Mundlos

Vielleicht bringt das ja mal Leben in die Bude. So etwas oder Ähnliches mögen die Pressevertreter denken, wenn die Aussagen und der Streit mit dem vorsitzenden Richter Götzl im NSU-Prozeß genüßlich ausgetreten werden.
Siegfried Mundlos, der Vater des toten Uwe Mundlos der Nazi-Mörderbande Nationalsozialistischer Untergrund soll seine Aussage machen. Das tut er auch, mit Provokationen gegenüber dem Gericht und dem wiederholten Versuch, Grundsatzerklärungen abzugeben.

Der Informatikprofessor im Ruhestand hat einen toten Sohn und wenig Erklärungen. Dem Anschein nach ist er selber kein Neonazi, jedenfalls keiner, der Blättchen zu Führers Geburtstag verteilt oder auch nur die NPD wählt. Er ist etwas in der Praxis wesentlich schlimmeres: Er ist offenbar komplett ahnungslos. Was sein verstorbener Sohn getan, gesagt oder gedacht hat, scheint der Vater nicht mitbekommen zu haben. »Besser Skin als Punk und drogenabhängig«. Damit läßt sich offenbar vieles verharmlosen. Der Junge kommt schon irgendwann zur Besinnung und zurück auf das, was man in diesen Kreisen als rechten Weg bezeichnet.

Siegfried Mundlos kennt Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und den Mitangeklagten Ralf Wohlleben. Von Böhnhardt hielt er nichts. Gefährlich, schlechter Umgang. Sich selbst und die Rolle der Familie: »Er war überhaupt kein Fascho, wie das alle gesagt haben.« Er wäre »irgendwie in gewaltbereite Kreise, den rechten Sektor reingerutscht«. Irgendwie.
Camping, Demos, Krawall machen; all das legt sich mit der Zeit, denkt der Vater.
Der Herr Professor hat im Übrigen seine eigene Meinung über die Rolle der Behörden – speziell über die des Verfassungsschutzes und dabei will man ihm wenigstens teilweise sogar recht geben. »Man hätte die in den ersten vier Wochen unbedingt fassen können. Alles andere ist Unfug.« Man hat es aber nicht. Ob der Prozeß Klarheit über diesen Teil der Hintergründe geben wird, ist mehr als ungewiß. Nicht der BND oder Verfassungsschutz stehen vor Gericht, sondern Beate Zschäpe. Das diese Behörden genau dort stehen müssen, ist ein anderes Thema.
Solange das nicht passiert, ist für Vater Mundlos der Tod seines Sohnes Ergebnis einer großangelegten Verschwörung von Nazis, BND, Fehlinterpretationen und dem Zusammentreffen unglücklicher Umstände.

Mitleid mit den Hinterbliebenen der Opfer? Den Opfern selber? Fehlanzeige. Sein Sohn: Das ist das Opfer, andere nimmt er nicht wahr. Das ist die eigentliche Schändlichkeit seines Auftrittes. Nicht das Gerangel mit dem Gericht und seine Verschwörungstheorien, sondern der Mangel jeglichen Respektes gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen.
Das geht in praktisch allen Meldungen der Medien zugunsten dem interessanteren Detail unter, als der Professor während der Befragung zu essen beginnt.
Mundlos hatte seinen mediengerechten Auftritt.

»In der HJ waren ja schließlich fast alle – was haben sie schon groß gemacht? Cowboy und Indianer gespielt und einmal im Jahr durch die Stadt marschiert. Mit dem Luftgewehr haben sie natürlich auch geschossen: Auf Scheiben, hören Sie? Pappscheiben! Ja, und später waren sie natürlich Flakhelfer. Die meisten jedenfalls. Einige haben sich auch zur SS gemeldet. Das gab mehr Geld und die hatte die schicken Uniformen, mit denen sie vor den Mädels prahlen konnten. Karlchen ist dann ja auch zur SS, aber der hatte ja immer schon ein großes Maul. Nur Mädels – die hat er nie abgekriegt.
Aber das ging dann ja alles ganz schnell zu Ende. 45 war ja schon alles vorbei. Dann kamen die Amis und haben erst mal alle weggesteckt. Drüben da… sehen Sie? Neben der Straßenbahnhaltestelle, da hatte der Siegfried seinen Zeitungskiosk. Wir habe uns dann abends da getroffen und die Blätter gelesen, die er nicht verkauft hat. Da habe ich zum ersten Mal davon gehört. Das war – warten Sie mal… muß so in der Zeit vom Nürnberger Prozeß gewesen sein. Ich will nicht gerade Siegerjustiz sagen, aber voreingenommen waren die schon, das müssen Sie zugeben!
Nach und nach kamen sie dann wieder nach Hause. Wenigstens die, die nicht tot waren. Hat ja doch noch einige erwischt im letzten Jahr. Mein Ältester ist ja nicht… auf der Flucht erschossen, haben sie gesagt. Ja, ja – auf der Flucht! Helle war er ja, der Junge, aber doch im Grunde ein herzensguter Bub. Der wäre nie… na, ist ja auch jetzt egal. Karlchen kam natürlich wieder. Hat ne ruhige Kugel geschoben in irgend einem Lager als Bewacher. Gab ja viele: Kriegsgefangene und so. Ist jetzt in einer Versicherung und hat immer noch die große Klappe.
Aber Nazi war mein Junge nie. Konnte ja keiner ahnen. Natürlich waren da auch welche dabei, die schlechter Umgang waren. Ich mein, Karlchen: Der hat ja schon den rechten Arm hochgerissen, als der noch in die Windeln schiss. Aber im Grunde wollten die doch alle nur spielen.
So, und jetzt nehm wa noch einen Letzten. Siegfried will zumachen. Nimmste auch einen, Siegfried? Geht auf mich! Auf die guten alten Zeiten, woll?«

Das Gespräch ist selbstverständlich fiktiv – fiktiver geht es gar nicht! Nur die kursiv gesetzten Zitate Mundlos: Die sind echt.

Und da wäre noch etwas Hintergrund, wer gerne möchte: Wolf Wetzel

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0 Kommentare zu Mundlos

  1. piet sagt:

    Muß mal huchen gerade. Bei dem ganzen Zinnober des Herrn Professors ist mir auch die Opferperspektive verrutscht. Danke für´s einnorden.

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  2. altautonomer sagt:

    Freut mich, dass Du auf “Eyes Wide Shut” verlinkst. Wetzel war vor wenigen Tagen noch Gastredner einer Disskussionsveranstaltung im Verdi-Gebäude Bochum.

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  3. Frau Lehmann sagt:

    Hallo, Pantoufle,
    ich finde deine Einschätzung absolut passend, was die ‘Causa’ Mundlos angeht. Ich kannte den Sohn persönlich. Er war niemals nur ein Mitläufer. So wie ich ihn einschätze, wusste er zu jedem Zeitpunkt ganz genau, was er tat und wann und wo er seine Einstellung preisgab oder eben nicht. Ich kann mir gut vorstellen, dass vieles von dem, was er tat, für ihn durchaus ein Spiel war, bei dem er zu seinem eigenen Vergnügen ‘Regie führen’ konnte. Über den Einfluss seines Vaters wurde schon bevor der Sohn abgetaucht war einiges gemunkelt. Dass der NSU unbedingt hätte gefunden werden können, wenn es denn gewollt gewesen wäre, davon bin ich überzeugt.
    Skandalös finde ich allerdings vor allem auch die Berichterstattung zu dem gesamten Thema, was mich vermuten lässt, dass es niemals um Aufklärung aller Umstände geht. Um die Opfer des NSU ging es nie und wird es auch nie gehen. Klar ist es einfacher Verschwörungstheorien nachzuhängen, denn das enthebt alle ‘Beteiligten’ einer klar definierten Verantwortlichkeit. Was nie an die Oberfläche kommen wird und auch nicht soll, die erkennbare faschistische/rasssistische Gesinnung all derer, die sich jetzt lieber als Deppen outen. Im abgesicherten Ruhestand lässt sichs ja auch gut mit diesem ‘Attribut’ leben 🙁

    Liebe Grüße

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  4. pantoufle sagt:

    @Frau Lehmann

    Das mit der Berichterstattung ist noch einmal eine ganz andere Geschichte. So wie die Rolle der Geheimdienst – BND, Verfassungsschutz, Polizei und was da kreucht und fleucht.
    Wenn in diesem Zusammenhang zuviel Licht auf die Verbindungen, die es zweifellos gab, geworfen wird, käme mit Sicherheit irgend jemand auf die Idee, es Staatsterrorismus zu nennen. Der NSU als Werkzeug interessierter Kreise an sozialer Unruhe. Das wäre mal eine interessante Schlagzeile. Genau so possierlich wie Polizisten beim Ku-Klux-Klan (»wir wußten nicht, das die fremdenfeindlich sind«).
    Einer derer, die beim damaligen NSU-Untersuchungsausschuß höchst interessante Ausführungen zum Demokratieverständnis deutscher Ermittlungsbehörden machte (»Festhalten möchte ich ganz grundsätzlich, dass die Löschung von Akten nichts mit Vertuschung zu tun hat, sondern mit Grundrechtsschutz.« und dergleichen Treppenwitze) ist ja nun Staatssekretär für die Geheimdienste. Ausgerechnet Klaus-Dieter Fritsche, der dafür mitverantwortlich war, daß die Nazimörder so lange unentdeckt bleiben.
    Höchst unwahrscheinlich, daß man noch Aufklärung über seine Rolle und die seiner Spießgesellen bekommen wird. Sicherlich nicht vom NSU-Prozess in München.

    Was die Verschwörungstheorien des Vaters angehen, so entziehen sich die etwas meinem Zugriff. Ich kenne ihn nicht noch seinen Sohn. In meiner Darstellung ist er jemand, der Erklärungen sucht. Der vollkommene Mangel an Empathie ist dabei allerdings bemerkenswert. Ein seelischer Krüppel muß er schon vorher gewesen sein; schwer vorstellbar, daß ein einziges Ereignis das ausgelöst haben könnte.

    Lieben Gruß
    das Pantoufle

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