Moin Thelonious

»Pantoufle, Pantoufle. Auf was für Seiten du dich auch so herumtreibst. Da musst du dich nicht wundern, wenn du dich ärgern musst.
Aber du hast schon recht. Das Netz wird immer langweiliger.«

Thelonious

Es wäre jetzt natürlich schön, wenn die Schrottpresse eine fertig vorverdaute und eloquente Antwort darauf hätte. Hat sie aber nicht. Nur ein paar unzusammenhängende Gedanken.
Wird das Netz immer langweiliger? War das Usenet in den 1980er Jahren intelligenter? In einigen Teilaspekten sicherlich: Es setzte ein wenigstens grundsätzliches Verständnis über die Funktionsweise von Computern und Netzwerken voraus und siebte durch diese intellektuelle Hürde einiges heraus. Aber auch schon damals nicht alles, was durchaus entbehrlich gewesen wäre. Der Begriff Netiquette stammt aus dieser Zeit – die Gattung des Trolls kann auf eine lange Tradition zurückblicken.

Wenn man will, kann man den Code des NCSA Mosaic als Sündenfall des Informationszeitalters betrachten. »Mosaic war kein großes Stück Software, und in vielem ist die konzeptionelle Leistung von Berners-Lee in der Entwicklung des WWW höher einzuschätzen. Doch Mosaic brachte den Knoten zum Platzen. Revolutionen sind meistens sehr einfach gestrickt.« (Martin Campbell-Kelly)
Von diesem Moment der Revolution bis zu der Feststellung, daß das Internet nur zum Verkauf von Autos und Pornographie taugt, lagen bestenfalls ein paar Monate. Der Mensch ist nämlich genau so einfach gestrickt.
Diese Feststellung nimmt der Revolution aber nicht seine Tragweite. Beliebigkeit als Abfallprodukt muß nicht nur bei diesem Beispiel in Kauf genommen werden – die jungen Pioniere haben auch nichts mit Marxismus zu tun. Amy&Pink, PI oder Yourporn als Metastasen eines grundsätzlich gesunden Körpers?

Da beginnt die Abschätzung der Nutzen – Schadensrechnung.
Mal eben was ganz anderes: Wolfgang Michal beschäftigt sich in seinem neuesten Artikel »Die Kaffeepadisierung des Journalismus« mit Micropayment-Modellen.

»Presse-Micropayment ist ungefähr so sinnvoll wie der Vorschlag, jede Seite eines E-Books extra zu verkaufen. Per Maus-Klick (der natürlich ganz „einfach“ und „bequem“ ist) könnte man am Ende jeder Seite die nächste Seite für 2 Cent dazukaufen. Manche Seite würde man auch zurückgeben. Und manche Kuratoren würden vielleicht nur die Seiten 38 und 257 empfehlen…«

Daran finde ich zwei Dinge bemerkenswert. Es wird viel über ein Überangebot lamentiert (im Fall des Journalismus eher von Dolchstoß) – aber dieses Überangebot gab es doch schon immer. Man hatte es nur nicht wahrgenommen, konnte es meist auch gar nicht, weil diese Quellen nur wenigen Bevorzugten in ihrer Breite zur Verfügung standen. Nun steht die Menge davor und stöhnt »Das wollten wir eigentlich gar nicht wissen!«  Die Zahl der Aggregatoren nimmt zu, diese für den Leser vorzusortieren. Ob das nur entfernt etwas mit »freiem Journalismus« oder unvoreingenommener Wahl der Quellen zu tun hat, steht noch auf einem anderen Blatt.

Der zweite Punkt offenbart sich in den Kommentaren zu besagtem Artikel, dessen Tenor (bis zum jetzigen Zeitpunkt) ungefähr lautet »…habe leider überhaupt keine Zeit, Zeitung zu lesen«, »mir geht es ebenso, dass ich kaum die Zeit finde, eine ganz Zeitung zu lesen und deshalb keine kaufe«, »Seit Jahren kaufe ich keine Zeitungen mehr, denn ich käme nie dazu, sie zu lesen.«

Eine Zeitung. Nicht die FAZ + Spiegel + Welt + Landliebe – eine Zeitung. Das stimmt natürlich nicht in dieser Vereinfachung, ist im Kern aber ein Hinweis. Wenn man vor der Zeit des Internets diese eine Zeitung las (was bei einigen Blättern gelegentlich als politisches Statement zu verstehen war), war die Tendenz dieses einen Blattes durchaus ein Parameter, an der sich Konkurrenz messen lassen mußte. Und ein gelegentlich wichtiger Leuchtturm der eigenen Position.
Nimmt man die Aussagen der Kommentatoren für bare Münze – was, um es zu wiederholen, unzulässig ist -, reicht es also nicht einmal dazu, sich mit dieser einen Meinung vertraut zu machen.
Man hat vielleicht bereits eine, bei der es nur noch Schnipseln ohne einen größeren Zusammenhangs bedarf, jene zu bestätigen. Diese Schnipsel mögen jetzt weiß Gott woher kommen – und da beginnt der eigentlich gefährliche Punkt an der Geschichte. Die Qualität der Quellen ist eben auch beliebig geworden. Die haltlosen Behauptungen eines faschistoiden Idioten Seite an Seite neben einem seriösen Journalisten – aus dem Zusammenhang gerissen oder verfälscht – können keine Basis der Meinungsbildung mehr sein. Die Mühe, solche Elaborate auf Herkunft und Zusammenhang zu überprüfen, übersteigt bei Weitem die Mühe des einfachen Lesens. Und ist nebenbei in aller Regel die Zeit nicht wert, die man dafür benötigen würde.

»Wo bleiben Charme und Witz? Deshalb bin ich privat nur noch selten im Netz.«

Abgesehen davon, daß ich ihn hin- und wieder durchaus noch wahrnehme – es wird zähe, ihn zu finden. Im Wirtshaus oder bei einer guten Flasche Wein zu sitzen ist durchaus zu einer Alternative geworden; wieder geworden. Das Wirtshaus ist auch ein News-Aggregator und ziemlich zuverlässig funktionierender obendrein. Wenn da jemand mit zu großem Unsinn an der Theke erscheint, wird er ausgelacht oder gleich konsequent vor die Tür gesetzt. Ein Mechanismus, den es im Netz eigenartigerweise nicht gibt.

Aber trotzdem werde ich nicht aufgeben, den Witz und Charme im Netz zu suchen. Auch wenn man dabei über allerlei Unkraut stolpert. Heute Abend aber geh ich mit einem guten Freund essen. Bei einer guten Flasche Wein. Ohne Reichsflugscheiben, Salon-Bolschewisten, 9/11 oder Ken Jebsen.

[Allein die Nennung dieses Namens verrät den unaufhaltsamen Rechtsruck, der auf der Schrottpresse in letzter Zeit zu beobachten ist! Der Säzzer]

0
Dieser Beitrag wurde unter ungefragte Antworten, Verkehr und Gebratenes abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

0 Kommentare zu Moin Thelonious

  1. Stefan R. sagt:

    So, essen geht der feine Herr. Dann gibt’s hier nach dem bösen K-Wort hier wohl als nächstes auch noch Fleischcontent, oder was? 🙂

    0

    • pantoufle sagt:

      Boa ey! Stefan schon wieder! Noch nicht mal fertig Korrektur gelesen und schon fällt das Wort »vegan«.
      Und ja: Der feine Herr essen Fleisch! Heute Abend wird wohl ein Lamm dran glauben müssen. Ob es Foodporn gibt, weiß ich noch nicht. Vermutlich nicht – höchstens vom leergefressenen Teller, hungrig wie ich bin.
      Und bei Tische fallen mir immer die herrlichsten politischen Inkorrektheiten ein.

      0

  2. DasKleineTeilchen sagt:

    ich für meinen teil hab vorgestern nacht von gegrilltem fleich geträumt, was nach kurzem zögern mit genuss verschlungen wurde; ergebnis: gestern abend nach ichweissnichtwievielen jahren gabs den kinder-klassiker schinkenbandnudeln mit sahne inna pfanne gebraten…

    (diese ganzen syncronizitäten letztens machen mich nicht…nervös, aber…ach faggit! von wegen langweiliget netz, HA!)

    0

    • pantoufle sagt:

      Kompliment: Ich hab gerade Deinen Kommentar unterm Donnerbalken gelesen. Der Führer ist bei seiner Antwort ja richtig poetisch geworden – beinahe schon sentimental! Und auch wurde Dein Kommentar nicht vom Admin entfernt, verfälscht oder sinnentstellend wiedergegeben.
      Der muß Dich richtig lieb haben!

      0

  3. Der Duderich sagt:

    [Allein die Nennung dieses Namens verrät den unaufhaltsamen Rechtsruck, der auf der Schrottpresse in letzter Zeit zu beobachten ist! Der Säzzer]
    Gott, lass es Schwefel auf Deine Seite regnen! ;-P

    0

  4. DasKleineTeilchen sagt:

    zeit für weichgespülten gute-laune-pop-mit-message

    yep, ich steh auf diesen traumhaften trash zum aufwachen, MANN gehts mir jezz jut!

    0

    • pantoufle sagt:

      Sehr geil! So ist mir auch gerade – hab eben den Fensterheber/Fahrerseite rotes Golfauto erfolgreich gewechselt und Matten geputzt. Frau strahlt, backt Pizza und liebt wieder.

      P.S. …und diese Eunuchenchöre!! Die Achtziger hatten unbedingt was!

      0

  5. derda sagt:

    Eines der Erkenntnisse ausm Usenet hab ich schon mitgenommen. Unmoderiert ist nicht. Es bleiben nur die mit viel Meinung und viel Tagesfreizeit über. Gelegentlich linse ich über google oder narkive rein. Ne, nichts wo man wieder mitspielen möchte.

    0

  6. Ich war gerade im Gasthaus (bayrische Wochen im Jägerhaus!) bei Weißbier vom Fass und Leberkäs. Hinter uns Österreicher, die über die Situation in Gaza diskutieren, neben uns Rentner, die erzählen, die CDU-Landeszentrale in Mainz bekommt derzeit 200 wütende Mails pro Tag, Parteiaustritte usw. Jo mei – da brauch i do koan Internet, zefix nochamoi!

    0

  7. Fluchtwagenfahrer sagt:

    Moin Pantouffle, “Es wäre jetzt natürlich schön, wenn die Schrottpresse eine fertig vorverdaute und eloquente Antwort darauf hätte. Hat sie aber nicht. Nur ein paar unzusammenhängende Gedanken.”
    Das macht Deinen Blog doch aus, keine vorgefertigte, absolute Meinung sondern eine Anregung zum Gespräch bzw. Gedankenaustausch. Wenn ich Witz und Charme suche bin ich bei dir meist richtig. Mach weiter so du “alter Rechter” und lass es dir schmecken.

    0

  8. DasKleineTeilchen sagt:

    totalst OT, aber muss ich loswerden:

    http://scienceblogs.de/meertext/2015/09/16/meilenstein-beim-walschutz-us-navy-schraenkt-marinemanoever-im-pazifik-ein/

    zeit wurds. und sie geben es ENDLICH zu!

    sacht ma jemand fefe bescheid? meine blöde .gmx/freenet landet bei dem eh immer im mülleimer.

    0

  9. Joachim sagt:

    “…den Code des NCSA Mosaic als Sündenfall des Informationszeitalters…”

    ist doch (verzeih – es kommt noch schlimmer. Viel schlimmer. Und auch noch streng genommen off topic. Ich werde noch gesperrt) Quark.

    Hier mal meine “historische” Sicht. Natürlich, klingt historisch fast wie hysterisch. Oh je, das fängt ja mal gut an.

    Der Mosaic, mein erster Browser, war abgesehen von seiner GUI – und selbst da, nach dem KISS-Prinzip konstruiert. Kennst Du (Leser) nicht? Küsschen und ein Verweis auf Wikipedia. Gib Dich nicht auf. Lerne tippen.

    Mosaic war wirklich einfach. Selbst als Metapher für das Netz taugt der nicht. Gopher stand Pate. Mosaic lief sogar unter Windows 3 irgendwas. Seltsam, es gelang mir damals schon Videos zu sehen. Heute ist das echt ein Problem. Freilich, die Videos waren in Briefmarkengröße – mehr war wegen des Modems und auch wegen des 286’er und später Pentium 1 (90 MHz, mehr als 640k braucht niemand was ja selbst MS nicht mehr glaubte) kaum möglich.

    Mein erster Rechner hatte 4k, drei Register (neben Stack, pc, flags; mit jedem Bit war ich auf “du” und mehr als 8 Bit sollte man sowieso nicht auf einmal trinken). Der x86 war zwar, verglichen mit dem 68k bescheuert, doch ziemlich zukunftsweisend – in einer nicht gerade positiven Art, so wie betamax vs. vhs. Geschichte wiederholt sich. Denn heute…

    ja, heute braucht es einen patentierten Codec, eine HTML-Erweiterung, gar DRM, schnelle Leitungen und was weiß ich noch alles. Cookies, Flash, Javascript und Schnüfflesoftware. Und youtube natürlich. Facebook und Internet sind identisch. Und “Register” kennt niemand mehr. Scheiß Kiste xxxdoof neu installieren oder gleich wegen defekten C’s, DCDC-Wandler auf den neusten Aldi umsteigen (damit Kinder in Afrika auch was zu tun haben), statt oh, Byte 4095, wörtlich das Letzte, in Wirklichkeit war es eine Adressleitung, klemmt wieder. Wo ist die Löte?

    Selbst der Firefox baut Werbung, Telefon und Amazon-Cloud – Cloud klingt wie “klaut”, nicht wahr – ein und Eingriffsmöglichkeiten für den Benutzer aus. Denn das ist zu kompliziert. Ich denke, die halten doch tatsächlich die Nutzer für doof. Vielleicht sind sie es auch. Doch mir scheint vielmehr, heute sollen die schnellen Leitungen über die lange Leitung der Entscheider hinweg täuschen.

    nee ernsthaft, die lange Leitung ist natürlich um autonome Autos vernetzen (eh, was ist nochmal autonom, ich meine ja nur, so nach Duden? Autonom = abhängig vom Netz? WTF?),

    oder ist das, damit man wegen des Terrors immer weiß, wer wo ist,

    nee, wegen der Versicherung und Geiz ist geil,

    um Werbung und Katzenvideos auf Premium-Kanälen transportieren, damit niemand bemerkt, welche App noch die Kontakte mitschickt und

    … ach komm, Sicherheitsprüfung: wir brauchen mal kurz Deine Daten,

    macht doch die TK auch und spendiert ein I-Scheiß.

    Oh, was für ein defekter Satz. Ich habe den schon auseinander gezogen. Getreu dem Motto Form ist Inhalt, also übersetzt, falls das doch zu schwer war:

    größer, geiler, immer mehr. Und Schein statt sein.

    Wie sagt mein Bruder immer zum Abschied? Okay, dann schlaf mal weiter..

    Jetzt könntet ihr erlöst sein. Doch was ist mit Porn? Tja, nun hab’ ich euch 😉

    der wirkliche Sündenfall des Internet ist die Kommerzialisierung. Waren Pferdesattel aus Island noch irgendwie kuschelig, mit Google, eBay, Amazon und Co fing die “Sch…” an. AOL war immer schon zu blöde, das zählt nicht. Von MS, dem defekten, proprietärem IE in “640K reichen”-Mentalität, weil wir wissen genau, was du brauchst, ganz zu schweigen.

    Was? Immer noch kein Porn? Okay:

    Schon Altavista brachte bei der Suche nach “London” nicht die Stadt.

    Und mein Kollege wurde rot. Echt jetzt, Internet is for porn. Das war der Beweis.

    Auch damals brauchte man schon minimale Medienkompetenz. Der “Sucherfolg” nach London zeigte, die war niemals umfassend vorhanden. Heute tippt die wirklich nette (schwarzer Balken, weil hier ist das sogenannte “Internet”) ihre Lieblings-Poker-Seite immer vorher in Google ein, um sie zu finden. Gut, dass die Seite nicht London heißt.

    Das findet man alles dumm, wenn man all die “großartigen und verbindenden Auseinandersetzungen” miterlebt, mit gestaltet, im USENET diskutiert, Gopher, Fido, Mausnetz gemacht, hat. Big Data ist irgendwie etwas ganz anderes, als ihr heute glaubt. “Ihr kennt weder unsere Kultur noch unsere Ethik oder die ungeschriebenen Regeln, die unsere Gesellschaft … ordnen” war irgendwie seiner Zeit echt voraus-

    Damals – ganz ohne Google – fand man wirklich alles, was man wollte. Von “Mosche” (meine Frau wurde auch ein wenig rot, obwohl der einfach nur “anders” sexuell orientiert und sogar beschnitten war – außerdem muss ich Euch bei der Stange – ups, keine Annahmen zu meiner Orientierung jetzt – halten) bis zur Bomenbauanleitung. Und man fand sogar echte künstliche Intelligenz im Quelltext. Man musste sich nur auskennen.

    Can you elaborate on that? (AI, Eliza in Lisp)

    Was ist heute daraus geworden? Vorratsdatenspeicherung, Kampf gegen Kinderpornographie, als seien Täter irgendwie nur virtuell vorhanden, Vorrangregelungen statt Netzneutralität, sterbende Zeitungen mit Paywall, der Kampf gegen AD-Blocker, Cyberwar der vdL – ich glaub’ die kennt sich aus – und jeder, der etwas auf sich hält, der verkündet 1,2,3 – Meins.

    Jeder, der etwas auf sich hält und von dem man eigentlich wenig halten sollte, identifiziert sich mit dem Netz und erhebt den alleinigen Besitzanspruch. Trotz “was ist noch einmal ein Browser?”. Sein ist Schein (und die Sätze werden immer chaotischer – eh Internetz).

    Your’s? Is that so? Okay, dann behalte es. Kein Problem. Du kennst Dich ja aus. Die passende Antwort ist schon was älter: http://www.heise.de/tp/artikel/1/1028/1.html

    In diesem Sinne, dann Schlaf mal weiter.


    Oh, ich bemerke gerade, da habe ich zu allem Überfluss mit den Bombenbauanleitungen wohl Jehova gesagt. Ups, I did it again. Womit Dein Blog nun zu einem Hort des Terrors wurde. Und ich bin schuld. Was habe ich nur getan? Watch out

    0

  10. Thelonious sagt:

    pantoufle, da werde ich ganz rot vor Scham, wenn du mir einen Artikel widmest. 🙂 Ich hoffe, der Wein war gut, das Essen lecker und der Abend gehaltvoll.

    Eigentlich können wir direkt an unsere Diskussion vor etwa einem Jahr anknüpfen.

    Wenn ich schreibe, dass das Netz immer fader wird, so ist dies tatsächlich nur unterhaltungstechnisch gemeint. Eine rein private Einschätzung. Die Verschrottung von Kultur ist eben weiter fortgeschritten.

    Wenn es um Informationen geht, ist das Internet tatsächlich mittlerweile unverzichtbar geworden. Das fällt bei mir jedoch unter die Kategorie „dienstlich“ oder „Arbeit“. Der große Skandal, den mir Spon, die SZ oder andere verkaufen wollen, schrumpft zu einem Skandälchen oder eher zu einer Luftblase, wenn ich dann zum Thema vielleicht den Guardian, El Globo und Le Monde lese. Merkels Heiligenschein in der sogenannten „Flüchtlingskrise“ schrumpft gewaltig, wenn sich blogger mit den Ursachen und nicht den vermeintlichen Auswirkungen beschäftigen.

    Der Nazizug wird zur Modelleisenbahn, wenn selbst polnische Medien nur am Rande darüber berichten. Kurz, das Netz hilft mir, Nachrichten einzuordnen. Abgesehen davon finde ich es immer lustig, wenn deutsche Innenpolitik im Ausland unter „Vermischtes“ oder gar auf den Blut-und-Hoden-Seiten zu finden ist. Herr Schäuble als Gegenstück zu Lady Gaga, das hat was.

    Jetzt sind wir beim Überangebot. Hier bin ich anderer Meinung. Natürlich hätte man sich pro Tag 20 Zeitungen kaufen können, aber das war nur eine theoretische Möglichkeit. Heute bekomme ich sie frei Haus auf den Bildschirm geliefert. Organisationen schicken newsletter, die früher mangels Geld nie gedruckt und in meinen Briefkasten gewandert wären. Seit wann ist Bloggerei in? Zehn Jahre vielleicht 15 Jahre? Wieder eine neue Informationsquelle. Youtube. Dort gibt es Reportagen aus aller Welt. Und so weiter. Die Möglichkeiten der Informationsbeschaffung sind vielfältiger als vor zwanzig Jahren.

    Theoretisch eine gute Sache. Praktisch sind wir damit jedoch überfordert. Und damit wird die Information sinnlos.

    Wer eine Tageszeitung liest, bekommt einschließlich der Meldungen vielleicht 100 verschiedene Themen vorgesetzt. Aus diesen sucht er sich Zehn aus, mit denen er sich genauer beschäftigt. Der Rest wird überflogen. Aus diesen 100 Themen sind inzwischen mehrere 1000 geworden. Die zeitliche Investition ist jedoch gleich geblieben. Das führt dazu, dass sich plötzlich mit 50 Artikeln beschäftigt wird, aber mit keinem richtig.

    Es ist also nicht der Dummheit geschuldet, sondern der Überforderung. Ich beteilige mich nur selten an Diskussionen im Netz.

    Das liegt erst einmal daran, dass ich ein überaus fauler Schreiber bin. Irgendwie habe ich bei meiner Berufswahl wohl doch etwas falsch gemacht.

    Der entscheidende Grund für mich ist jedoch, dass ich nicht überall mitreden kann und muss. Ich finde oft Themen oder Diskussionen, die für mich durchaus interessant sind, aber ich fühle mich nicht kompetent genug, um mitzuschreiben. Dann schweige ich aus Eitelkeit. Schließlich will ich nicht als Trottel dastehen.

    Diese Eitelkeit, die im realen Leben viele Menschen besitzen, scheint im virtuellen oftmals nicht vorhanden. Das ist es, wenn ich dich richtig verstehe, was du unter anderem bemängelst. Dieses „ich habe zwar den Artikel nicht gelesen, aber …“ Natürlich sind Diskussionen dann unmöglich. Diese Leute plappern nur und machen Lärm. Das liegt an diesem persönlichen Defizit der mangelnden Eitelkeit, aber auch an der Überforderung.

    Was ist Medienkompetenz? Unter anderem auch der Blick auf das selbst Bewältigbare. Es gibt so vieles, was mich tagtäglich interessiert. Die Krise des Kapitalismus, die Klimakatastrophe, die Flüchtlinge, die IAA, Griechenland, Syrien, Nigeria und nicht zuletzt das Elend beim Fußballverein meines Vertrauens. Irgendwann muss ich passen. Ich könnte es gar nicht alles bewältigen. Also muss ich sortieren. Diese Sortierarbeit hat mir früher der Redakteur abgenommen.

    Wenn ich nicht sortiere und mich auf das Thema nicht in der gebührenden Ernsthaftigkeit konzentriere, komme ich auch schnell an das von dir erwähnte Quellenproblem. Denn mir fehlt dann einfach die Zeit, die Quelle kritisch zu beäugen.

    Das kann passieren, shit happens. Aber mich beschleicht dann in einigen Diskussionen das Gefühl, dass jeder auf den Fehler des anderen wartet, um diesen dann genüsslich auszuschlachten. Das hat meiner Meinung nach sehr zu genommen. Und so eine missgünstigen Stimmung hält mich dann auch von gewissen Seiten fern.

    Doch das Entscheidende für mich ist, ich sitze gerne demjenigen Gegenüber, den ich lobe oder zur Sau mache. Diskussionskultur im Netz ist ein so großes Thema und ich bin mir nicht einmal sicher ob es sich noch lohnt darüber zu schreiben, denn irgendwie erscheinen mir alle Worte dazu müßig. Denn ändern tun sie nichts.

    0

  11. pantoufle sagt:

    @Joachim & Thelonious

    Tja, normalerweise bin ich schneller mit dem Antworten – aber nach dem langen Festivalsommer endlich wieder zu Hause und in der Stille des Landlebens wie gelähmt. Ein entschuldigender Dauerregen und die frühe Dunkelheit; dafür jeden Tag eine gute Tat: Die Geschirrspülmaschine, der Fensterheber vom Auto, Staubsaugen und die Werkstatt aufräumen (ist heute dran)… Gestern den Versuch, Formel 1 zu sehen nach der Erkenntnis abgebrochen, daß die Werbung an Spannung dem Rennen den Rang abgelaufen hat.

    Syiza geht ins Elfmeterschießen, die Flüchtlinge flüchten immer noch – vermutlich bald vor der professionalisierten Menschenfreundlichkeit – und es gibt nur noch wenige Flaschen von meinem Lieblingsriesling.
    Aber das ist auch nicht so entscheidend. Langsam aber sicher ist wieder Rotwein.
    Und dann ist da noch die »neue« FJ1200. Mit ABS und einer Farbgebung (weiß-blau), die der in Stahl und Aluminium gegossene Handlungsbedarf ist. Die Dosen mit der richtigen Farbe sind schon im Kühlschrank, jetzt nur noch die Werkstatt…- aber das sagte ich ja bereits.

    »Womit Dein Blog nun zu einem Hort des Terrors wurde.
    Rechtsruckiger Terror? Mein ganz persönlicher Sündenfall? Natürlich war es nicht der Code des Mosaic, aber der Satz hatte eine possierliche Anmut.

    Jeder, der das Internet aus der pre-iPhone-Ära kennt, hat sicherlich so etwas wie ein romantisches Verhältnis zu ihm:»Ich kannte Che noch persönlich!« Daran ist meiner Meinung nach auch gar nichts Verwerfliches. Daß man daraus keine allgemeingültige Geschichte rekonstruieren kann: Geschenkt! Geschichte ist ein Fall für die berufenen Experten (Terror-Experten, Flüchtlings-Experten, Wiesenfest-Experten). Wo kämen wir hin, die Flugpioniere des angehenden 20. Jahrhunderts die Geschichte des Fliegens schreiben zu lassen? Oder die Toten des ersten Weltkrieges die Kriegsschuldfrage entscheiden ließen?

    SO WAR DAS GAR NICHT GEMEINT! (Standartfloskel der Rechtfertigung in der Blogsphäre)

    »Ich finde oft Themen oder Diskussionen, die für mich durchaus interessant sind, aber ich fühle mich nicht kompetent genug, um mitzuschreiben. […] Diese Eitelkeit, die im realen Leben viele Menschen besitzen, scheint im virtuellen oftmals nicht vorhanden.«

    Diese durchaus gesunde Einstellung kann ich mir als Blogbetreiber nicht leisten. Wenn ich über irgend etwas nicht schreibe, dann aus Faulheit, aber keinesfalls, weil ich davon nichts verstehe. Schließlich bin ich Experte. Blogbetreiberexperte. Das ist ein anderes Wort für allwissend. Quellen? Wozu gibt es den Kommentarbereich bei Spiegel-Online? Oder Facebook?

    »Das griechische Volk muß sich auf grausame Zeiten einstellen! Dieser Führer gibt jetzt den Göbbels von Griechenland und er wird ihnen seine Agenda über stülpen. Das Griechische Volk wird ihn dann zum Teufel jagen oder verehren und dann zum Teufel jagen. Wieder Wahlen und die faschistoiden Bürokraten in Brüssel haben dann wieder Ihresgleichen am Tisch. Wann begreift das Volk endlich, daß Wahlen nichts ändern!«

    Lucie1999

    »Nachtrag: !!!!!«

    Lucie1999

    »Aber mich beschleicht dann in einigen Diskussionen das Gefühl, dass jeder auf den Fehler des anderen wartet, um diesen dann genüsslich auszuschlachten.«
    Das, lieber Thelonious, ist integraler Bestandteil des Spiels. Ein Spiel, dessen Augenblick gekommen ist, an dem Lucie1999 durch Zufall feststellt, wo sie zitiert wurde. Und sachliche Fehler muß man auch nicht machen: Eine eigene Meinung genügt, um die Spiele beginnen zu lassen. Von der Spezies Lucie gibt es noch die berufsmäßige Variante, gegen die sich ein ausrastender, sitzengelassener Liebhaber ausnimmt wie der eisige Nordpol der Vernunft.

    Es macht unheimlich Spaß, ein Blog zu betreiben! Auch dieses Thema haben wir vor rund einem Jahr bereits durchgekaut.
    Dein Missvergnügen, dieses Gequengel zu lesen, ist nachzuvollziehen. Auf der anderen Seite bitte ich um Verständnis, daß man das nicht immer kommentarlos zur Kenntnis nehmen kann. Irgendwann platzt einem der Kragen und warum soll man das bis in alle Unendlichkeit in sich hineinfressen?

    Was wollte ich sagen?

    Das Netz ist nicht zu dem geworden, was sich einige davon erhofft haben oder auch nur nahe den Möglichkeiten, die in ihm stecken. Damit muß man sich abfinden. Es ist – innerhalb gewisser Grenzen – ein Abbild einer bestehenden Gesellschaft und genau wie dort muß man sich damit begnügen, seine eigene persönliche Nische zu finden, in der man existiert. Selbst dann, wenn man mit aller Kraft versucht zu ignorieren, was andere als Wohlfühlbad propagieren.

    0

    • Joachim sagt:

      1, Thelonious, ich kann nur zustimmen. Bei der Auswahl der Informationen (als Teil der Medienkompetenz) sei aber noch eine Filterblase + eine persönliche Blase zu erwähnen.

      Und zum Lärm: Lärm kann auch etwas sein, das man selbst nicht identifizieren oder einordnen kann. Man kann auch im (scheinbar) rosa oder weißem Rauschen Informationen finden. Es wäre im Einzelfall möglich, dass Du/Ich/Leser was als Lärm interpretierst, dass Leser/ich/Du einfach nicht verstanden hast. Natürlich muss man nicht alles verstehen. Mich ärgert nicht das Rauschen. Das Meer rauscht auch.

      Mich ärgert Quatsch (etwas, das unlogisch ist, wenn man bestimmte Voraussetzungen im Kontext und zu Gunsten des Senders, annimmt).

      2 . pantoufle, natürlich ist das Netz der (Zerr-)Spiegel der Gesellschaft. Die persönliche Nische muss ich auch im realen Leben finden. Für mich ist das Netz eine Möglichkeit zur Kooperation. Romantische Verhältnisse habe ich höchstens zu meiner Frau.

      Beim Netz habe ich vielmehr eine konkrete, aktuelle, politische (und demokratische) Vorstellung, wie es sein könnte. Die wird nicht von Trollen negiert. Sie wird zerstört von denen, die das Netz (und die Menschen dahinter) für sich vereinnahmen wollen. Als sei das Netz nicht groß genug…

      Und der Terror: Sagen wir so, das böse Wort fand sich sicherlich in der Selektorenliste. Mit Deinem vermeindlichem Rechtsruck (oh, da könnte ich jetzt… aber wem sage ich das) korreliert das höchstens. Doch Korrelation ist kein Beleg für Kausalität. Immerhin habe ich Jehova gesagt.

      0

      • GrooveX sagt:

        verzeiht, da muss ich kurz einhaken. quatsch ist notwendig! wenn blogger oder kommentatoren zum 135. male die welt erklären und in ihrer bierernsthaftigkeit und biedernis das internetz verstopfen, dann muss ab und zu ein quatsch das ganze aushebeln. anders geht nicht.

        0

        • Joachim sagt:

          Klar, Spaß muss sein. Doch Tatsachen manipulativ oder dumm verdrehen ist meist kein Spaß. Nazi-Sprüche etwa sind überhaupt kein Spaß, so lächerlich doof die auch manchmal in den Kommentaren sind.

          Das Internet mit kontraproduktiven Kommentaren zu verstopfen ist da nicht das Problem. Menschen reden nun mal auch Unsinn. Man muss sich nicht jeden Unsinn antun.

          Da ist vielmehr das Problem, etwa wenn Provider die Netzneutralität verletzen, Politiker (oder deren Beamte) recht willkürlich zensieren (statt z.B. Täter zu verhaften) oder Informationen, die in gedruckter Form durchaus und legitim vorhanden sind, aus Suchmaschinen gelöscht werden. Dumm ist auch, wie Industrie wie Behörden und Geheimdienste Big Data verstehen. Das Netz leidet definitiv an Verstopfung, wenn man z.B. Facebook mit Internet gleich setzt, weil Facebook alle Informationen über jeden möchte. Wenn MS, Apple, Amazon und Google usw. teils mit Technik (Cloud, Skype, Suchmaschinen) versuchen Internet für sich zu definieren und dabei kooperative Ansätze (etwa XMPP) vernichten, .dann funktioniert mein Netz (meine Kommunikation) nicht mehr. Ansätze der Firmen, wie etwa DRM oder jede Insellösung zur Durchsetzung des eigenen proprietären “Standards” skalieren einfach nicht.

          Kein Troll kann so einen Unsinn anrichten wie die big player. Dummerweise sind wir auf große Firmen angewiesen. Es wäre besser für sie und für uns, zu kooperieren. Leider sind die (oftmals) noch nicht so weit.

          0

      • pantoufle sagt:

        »Romantische Verhältnisse habe ich höchstens zu meiner Frau.«

        Hmmm – ich glaube, darin unterscheiden wir uns etwas. Motorräder, einige Bücher (nennen Sie drei Bücher, die Ihr Leben nachhaltig bestimmt haben… Leutnant Hornblower, Im Westen nichts Neues, Der SS-Staat), Flugzeuge und natürlich Frauen.
        GANZ BESONDERS NATÜRLICH DIE BESTE EHEFRAU VON ALLEN!

        Den Begriff lege ich großzügiger aus 😀

        Eine konkrete Vorstellung vom Netz habe ich natürlich auch. Die würde ich sogar versuchen, so rational wie es mir möglich ist zu formulieren, aber wenigstens was meine Person betrifft, bin ich mir sicher, daß dabei »romantische« (lies: Nichtrationale) Einflüsse eine Rolle spielen.

        »Die wird nicht von Trollen negiert. Sie wird zerstört von denen, die das Netz (und die Menschen dahinter) für sich vereinnahmen wollen.«

        Das klingt ein klein wenig so, als würde man sagen »die Demokratie wird nicht von denen, die Synagogen anstecken, Asylanten durch die Straßen treiben und Fremdenhass schüren bedroht, sondern von denjenigen, die das für ihre politischen und wirtschaftlichen Zwecke ausnutzen«.
        Das ist natürlich etwas überspitzt, trifft aber das, was mir dabei im Kopf rumging.

        @GrooveX
        Ich glaube, Joachim meinte damit den hanebüchenen Unsinn, der da erbrochen wird – nicht den Quatsch (Humor) mit dem man das, wie Du so richtig sagst, aushebeln kann oder wenigstens erträglicher macht.

        0

        • Joachim sagt:

          He, mal eine recht “private” Antwort:

          “unterscheiden” ist eine Frage der Bedeutung der Dinge. Meine Frau bedeutet mir sehr viel. Das sehen wir – Du natürlich in Bezug zu Deiner Frau – wohl ähnlich. Aber mein Moped finde ich viel schöner als Deine Dicke (eh, fast 270Kg, ist eine Provokation… und das ist eindeutig zweideutig bis selbstbezüglich. Was ist hier die Provokation… und wer tut das? Sprache bedeutet auch Missverständnisse).

          Das wirst Du anders herum auch so sehen. Beruhige Dich: Du hast ein wirklich schönes Moped – wenn es nur nicht so schwer… oh, nein, hab’ nix gesagt. Es ist wirklich schön. Man kann den Klang, die Vibrationen fühlen, alleine wenn man die Bilder sieht.

          Ja, wir unterscheiden uns. Gut so. Du magst sicher meinen 02R auch nicht.

          Tipp: auch Yamaha, aber kein Moped, Manchem fehlt die “Seele” (des 02R! Und das finde ich keineswegs so). Was meinst Du? Ja, wir unterscheiden uns offensichtlich.

          Wäre das anders, wozu sollte ich hier lesen. Wir können vollkommen einig wunderbar “streiten”. Bei Dir kommt es sehr auf Worte an. Faszinierend: multiple Bedeutungen. Ich zitiere, enthalte mich eines jeden Kommentars (ist schwer das!), abseits von “es gibt Dinge, die ich nur bewundern kann”:

          “Hier verziehen sich die dunklen Regenwolken der Nacht langsam. Die Straße ist schon trocken und nach einem weiteren Kaffee werde ich mir die Neue nehmen und noch ein paar Kilometer abspulen. Damit man sich etwas aneinander gewöhnt und weil es überhaupt mit das Schönste ist, was ich auf der Welt kenne.”

          gimme five würde meine Tochter, übrigens der perfekte Beifahrer, sagen.

          Mein Mathematikprofessor – und das ist nun wirklich so wahr, wie dies keinen Kommentar und erst recht keine Pfeife darstellt – stellt einmal sehr würdevoll und ernsthaft, fast pathetisch den schönsten Körper (eine strenge mathematische Konstruktion) der Welt vor

          und die ganze Vorlesung lag komplett vor Lachen unter den Bänken. Tränen haben wir gelacht.

          So hat jeder seine Sicht. Wenn es um Objektivität geht, etwa um Aussagen zum Netz, dann ziehe ich Emotionslosigkeit vor – auch dann, wenn einem Leser das nicht gleich klar wird; mein Fehler. Ich arbeite daran.

          Die Dinge, die es wert sind, mit Emotion betrachtet zu werden, die haben eine eigene Qualität. Die bleiben, ganz so wie Deine Bücher. Die muss man (ich!) nicht zwingend nach außen tragen. Politik z.B. ist dagegen relativ “einfach” (und blöde).

          Mein Lieblingsbuch? Das ist schwer! Ganz anders, als bei Dir. Vielleicht wirklich “Moby-Dick or The Whale” im Original. Den Anfang kann ich fast auswendig. Den liebe ich. Vielleicht Macbeth, manchmal auch, um was gänzlich anderes zu nennen Ubik, dann sowieso Kurzgeschichten, x Bücher, die ich lange “vergessen” habe, Dank Dir auch mal wieder Gedichte, wie etwa Erich Mühsam. Der Nietzsche in meinem Schrank, mit dem ich so wunderbar streiten kann. Unmöglich, der Typ. Vollkommen irre, so irre, dass ich immer wieder nicht weiter lese. “Also sprach Zarathustra” werde ich niemals zu ende lesen. Ich fürchte um das Buch, wenn ich es versuchte. Wehe jemand verrückt auch nur eines dieser Bücher.

          Möglicherweise ist mein wirkliches Lieblingsbuch ein (50’er-60’er, als es kaum Taschenrechner gab) eines zur höheren Mathematik. Kommt es wie bei Ray Bradbury, so lerne ich wohl das auswendig. Niemand sonst wird das tun. Dabei ist es weise. Vielleicht …

          – ach komm, fast jedes Buch, das ich wirklich lese ist gerade das Beste. Seltsam? Na ja, ich gebe auch Mopeds keine Namen.

          Eh man, lass mal fahren…

          0

  12. Thelonious sagt:

    pantoufle: In einem Punkt missverstehst du mich ganz gewaltig. Ich lese auch dein Gequengel gerne. Wenn mich etwas nicht interessiert, lese ich nur die Überschrift und ziehe dann weiter. Und das Thema hier ist für mich interessant. Kommunikation im Netz wird immer wichtiger. Für mich sind gerade die Fehlentwicklungen interessant. Und dass diese Fehlentwicklungen auch von durchaus intelligenten Menschen verursacht werden. Damit meine ich nicht dich.

    Wir sehen das Netz aus unterschiedlichen Perspektiven. Ich als Rezipient, du als Sender. Ich kann mir den Luxus erlauben, zu sagen, ich habe keinen Bock oder keine Ahnung, ich habe keine Lust mich näher mit der Materie zu beschäftigen. Als blogbetreiber hast du es da etwas schwerer. Deine Leserschafft “verlangt” nach einem mehr oder minder regelmäßigen Statement und je größer deine Bandbreite und auch deine Irrtümer sind, desto interessanter wird die ganze Chose. Im Vergleich zu mir hast du in diesem Fall eben eine ungleich größere Last zu tragen.

    Aber kommen wir doch jetzt zum wichtigen Teil. Schon wieder eine neue FJ? War es deine Frau leid, hustend mit der XJ hinter dir herzufahren und deine Auspuffabgase einzuatmen? Oder brauchtest du einen Teileträger? Vielleicht war es auch nur ein Anfall von Konsum. “War günstig, wollte ich haben.” Fragen über Fragen.

    Seit dem Wochende bin ich auch wieder zweirädrig unterwegs. Eine Leihgabe für ein Jahr. Der Besitzer muss heute an den Arsch der Welt und kann das Gefährt nicht mitnehmen. Im Kapitalismus machen die Menschen für Geld einfach alles. Nun bin ich also Nutznießer dieses Elends.

    Gleiche Marke, anderes Modell. Mehr als doppelt so stark wie la donnacia und erst zwei Jahre alt. Man drückt ein paar Knöpfchen im Cockpit und schon ändert sich das Fahrverhalten. ABS, ESP. Fehlen nur noch das Automatikgetriebe und der Tempomat. Einen E-Starter hat sie auch. Gruselig. Sieht aus, wie ein weiß-roter Joghurtbecher. Und im Moment habe ich die richtige Sitzposition noch nicht gefunden. Wir müssen uns noch aneinander gewöhnen.

    Positiv: Das Fahrwerk. Da hat sich in den letzten 30 Jahren auch beim Motorradbauer meines Vertrauens einiges getan. Ich bin beileibe nicht an irgendwelche Grenzen gegangen, aber ich spüre das ungeheure Potential. Ebenfalls positiv: Die Leistung. Das Ding ist sauschnell. Aber so was von. Beides zusammen bedeutet, dass ich mich wohl in ein paar Monaten meinen Ängsten stellen muss.

    Angeblich soll sie sehr zuverlässig sein. “Musch dich bloß draufsetzen und losfahren.” Das glaube ich erst, wenn ich es sehe.

    Negativ: Die vielen Knöpfchen und Schalterchen. Die Discobeleuchtung im Cockpit. Der eingesperrte und vibrationsbeschränkte Motor. Vollverkleidungen finde ich doof, wenngleich ich weiß, dass sie bei Geschwindigkeiten jenseits der 250 durchaus sinnvoll sind. Aber so schnell fahre ich nicht.

    Der Sound ist ganz okay. Das Teil kann ja nichts für moderne Lärmbeschränkungen. Aber das Rasseln und Keuchen von der Alten vermisse ich schon. Und die Contis auch.

    Schaugn mer amol, wie wir uns zusammenraufen. Ersetzen wird sie meinen Schrotthaufen nicht können, dazu sind wir schon viel zu lange zusammen. Aber so eine kleine Liebschaft nebenher wird sie schon werden. Denn schon jetzt bin ich am überlegen, wie ich die Leistung der ollen Schlampe etwas erhöhen kann. 80 PS am Hinterrad sind schon ganz okay, aber da geht sicher noch etwas. Mal in Bologna anrufen. Jetzt, wo sie gerade eh in Einzelteilen zerlegt, in meiner neuen Werkstatt im Weinberg liegt, nebst diversen Kästen voller Riesling, Schiller und Trollinger.

    0

  13. Thelonious sagt:

    update: Der letzte Satz des ersten Absatzes bezieht sich auf die Fehlentwicklungen. Nicht, dass da Missverständnisse entstehen.

    0

  14. pantoufle sagt:

    »Papi? Schraubst Du an dem Motorrad von dem…dingens… von gestern?«
    »Ja, Sohn2 (11). Sieht man doch oder? Und »Dingens« ist mein Bruder und die Karre ist meine!«
    »Da passiert aber noch was, oder? Die hat Pinkstreifen auf dem Tank. (gequältes wegsehen)«
    »Deswegen sitze ich ja dran. Die Pinkstreifen sind das kleinere Problem – dieser Auspuff: der geht sowas von gar nicht!«
    »Deine Motorräder sind schwarz. Pink steht Dir nicht!«

    Kindermund: Sind sie nicht süß, die kleinen Kotzbrocken? Das war also der Grund der Neuanschaffung: Eine einmalige Chance für eine weitere FJ aus gutem Hause. Teileträger? Ja, das war die erste Idee. Als ich dann versuchte, die Verkleidung von hier dort anzuschrauben, das Teil dort nach hier zu transplantieren und als das alles nicht passen wollte, wurde mir bewußt, daß ich mir eine zweite aufgehalst hatte. Zum fahren, wenn die andere mal nicht will.
    Die Geräuschkulisse der Alten, ihr Ölverbrauch, die rotten Schwingen- und Radlager und die Schaltgeräusche schreien nach einer winterlichen Generalüberholung. Außerdem hatte ich den Motor bisher weitgehend in Ruhe gelassen: Bis zur letzten Schraube auseinandergenommen hatte ich ihn noch nicht. Das wäre mir aber schon eine Herzensangelegenheit.

    Außerdem: Was heißt hier »Konsum«? Die Alte ist nun immerhin schon seit einem Jahr in Diensten, ist rund 25.000km gelaufen und da kann man durchaus… Die Ehefrau ist außerdem froh, daß die kahle und verwaiste Stelle im Schuppen nun mit Inhalt erfüllt ist und nicht mehr gefegt werden muß.

    Fahren tut sie jedenfalls erstklassig; wenn nur dieses Gefühl »hoffentlich erkennt mich keiner« nicht mehr wäre. Das bewährte Tuning-Team von Rat, Rott und Partner steht jedenfalls in den Startblöcken, um der Neuanschaffung ein neues Gesicht zu verpassen.

    Soso, der Herr hat also aufgerüstet! Wenigstens für ein Jahr im Besitz eines Stealth-Fighters italienischer Bauart. Das freut mich natürlich erst einmal für Dich. Moderne Motorräder haben unbedingt etwas für sich: Historische VW-Käfer zu fahren ist nur solange Kult, bis man die Heizung braucht. Oder überholen will.
    Dieses Jahr hatte ich die Begegnung mit einer Triumph Sprint 955i, die man mir als Tourer unterjubeln wollte. Das war auch alles sehr, sehr schön: Der Motor, das Fahrwerk, die runden Reifen und überhaupt die ganzen Knöpfe und Schalter; ziemlich beeindruckend, das! Was soll ich sagen? Jedenfalls war die Triumph nach 200km abgewählt. Mit der möchte ich nicht auf langen Strecken durch schlechtes Wetter. Wenn ich unbequem sitzen will, habe ich noch die Egli.
    Das mit den Fahrleistungen ist die eine Sache. Aber letztlich ist es immer noch der Fahrer, der schnell ist und nur in zweiter Linie die Maschine. Mit der schwarzen FJ bin ich in diesem Jahr nur sehr selten überholt worden. Dazu muß man allerdings anmerken, daß ich mich von den Rennstrecken, wo sich die Kamikaze-Piloten am Wochenende treffen, weitgehend ferngehalten habe. Dann hätte das sicherlich anders ausgesehen – dafür werde ich langsam zu alt. Die wenigen Male, wo ich der Versuchung dann doch nicht widerstehen konnte, lag ich wenigstens im oberen Mittelfeld, auch wenn ich nur selten in die Punkte fahren konnte.
    Das wäre noch ein weiterer Grund, sich vom Erwerb wettbewerbsfähigem Materials fernzuhalten: Die Versuchung!

    Jedenfalls bin ich ein klein wenig neidisch auf Dich. Rote Ware würde ich auch gerne mal fahren. Oder an einem Weinberg an ihren Ahnen schrauben. Allein die Vorstellung! Da ist es wieder, das Wort »romantisch«.

    Hier verziehen sich die dunklen Regenwolken der Nacht langsam. Die Straße ist schon trocken und nach einem weiteren Kaffee werde ich mir die Neue nehmen und noch ein paar Kilometer abspulen. Damit man sich etwas aneinander gewöhnt und weil es überhaupt mit das Schönste ist, was ich auf der Welt kenne. Und dann weiterschrauben, damit Sohn2 sich nicht für Papi schämen muß.

    0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *