Liebe Fanny

Du schreibstIch habe mich schon immer gefragt, was uns die ernsten Blicke und stocksteifen Haltungen vermitteln wollen?
Ich könnte mir die Antwort einfach machen und sagen: Die lange Belichtungszeit! Das wäre aber nicht nett…

Ich habe im Moment Schwierigkeiten, länger als 20 Minuten vor der Tastatur zu sitzen – die Medikamente, die ich nach meinem Unfall nehmen muß, haben einen Wirkstoff, der wahrscheinlich „Scheißegal“ heißt und ich kann mich schlecht konzentrieren. Wenn ich das Zeug wieder absetzen kann, geht’s auch auf der Schrottpresse weiter; jetzt aber erst mal eine Antwort.

Was mich an der Zeit zwischen 1850 – 1933 interessiert, was ich als Beispiel der alten Photographien als „in die Zeit gestanzte Löcher“ bezeichnete – dient nicht einem Vergleich zwischen gestern und heute, sondern sind als reale „Löcher“ (wenn Du so willst: Fenster) zu verstehen. Wenn man Geschichte erfahren will, gibt es die Möglichkeit, sich den arrivierten Lehrbüchern zu widmen, die bekannten Historiker zu studieren und vielleicht auch die „Alten“ – so sie denn noch leben – zu befragen. Das sind ehrenwerte Ansätze, die aber oftmals daran scheitern, daß die offizielle Geschichte immer von den (vermeintlichen) Siegern geschrieben wird. Man erfährt meist, wie die Lehre aus der Vergangenheit auszusehen hat – seltener, warum eine Entscheidung vor 100 Jahren vollkommen richtig sein konnte, ohne sie an heutigen Maßstäben festzumachen.

Wenn man sich dieser Aufgabe also aus Neigung und Liebe widmet, kommt den Quellen, derer man sich bedient, eine entscheidende Rolle zu. Ich kann also beispielsweise wählen zwischen dem höchst lesenswerten Buch Friedrich Engels „Die Lage der arbeitenden Klasse in England “ oder Heinrich von Treitschkes „Der Socialismus und der Meuchelmord“. Ergänzend dazu habe ich irgendwann begonnen, mich für alte Photographien speziell aus dem Arbeitermilieu und dem Bürgertum zu interessieren.

Unter anderem steht bei Dir: „War es (in den alten Bildern) nicht eher der Ausdruck von übertriebener Strenge in den Schulen und Familien, von Unterdrückung bzw. Ausbeutung in den Fabrikhallen, den Verkaufsläden, den Haushalten ?“ Ja: Das kann man dort hinein interpretieren! Es trifft oft auch etwas, was wir heute mit diesen Begriffen belegen. Was aber dabei herauskommt , ist ein unhaltbarer Vergleich! Ein Vergleich zwischen „früher – heute“, den ich für wenig sinnvoll halte. Nimmt man nur für einen kurzen Moment an, man könnte zu den Personen auf den Bildern springen und ihnen erzählen, wie es „heute“ ist, wäre das darauf folgende Gespräch von gegenseitigem Unverständnis geprägt: Zu groß sind die Differenzen der gesellschaftlichen Umstände oder einer Moralvorstellung. Die Menschen handelten aufgrund einer Gegenwart, die ist und deren Vergangenheit und nicht einer, die sein wird.

Unser modernes Geschichtsverständnis ist leider oft dadurch geprägt, daß wir insgeheim unterstellen, daß unsere Vorfahren „dümmer“ oder mindestens uninformierter waren als wir – schlimmer noch: Wir uns selber für zivilisierter und humaner halten.

Das ist ein gefährlicher Trugschluss! Würde man selber – ausgesetzt im Jahre 1890 – auch nur den Versuch unternehmen, sich seine Schuhe neu besohlen zu lassen, würde man vermutlich großartig scheitern – vom Versuch, sich eine Wohnung zu mieten oder Arbeit zu finden, ganz zu schweigen. Unser Versuch, auf einem offiziellen Ball eine Dame zum Tanz aufzufordern, würde als Skandal enden! All unsere „modernen“ Begriffe von Respekt, Autorität und Anstand wäre keinen Pfifferling wert, solange wir nicht versuchen, uns in ein Wertesystem hineinzudenken, das 120 Jahre zurückliegt. Das aber wird nirgendwo gelehrt! Statt dessen wird jede noch so fragwürdige neue Freizügigkeit als weltbeglückende Notwendigkeit verkauft; die denkbar schlechteste Vorraussetzung, zu begreifen, was “damals” geschah.

[…] kann ich die Faszination von Herrn Pantoufle für die beschriebene Ära verstehen : der gigantische technische und wissenschaftliche Fortschritt […] Ja, liebe Fanny: Das wurde mit und nicht trotz der damaligen moralischen und ethischen Werte erzielt. Mit ihnen zusammen veränderte sich vieles andere (was wir für einen moralischen oder sozialen Fortschritt halten) auch – nicht so schnell, wie man es sich wünschen würde und vieles bis zum heutigen Tage nicht… aber…

Wer sieht Dich auf diesem Familien-Photo von 1902 an? Die 4 Kinder? Mutter, Vater? Im Sonntagsornat und besonders freundlich sehen sie auch nicht aus? Nun ja: Das Familienoberhaupt hat einen guten Grund: Der Termin beim Photographen kostet ihn mehr als den Wochenlohn eines Hamburger Hafenarbeiters. Die armen Kinder! Sie müssen ganz, ganz ruhig stehen bleiben. Vor allem viel zu lange für die Kleinste, die noch dieses Jahr an der furchtbaren Scharlachepedemie sterben wird. Die beiden älteren blicken mit einem Anflug von Arroganz – wenigstens aber mit Stolz . Sie gehen immerhin aufs Gymnasium. Man ist schließlich wer, freier Bürger nach den Jahren der Restaurationszeit, die sie zwar nicht mehr erlebt haben, aber aus den Erzählungen des Vaters kennen. Der Großvater war Burschenschaftler, Teilnehmer auf dem Hambacher Fest und Vorkämpfer für ein freies Bürgertum: Gegen die Fürstenherrschaft und für das geeinigte Deutschland, das der große Fürst Bismarck gegen alle Widerstände geeint hatte. Nein, man ist nicht unbedingt ein Freund des Fürsten: Man ist liberal – der Briefwechsel des Großvaters mit Georg Friedrich Kolb ist ein Familienschatz; diese Briefe, die auch die Ältesten schon lesen durften.
Die Mutter interessiert sich nicht für Politik. Sie ist kunstsinnig, spielt ausgezeichnet Klavier und liest. Fontane, Tolstoi und auch dem modernen Theater gilt ihre Liebe. In ihrem Zuhause sieht es auch nicht gar so muffig bürgerlich aus wie auf dem Bild: Der Jugendstil hat seine Spuren auch in ihrem Heim hinterlassen. Für das Bild hat sie sich noch einmal in ein Korsett gezwängt – Zuhause trägt sie meist die neuen Reformkleider. Manchmal treibt sie sogar Sport – in Hosenkleidern, an denen mittlerweile niemand mehr Anstoß nimmt. Ihr Mann bewundert sie dafür: Seit ihrer Heirat hat seine Frau in ihrer resoluten und freundlichen Art die Führung des gemeinsamen Haushalts übernommen. Ihr stilsicherer Geschmack, der ihm so vollkommen abgeht, der Umgang mit dem Personal, der Sinn für die schönen Dinge im Leben… das Wahlrecht für Frauen ist kein Thema, aber die Meinung vieler seiner Zeitgenossen, daß Frauen von Natur aus weniger intelligent als Männer seien, teilt er schon lange nicht mehr. Er ist es, der das Geld verdient – sie zusammen aber sind das, was diese neue Klasse ausmachen.
Ein gebildetes, selbstbewusstes Bürgertum – mit all ihren Fehlern, den Irrtümern, der Verblendung, die in dem Völkerschlachten des großen Krieges genau diese Klasse auslöscht, bevor sie ihren wirklichen Wert beweisen kann. Danach kommt der graue Nebel der zwanziger, dreißiger Jahre, in dem nach und nach vieles von dem verwirklicht wird, was davor gedacht, gesagt und geschrieben wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.

Jetzt stehen sie jedenfalls vor dem photographischen Apparat und sehen uns durch das in die Zeit gestanzte Loch an. Was wohl aus ihnen geworden ist? Manchmal wissen wir ein wenig: Der Älteste fiel 1914 in Flandern. Die Mutter wachte in dieser Nacht auf und schrie, schrie… der Vater stand an ihrem Bett, unfähig zu einem Wort, einer Geste. Er hat sie gepflegt bis zu ihrem Tod, seine Gefährtin, die nie wieder ein Wort sprach. Der jüngere Sohn kam 1919 aus englischer Gefangenschaft wohlbehalten nach Hause und wurde Mitglied der KPD. Er blieb unverheiratet, ein Arbeiter und guter Kommunist.
Ach ja… die ältere Tochter: Sie heiratete relativ spät den Besitzer eines Schlachthofes. So gesehen eine gute Wahl in einer neuen Zeit der Rationierungen und Lebensmittelmarken. Es war schon wieder Krieg. Sie hatte eine Tochter, die 5 Kinder gebar.

Eines davon bin ich. Löcher in der Zeit.

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0 Kommentare zu Liebe Fanny

  1. Derek Jefferson sagt:

    Ausgezeichnet die Tabletten-wo erhält man diese?

    Gute Besserung!

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  2. Derek Jefferson sagt:

    …..die denkbar schlechteste Voraussetzung, zu begreifen, was „damals“ geschah.

    Werte Frau Fanny
    Es drängt mich Herrn Pantoufle eine Antwort zu geben. Es täte mir jedoch leid, würde ich Ihnen dadurch die Gelegenheit nehmen müssen, ihrer Verbitterung, sollte sie nicht schon verflogen sein, an dieser Stelle nicht noch nachzugehen. So wie ich die Entwicklung der Dinge hier überschaue sind Sie zweifellos in den Mittelpunkt einer Geschichte gerückt und könnten, zumal Sie ja nicht ganz mittellos dastehen – sind Sie doch in der Lage schon in der ersten Zeile einer persönlichen Anrede durchaus Unhöflichkeiten zu begehen- weiteren Entwicklungen in Ihrem Sinne Vortrieb geben. Der Anstand nötigt mir aber mit Ihnen natürlich Geduld ab- was eine Antwort angeht. Sollte die ausbleiben, so sehe ich mich gezwungen die ganze Geschichte hier in meinem Sinne fortzutreiben und Sie müssten, was Ihre geäußerten Ansichten angeht, möglicherweise umdisponieren- was mir aufrichtig leid täte. Ich schreibe dies deshalb nicht ganz uneigennützig, werte Frau Fanny, weil ich es natürlich bevorzuge die Luvstellung zu halten. Als England noch segelte ist es damit immer gut gefahren, dies sollten Sie als Französin ja wohl wissen.

    Mit den freundlichsten Grüßen Derek Jefferson

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  3. Derek Jefferson sagt:

    Sehr geehrter Herr Pantoufle
    Ich selbst gehöre wohl zu der Generation, die, will man heutiger Vorstellung und Terminologie folgen, komplett politisch unkorrekt sozialisiert wurde. Sozialisiert wurden wir natürlich gar nicht, sondern erzogen. Würde ich meine damaligen Kinderbücher und Jugendliteratur heute, sagen wir; einer ambitionierten deutschen Erzieherin vorlegen- sie würde wohl in konvulsive Krämpfe verfallen- denn diese Bücher stammten samt und sonders aus der viktorianischen Zeit. Wer hier nicht recht weiß, wovon ich rede: Es waren die Zeiten in denen „die Neger“ in den Büchern noch mit dicken Nasen, Lanzen und Schilden, aber als echte Gegner der Britt´s gemalt wurden, herrlich koloriert und dargestellt im allerschönsten Afrika. Dickens schilderte die Londoner Verhältnisse ähnlich drastisch wie Friedrich Engels als er sich die Iren vornahm.
    (Das ist heute auch nicht mehr stubenrein) Kiplings Rikki Tikki Tavi tötete Cobras, vorzugsweise in den Gärten der Weißen versteht sich, und ein wenig später dann jagte Cecil Scott Forester die französische, spanische oder wahlweise italienische Flotte um den ganzen Erdball. (Immer hin und her und ganz allein: Ich war-und bin- begeistert. Sagenhafte Leistung!) Es sollte jedoch noch schlimmer kommen! Meine deutsche Mutter tauschte nach dem Weltkriege ihr Hamburger Quartier, aus Gründen unüberwindlicher Zuneigung zum welschen Feind, mit den cornishen Bergwerksrevieren. Und- was brachte sie mit? Genau; Bücher wilhelminischer Provenienz die nicht anders aussahen, nur die Sprache wechselten und überdies genauso rochen. Dieselben „dicken Nasen“, Lanzen und Schilde, nun aber vorgestellt als treue deutsche Askarinasen die von Zebras bewegt wurden. Lettow- Vorbeck zog gegen „Engländer“ und gab uns saures bis Abercorn. Die Briten mochten Lettow – Vorbeck und das wiederum mochte ich. Während meines Chemiestudiums in England las ich die Erinnerungen Bismarcks, Egon Fridell und Hermann Bahr – während meines Studiums in Deutschland las ich Churchill, Tennyson und John Robert Seeley. Unter diesen Umständen also kann man sich ja nur wundern, dass aus mir überhaupt noch etwas geworden ist.
    Herr Pantoufle hat die Möglichkeit gegeben, Einsicht über allerlei Geschriebenes von Herrn Engels zu bekommen. Treitschke zu lesen ist aber auch nicht das Dümmste, vorausgesetzt, es lässt sich in Deutschland überhaupt noch jemand dazu herbei, sich öffentlich zu äußern, Treitschke billigend zu kommentieren. (Das geht nämlich) Derjenige aber muss ja fürchten von der heutigen Aufgeklärtheit, dieser schönen Tugend und ihren Inquisitoren durch die Höfe gejagt zu werden. Schön von Herr Pantoufle, das er den Treitschke nicht verlinkt hat, zeugt es doch von einer Sensibilität der man nachfühlen kann, das er dieser Tatsache eingedenkt war. Unsere Zeiten sind doch herrlich: Man kann heute in jeder Lage etwas Richtiges aussprechen, ohne darüber zu bedenken, dass es vorher darauf ankäme jenes Richtige zunächst seiner Beliebigkeiten zu entkleiden. Diese Mode hat ihren Ursprung wohl in der Neigung zu einer Nachahmung die man nicht unterschätzen sollte, ja; man mag es fast eine deutsche Torheit nennen nachfolgende Generationen derart zu sozialisieren, dass alles Historische in dem eigentlich zu einem objektiven Urteil aufgefordert ist, einer engherzigen, moralisierenden Kritik weichen soll?! Wenn in Deutschland eine Treitschkestraße umbenannt wird- nun aber nicht mehr von Alldeutschen, sondern von Allwissenden, vorzugsweise von solchen, denen die blasierte Verkopftheit einer Frankfurter Schule nachweht, zeugt das zunächst einmal nur von dem historischen Defekt einer Publizistenmoral in dem man nicht zu einem Urteil kommt, sondern nur zu einer Verurteilung die jeden Wirklichkeitssinn vermissen lässt. Gleichwohl kann ich das verstehen, denn solche geschichtliche Revision aus Schamgefühl ist eben das letzte Mittel sich seiner eigenen Historie zu entledigen. Wir sollten uns aber doch vor Augen führen, dass solche Zeiterscheinung letztlich nur die eigene Abhängigkeit von einer Unwahrheit ist und dort, wo wir schon längst abhängig von Unwahrheiten sind, dort will man diese liebe Lebensgewohnheit gerne als einen kulturellen Aufschwung verzeichnet wissen…. „Stattdessen wird jede noch so fragwürdige neue Freizügigkeit als weltbeglückende Notwendigkeit verkauft „ Ja so ist es wohl.
    Wir wollen wohl kaum zur Kenntnis nehmen, dass im Verlaufe des Nachkolonialismus zunächst einmal Lanze und Schild gegen eine AK 47 getauscht wurde und die historischen Verantwortungen unserer Vorfahren nun auf uns übertragen sind. Man glaubt ja heute dennoch zu wissen, dass aus jeder privaten Illusion etwas Beträchtliches werden müsse und hierin ist man inzwischen so verbohrt, die private Illusion zur letztinstanzlichen Wahrheit aufzuwerfen, wohl weil man glaubt, von großen Wahrheiten ergriffen zu sein. Dieses moralische Licht am Ende des Tunnels hat sich für manchen von uns, der dieses Licht sein eigen nennt, sich aus seinen Bequemlichkeiten aber nicht herausführen mag, schon längstens als das Licht des Gegners entpuppt. Wie wird die Welt wohl morgen über uns urteilen, wenn sie sich die nicht gelösten- sozialen Fragen des 20.und 21. Jahrhunderts vorlegen wird, und- soll sie dabei genau so borniert vorgehen wie wir? Werden sie es tun, von Dingen also reden, von denen sie nicht das Geringste verstehen?
    Herr Pantoufle hat nun diesen Gedanken gebracht von dem ich mir erlaube ihn zu ergänzen.
    „Zu groß sind die Differenzen der gesellschaftlichen Umstände oder einer Moralvorstellung. Die Menschen handelten aufgrund einer Gegenwart, die ist und deren Vergangenheit und nicht einer, die sein wird.“
    Wir müssen zu einem Urteil gelangen, welches wirklichkeitsgemäß ist. Dieses Urteil kann nur getragen sein von dem Gedanken einer Zukunft; die sein wird und sein soll, so, dass darin der eigene Standpunkt gewechselt werden muss. Es wäre zunächst eine Verbeugung vor unserer Gegenwart, der wir vieles zu danken haben, schon weil sie uns bewegt und eine Aufwartung der wir der Geschichte zu machen haben, da sie die Vorrausetzung unserer eigenen Zeit ist. Eine Zeitbetrachtung also die ins Historische abfällig und in das Zukünftige skeptisch urteilt, ist nicht nur eine Zumutung, sondern im Besonderen eine Unmöglichkeit. Sie ist nicht Zukunftsfähig.
    Mit den besten Grüßen

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    • pantoufle sagt:

      Erinnerungen an Afrika? Ach, da hätte ich auch noch… Tante Hilde und Onkel Walter! Aus Deutsch-Südwest. Sie Krankenschwester, er Buchhalter von einer Farm ebendort. Den „Führer“ und seine Horden, beziehungsweise die sogenannte Machtübernahme, erlebten sie aus der Ferne, eben in Afrika – den Krieg selber erlebten sie in englischer Internierung; heim ins Reich kamen sie erst Ende der vierziger Jahre. Von dem, was sie aus Hörensagen kannten, war nicht mehr allzu viel übrig. Die Bewohner des tausendjährigen Reiches waren mit Aufräumarbeiten beschäftigt und übten Demokratie 2.0 unter alliierter Aufsicht. Die beiden sahen sich die Trümmer in – und um Nienburg herum an und ahnten, das sie herrlichen Zeiten entgangen waren. Die Nachbarn erzählten gerührt von den wunderbaren Umzügen der SA, den Hoffnungen auf die Weltherrschaft, deren Scherben sie gerade zusammenkehrten und daß es ja nicht alles schlecht gewesen sei… die Autobahnen, die Ordnung und die HJ – na ja: man kennt das ja! Onkel und Tante sahen sich milde lächelnd an und bauten sich ein Häuschen, in dem sie die wunderbar geretteten Mitbringsel aus Afrika (ich habe keine Ahnung, wie sie die nach Deutschland bekommen haben!) auftürmten.
      Rauchte die Asche des Führers auch schon lange nicht mehr: Die Sehnsucht nach der Glorie und den schönen Fackelzügen, die sie ja nun verpasst hatten, lies die beiden nie wieder los… was musste das herrlich gewesen sein! Nazis kannten sie bestenfalls aus der Internierung oder aus der Nachbarschaft – jene lange entnazifizierten und mittlerweile gute deutschen Bundesbürger! Eines der 8 Weltwunder, diese wunderbare Selbstheilung einer ganzen Nation innerhalb von 48 Monaten…
      Also wurden die beiden das, was man heute unter „Neonazis“ versteht. Gemeinsam mit den heutigen Neonazis hatten sie, daß sie keinerlei Ahnung hatten, worüber sie eigentlich redeten. Sie hatten weder den Führer noch die Bombennächte oder irgend eine Art Judenverfolgung erlebt (die sie im Übrigen auch immer bestritten: Ein Deutscher macht sowas nicht!… heilige Einfalt!). Was sie mit ihnen nicht gemeinsam hatten: Die beiden hatten Respekt vor jeder Hautfarbe, Religion, politischer Meinung oder sonstiger Einstellung. Alles, was sie wollten, war den Führer zurück, vielleicht eine etwas größere Marine, ein paar Kolonien (damit sie wieder zurück nach Deutsch-Südwestafrika konnten… es war ja ganz schön hier, aber das Wetter…) und ein paar Kleinigkeiten, an denen sich grundsätzlich niemand gestört hätte. Nicht einmal die Engländer, die ja bis zum heutigen Tage ähnliches wollen.
      Und jetzt komme ich langsam ins Spiel. Wie allgemein bekannt sein sollte, hat das mit den Kolonien nie wieder so richtig geklappt. Weder bei den Deutschen noch in England. Mit ergebenem Seufzen ergaben sich die beiden in ihr Schicksal, den Rest ihrer Tage in der Lüneburger Heide zu verbringen und sich der Brutpflege zu widmen. Nun war ich ein Teil dieser Brut. Ich und meine Geschwister durften also Tante Hilde und Onkel Walter besuchen… den Hügel herunter und dann nach links die Straße entlang und dann ein Stück rechts (das ist ein Symbol!) und dann war man da. Die Tür ging auf und man sah den riesigen Holzthron von einem Negerhäuptling – ups: Ich meine natürlich einem farbigen Politiker einer ethnischen Gruppierung… die politische Korrektheit versaut einem die herrlichsten Sätze… Unsinn: Negerhäuptling! Und Speere links und rechts. Mit Schildern für den Fall, daß die anderen auch Speere hatten! Das ganze drapiert auf einem Löwenfell. Mein erster Löwe! Sehr viel Löwe und nur wenige Motten oder was sich sonst noch gut mit „Löwe“ versteht. Man ey! Neun Jahre alt und halb Afrika in 3 oder 4 Zimmern! Auf einem Grammophon mit Kurbel konnte man echte Negergesänge hören. Nach ein paar Minuten langsamer, dann noch langsamer und dann durfte ich wieder kurbeln. Ich war der Älteste von uns und durfte. Dazu die herrlichen Erzählungen, wie toll es in Afrika im allgemeinen und unter deutscher Leitung im besonderen gewesen war. Albert Schweizer! Schon mal gehört? Ich wurde Albert Schweizer-Fan! Buschdoktor in Lambarene oder wie das hieß…das wäre doch was! Und wenn das nicht klappt, werde ich einfach Pilot!
      Ein Wort, was ich in diesem abenteuerlichen Haus niemals gehört habe, war „Wilde“. Ebensowenig so etwas wie „Nigger“ oder ähnlich abfälliges. Wohlgemerkt: Das ist mehr als vierzig Jahre her und politische Korrektheit schrieb sich damals erheblich anders als heute.
      Unsere Wege trennten sich. Weder wurde ich Buschdokter noch hatte es mit der Pilotenkarriere geklappt – nach wie vor zu meinem großen Leidwesen. Pilot wäre es immer gewesen.
      Das Verhältnis mit meiner Familie war für ein paar Jahre einigen Belastungen ausgesetzt, die teils meinem politischen Engagement wie auch einem ganz allgemeinen Misstrauen gegenüber den arrivierten gesellschaftlichen Kräften geschuldet war. Aber die Zeit heilt auch Wunden, die der Marxismus-Leninismus geschlagen hat und irgendwann fanden wir wieder zueinander.
      Onkel und Tante erfreuten sich nach wie vor bester Gesundheit, wie man auf den regelmäßig stattfindenden Familientagen feststellen konnte. Anstelle des angebotenen Hotels oder dem Zimmer in einer Pension wählten sie grundsätzlich ihr Wohnmobil. Das war ein VW-Bus – Modell Samba, mit den hübschen zusätzlichen Fenstern in der Dachwölbung – aus dem sie am frühen Morgen wie aus dem Ei gepellt erschienen – in der Hand jedesmal kleine Zettel, die sie an alle Anwesenden verteilten. Auf diesen Flugblättern konnte dann jeder, der sich dafür interessierte, nachlesen, um wieviel schöner Deutschland doch sein würde, wenn man wieder einen richtigen Führer und die schmucken braunen Uniformen hätte. Sanfte Panik aller Beteiligten… „nun nehmt ihnen doch endlich diese Schmierereien weg – Komm, Tante Hilde: Erst mal Frühstücken! Walter: Nun gib uns mal die Zettel; wir lesen das später und jetzt gibt’s erst mal Kaffee!“
      Die Zettel waren weg (womit der Auftrag ja streng genommen erfüllt war), das Frühstück hätte Eva Braun auch nicht besser machen können und für den Rest des Tages war Ruhe.
      Zwei herzensgute Menschen, die keiner Fliege etwas zuleide tun wollten. Ich habe sie immer in guter Erinnerung behalten: Der Sozialist und seine lieben Nazis. Verstanden habe ich es bis heute nicht… wozu auch! Es gibt Dinge, die sich der Ratio erfolgreich verweigern – speziell, wenn Löwen und Speere eine Rolle gespielt haben. Irgendwann rief der Führer seine allerletzten echten Verehrer zu sich (dem werden sie aber was erzählt haben, vermute ich!) und so sind sie aus meinem Leben verschwunden.
      Nur manchmal, wenn ich alte Geschichten von Wilhelm Busch lese oder anderes, was so nach Kindheit riecht (das haben Sie sehr schön gesagt, Herr Jefferson!), dann schließe ich die Augen und sehe Tante Hilde, wie sie ein Negerbaby in den Armen wiegt und ihm irgend eine Medizin gibt, damit es wieder gesund wird. Dr. Schweizer spielt im Hintergrund dazu die Orgel im Urwaldhospital und auf dem Fluß davor fahren Einbäume, deren Ruderer singen. Es knackt wie eine alte Grammophonscheibe …
      und es ist politsch unkorrekt bis zum dorthinaus!
      Und wem das nicht passt, der kann ja ins Kino gehen und „african Queen“ sehen – womit wir wieder bei C.S.Forester wären. Zu Rest des Briefes später mehr!
      Liebe Grüße
      Pantoufle

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    • pantoufle sagt:

      „[…] Schön von Herr Pantoufle, das er den Treitschke nicht verlinkt hat, zeugt es doch von einer Sensibilität der man nachfühlen kann, das er dieser Tatsache eingedenkt war.“
      Nun ja: Da hätte ich wenigstens vor dem Problem gestanden, wen genau ich denn da verlinken wollte – den frühen oder den späten Treitschke, das DDR-Hassbild oder den Zeitgenossen von Ranke (als immerhin dessen Nachfolger nach Berlin berufen) und Mommsen. Verschärft wird das Problem ja auch dadurch, daß es in Deutschland schwierig geworden ist, zu zitieren; vor allem, wenn es sich um konservative Quellen handelt. Schwierig zum einen, da Vielschichtigkeit vom Publikum gerne dahingehend interpretiert wird, „der Mann würde sich ja widersprechen“ und man sein Wesen, seine Existenz, nicht in den einen, griffigen Satz fassen kann, der nicht mehr Platz benötigt, als auf der Titelseite eines Nachrichtenmagazins zur Verfügung steht.
      Schwierig auch aus den traditionellen Gründen der deutschen Sprachkultur, in der so wenig Platz für Humor, Wortwitz oder Polemik ist. Und wenigstens für exzellente Polemik wäre Treitschke gut gewesen. Aber nun wird der Alte leider auf seinen unseligen Ausspruch „die Juden sind unser Unglück“ und seine zugegebenermaßen unglückliche Figur im Berliner Antisemitismusstreit beschränkt und dient als Grund für diverse Straßenumbenennungen und Denkmal-Einschmelzungen.
      Wäre es doch wenigstens historische Scham, wäre es doch die belesene, wissende Erkenntnis, sich von den Demagogen eines Antisemitismus zu distanzieren, der tatsächlich Deutschlands Unglück wurde. Aber dazu müsste man lesen – ich komme schon wieder darauf zurück: Eben auch mit der Einsicht, das Geschichtsverständnis nicht damit funktioniert, als Kind eines Sozialstaates sein sozialromantisches Weltbild auf einen Historiker des neunzehnten Jahrhunderts anzuwenden. Ihre zitierte 23jährige Studentin mag dafür als Beispiel herhalten „…dass das Wesen des deutschen Nationalsozialismus wohl erst richtig erfasst ist, wenn (auch) Herder und Fichte in ihrer antisemitischen Tendenz entlarvt sind“ Was dabei herauskommt, ist gerade wieder schön zu sehen gewesen, als Heiner Geissler im Vermittlungsgespräch um Stuttgart21 mit der Formulierung „wollt ihr den totalen Krieg?“ mangels anderer Neuigkeiten für Tage die Titelblätter okkupierte.
      Ich kann mich Ihrer Meinung nicht vollständig anschließen, wenn Sie „[…] die blasierte Verkopftheit einer Frankfurter Schule“ zur Verantwortung heranziehen – ich will für jene nicht an dieser (oder anderer) Stelle eine Lanze brechen, aber wir reden hier immerhin unter anderem über Marcuse, Fromm und Adorno. Sie teilen das Schicksal von so vielen, die zwar gerne zitiert, aber nicht gelesen werden: Zum zitieren reicht ja bekanntlich die Wikipedia, aber der Lebensleistung der Genannten wird man damit nicht gerecht… man kann nicht jeden Lehrer an seinen Schülern messen und mag das auch noch so verlockend erscheinen.
      Eines der Dinge, die mich an diesem Land immer wieder verzweifeln lassen, ist die Diskrepanz in der Qualität von einer – ich möchte es einmal fachinternen nennen – und der öffentlichen Diskussion. Als Beispiel mag der Historikerstreit 86/87 dienen: Ich studierte unter immer noch ungeklärten Umständen Geschichte, als das Spektakel ausbrach. Unsere Professoren paukten uns aus gegebenem Anlass durch Nolte, Stürmer und Habermas, ich entwickelte eine stille Sympathie für Ernst Nolte (hauptsächlich wegen seines Werkes „der Faschismus in seiner Epoche“) und wurde nebenbei zu einem glühenden Sebastian Haffner Verehrer – obwohl der damit erst einmal gar nichts zu tun hatte. Knapp zwanzig Studierende in diesem Semester wurden von 4 Professoren betreut, die jeder unterschiedliche Standpunkte vertraten und uns zwischen denen in die Zange nahmen – da hieß es aufpassen!
      Man vermittelte uns unter dem Strich erfolgreich das Gefühl, daß unsere Meinung in dieser Auseinandersetzung gesellschaftlich eine wichtige Rolle spielt, so wir die Spielregeln einhalten würden wie wissenschaftliches Arbeiten, Genauigkeit und das Hören auf das eigene Gewissen – eine interessante Kombination übrigens! Die Diskussion war für mich – soweit es den universitären Bereich betraf – eine Art halb religiöses Erweckungserlebnis, wie man eine Auseinandersetzung nur dann erfolgreich führen kann, wenn man auch den Gegner achtet (wozu man ihn allerdings lesen mußte…).
      Die Ergebnisse, die über Zeitung und Fernsehen in die Öffentlichkeit gelangten, konnten diesem Anspruch erwartungsgemäß nicht folgen. Jeder nahm sich, was er fürs tägliche politische Brot brauchen konnte und meine Achtung vor Zitaten selbst bedeutender Menschen sank, wenn man sie ihres Kontext beraubte – dadurch wurden sie meist nutzlos. Eine „Kernaussage“ ist nur dann eine, wenn man die 70 Seiten davor auch gelesen hat. So einfach ist das.
      Ach ja – und dann war da noch Sebastian Haffner! Der zigarrerauchende Konservative, den die anderen seiner Couleur nur ängstlich zitternd zitierten, weil man sich nicht sicher sein konnte, das er ihre Argumente nicht im nächsten Atemzug „von links“ zerlegte. Ein leuchtendes Beispiel bundesrepublikanischer geistiger Unabhängigkeit, das konsequenterweise keine Nachfolger fand. Diese Marke lag in den journalistischen Regalen unverkäuflich wie Blei. Ehre seinem Andenken.
      Die Bundesrepublik wollte keinen Willi Brandt, sondern einen Helmut Kohl – unter anderem deswegen, weil der tumbe Ochse aus Oggersheim zur „Versachlichung“ der Debatten taugte – wenn er das versteht, verstehen wir das auch. Und er verstand nicht viel. Nach ihm konnte selbst ein Wolfgang Thierse oder Horst Köhler intellektuell glänzen. Eine stromlinienförmig gesichtslose Geschichtsauffassung wundert da nicht mehr.
      Warum nicht Treitschke? Warum nicht kantige, wahrhaftige, widersprüchliche Personen lesen, die mindestens als Zeuge dafür dienen könnten, wie man sehenden Auges in den großen Krieg lief? Wie man liberale Ansichten aus den Zeiten des Frankfurter Parlaments für ein populistisches Butterbrot verkaufte? Lesen ist gefährlich: Es verhindert Dummheit und stellt schlimmstenfalls Vorurteile und die sogenannte eigene Meinung in Frage. Also wird nicht auf Treitschke verlinkt… sozusagen aus humanitären Gründen.

      Mit vorzüglichen Grüßen
      Ihr ergebener Pantoufle

      Ach ja: Und dann war da noch der Journalist Alan Posener, der die These vertritt, Thielo Sarrazin sei der neue Heinrich von Treitschke. Warten wir also noch ein wenig, dann wird Westerwelle der neue Leo v. Caprivi, Rainer Brüderle zum zweiten Walter Rathenau und Helmuth Kohl zur Reinkarnation des Fürsten von Bismarck.

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  4. Derek Jefferson sagt:

    -die politische Korrektheit versaut die herrlichsten Sätze-
    -Wasser auf die Mühlen von Frau Fanny-

    …..Eine Zeitbetrachtung also die ins Historische abfällig und in das Zukünftige skeptisch urteilt, ist nicht nur eine Zumutung, sondern im Besonderen eine Unmöglichkeit. Sie ist nicht zukunftsfähig!
    Sie scheint es mir deshalb nicht zu sein, weil sie nicht aus unserem allgemeinen Gegenwartsdenken hinauszuführen in der Lage ist und es nichts verrät von einer wirklich tätigen Absicht. Es wird meiner Ansicht nach entscheidend sein jedoch, wie das Denken der Menschen an unserer Zukunftsgestaltung beteiligt ist, und guten Grund, über unser Denken Rechenschaft abzulegen hätten wir ja allemal. Das heute oftmals anzutreffende Selbstbewusstsein des Einzelnen, dasjenige, was nur zu oft bar jeder eigenen Gedankenanstrengung einherkommt, im Anspruche jedoch glaubt meinungsbildend zu sein, scheint mir zunächst nur eine Widerspiegelung unseres Zeitgeistes zu sein und der uns das ja auch zu gewissen Graden abfordert. Es ist halt die Frage, ob uns das wohl klar werden wird, und wann wir gedenken hierunter den Schlußstrich zu ziehen. Um das einmal näher zu erläutern, möchte ich etwas vorraustellen was in Deutschland mittlerweile ja als eine Provokation aufgefasst werden muss; nämlich einen Apell an die Inhalte deutscher Kulturgeschichte und die Frage, ob ein deutsches Kulturschaffen nicht eigentlich noch ihrer Aufgabe wartet. In der Regel tue ich das, wenn ich es in England mit deutschen Studenten zu tun bekomme (ich nenne es Boogietraps) und kann hinter meiner britischen Staatsbürgerschaft ganz gut Deckung nehmen. Nun dürfte, ähnlich wie in Deutschland, ein Student dem Mitarbeiter einer Fakultät kaum entrinnen wenn es gilt adäquate Antwort zu geben, und so werden meist die Antworten reine Rückzugsgefechte mit wenig sensationellen Argumenten! Zunächst; da sind die Einen die solcherlei Diskussion überhaupt zu umschiffen versuchen, das ist Tendenz- aber noch akzeptabel weil sie harmlos und gutwillig sind. Der Fraktion der meist suggestiv-gelenkten, mit Fakten und Versachlichungsargumenten bis an die Zähne bewaffneten Kombinatoriker ist weniger gut beizukommen. Meist nur entlarvt durch den Hinweis auf die Trivialität ihrer Arbeiten und von mir Wikipedianer genannt. Als Wasserträger dieses Urquells neuerer Weisheit zukünftig wohl unentbehrlich für Politik, Industrie und Forschung. Humankapital eben und Wendehälse erster Ordnung. (Deswegen besteht auch allenthalben unausgesprochene Übereinkunft, dieses Klientel, weil zahlend, in Ruhe zu lassen.) Meine Opposition gegen solcherlei Schülerschaft reduziert sich deshalb auf die Bemerkung; dass mir ein Raucher, der etwas taugt, lieber sei als ein Gesundheitsapostel, der nicht einmal als Feigling zu gebrauchen ist. Die jährlich aus Deutschland anreisenden Eltern, schauend ob ihr Spross auch gedeiht und ihrem durchschnittlichen Erbe fürs nächste Quantum Bildung noch einmal so 10.oder 20. tausend Stutz nachwerfen, quittieren mir diese Bemerkung meist mit einem freundlichen Lächeln. Dann weiß ich; ich bin nicht verstanden worden und damit sehr zufrieden da es einen Verdacht in mir bestätigt. Und dann sind da Diejenigen, und das ist die Fraktion die ich einmal charakterisieren möchte, welche sich ständig dazu herbeilassen, ihr, wenn auch geistreiches Geschwätz, in den Dienst eines Ideales zu stellen, vorzugsweise des Ideales, welches sie beim Fragesteller zu erkennen glaubten. Von Denjenigen die ihre meist stille Aufwartung machen dadurch, dass sie sehr wohl etwas zu sagen haben, soll hier nicht die Rede sein.
    Verehrte Frau Fanny also:
    Damit ich nicht missverstanden werde; es kann sich hier überhaupt gar nicht darum handeln, den Einzelnen in seiner menschlichen Würde anzugehen, sondern zu charakterisieren wie ein gewisses Denken, wenn es überhaupt eines sein sollte und deren Reaktion, symptomatisch für unsere Gegenwartskultur werden kann. Und die symptomatische Figur eines solchen Nichtdenkers ist z.B. Wolfgang Thierse in seinem Aufsatz: Die Kulturnation- von Schiller lernen? Wer danach im Internet sucht wird es finden. Es mögen aber diejenigen, die hoffen von Schiller etwas lernen zu können, nicht all zu enttäuscht sein, denn von Schiller ist dort kaum die Rede! Dafür hat Herr Thierse sein geistreiches Geschwätz in den Dienst der politischen Korrektheit so hineingestellt, das er darin zwar noch als Persönlichkeit durchgehen mag in dem Versuch sich in ein, besser: „sein“ demokratisches Ideal einzupassen, ansonsten jedoch nichts weiter tut, als sich in vorrauseilendem Gehorsam zu üben, oder im Text gegen imaginäre Angriffe zu wappnen. Diese Ängste sind auch durchaus nicht unberechtigt, denn die deutsche- allgemeingebildete Inquisition reagiert ja heute schon empfindlich, wenn Namen fallen wie Herder oder Fichte. (Das ist durchaus neu! Vor 15-20 Jahren drehte man in Deutschland erst bei dem Namen Wagner durch.) Wobei allerdings bezweifelt werden darf, dass diese Elite neo-liberaler Bildungsspitze Herder oder Fichte überhaupt liest. Deshalb aber scheitert Thierses Versuch über die Kulturnation Deutschland überhaupt etwas Wesentliches mitzuteilen und macht überhaupt den Eindruck, als wäre er von einem Abiturienten und eben nicht von einem Bundestagspräsidenten geschrieben. Dieser Gefahren, abgewatsch zu werden, also eingedenkt, kulminiert Thierses Schlusssatz auch in der Bemerkung:“Seien wir Deutschen also eine Nation wie andere auch: gelassen selbstbewusst, ohne falsche Abgrenzungen und Ausgrenzungen – eben eine Nation mit Kultur!“ Ich frage mich, was damit wohl gesagt sein soll?!
    Verzeihung, ich muss ganz ehrlich sagen; da sind mir “Tante Hilde und Onkel Walter“ doch wirklich lieber. Aber was ist das denn eigentlich, wenn niemand mehr in der Lage ist über Begrifflichkeiten, Historisches, Ideal und Erkenntnis frei zu urteilen? Es ist Zensur! Es ist die Zensur der sogenannten “öffentlichen Meinung“ und ihrer parlamentarischen Auswüchse. Mit was haben ich es zu tun, wenn mir eine 23 jährige Studentin, die in ihrem jungen Leben im Prinzip zunächst nichts weiter getan hat, als das Geld ihrer Eltern auszugeben, aber erklärt, sinngemäß; dass das Wesen des deutschen Nationalsozialismus wohl erst richtig erfasst ist, wenn (auch) Herder und Fichte in ihrer antisemitischen Tendenz entlarvt sind? Was ist das? Eben, es ist nichts weiter als eine Wiederspiegelung der Gedanken anderer, in der keine eigene Gedankenkraft liegt, ( die heute aber allein differenzierend wirken muß) aber die Wahrheitsfrage jedoch für die meisten von uns schon beantwortet scheint, allein dadurch, dass sie einer modischen, allein manipulierenden Tendenz folgt. Wohl in der Absicht allein moralisierende Begriffe zukunftswirksam zu machen? Geschichte sollte in der Betrachtung nicht einem moralisierenden Urteil unterliegen, sondern die sich daraus ergebene Wertung soll sich moralisch und “ Erkenntnismäßig“ mit ihren Zukunftssinn beschäftigen. Die Deutsche Geschichte besteht nicht nur aus zwölf Jahren Nationalsozialismus, oder wilhelmienischer Großmannssucht, und ein Grund zur Gängelung deutscher Kulturgeschichte kann nicht bestehen, es sei denn man kennt sie nicht, oder man hat Spezialinteressen. Dies Herrn Thierse mitzugeben hat wohl nur noch wenig Sinn- bei einer 23 jährigen Studentin scheint das aber sehr wohl aussichtsreich.

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  5. Derek Jefferson sagt:

    Ach- Frau Fanny ..Ach wehe….oh !

    Zum Hausfrieden

    Viele Weiber, viele Flöhe,

    Viele Flöhe, vieles Jucken –

    Tun sich heimlich dir ein Wehe,

    Darfst du dennnoch dich nicht mucken.

    Denn sie rächen, schelmisch lächelnd,

    Sich zur Nachtzeit – Willst du drücken

    Sie ans Herze, lieberöchelnd,

    Ach, da drehn sie dir den Rücken.

    H. Heine
    Derek Jefferson

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  6. studerpr99 sagt:

    Moin Frau Pfanni

    Jetzt bin ich aber langsam echt sauer!

    Den Leuten reingrätschen- und dann Rückzug wegen möglicher blauer Flecken ist wirklich etwas dürftig- nu laß mal raus Dein Evangelium.
    Liebe Grüße von Camillo

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  7. Fanny sagt:

    Du calme, du calme – gemach, gemach !
    Welche Unruhe meine Herren ! Erstmal guten Tag !

    Nein, ich wollte niemandem den Rücken zukehren (doch gäbe es wohl Schlimmeres, denn „auch ein schöner Rücken kann entzücken“). Ich habe auch keine Angst vor blauen Flecken, na ja, nicht so viel, dass ich aus diesem Blog lautlos für immer verschwinden würde… Ich danke, lieber Camillo : Blaue Flecken habe ich momentan zur Genüge… Fuss vor ein paar Tage böse umgeknickt… Dieser Farbtupfer hat mir noch gefehlt… Schön, dass der Schmerz allmählich nachlässt.

    Ich war lediglich in Urlaub – niemand darauf gekommen ? Davor noch richtig viel Arbeitsstress — dann die abgeschiedene Welt, ohne Laptop und ohne Internet… Probiert mal aus, da bekommt alles neue Dimensionen ! In dem Maße, dass ich hier wohl den Faden etwas verloren habe… So viel Wasser ist auf die Mühlen geflossen… eine erfreuliche Sache ! Und an dieser Stelle noch meine Bitte um Entschuldigung für dieses unentschuldigte Fehlen – ich hoffe, Ihr verzeiht mir. Natürlich bin ich mir die Ehre der persönlichen Anrede im Titel bewusst (!!), ich hatte mich wenigstens bereits bei dem Autor privat bedankt und um etwas Geduld gebeten…

    Es tut mir Leid, lieber Herr Jefferson, dass Sie sich dermaßen über meine Fragen aufregten. Doch könnte es sich um ein Missverständnis handeln. Es war von mir nicht der Versuch, nach dem Betrachten der besagten Fotos „mit diesen Zeiten abzurechnen“ und „die Vergangenheit zu kritisieren“… Vielmehr wollte ich die Aufwallung der Begeisterung von Herrn Pantoufle für den stolzen Optimismus jener Zeit ein wenig in Frage stellen. Weil sie mir zu absolut erschien.

    Ich wollte sehen, was Ihr zu den ernsten Mienen sagt; einige Eurer Anregungen sind mir eine willkommene plausible Erklärung. Ich danke Euch.

    Ich verstehe Pantoufles Anmerkung sehr wohl, dass “ein Vergleich zwischen früher und heute wenig sinnvoll ist”. Jedoch möchte ich hier meine große Dankbarkeit ausdrücken, für die vielen, insbesondere gesellschaftlichen Entwicklungen seit dieser Zeit (mehr Rechte, mehr Freizeit, und mehr Freiheit -natürlich nur bis zu einem gewissen Grade- „anders“ zu sein, zu denken und zu leben).
    Dass meine Vorstellung jener Zeit etwas bedrückt ist, ist nicht das Resultat eines langen „Anglotzten eines ausgestopften Kamels“ ( -ich habe mich inzwischen beruhigt- ), sondern meiner Interpretation aus einer bescheidenen Auswahl an (französischen) Autoren des 19. Jahrhunderts zurückzuführen. Émile Zola z.B. liefert andere Berichte über das Leben der Bergarbeiter… (Hat man den Hut vor den Fabrikbesitzern deshalb gezogen, weil man den Stand und den Menschen ehrlich achtete oder nur im Bewusstsein der gesellschaftlichen Erwartungen und der möglichen Bestraffungen am Arbeitsplatz und aus der Nachbarschaft ?).

    Doch hat diese Epoche auch für mich etwas Faszinierendes, gerade weil so viel im Umbruch war und so viel Neues entstand.

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