Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten

Ja, es ist soweit: Das Kampfblatt des Springerkonzerns »die Welt« errichtet eine Paywall, wenn auch erst einmal von der Qualität einer Firewall unter Windows®. Jeder, der das Bemühen um das leistungslose Grundeinkommen für Verleger – volksnäher, wenn auch missverständlich »Leistungsschutzrecht« genannt – mitverfolgte, hat das kommen gesehen. Hierbei handelt es sich offenbar um die zweite Raketenstufe des Raumschiffes »Leistungsschutzrecht« … wer weiß das schon. Jetzt aber erst einmal »die Welt«.

»Wir sind Zeuge des Beginns einer Suche«

Mathias Döpfner, Springer Vorstandschef

Bei dieser Nachricht sind zwei Dinge für mich auffällig: Zum Einen unterscheiden sich die Pressemeldungen, die es im Moment zuhauf darüber gibt, selten um mehr als ein Komma – bestenfalls durch die Überschrift oder ein anderes Titelbild – vom Fehlen jedweder Kritik einmal ganz zu schweigen. Natürlich werden sich alle Verlage gespannt ansehen, ob sich das Experiment rechnet und gegebenenfalls nachziehen; in dieser oder ähnlicher Form. Das würde bedeuten, daß der Leser, der sich im Vertrauen auf den so oft und gerne zitierten »Kuh-Journalismus« das Abonnement auf mehrere Zeitungen versicherte, hier wie dort die wörtlich gleiche Meldung zum Thema gelesen hätte. Dafür soll er bezahlen? Diese Erkenntnis ist nicht neu: Daß der Großteil der Meldungen bei den meisten Blättern nur noch 1:1 von den Presseagenturen übernommen wird, ist eine Binsenweisheit – dafür aber auch noch mehrfach zu bezahlen eine Zumutung.

Zum zweiten fällt auf, daß die Paywall bei näherer Betrachtung gar keine ist. Die Herangehensweise des Springerverlages besteht darin, daß 20 Artikel pro Monat frei abrufbar sind – danach muß bezahlt werden. Ebenfalls frei verfügbar sind Artikel, die über soziale Netzwerke oder Suchmaschinen verlinkt wurden; angeblich kommen mehr als 50% der Clicks von Google oder Facebook.

Die legalen technischen Möglichkeiten einer Überprüfung dieser Zugriffe bestehen aus dem Einsatz von Cockies oder einer IP-Abfrage – beides Hürden, die ohne den geringsten Kraftaufwand zu umgehen sind wenn man denn unbedingt die »Welt« lesen will. Die Bezeichnung »legal« ist mit Absicht gewählt: Die »Welt« bietet den bisher 50.000 eifrigsten Lesern der Internetpräsenz einen (registrierungspflichtigen) Freizugang an. Die dazugehörigen Adressen dieser Leser beziehen sie über einen Online-Profildienst, von dem sie sowohl die E-Mailadressen wie auch Interessenprofile gekauft haben. Nun gut: Das ist zwar legal, aber ganz schön unverschämt.

Zusammenfassend kann man also sagen, daß diese Paywall (oder bis jetzt auch »niedergetrampelter Maschendrahtzaun) nur dann funktionieren kann, wenn mindestens zwei Grundvoraussetzungen erfüllt sind: Erstens müssten die Suchmaschinen, sozialen Netzwerke, Twitter und andere für die Links irgendwann bezahlen. Zweitens muß ein neuer Begriff eingeführt werden:

DER RAUBLESER

Kommt das jemandem bekannt vor? Zeitungslesen als Straftat… wenigstens dann, wenn man sinnvollerweise von Zeit zu Zeit seine Cockies löscht oder aus Spaß einmal eine andere IP-Adresse bevorzugt (auch dafür gibt es gute Gründe). Konsequenterweise müssten dann ebenfalls die Printausgaben dieser Zeitungen nach Gebrauch vernichtet werden, um Parasitenlesern die Lektüre unmöglich zu machen. Wir werden sehen.

In meiner täglichen Linkliste taucht »die Welt« einen Platz nach Spiegel-Online auf; also ganz weit hinten. 20 Artikel pro Monat sind etwa 50% oberhalb meiner Übelkeitsgrenze – ich persönlich könnte damit leben. Aber das alles ändert nichts daran, daß es sich um einen weiteren Schritt zu einem Klassen-WWW handelt, einem konsequenten Weg, eine Unterschicht von Information und Bildung fernzuhalten.

Update

Ich möchte an dieser Stelle noch auf einen ausgezeichneten Artikel in der »Konkret aufmerksam machen, der dieses Thema auf den Punkt bringt: Das Pfeifen im Blätterwald

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0 Kommentare zu Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten

  1. Pingback: Links 2012-01-02 | -=daMax=-

  2. aphrodite sagt:

    hm, schwierig, was machen wir da mit den vielen, hungrigen Redakteuren, die sich um ihr Einkommen schreiben. Verstaatlichen? Geht auch nicht! Werbefinanzierung ist ja auch sehr unangenehm und findet ja schon statt. Bleibt das Fragezeichen, wie unsere Zeitungen sich finanzieren sollen.

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    • pantoufle sagt:

      Moin Ἀφροδίτη

      Aus dem Jahresbericht 2012 des Springerverlags:

      »Mit den Zeitungen und Zeitschriften im Inland setzte das Medienhaus vor allem wegen rückläufiger Werbeeinnahmen weniger um – und zusammengerechnet sank auch der operative Gewinn im deutschen Printgeschäft, wie es hieß. Allerdings sei der Bereich nach wie vor hoch profitabel, bei den Zeitschriften werde sogar ein Rekordgewinn erzielt.«

      news.de/dpa

      »Die Werbeerlöse in der digitalen Welt hätten mit 791 Millionen Euro bereits entsprechende Erlöse im deutschen Printgeschäft (643 Millionen Euro) überflügelt. Insgesamt nahm Axel Springer durch Werbung gut 1,6 Milliarden Euro (plus 16 Prozent) ein. Dabei entfielen 815 Millionen Euro auf Print und 791 Millionen Euro auf Digital. Die Vertriebserlöse legten um 2,6 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro zu.«

      news.de/dpa

      Das klingt erst einmal nach golddurchwirkten Brokat-Hungertüchern.
      Dahinter steht der kontinuierliche Rückgang der Printmedien – die Erkenntnis, das die Zukunft im Netz stattfindet.
      Springer&Co sind nun einmal im WWW. Zu der Party hat sie niemand eingeladen und jetzt wollen sie nicht nur die Musikauswahl bestimmen, sondern verkaufen in unserem Wohnzimmer ihre Getränke. Der nächste Schritt besteht konsequenterweise im Getränkeverbot des Gastgebers.
      Soviel zum ersten Eindruck und dem perfiden Ausdruck »Freibierkultur« (Mathias Döpfner). Man beachte: Sie haben ihre Inhalte freiwillig ins Netz gestellt und beschimpfen nun die User dafür, das man es wahrnimmt. Wenn es ihnen nicht gefällt, sollen sie ihre Copy&Paste Artikel weiter auf Papier drucken: Was hält sie ab?… Ach, das will keiner lesen?
      Um ihre Interessen zu verfolgen, greifen sie zu Mitteln, die an die demokratische Substanz des Netzes gehen. Sie wollen ja nicht nur von den Usern bezahlt werden, sondern auch von denen, die nur auf die Existenz von ihren Artikeln oder Erzeugnissen hinweisen – Google, Facebook, Twitter ect. Der Ton Google gegenüber liest sich dann etwa so (noch einmal der Sozialist und Menschenfreund Mathias Döpfner):
      »In Wirklichkeit will Google nur erzkapitalistische Interessen durchsetzen und sein Geschäftsmodell optimieren.“«
      Man kann nur hoffen, daß es dieser Satz nicht auf die Aktionärsversammlung der Springer-AG schafft, sonst würden eventuell noch die Aktionäre nervös…
      Man versucht, die großen, erfolgreichen Konzerne wie Google oder Facebook zu melken. Beide sind hervorragende Beispiele dafür, was Herr Döpfner und andere als »Gratiskultur« brandmarken. Was hätten diese Herren eigentlich vor 20 Jahren gesagt, wenn man ihnen mit der Idee einer Wortsuchmaschine gekommen wäre oder den Vorschlag gemacht hätte, alte gebrauchte Plünnen im Internet zu versteigern? Die Verlage haben sich 20 Jahre paralysiert angesehen, wie andernorts Geld verdient wird und nicht eine einzige, tragbare Idee dazu beigesteuert. Und jetzt haben sie Panik.

      Ein paar andere Ungereimtheiten wären da noch: Soso – das Anzeigengeschäft bricht zusammen und deshalb ist kein Qualitätsjournalismus mehr möglich. Man kann also nur noch Qualitätsartikel an den Mann bringen, wenn Müller-Milch oder Mercedes das finanzieren. Dann hat das Problem offensichtlich weniger mit dem Internet zu tun, als da immer angenommen wird.
      Es war – glaube ich – der stellvertretende Chefredakteur der Financial Times Deutschland, Sven Oliver Clausen, der zum Untergang seines Blattes sinngemäß bemerkte, man hätte für eine kleine, hochgebildete, reiche Minderheit geschrieben, die keine Basis für das Überleben des Blattes dargestellt hätte (das Internet kam übrigens mit keiner Silbe vor: Sehr anständig! Nimmt man allerdings das, wöfür dieses Blatt stand, liegt die Vermutung nahe, man habe sich seine Kundschaft selber weggeschrieben). Soviel Ehrlichkeit ist selten geworden – die Frankfurter Rundschau schließt ebenfalls ihre Pforten: Ich warte gespannt auf den Nachruf, so sehr ich das Ableben bedauere.
      Oder einmal ganz primitiv gefragt: Warum sollte es den Journalisten anders ergehen als den Kindergärten, den Schulen, den Gemeinden, Museen und… ach… . Haben wir einfach noch nicht begriffen, das wir pleite sind? Hinter den Jubelmeldungen unserer Regierung steckt doch das nackte Grauen – auch wenn man in Deutschland noch verhältnismäßig komfortabel dasteht. Die Preise für derartige Dienstleistungen haben ein Niveau erreicht, das es nur noch einer relativ kleinen gesellschaftlichen Schicht möglich ist, sie zu nutzen.

      Ich wage mal eine Prognose: Das Modell des Springer-Verlages wird sich nicht durchsetzen – jedenfalls nicht profitabel genug für gewisse Geldsäcke. Andere Branchen werden aus ähnlicher Motivation nachziehen mit ähnlich unbefriedigenden Ergebnissen. Das wird dann der Moment sein, wo man über eine Internetsteuer o.ä. nachdenken wird. Und es wird nicht beim Nachdenken bleiben.

      Aphrodite – ich hoffe, Dich durch die lange Antwort nicht verschreckt zu haben. Das hat hier eine gewisse Tradition. Man kann da noch so schön die Dinge unterbringen, die der Form der Polemik zum Opfer fielen.

      Mit freundlichem Gruß
      das Pantoufle

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    • pantoufle sagt:

      Moin role
      Danke dafür: da stehen einige wichtige Punkte, die bei mir fehlen oder nur angerissen sind. Es ist unter anderem ein Versäumnis von mir, nicht deutlicher herauszuarbeiten, daß es natürlich etwas qualitativ komplett anderes ist, ein Abonnement für den Spiegel der 70. Jahre zu bezahlen oder für – etwas plakativ – Spiegel Online.
      Den Optimismus des Autors Thomas Rothschild über die Rolle von Blogs kann ich nicht zur Gänze teilen. Sicherlich haben diverse Blogs einen Standard erreicht, der sie in der Wahrnehmung der Leser Presseerzeugnissen adäquat erscheinen lässt; in diesem Zusammenhang will ich mich gar nicht über das Niveau von Blogs verbreiten. Rothschild sagt aber auch selber, daß die Qualität einer Frankfurter Rundschau eben durch »Die Verkrustung eines genialischen, jedoch arg den gewesenen Werten verpflichteten Trios« zustande kam. Ein Karl Marx bei der rheinischen Zeitung, ein Siegfried Jacobsohn bei der Weltbühne – das ist als Zustand einer »Presse-Maschine« ein Wesen, von denen Blogs noch Lichtjahre entfernt sind. Mag es ein wenig tröstlich sein: Das gilt für die anderen Presseorgane natürlich auch – von »der Welt« zu schweigen wie schon lange von »Bild«.
      Der in dem Artikel Rothschilds zitierte »antiintellektueller Siegeszug« ist hierbei sicher eines der entscheidenden Parameter, den es noch viel deutlicher herauszuarbeiten gilt.

      Soweit noch einmal vielen Dank und mit den besten Grüßen für das neue Jahr verbleibt
      das Pantoufle

      Nachtrag
      Noch eine Stimme zum Thema: Wolfgang Michal, Hört auf, uns zu lesen

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  3. role sagt:

    Guten Morgen,

    Antiintellektualismus und die von dir bekagte Übernahme von Agenturmeldungen sind Ärgernisse. Wesentlich gefährlicher ist jedoch die als Redaktion verkaufte Übernahme von PR. Eigentlich sollte ich mich darüber freuen, schließlich lebe ich davon, doch nach wie vor hänge ich den Idealen meiner Ausbildung nach. Von einem Redakteur erwarte ich, dass er die PR-Intention meiner Texte erkennt und diese entfernt. Aber nichts da. Im Gegenteil, wurden die Artikel früher noch gekürzt oder ein wenig umformuliert, erlebe ich nun immer öfter die 1:1 Übernahme. Es fogt das Kürzel des Redakteurs oder gar sein kompletter Name und fertig ist die Laube.

    Nun, vordergründig halten solche Texte bestimmte journalistische Formalien ein. Nur die Recherche ist natürlich einseitig (aber, das ist das Schlimme, oft tiefgehender als in einem gewöhnlichen Zeitungsartikel). Der Schreiber vertritt schließlich die Interessen des Auftraggebers. Objektivität sieht anders aus. Dies mag im Bereich Konsum- oder Investitionsgüter oder Kultur noch tolerierbar sein. Leider ist es bei politischen Themen nicht anders.

    Als Ausrede höre ich von ehemaligen Kollegen, dass die Arbeitsbelastung zunehme. Sicher richtig, aber keine Entschuldigung. Faulheit und Schludrigkeit stehen eher im Vordergrund. Nur, solche Berichte und die Zeitungen, die sie veröffentlichen braucht kein Mensch, daher sterben sie zurecht.

    Nachher kommt noch was zum sogenannten Qualitätsschournalismus. Aber jetzt muss ich erst einmal was arbeiten.

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