Mein News-Aggregator macht mir Angst

© by A. Hitler

Wie lesen sich eigentlich die Leute durchs Internet? Wenigstens die, die es regelmäßig tun? Von vielen Bloggern weiß ich – oder habe es mir von ihnen erzählen lassen – daß sie dafür News-Aggregatoren verwenden. Das ist ja auch sehr praktisch! Es gibt einem die Illusion, den Überblick behalten zu können. Im übrigen empfinde ich die Menge dessen, was ich angeblich pro Tag unbedingt lesen sollte, als beängstigend.
Als kleine Verbesserung solcher Programme möchte die Schrottpresse eine einblendbare, graphische Darstellung vorschlagen, die vor dem Durchlesen eine grobe Orientierung darüber gibt, welche Sau gerade von welchen Medien durchs Dorf getrieben wird.

Technisch sollte das keine großes Problem sein und es würde viel, viel Zeit sparen. Dann würde man auch nicht unabsichtlich mit dem 5000. Artikel über Xavier Naidoo gelangweilt. Jetzt musikwissenschaftlich bewiesen: Naidoo kann gar nicht singen!
[Achtung! 5001! Der Säzzer]
Natürlich wird die Schrottpresse den Teufel tun, sich über den künstlerischen Gehalt irgend einer Bühnendarstellung zu äußern. Auch nicht über weltanschauliche Inhalte. Weder über »schwarz-braun ist die Haselnuß« noch über »Marionetten«. Die Frage, wer sich darüber aufregt, ist dagegen interessanter.
Der gewählte Vater der Söhne, Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD), lud zum Gespräch. Das ginge so nicht! Die bestellte Kunst wäre mindestens missverständlich. Ob man da nicht die eine oder andere Zeile entschärfen oder gleich ganz weglassen könnte? Die Kunst und die Herrschenden – da ist sie wieder! Jahrelang wurde die Band der Söhne am Busen von Mutter Mannheim gesäugt, gerne auch als Ausstellungsstück vor den Hauseingang gestellt und nun das!
Nun ist es die pure Zeitverschwendung, auch nur eine Silbe über »Kunst oder Nichtkunst« zu verlieren. Es bleibt die Tatsache, daß sich Regierende jemanden halten, der für sie tanzt und singt. Und dieses Mal gefiel die Melodie nicht. Das kann passieren, einem Mozart wie einem Xavier Naidoo. Das bringt die beiden natürlich nicht näher, sondern liefert nur einen Anhaltpunkt über spezifische Produktionsbedingungen.

Nun könnte man natürlich sagen: Das Produkt gefällt nicht, wird demzufolge nicht gekauft und verschwindet deswegen unauffällig im Orkus des Vergessens. Alternativ oder als Ergänzung besteht außerdem noch die Möglichkeit des Auspfeifens während der Aufführung. Man könnte ebenfalls sagen, daß man auf der Suche nach »verschwörungstheoretischen« oder politisch unkorrekten Inhalten bei anderen Künstlern keine vier Minuten suchen muß um fündig zu werden. Allein die deutsche Rapperszene liefert tonnenweise Stoff zum Thema. Würde man die Suche um den Begriff »hoffnungslos verblödet« ausweiten, wäre die Aufarbeitung Arbeit für Generationen. Aber wie bereits angedeutet: Diese Bewertung überläßt die Schrottpresse berufeneren.

Etwas zu kurz gerät bei der ganzen Aufregung die Frage, welche Konsequenzen sich mittel- und langfristig aus solchen Diskussionen ergeben. Die Spielarten von Allianzen, die jetzt auf Naidoo und die Söhne eindreschen, ist ist bemerkenswert – die käme bei anderen Themen so gut wie nie zustande. Normalerweise beabsichtigt man mit geäußerter Kritik ja auch etwas. Was ist es dieses Mal und von welcher Seite kommen die Forderungen? Soll sich nicht nur dieser Künstler das nächste Mal gründlicher überlegen, worüber er singt und tanzt? Wem er ans Bein pisst und ob da zufällig jemand dabei sein könnte, der über genügend Macht verfügt, den Verkauf der Ware ungünstig zu beeinflussen? Das Lied Marionetten attackiere die deutsche Politik heißt es auf der einen Seite, es sei schlicht doof bei den vernünftigeren. Am selben Strang ziehen sie aber trotzdem und da ist keine Stimme hörbar, die bei den Beweggründen differenziert.

Die Schrottpresse wird sich jedenfalls nicht an die Seite von SPD-Granden und deren Vorstellung staatstragender Liedinhalte stellen. Genau so wenig an die der selbsternannten Tugendwächter oder unterbeschäftigten Social-Media-Artisten. Es besteht ein Unterschied darin, ob künstlerische Inhalte gegen bestehende Gesetze verstoßen oder nur gegen den guten Geschmack – wie immer auch der sich gerade definiert. Ersteres ist ein Fall für die Justiz, beim anderen kann man sich mit der Beteiligung an der Diskussion getrost enthalten.
Die Möglichkeit, das unerwünschte Liedgut dem Urteil des Publikums zu überlassen (und nur denen!) scheint aus dem Arsenal der Möglichkeiten verschwunden. Es geht nichts mehr ohne den erhobenen Zeigefinger der Apostel oder wie jetzt im Falle Naidoos des Einflusses von Mächtigen.
Naidoos Liedchen zu bannen, bestehende Verträge für Konzerte zu kündigen, Fernseh-Shows abzusagen, sind die Reaktionen zur angeblichen Verteidigung westlicher Werte. Einen offenen Brief beim ARD für die Freilassung von Deniz Yücel zu verlesen, scheiterte an der Feigheit der Verantwortlichen.

Das, liebe Leute, ist verlogen bis ins Mark!

Gibt’s sonst noch was? Ja, zur Abwechslung mal was erfreuliches: Katharina Nocun erhält das Marburger Leuchtfeuer 2017.
Redaktionskampfhund Oskar, Redaktionsschwein Schnitzel und der Chefredakteur gratulieren ganz heftig!

UpDate:

Wer gerade nichts zu lesen und/oder Langeweile hat, kann sich ja mal den Traditionserlass der Bundeswehr durchlesen. Hmmm… interessant! Soll angeblich bis zur nächsten Bundestagswahl überarbeitet werden.

»Nicht jede Einzelheit militärischen Brauchtums, das sich aus früheren Zeiten herleitet, muss demokratisch legitimiert sein. Militärisches Brauchtum darf aber den vom Grundgesetz vorgegebenen Werten und Normen nicht entgegenstehen.Brauchtum muss, um lebendig zu bleiben, von den Soldaten angenommen werden.«

»das Eiserne Kreuz als nationales Erkennungszeichen und als Sinnbild für Tapferkeit, Freiheitsliebe und Ritterlichkeit«

»25. Das Sammeln von Waffen, Modellen, Urkunden, Fahnen, Bildern, Orden und Ausrüstungsgegenständen ist erlaubt. Es dient der Kenntnis und dem Interesse an der Geschichte und belegt, was gewesen ist.«

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20 Kommentare zu Mein News-Aggregator macht mir Angst

  1. daMax sagt:

    Echt jezz? In deinen Feeds kommen die Sohne Mannheims vor? Also bei mir war das nur einmal mit Böhmermanns alberner Verarsche vertreten, aber das war’s dann auch schon. Ansonsten scheint das niemand zu interessieren. Könnte aber auch daran liegen, dass gut 50% der Blogs, denen ich einst folgte, inzwischen tot sind 🙁

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    • Pantoufle sagt:

      Moin, Max

      Doch, das kommt vor. Spiegel, Zeit, Welt, FR, diverse Blogs… Daß das Thema bereits totgetreten ist, steht auf einem anderen Blatt.
      Dazu kommt bei mir natürlich, daß mich das beruflich interessiert. Bei feine Sahne Fischfilet kann dann ja schon mal der Verfassungsschutz neben dem Mischpult stehen 🙂
      Gesinnungspolizei wohin man auch blickt!
      Wie gut, daß international hauptsächlich englisch gesungen wird. Das versteht zum Glück niemand.

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      • daMax sagt:

        asooo ja klar im SPON etc. habe ich das auch gesehen. Aber das interessiert mich nur sehr wenig und Angst macht es mir sicher nicht. Mir machen ganz andere Sachen Angst, z.B. „Der GENOZID findet in DEUTSCHLAND statt“-Aufkleber in meiner Straße…

        Und was deinen Job angeht: bei Xaver Neituh steht der VS höchstens mitsingend im Publikum, gelle? m( Auch was, was einem Angst machen könnte…

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      • Pantoufle sagt:

        Oder der Oberbürgermeister von Mannheim nebst Gattin. Wovor sollte man mehr Angst haben?

        Vor solchen Aufklebern auf jeden Fall. Die aber in eine Linie mit Naidoo in Zusammenhang zu bringen klingt in etwa so wie »Huch! Es gibt Rechtsradikale bei der Bundeswehr!«
        Blöder Vergleich. Darum ging es mir auch gar nicht. Ich halte es nur für unüberlegt, sich blind in den Chor der Jubelperser einzureihen, ohne mich vorher zu erkundigen, was die eigentlich beabsichtigen.

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        • daMax sagt:

          X-D

          Ich weiß echt nicht, ob Herr Naidoo rechts ist oder einfach nur doof, seine Mucke ist dermaßen unterirdisch, da ist mir das auch völlig wumpe 😛

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        • Pantoufle sagt:

          Siehste! Genau das steht da oben als vernünftige Alternative.
          Den Rest… na, Du weißt ja, für wenn ich gelegentlich arbeite 🙂

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        • daMax sagt:

          Höhö, solange du nicht mitsingst 🙂 von wegen „Wes‘ Brot ich ess…“

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        • Pantoufle sagt:

          Was soll ich machen? Nie wieder Helene Fischer? Was wäre ich ohne Roberto Blanco? Vergesst mich nicht, Wildecker Herzbuben?

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        • daMax sagt:

          Nein nein, so meinte ich das nicht. Arbeite ruhig weiter für die. Fang‘ bloß nicht an, ihre Lieder mitzusingen. Ich arbeite ja auch für einen Konzern, den ich öffentlich jederzeit anprangern würde. Und sogar schon in meinem nicht mal so hohen Alter isses nicht so leicht, was anderes zu finden 🙁 I tried.

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  2. Publicviewer sagt:

    Gerade der macht einen auf kritisch…oh Mann….

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  3. DasKleineTeilchen sagt:

    „Naidoo kann gar nicht singen“

    kein scheiss?!?

    totaly OT in memoriam der gestorbenen blogs, speziell einem:

    neues aus der wortspielhölle/unterabteilung ebay-praktikant auf klo:

    https://static.mydealz.de/live/comments/content/zaaBo/13962277.jpg

    aua!

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  4. publicviewer sagt:

    Ich meinte natürlich den Naidoo den Frömmler schlechthin.
    Wird in Fachkreisen auch „Dyson“ gennant, aber einen auf antidrogen machen…;-)
    Den Waalkes kenne ich genau wie den Naidoo ebenfalls persönlich…beides keine Leute die ich auf die Arche unbedingt mitnehmen würde.

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