Moin, Frau Liane Bednarz

Urlaub, Sonne, Strand und Meer


Für die überraschend vielen Facebook-Besucher: Sie dürfen auch bei Sehschwäche weiterlesen 😀

Liberal-konservative Notizen zum G20-Gipfel in Hamburg.
Bevor ich auf den von Ihnen verfassten Artikel im Tagesspiegel eingehe, möchte ich etwas anmerken: Ich muß gestehen, daß mich das Thema eigentlich überhaupt nicht interessiert. Daß ich trotzdem bereits zweimal etwas dazu angemerkt habe, lag am Unwohlsein über die Richtung der Debatte, nicht an seinem Objekt. Dazu gehört Ihr Artikel leider auch.
Zum anderen… aber dazu später.

»Vorweg gesagt: Das, was folgt, ist keine Gleichsetzung der linksextremen Gewaltexzesse mit Fehlverhalten im konservativen Lager. Wirklich null.«

Gewaltexzesse und Fehlverhalten miteinander zu vergleichen, hätte in der Tat wenig Sinn. Man müßte sich schon auf eine Begrifflichkeit von Gewalt allgemein einigen, um dort nur im Ansatz etwas vergleichen zu können.

Der Guttenberg-Skandal oder den um den Protzbischoff Tebartz-van Elst als Ihre Beispiele konservativen Fehlverhaltens? Mit einiger Berechtigung könnte man sie als Bauernopfer gegenüber dem, was Wolfgang Schäuble, ein Martin Winterkorn, Stefan Quandt und viele andere aus dieser Liga darstellen, bezeichnen. Linke Kritik macht sich (oder sollte es wenigstens) an solchen Personen fest und dem, für was sie stehen, aber nicht unbedingt an einem Tebartz-van Elst. Auf diese Personalie muß man erst einmal kommen!

Aber lassen wir das beiseite und konzentrieren wir uns auf »die Scheinheiligkeit vieler Linker im Lichte der linksextremistischen Gewalt in Hamburg«.

Es mag Ihrer Herkunft geschuldet sein, ängstlich zusammenzuzucken, wenn auf einer Demo jemand »Schweinesystem!« in die Krawalltüte brüllt. Mal ganz unter uns: Das gehört dazu, ist Teil eines sehr, sehr alten Rituals und sollte keinesfalls überbewertet werden. Mich schaudert es auch immer wieder wenn ich es höre, wenn auch eher aus nostalgischen Gründen. Brockdorf, Wackersdorf oder Wendland – ach, das waren Zeiten! Mindestens einmal pro Stunde tönte es aus dem Lautsprecher und alle zehn Minuten von den Mitlaufenden. »Schweinesystem!«
Ihr Reflex, Angst zu bekommen, wenn man in einer Demonstration mitläuft und den sicheren Eindruck hat, daß es gleich knallt, ist menschlich und vollkommen normal. Normal (weil auf selektiver Wahrnehmung beruhend) ist allerdings nicht, den Grund für die Aggression allein darin zu suchen, was im engeren Umfeld der eigenen Person geschieht. Genau aber das ist bei der »welcome to Hell«-Demo, auf der Sie mitliefen und es beschreiben, ausschlaggebend. Nach übereinstimmenden Berichten ging die Gewalt von der Polizei aus. Nur mal so. »Rohe, nackte Gewalt«.

»Ich dachte, ebenso naiv wie damals in anderen Kontexten, dass nun doch die Linke insgesamt so entsetzt sei, dass sie gewiss thematisieren werde, was da eigentlich schief läuft in einem Teil ihres Denkmilieus.«

Warum sollte sie? Weil »die Linke« den selben Vereinfachungen und Verflachungen zum Opfer fallen muß? Als hätte es nie einen G20-Gipfel in Toronto, Seatle oder Genua gegeben. Haben die Verantwortlichen im Hamburger Senat ihr Denkmilieu dahingehend thematisiert, daß es in Genua einen Toten und hunderte Mißhandelte durch die Polizei gab? Haben sie nur eine Sekunde über die Person des Hardliners Hartmut Dudde nachgedacht, als man ihn zum Gesamtpolizeiführer ernannte?

»Lieber lenkt man die Aufmerksamkeit auf das angebliche Fehlverhalten der Polizei, das es im Einzelfall sicherlich gegeben haben mag, aber doch nicht flächendeckend«

In einer Gesellschaft, in der der Staat das Gewaltmonopol innehat, gibt es keine vorrangigere Aufgabe, als jedem noch so kleinen Verdacht des Mißbrauchs nachzugehen. Abgesehen davon waren die Möglichkeiten der Beamten, sich fehlerfrei zu verhalten, durch ihre Führung äußerst beschränkt.

»Oder man richtet den Fokus auf die in der Tat harte Fragen aufwerfende Einschränkung der Pressefreiheit beim G20-Gipfel.«

Also von Mißbrauch und Fehlverhalten überhaupt berichten zu können. Aber mit dieser Argumentation bewege ich mich bereits in dem von Ihnen kritisiertem linken Diskurs, der den eigen Pfahl im Auge nicht sehen möchte. Also ein Wort zu den randalierenden »linken Genossen«.

Bei keinem aus dem Ruder gelaufenen Volksfest oder einer Fußballrandale würde ich erst einmal randalierende Neonazis unterstellen, auch wenn solche Personen dabei gesichtet worden wären. Das sind andere Gesetzmäßigkeiten die bei solchen Ereignissen eine Rolle spielen. Vorrangig eine Gruppendynamik, die große (stark alkoholisierte) Menschenansammlungen an sich haben. Ob Rockkonzert, Oktoberfest, Demo oder nur ein jämmerlicher Jahrmarkt in der Provinz. Dahinter irgend eine gesteuerte politische Absicht zu sehen, führt in eine Sackgasse. Das macht eine Erklärung ja so kompliziert: Lebensumstände, Einkommen, Arbeitssituation, Eltern, Schule, Tagesform… zu viele Faktoren, um sich beispielsweise auf die griffige Formel »Jetzt passiert was! Wir räumen die rote Flora« herunterbrechen lassen.
Das selbe trifft auch für Hamburg zu. War die Randale im Schanzenviertel »linker Terror«, nur weil sich in einem Indymedia-Artikel nach ein paar Tagen Sätze wie »Wenn wir den Massen vertrauen«, »Die Organisierung vorantreiben, in den Massen verankern« oder »Der Staat greift die Revolutionäre bewußt an« finden?
Ist das jetzt links oder einfach nur doof? Muß ich mich mit so einem hanebüchenen Unsinn erst solidarisieren, um mich anschließend davon distanzieren zu können?

Einen Teufel werde ich tun! Denn solcherlei Arten von Dummheit sind durch das verbriefte Recht der freien Meinungsäußerung gedeckt. Klingt erst mal komisch, ist aber so. Ich kann sie ignorieren, doof finden, darüber lachen, aber mich ausdrücklich davon distanzieren muß ich mich in keinem Falle. Man kann sich nur von etwas distanzieren, mit dem man sich vorher solidarisiert hat. Ein tiefgläubiger Mensch ist mitnichten durch seine Religionszugehörigkeit für Bischoff Tebartz-van Elst oder dem Kindesmißbrauch bei den Regensburger Domspatzen verantwortlich, muß sich ergo nicht explizit davon distanzieren. Das hat er durch seinen Glauben bereits getan.
Vor allem aber darf ich solche Aussagen nicht mit den Ursachen des Krawalls verwechseln – dafür ist die Beweislage einfach zu dünn und aufgrund bekannter Symptome von Gruppendynamik mit Sicherheit auch nicht zu erbringen. Da gibt es einleuchtendere Gründe, siehe letzter Absatz. (Und im Vertrauen: Was hätten Sie persönlich von einer Distanzierung außer dem Kitt im Riss eines sehr einfachen Weltbildes? Ändern würde es doch nichts, oder?)

»Und schon gar nicht kann ein solches die Gewalt rechtfertigen, die sich gegen Autos und Läden richtete und sicherlich nicht wenige Menschen in finanzielle Nöte gestürzt hat. Aber das wird nahezu ausgeblendet.«

Also gut, Frau Bednarz. Das tut mir aufrichtig leid! Aber wie Sie vielleicht jetzt selber bemerken, beginnen Sie sich auf sehr brüchigem Eis zu bewegen. Nein, ich verlange gar nicht von Ihnen, sich einmal im Monat für den amtierenden Finanzminister und seinen Kahlschlag in Griechenland zu rechtfertigen. Oder von Waffenlieferungen in irgendwelche Diktaturen. Ich nehme Ihnen sogar ab, daß Sie es mißbilligen und sich resigniert anderen Themen zugewandt haben.
Damit befinden Sie sich in guter Gesellschaft. Das geht der Linken vermutlich ähnlich.

Leo Fischer im neuen Deutschland: Umfaller

Herrschaftszeiten, Geschichten von Herrn Keuner: „Gewalt ist kein Argument!“ Das sagen diejenigen, die das Monopol auf Gewalt besitzen. Die also wissen, wovon sie reden. (Link via Mechthild Mühlstein)

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14 Kommentare zu Moin, Frau Liane Bednarz

  1. da]v[ax sagt:

    Absolut großartiger Text! Ich liebe deine Schreibe 🙂 Danke dafür!

    Darf ich ein paar Vertipper anmerken?

    “Bei keinem aus dem Ruder gelaufenen Volksfest oder einer Fußballrandale würde ich erst einmal *randalierenden Neonazis unterstellen…” -> *randalierende

    “Ein tiefgläubiger Mensch ist mitnichten durch *seinen Religionszugehörigkeit” -> *seine

    “Ich nehme Ihnen sogar ab, daß *es es mißbilligen und sich resigniert anderen Themen zugewandt haben.” -> *Sie

    Keep up the good work, bro.

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  2. Liane Bednarz’ journalistische Aufmerksamkeit gilt sonst hauptsächlich der Abgrenzung der Konservativen von AfD, *gida, NPD und von den Neuen Rechten im Zuschnitt EinProzent, Kubitschek, Elsässer, Identitäre usw. Eigentlich schätze ich sie sehr, z.B. für Beiträge über die üble Widerstandsrhetorik aus dem Hause Schnellroda.

    Über den Artikel hier habe ich mich geärgert, ich hatte beim Lesen die ganze Zeit den Eindruck, sie wolle, um Konservative als ihr Publikum zu halten, auch allen Linken mal ordentlich einen mitgeben, aus paritätischen Gründen sozusagen.

    Anhand der von ihr von der Welcome-to-Hell-Demo veröffentlichten Fotos tauchen bei mir Zweifel auf, ob sie die Zerschlagung der Demonstration von ihrem Standort überhaupt sehen konnte. Es war reines pures Glück, daß es durch diese Polizeiaktion nicht zu einer Massenpanik und zu Toten kam! Wie unvernünftig und gefährlich die Polizei agierte, sieht man am besten von oben – klick, klick.

    Daß Liane Bednarz diese Videos und die übereinstimmenden Aussagen ihrer Kollegen bei Zeit Online, NDR usw. konsequent ignoriert, finde ich journalistisch unredlich und enttäuschend. Es macht den Eindruck, als täte sie das, um ihren im Artikel dargelegten Standpunkt nicht hinterfragen zu müssen. Geschweige denn, die während der Randale in Hamburg praktizierten und darüberhinaus dauerhaft geforderten Einschränkungen von Grundrechten.

    Zu: Und schon gar nicht kann ein solches die Gewalt rechtfertigen, die sich gegen Autos und Läden richtete und sicherlich nicht wenige Menschen in finanzielle Nöte gestürzt hat und zu ihren zweifelhaften Vergleichen – Frau Bednarz scheint irgendwie nicht mitbekommen zu haben, daß die finanziellen Nöte der Geschädigten großzügig entschädigt werden. Die Kosten dafür tragen je zur Hälfte der Bund und die Hansestadt Hamburg, war am 12.7., Erscheinungsdatum ihres Artikels, bekannt.

    Die Angehörigen der NSU-Opfer wurden mit insgesamt 900.000 Euro entschädigt, ganz unbürokratisch eine Pauschale zwischen 5000 und 10.000 Euro pro ermordetem oder verletztem Menschen. Von dieser widerwärtigen Knickerigkeit, die auch den deutschen Umgang mit griechischen und italienischen Angehörigen von SS-Opfern, mit Zwangsarbeitern und KZ-Überlebenden bestimmt, distanziere ich mich.

    Aus Berichten von Schanze-Anwohnern und -Gewerbetreibenden (Beispiel) ist längst bekannt, daß Leute u.a. aus der Roten Flora Läden vor der Randale schützten, Fahrräder in Sicherheit brachten, Brände löschten, Randalierer auszubremsen versuchten, während die Polizei die Schanze knapp 4 Stunden einem gewalttätigen Mob preisgab.

    Wozu bitte soll ich mich von Kriminellen distanzieren müssen, die u.a. Frau Bednarz mit aller Gewalt als Linke schubladieren (und damit auch gar nicht wieder aufhören) will? Um ihre journalistische Reputation zu retten? Och nö, ich finde, sie ist schon selber groß.

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    • Pantoufle sagt:

      Moin, Dame von Welt

      Über Frau Bednarz bin ich, glaube ich, bei Dir gestolpert. So richtig einverstanden mit dem, was sie dort schrieb war ich nicht – sie hat so etwas tantchenhaftes. Schröcklich, schröcklich! Aber das ist eher eine stilistische Frage, die in diesem Zusammenhang keine Rolle spielt.

      Eine Rolle dagegen spielt sehr wohl, daß ein großer Teil der Journaille momentan versucht, »allen Linken mal ordentlich einen mit(zu)geben«. Die haben doch alle Pickel im Gesicht vor lauter Rechtsstaatlichkeit!
      Was ihren Standort auf der Demonstration betrifft, so litt sie unter den selben Problemen wie die »embedded journalists«; nur eben von der anderen Seite. Die Wahrheit aber – und das ist es, was ich ihr vorwerfe – hätte man auch nicht in der Mitte gefunden.

      »Daß Liane Bednarz diese Videos und die übereinstimmenden Aussagen ihrer Kollegen bei Zeit Online, NDR usw. konsequent ignoriert, finde ich journalistisch unredlich und enttäuschend.«
      Yep!

      »[…] die finanziellen Nöte der Geschädigten großzügig entschädigt werden«

      Na ja: Ein wenig Blumenkohl muß an so einen Artikel natürlich ran. Tränendrüsdrücklich, damit auch der Dümmste kapiert, wie schröcklich das Ganze war. Nennen wir es eine technisch nötige Volte. Das lasse ich ihr mal so durchgehen.

      »Aus Berichten von Schanze-Anwohnern und -Gewerbetreibenden ist längst bekannt, daß Leute u.a. aus der Roten Flora Läden vor der Randale schützten,[…]«

      Ja, und da fängt’s dann an kriminell zu werden. Der Stuss zieht sich als roter Faden durch den ganzen Artikel: »angebliche Fehlverhalten der Polizei, das es im Einzelfall sicherlich gegeben haben mag, aber doch nicht flächendeckend«, »linksextremen Gewaltexzesse vs. Fehlverhalten Konservativer« (Himmel hilf! Das war nicht Tebartz-van Elst, der den Knüppel schwang!)
      Sie hat schlicht nicht begriffen, worum es eigentlich ging. Wer als Schlußplädoyer »…die empörten Reaktionen nun als “Linkenbashing” denunziert, hat für mich seine Glaubwürdigkeit in der Haltung “gegen rechts” verloren und ist für mich kein Mitstreiter mehr.« benutzt, gehört in die Sandkiste. Heul doch!

      Die Sehnsucht nach Konstantin Seibt ist kaum noch zu ertragen!

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  3. Hm, stimmt schon, die schreibt wie eine Konfirmandin. Ihren gut recherchierten Artikel über den von u.a. Götz Kubitschek herbeigewünschten Bürgerkrieg in 8 Schritten werde ich trotzdem immer wieder verlinken und sie dafür schätzen. Beim Artikel hier hat sie sich total verlaufen.

    Mehr als ihr dummes Linkenbashing ärgert mich ihre Dramatisierung wirtschaftlicher Schäden und die halte ich nicht nur für eine technische Volte. Aber es hat in Deutschland eine gewisse Tradition, daß Gewalt gegen Dinge schwerer wiegt als Gewalt gegen Menschen. Vielleicht kommt es auch daher, daß kaum ein Journalist den Schnellzug ins Autoritäre skandalös findet, in den u.a. Thomas de Maizière so herzlich einlädt.

    Am Rande: es wird immer deutlicher, daß auch beim G20 in Hamburg autonom nicht unbedingt links heißt – Andreas Scheffel, Video- und Fotojournalist, hat 70 randalierende Nazis zweifelsfrei identifiziert. In der Welt von Liane Bednarz und Thomas de Maizière gibt es aber den berühmten Konsens gegen Rechtsextremismus, dessen Wirkmächtigkeit man z.B. am vergangenen Wochenende in Themar bestaunen konnte.

    Wer ist denn Konstantin Seibt und wonach könnte wer sehnsüchtig nach ihm sein? Sie meinen vermutlich nicht den Seibt vom Tagesanzeiger, oder?

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  4. Pantoufle sagt:

    Moin Dame

    Du schreibst ja unanständig früh! Könnte ich gar nicht! Erst mal wach werden, die obskuren Schlagzeilen verdauen, noch’n Kaffee… hat der das jetzt wirklich geschrieben? Ne, nich?!?

    Doch, genau der Constantin Seibt. Bin ich Fan von.

    Es ist schon so, wie ich eingangs und zuvor an anderer Stelle schrieb: Streng genommen interessiert mich das Thema G20 nicht. Spätestens, wenn Dudde gestern vor dem Hamburger Senat unbekümmert und unwidersprochen seine knapp 600 verletzten Beamten wieder auspackt wie eine Leberwurststulle zu Mittach…ohne Worte!
    Dunja Hayali: Ist die Linkspartei »integraler Bestandteil« des schwarzen Blocks? (Das war dann selbst der FAZ eine Spur zu dämlich.)
    Aber gerade diese Aussage trifft unbewußt einen Schwachpunkt der Linken ganz allgemein. Solche Debatten – nicht nur die über den G20-Gipfel – zeigen immer wieder eine mangelnde Medienkompetenz. Die Linke läßt sich in Talkshows am Nasenring durch die Manege zerren zu lassen oder balgt sich auf Präkariatsmedien wie Facebook oder Twitter statt aktiv eigene Strukturen und Netzwerke zu schaffen. Das führt dazu, daß man sich die Themen aufzwingen lassen muß; von den Öffentlich-Rechtlichen oder der Presse statt selber eine wahrnehmbare Diskussion in den Raum stellen zu können. Das hat unter dem Strich so etwas 60er-Jahre artiges: »Dann sprechen wir mit der Presse und dann wird unser Anliegen öffentlich!« Das ist so verzweifelt dumm, daß man heulen könnte. Das hat vielleicht mal beim Neuen Deutschland funktioniert, aber jetzt…? Dabei waren (und sind vielleicht noch) die Chancen gar nicht so schlecht, ein Gegengewicht auf die Beine zu stellen. Es ist ja nicht so, wie gerne kolportiert, daß man es mit einer übermächtigen »Systempresse« zu tun hätte (auch das wieder so eine Wirtschaftswunder-Denke), sondern mit einem sterbenden Nilpferd. Der sogenannten Systempresse ging es doch noch nie schlechter als heute. Von all den selbstgesteckten Zielen der Kuh-Presse ist doch nur noch die Selbstverpflichtung übrig, kurz und farbig zu berichten, wo es am lautesten geknallt hat. Und auch die Öffentlich-Rechtlichen, überhaupt die ganze Flimmerbranche, ist dabei, im Kampf mit den neuen Medien auf den hinteren Plätzen zu landen.
    Hey! Russia today beispielsweise hat’s doch erfolgreich vorgemacht! Nicht in Form und schon gar nicht dem Inhalt, aber als technische Möglichkeit.

    Na ja, so könnte man stundenlang weiterjammern – hilft ja alles nix!

    Was wollte ich eigentlich sagen? Ach ja: Die offensichtlichen Gegenbeweise haben keine konkurrenzfähige Plattform, von der man sie glaubwürdig in die Diskussion einbringen könnte. Was Constantin Seibt vorhat, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

    Zu Liane Bednarz noch kurz: Wir haben alle mal einen schlechten Tag! Und manchmal eben auch einen sehr, sehr schlechten.

    Hmmm! Hoffentlich liest Olaf Scholz keine Tagesschau.de

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    • Ja, Republik ist 1 Schritt in die richtige Richtung – gegen die Köppelisierung der Schweiz und ihrer Medienlandschaft. Es ärgert mich enorm, daß die Krautreporter diesen 1 richtigen Schritt in Deutschland so dermaßen vergeigt haben. Denn ich möchte bezweifeln, daß sich Republik für Polizey in Deutschland interessiert.

      neues deutschland ist, seit Tom Strohschneider dort Chefredakteur ist, übrigens gar nicht mal so übel, seine Kommentare sind immer auf dem Punkt, lese ich gern. Aber mit keinen 30.000 verkauften Exemplaren und einer eher schüchternen Online-Präsenz ist nd zu klein und unbedeutend, um eine konkurrenzfähige Plattform für gegenbeweisende Fakten zu sein. Vom erwartbaren Vorwurf der Vermischung von Journalismus und Aktivismus und der immerwährenden DDR-Erbschuld einmal abgesehen.

      Der Freitag (Strohschneiders früherer Brötchengeber) hatte nur Jakob Augsteins Selbstbeweihräucherung zur Aufgabe und ist mit dem unerträglichen Christian Füller als Chef komplett uninteressant.

      Bliebe noch die taz – das einzige linksliberale Medium, das solide finanziert ist und auch noch begriffen hat, daß die Zukunft des Journalismus als 4. Gewalt im Staat weder in Holz noch in Paywalls stattfinden wird.

      Ist also noch jede Menge Luft nach oben. Achachach.

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      • Pantoufle sagt:

        Moin Dame

        Ich dachte dabei gar nicht mal an eine weitere textbasierte Plattform (und beim Neuen Deutschland eher an die Zeiten, als es noch mit dem Zusatz »Zentralorgan« versehen war ).
        Warum technisch gesehen nicht tatsächlich wie RT-Deutsch? Mit Fernsehbeiträgen, Publikationen … es müsste doch eine seriöse Möglichkeit geben, eine Gegenöffentlichkeit darzustellen! Und warum sollte die nicht mit der Republik kooperieren? Da hätten beide Seiten etwas davon.
        Hätte, können… Aber manchmal frage ich mich schon, warum Oliver Welke eine deutlich höhere Breitenwirkung als das Neue Deutschland hat (oder Georg Schramm ernsthaft als Bundespräsidentschaftskandidat diskutiert wurde). Eine gute Wahl übrigens. Hätte, können…

        Man kann sich doch nicht über Ken-FM aufregen, ohne sich nicht gleichzeitig wenigstens über den medialen Hintergrund seines Auftrittes Gedanken zu machen. Natürlich kann man einen flammenden Blogeintrag gegen ihn schreiben: Nur wahrnehmen tut den eben niemand. Willkommen im Goldfischglas 🙂
        Btw: Neulich schrieb jemand in einem anderen Zusammenhang vom »Haifischbecken« – so hart kann keine Tischplatte sein, um dieses Maß an Realitätsverweigerung abzufedern.

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        • Ich dachte dabei gar nicht mal an eine weitere textbasierte Plattform

          Bitte sehr, lieber Pantoufle-> https://g20-doku.org/ -> https://twitter.com/g20_doku

          Warum technisch gesehen nicht tatsächlich wie RT-Deutsch?

          Weil eine Omnipräsenz wie RT sie an den Tag legt, technisch gesehen zweiEurofuffzich kostet – wer finanziert das UND garantiert journalistische Unabhängigkeit?
          RT ist, wie wir alle wissen, staatlich-russisch finanziert. In deren Redaktion fand z.B. Ex-Montagswahnmacher und KenFM-Autor Florian Hauschild Verwendung, der jetzt aber die Ansicht vertritt, RT müsse aus dem Internet gefegt werden.

          Man kann sich doch nicht über Ken-FM aufregen, ohne sich nicht gleichzeitig wenigstens über den medialen Hintergrund seines Auftrittes Gedanken zu machen

          Habe ich mal gemacht, ich habe seine Volksrede ‘Rassistischer Zionismus’ teiltranskribiert und ein paar Zeilen zu ihrer und zur KenFM-Entstehungsgeschichte geschrieben. Verlinke ich hier nicht, weil die Schrottpresse zu leicht mit Ihrem Klarnamen in Verbindung zu bringen ist und weil Ken Jebsen eine ganze Anwaltskanzlei damit beschäftigt, ihm inzwischen unangenehm gewordene Inhalte wieder aus dem Internet zu tilgen.

          Besagter Blog führte Jahre nach Veröffentlichung zur Erpressung von Der Freitag mit horrenden Unterlassungserklärungen (der Augstein war anwältlich offensichtlich schlecht beraten, die auch noch zu unterschreiben), zur mindestens zeitweiligen Unveröffentlichung aller Blogs und Artikel, in denen Ken Jebsen auch nur erwähnt wird und zur Einführung eines Algorithmus, der jeden Blog, jeden Kommentar, der die Worte ‘Ken Jebsen’ (und ‘Akif Pirinçci’) enthält, in eine Warteschleife zur redaktionellen Begutachtung bei Der Freitag legt.
          Das nur zum Thema »Haifischbecken«.

          Für Ken Jebsen führte dieser SLAPP-Versuch allerdings zur wundersamen Vermehrung des Blogs über seine vor Antisemitismen nur so überlaufenden Volksrede – eine Menge Blogger haben ihn in ihre Blogs übernommen, wunderbares Internet. Wenn Sie eine Suchmaschine Ihrer Wahl bemühen, finden Sie meinen Senf zu ‘Rassistischer Zionismus’ an erster Stelle. Will sagen: der wurde und wird wahrgenommen.

          Jedes Medium hat eine Art Vertrauensstellung, nämlich Ereignisse zu werten, darüber zu berichten oder auch nicht und sie zu kommentieren – damit bilden sie eine “Wahrheit” ab oder sie konstruieren eine, was der Regelfall ist. Es bedarf des Vertrauens von Mediennutzern, daß Medien richtig werten und den Nutzern damit sehr viel Arbeit ersparen, indem sie das Weltgeschehen für sie zusammenfassen.

          RT und KenFM haben dieses Vertrauen bei mir sehr gründlich verspielt.

          Für mich läge die Zukunft des Journalismus eher darin, einzelne Journalisten abonnieren zu können und sie für ihre Arbeit zu bezahlen (solange es nicht endlich eine Kulturabgabe gibt), was Kooperationen zur Dokumentation von z.B. Polizeigewalt nicht ausschließt.

          Aber manchmal frage ich mich schon, warum Oliver Welke eine deutlich höhere Breitenwirkung … hat

          Weil sind die Leute blöd.

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  5. Martin Däniken sagt:

    Achja,nächste Woche wird wieder ne andere Sau durchs Dorf gejagt
    -irgend so ein Tweet von der AfD Mensa-Club Abteilung 😉
    War das nicht schön-die Royals in der Brd:
    “Wir bleiben Freunde.” Schnief
    Achja Roboter begehen jetzt auch Selbstmord!
    Das Ende ist nah.Bild fahndet nach Verantwortlichen!
    Der “Kai-Diekmann-Preis für intelligenten Journalismus mit Verantwortungsgefühl und Augenmass” geht an die Bild-Zeit.

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  6. Pingback: "Es mag Ihrer Herkunft geschuldet sein, ängstlich zusammenzuzucken, wenn auf einer Demo jemand »Schweinesystem!« in die Krawalltüte brüllt." | -=daMax=-

  7. Pantoufle sagt:

    Guten Morgen, Dame

    Ken Jebsen transkribiert… meine Hochachtung! Ich habe mir Ken Jebsen gestern Abend angetan ( Dame: Für diese Zumutung schuldest mir ein, zwei, viele Bier!!einzelfzig!!), kann mich 10 Stunden später aber nur daran erinnern, daß erstaunlich oft die Kontonummer von Ken-FM eingeblendet wurde. Das geht alles so schnell! Oder um beim Vergleich aus dem Reich der Zierfische zu bleiben: Poeciliidae Acanthophacelus (lebendgebärende Zahnkarpfen) während der Fütterung. Guppys! Sowohl Haie wie Goldfische bewegen sich erheblich langsamer. (oder wenn sie denn sprechen könnten…).
    Der Beitrag »Zionismus ist Rassismus« war bedauerlicherweise nur noch in einer nachgesprochenen Version erhältlich; es fehlt dabei das Element der krankhaften Quasselei.

    Aber immerhin bin ich über das Interview von Jung&Naiv mit Jebsen auf ein schönes Gespräch von Richard D. Precht mit Harald Lesch und auch mit Gregor Gysi gestoßen, als als zu Sternstunden von HTML-Design wie dieser (sozusagen die optische Umsetzung eines quasselnden Jebsens. Ist das schon Kunst?)

    Wg. Prinzessinnenreporter:
    »Zweitens übersehen Linke, dass die Leute nicht nur blöd sind, sondern das auch mit Lust. Sie sind gerne blöd. Denken ist nämlich anstrengend. Viel einfacher ist es, seiner Blödheit freien Lauf zu lassen. Es macht auch mehr Spaß. Daher die verzückten Gesichter bei Pegida-Aufmärschen und Ähnlichem. Im Chor Schwachsinn zu skandieren, ist fast so geil wie Sex. […]
    Also lassen wir alle Aufklärungsbemühungen. Die sind für den Arsch. Weil sind die Leute blöd. Und wollen sie nicht anders sein. Einmal akzeptiert, erleichtert diese offenkundige Tatsache das Leben ungemein. Kein Schock mehr angesichts von Wahlergebnissen, keine Verzweiflung über strunzdumme Tweets und Facebook-Postings. Die und anderes Ungemach nimmt man souverän-gelassen, wenn man weiß: Weil sind die Leute blöd.
    «

    Wo er recht hat, hat er recht.

    »Weil eine Omnipräsenz wie RT sie an den Tag legt, technisch gesehen zweiEurofuffzich kostet – wer finanziert das UND garantiert journalistische Unabhängigkeit?«

    Vier illegal nach Afrika verkaufte Dienstwagen der Premium-Klasse mit Stern. Traut Euch!

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