es waren nur kurze Nachrichten, denn nach wenigen Augenblicken folgte er ihr, beugte sich über sie und tätschelte ihren Po. Er müsse leider noch einmal weg. Es wäre wichtig und sie solle nicht auf ihn warten. Eine andere, aber daran schien sie nicht zu denken. Es täte ihr leid, auch wegen des schönen Abendessens. Es tat ihr leid für ihn. Kurz hatte sie darüber nachgedacht, ihre Schenkel ein wenig zu spreizen, eine kleine Einladung in der Deutlichkeit, wie Männer sie wahrnehmen können. Aber da hatte er schon das Zimmer verlassen.

Nachdem sie das Geräusch der zufallenden Haustür hörte, ging sie ins Bad, duschte, schenkte sich danach ein Glas Orangensaft ein, das sie neben sich auf den Nachttisch stellte. Sie las noch ein paar Minuten, löschte das Licht und vergaß dabei ihr Getränk, von dem sie keinen Schluck genommen hatte. Ich wartete noch ein wenig, um zu sehen, ob sie gleich einschlafen würde oder ob sie sich selber befriedigen würde, wenn er es schon nicht tat. Sie hatte sehr schöne Augen, in die ich gerne gesehen hätte, wenn es soweit gewesen wäre. Kurze Zeit darauf war nur noch ihr ruhiger Atem zu hören. Sie war eingeschlafen.

Ich erwachte und öffnete die Augen; er rief nach dem Kellner, um die Rechnung zu begleichen. Da wäre noch ein Termin bemerkte er zu ihr in einer Art, die nahelegte, daß er sich diesen Augenblick gewählt hatte, um an dem wartenden Kellner vorbeisehen zu können. Auch ein Teil der Jagd.

Zuhause hat sie noch einen Glückskeks aus einem chinesischen Restaurant. Den wird sie heute Abend öffnen und sich den Zettel darin durchlesen.

»Glück kann man nicht kaufen. Man kann es sich jedoch herbeidenken.«

Dann wird sie sich ein Glas Orangensaft einschenken, über den Sinn des Satzes nachdenken und wenig später einschlafen.

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Schlaflied

Einmal wenn ich dich verlier,
wirst du schlafen können, ohne
daß ich wie eine Lindenkrone
mich verflüstre über dir?

Ohne daß ich hier wache und
Worte, beinah wie Augenlider,
auf deine Brüste, auf deine Glieder
niederlege, auf deinen Mund.

Ohne daß ich dich verschließ
und dich allein mit Deinem lasse
wie einen Garten mit einer Masse
von Melissen und Stern-Anis.

Rainer Maria Rilke

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0 Kommentare zu No tears left

  1. tikerscherk sagt:

    Das ist ja mal traurig.
    Einsamkeit und Schmerz, Verlorenheit und Betrug.
    Sehenden Auges macht sie sich blind, die Glückskeksfrau, um ihn nicht zum Teufel jagen zu müssen.
    Manche Allianzen tun schon beim Zuschauen weh.

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    • pantoufle sagt:

      …und ich dachte, dazu bemerkt niemand mehr etwas. Dabei fand ich es so schön traurig. Vor allem das Video von Meschuggha ist sehr passend, wenn man man in sich hineinsieht. Ja, ich weiẞ: Meine Schwäche für Metal – nicht jedermanns Sache. Aber das Video ist wirklich ganz großes Hallentennis!

      Du hattest ein ähnliches Thema ja auch gerade im Programm. Und es soll auch wehtun.

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      • tikerscherk sagt:

        Doch, doch, ich kam nur nicht gleich dazu was zu sagen.
        Schön traurig und schlimm traurig. Irgendwie beides. Ich hoffe Du hast kein Herzeleid.
        Ich hab jedenfalls keins, obwohl ich drüber schreibe (oder wenn, dann wg des kranken Hundes, aber nicht wegen der Liebe).
        Für bewegte Bilder reicht mein innerer Arbeitsspeicher gerade nicht.

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