…Lust, etwas erotisches zu schreiben

Warum gibt es eigentlich keinen Blog, auf dem man schöne, schlüpfrige, warme Geschichten über und um Erotik lesen und genießen kann? Muß den das immer in Feuchtgebiete um frustiererte Zuspätachtundsechsziger ausarten? Wahrscheinlich hat Erotik in politisch linken Blogs nichts verloren. Die küssen nicht. Oder nur wenig. Beschweren sich aber darüber, daß auf den Blogs, wo der wunderschöne Busen oder der durchaus männliche Knackearsch lockt, der Porn herrscht – und niemand setzt dem etwas entgegen.

Das »Delta der Venus« Anais Nins, »Teleny« von Oscar Wilde, Benoîte Groults »Salz auf unserer Haut«, »Der Reigen« von Arthur Schnitzler – das ist keine Pornographie, sondern ganz wunderschöne Kunst. Und selbst wenn es Pornographie ist: Mein Gott – dann habt eben Spaß daran! Oder auch nicht und man dreht sich schämig beiseite. Pornographie: Das ist ein zeitlich bedingetes Sittenurteil, keine absolute künstlerische Wertung (die es ohnehin nicht gibt).
Warum ist das eigentlich verboten? Oder nicht erwünscht? Liebt hier keiner mehr oder begehrt, denkt sich seinen Teil über den Teil, den man gerade an der Bar sah, in der Fußgängerzone oder im Traume? Da ist doch eine eigenartige Lücke zwischen dem Selbstverständnis eines einigermaßen zivilisierten Bürgers und einer brutalen pornographischen Darstellung der schönsten Sache der Welt.
Den Abend und andere habe ich tatsächlich damit verbracht, nach Zeichen Ausschau zu halten, wo das überhaupt stattfindet. Neulich habe ich etwas gefunden: Tikerscherk hatte etwas geschrieben von einem Hund und seinem Hundesteuerzahler beim Tierarzt… da war dieses Gefühl, diese leise Begehren mit der Beschreibung, die aus dem wirklichen Leben kommt… sah, fühlte und sehnt sich nach einer Falte um die Augen. Dieser Figur und ein leiser Traum dahinter. Auch erotisch, auch … man konnte es fast beißen, herunterschlucken, fressen, dieses Gefühl. Nebenbei ohne zu erfahren, warum sie in dieser Praxis war. Eine Freude.

Die Tante Jay kann das auch. Aus vielen ihrer Texte dröppt ein sanftes Rinnsal davon, daß sie eine Frau ist, die durchaus beobachtet, ob ihr etwas gefällt. Weniger begehrlich als ironisch, feministisch in einer schönen Handfestigkeit… wie sie wohl in Natura ist? Mit dem Auftritt eines Schützenpanzers, der einen Kaffeegarten mit erschreckend zarten Rosen bewacht?
Sanfte Anklänge – ich will nicht sagen, daß es das schon war, aber viel davon sehe ich nicht, obwohl ich soviel Freude daran habe. Es entspannt. Entspannt zu all den Artikeln und Kommentaren, die final das Ende der Welt oder wenigstens seiner Zivilisation feststellen, das Ende des Journalismus, der Netzfreiheit, das Ende der… aber doch nicht der Erotik! Nicht das Ende dieser Verbindung, in der man eine Frau lieben lernt, heiratet (Verzeihung: Ich Mann! Geschlechterspezifische Anhängsel nach Belieben anzufügen) und – um auf einen nicht unwesentlichen Punkt zu kommen – auch beschläft, bekuschelt, den Schweiß riecht, die Wärme… all das, was einem Kraft gibt, um jede Art von Kampf weiterzuführen.

Sei es die um die monatliche Hartz IV Zuteilung oder den Kunden am Morgen, den man abgrundtief hasst – einfach nur den Tag überstehen in der Gewissheit der Liebe, die man im Rücken weiß. Diese Liebe äußert sich gelegentlich – bitte an eine Lehne, der Bettkante oder einem anderen halbwegs sichern Gegenstand klammern – oftmals in körperlichen Intimitäten. Die Menschen nennen es Sex, aber das muß das man nicht so nennen. Es gibt unendlich viele Umschreibungen, Andeutungen, für dieses Begehren und die Sehnsucht, die es verdient hat, beschrieben zu werden.

Über die Verführung von Engeln

Engel verführt man gar nicht oder schnell.
Verzieh ihn einfach in den Hauseingang
Steck ihm die Zunge in den Mund und lang
Ihm untern Rock, bis er sich naß macht, stell
Ihm das Gesicht zur Wand, heb ihm den Rock
Und fick ihn. Stöhnt er irgendwie beklommen
Dann halt ihn fest und laß ihn zweimal kommen
Sonst hat er dir am Ende einen Schock.
Ermahn ihn, dass er gut den Hintern schwinkt
Heiß ihn dir ruhig an die Hoden fassen
Sag ihm, er darf sich furchtlos fallen lassen
Dieweil er zwischen Erd und Himmel hängt –
Doch schau ihm nicht beim Ficken ins Gesicht
Und seine Flügel, Mensch, zerdrück sie nicht.

Und wer den Artikel brav zu Ende liest, dem erzähle ich auch, von wem das ist. Ja, ist ja schon gut – der Artikel ist fast zu Ende: Berthold Brecht.
Das war jetzt nicht gerade das, was ich unter Erotik verstehe, aber das mußte sein. Es gibt viele Punkte, wo ich das Gefühl habe, sie kämen in der täglichen Blogsphäre zu kurz – das mit der Intelligenz lassen wir jetzt mal beiseite. Eines davon ist Erotik. Sollte ich meinen inneren…
Das Wort Schweinehund ist dabei so unangebracht wie nie. … überwinden. Was für ein Blödsinn. Diejenigen, die hier öfter lesen, werden wahrscheinlich ahnen, worüber ich rede. Einer dieser Nächte im Hotel, Gedanken und der Blog als Mittel gegen die Einsamkeit.

Orgie

Der Abend küsste geheimnisvoll
Die knospenden Oleander.
Wir spielten und bauten Tempel Apoll
Und taumelten sehnsuchtsvoll
Ineinander.
Und der Nachthimmel goss seinen schwarzen Duft
In die schwellenden Wellen der brütenden Luft,
Und Jahrhunderte sanken
Und reckten sich
Und reihten sich wieder golden empor
Zu sternenverschmiedeten Ranken.
Wir spielten mit dem glücklichsten Glück,
Mit den Früchten des Paradiesmai,
Und im wilden Gold Deines wirren Haars
Sang meine tiefe Sehnsucht
Geschrei,
Wie ein schwarzer Urwaldvogel.
Und junge Himmel fielen herab,
Unersehnbare, wildsüsse Düfte;
Wir rissen uns die Hüllen ab
Und schrieen!
Berauscht vom Most der Lüfte.
Ich knüpfte mich an Dein Leben an,
Bis dass es ganz in ihm zerrann,
Und immer wieder Gestalt nahm
Und immer wieder zerrann.
Und unsere Liebe jauchzte Gesang,
Zwei wilde Symphonieen!

Else Lasker-Schüler

… und dann war es auf einmal Erotik.

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0 Kommentare zu …Lust, etwas erotisches zu schreiben

  1. Der Emil sagt:

    Mach mal dem Tante-Jay-Link noch sein http davor, und: Dann erzähl ich Dir, daß es da zB diesen Blog gibt … 😀

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    • pantoufle sagt:

      Danke – geändert. Und jetzt zu Deinem Link. Damit soll es für heute auch gut sein. Die Nacht ist nicht nur einsam, sondern auch kurz.
      Schön, von Dir zu lesen, Emil.
      Gute Nacht 🙂

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  2. tikerscherk sagt:

    Schwierig mit der Erotik im Netz. Entweder kommt sie gar nicht vor, oder sie ist das alleinzige Thema, was ich wiederum wenig reizvoll finde.
    Zwischen Über- und Unterangebot, befindet sich dieses Blog http://sunflower22a.wordpress.com/ der Bloggerin Sunflower22a. Absolut lesenswert.
    Ich persönlich würde auch gerne prickelndere Texte schreiben, weiß aber, dass z.B. meine Schwester mitliest. Das hemmt mich. Vielleicht geht es anderen auch so.
    Ich befürchte allerdings, dass viele einfach nicht den Mut haben über Sex und Erotik zu schreiben, weil sie sich den Stress eines Bashings nicht antun wollen.
    Wer Stock und Hut beim Namen nennt ist nunmal ein Sexist.

    Danke für´s Verlinken!

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    • pantoufle sagt:

      ..».meine Schwester mitliest.«
      Bei mir sind es die Kinder – wobei: Die sind von ihrem Alten so einiges gewohnt; das macht den Kohl nun auch nicht mehr fett.

      sunflower22a kannte ich sogar, habe es aber ewig nicht gelesen. Das ist tatsächlich sehr lesenswert geworden; hatte ich aus den Augen verloren, ist aber wieder in den Bookmarks. Danke für den Tip.

      Vielleicht habe ich auch nur festgestellt, daß es auch bei mir fehlt. Wenn das irgend jemandem nicht gefallen sollte, wenn es hier auftaucht, könnte ich damit leben. Sexist zu sein, weil man die Augen aufmacht… oder einem gerade danach ist… 🙂 Na ja: Es gibt Schlimmeres. Immer noch besser »50 Shades of Grey« als »Deutschland schafft sich ab«

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      • Den Blog Sunflower22a kann ich auch wärmstens empfehlen. Er versteht sich auf den spielerisch-leichten Umgang mit dem Thema und wird von einer Frau geschrieben, was bezeichnend ist, denn erotische (oder erotisch angehauchte) Texte, von denen ich weiß, dass sie ein Mann geschrieben hat, finde ich ganz schnell klebrig. Bahnhofsviertel. Schmuddel und so. Ich weiß nicht, woran das liegt, aber ich lese es nicht gern.

        Überhaupt ist Erotik im Netz etwas, in dessen Minengelände man sich als Mann schnell verheddern kann. Frauen tun sich da leichter, denke ich. Mein Thema ist es auch nicht, obwohl: Nächstes Wochenende ist die unsägliche Venus-Messe in Berlin, da fiele mir sogar was zu ein: Ein Verriss. Mehr aber auch nicht.

        Naja, und über allem schwebt sowieso die Angst vor einem Shitstorm, der auch Frauen heimsucht, die nicht auf der puritanischen Linie sind, die der grün-evangelikale Netzmainstream vorgibt.

        Keine gute Zeit für Erotik, fürchte ich.

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        • pantoufle sagt:

          Minengelände finde ich gut… auch wenn die Schrottpresse nicht unbedingt als Erotik-Blog auffiel. Das Thema reizt, auch wenn der Stuhlwind droht.
          Nebenbei und etwas OT: Es gibt da ein umwerfendes Interview mit Hanna Schygulla, daß man gelesen haben sollte. Atemlos spannend, man hat sie wohl wörtlich zitiert, was eine eigenartige Sprache und Tempo ergab – unter anderem geht es auch über Sexualität/Erotik – deswegen nicht vollkommen OffTopic.
          Keine Zeit für Erotik? Damit hast Du wohl recht, obwohl es mir sinnvoller erscheint als der 34. Weltuntergang pro Woche – aber das bemerkte ich bereits. Warum eigentlich nicht? Neulich las ich irgendwo die Bemerkung; daß die Zeiten wieder puritanischer werden. Ich teile das Gefühl ohne es konkret begründen zu können.

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  3. Klikkaklakka sagt:

    Hm, soso, die Kinder sind also einiges gewöhnt… ^^ Deine romantische Ader weniger.
    Nun, so ist es doch mal spannend, Texte der anderen Sorte zu finden, ob es man es nun als romantisch, sexistisch oder pornographisch auffassen will, das bleibt jedem selbst überlassen. Ich finde es gar nicht schlecht zwischen den ganzen unglücksschwangeren Artikeln über graue Politik und vehemente Ungerechtigkeit etwas geradezu Philosophisches zu lesen.

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    • pantoufle sagt:

      IHR KENNT MEINE ROMANTISCHE ADER NICHT??? Das will ich jetzt aber überhört haben! Wehe, wenn ich nach Hause komme und keiner sieht meine romatische Seite… dann steppt aber der Uhu! … das sach ich Euch! Dann krachts aber ganz unromatisch.

      Kennen meine zarte Seele nicht… also sowas. Blöde, gefühlslose Brut, undankbare!

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