Liebe Melina

Das hat mir eine sehr große Freude gemacht! Einen handgeschriebener Brief ist eine besonderes Vergnügen. Vielen Dank… Ich bin noch ganz gerührt. So ein Brief hat Romantik. Wenn auch nicht für den Boten, der ihn im Gegensatz zur Postkarte nicht lesen und den Inhalt unter der Nachbarschaft verteilen kann. Lesen Postboten Ansichtskarten? Wer liest heutzutage noch? Jedenfalls hat sich das Pantoufle in den weichen Ledersessel gefaltet, den Redaktionkampfhund zu Füßen und mit einer Flasche Riesling bewaffnet. Eine seltsame Briefmarke – duftet das Papier nach deinem Parfüm? Die Tinte der Worte streichelt die Augen und die Seele – kein Klecks oder gestrichenes Wort. Wo mag sie nur sein?

So, Brasilien also. Das ist äußerst gefährlich! Wer denkt dabei nicht sofort an den gemeinen und unsoliden Zitteraal. Jene hinterhältige Kreatur, welche stromhaltige Schläge an jeden verteilt, welcher vom vom erfrischenden Amazonas angelockt zum Bade auch nur den kleinen Zeh ( von anderen Körperteilen ganz zu schweigen) ins Wasser hält! Sofort von Lähmung und allgemeiner Gleichgültigkeit erfasst, wird der unvorsichtige Erholungssuchende vom Wasser fortgerissen und umgehend von Myriaden Pyrhanias verfolgt. Dieser Fisch, welcher nur aus Gebiss und Appetit besteht, tranchiert das Opfer innerhalb von Sekunden! Selbst der Glückliche, der diesem Schicksal entflieht, wird nach Einbruch der Dunkelheit vom Jaguar verfolgt.
Diese Großkatze, gekleidet in hochwertigen Pelz, steht an Appetit dem Pyrhania in nichts, aber auch gar nichts nach. Das Beste, was man/frau im Falle des unvermeidlichen Angriffs noch tun kann, ist, eine gerade verfügbare, entbehrliche Person vorzuschicken – vorzugsweise abgelegte Liebhaber oder ersatzweise Schwieger – und andere Mütter (von denen Du ja glücklicherweise genügend dabei hast). Wenn sich das Raubtier gesättigt und vorübergehend dem Blutrausch entrückt niederlegt, sollte der Brasilienreisende einen Napf pasteurisierte Milch in einer Untertasse in Nähe des Monsters hinterlegen, um dann unverzüglich das Weite zu suchen. Das findet sich in Brasilien zum Glück in fast jeder Himmelsrichtung. Man folge einfach den Menschenströmen, die auf der Suche nach dem Schatz des Montezuma aus jeder Stadt in die Wüste wandern. Wenn in dieser Wüste viele Bäume stehen, heißt das Regenwald. Dort regnet es (wie der Name schon sagt) ohne Unterlass 24 Stunden am Tag und in der sogenannten Regenzeit auch noch in der Nacht. Die Folge dieses Übermaßes an Regen sind Schlangen, Skorpione und andere niedere Lebewesen an jeder Ecke und unter jedem Strauch.

Wer sich unvorsichtigerweise nach den Golddublonen bückt, welche die spanischen Eroberer dort tonnenweise verstreut haben, wird folglich sofort gebissen, verätzt, mit Fieber infiziert oder kommt auf irgend eine andere Art zu Tode! Unvorstellbar, das jemand dieses tödliche Land überlebt. Selbst die einheimische Bevölkerung ist über jeden Tag, den sie nicht sterben müssen, so glücklich, daß sie praktisch von Januar bis Ende November durchgehend ein Fest feiern, welches sie Karneval nennen. Dieses Fest wird nur durch die Fußballweltmeisterschaft und die Formel 1 unterbrochen.

Unnötig, zu erwähnen, das bei diesem ununterbrochenen Sterben und Feiern niemand mehr arbeiten kann. Folglich gibt es auch nicht zu essen! Brasilianische Fluglinien bieten daher spezielle Lunchpakete für den Reisenden an – einen Service, den man nutzen sollte. Es gibt diese wohlgemeinten Liebesdienste in den Größen „small“ und „medium“. Die Größe „large“ wird schon seit Längerem nicht mehr ausgegeben, da niemand lange genug überlebte, um diese aufzuessen.

Die Warnung kommt zu spät, Melina ist verloren! Verloren in Brasilien und wenn ich zurückschreibe, so ist höchst ungewiss, ob sie der Brief noch als lebendiges Weib erreicht oder als letzter Gruß in ihren Sarg gelegt wird. Ach Melina, warum nur Brasilien? Ist es am Rhein nicht schön oder ein Spaziergang über die Deiche?
Der Geisenheimer Rothenberg des Weinhauses Wegeler leuchtet im Glas. Auf Dich, liebe Freundin. Das gibt es nicht in diesem Dschungel, in dem Du deinen Urlaub verlebst, verstirbst.

Ach, Brasilien!

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