Lesestunde mit Landauer

Warum sollte man Gustav Landauer lesen? Er bietet keine wissenschaftliche Theorie. Er ist weder ein Karl Marx noch der Tatmensch Lenin. Keine Backrezepte. Keine Utopie, die sich in einem Buchtitel unterbringen ließen. Ein Theoretiker? Ja, auch. Einer, der froh und selbstbewusst sein Judentum lebte, dessen Gedanken sich in der späteren Kibbuzbewegung wiederfinden. Landauer suchte Alternativen zum mechanistischen Positivismus des Marxismus, bezeichnete sich seit 1893 als Anarchosozialisten. Die Zeitung »der Sozialist« wandelte sich unter seiner Leitung von einem Organ der Sozialdemokratie zum einzig über einen längeren Zeitraum durchgehend erschienenen Zeitschrift des Anarchismus, »da zwischen dem freien Socialismus und dem Anarchismus weder in prinzipieller noch in taktischer Hinsicht ein Unterschied besteht« ( Jg.3,1893,Nr.14)

Sein Anarchieverständis orientierte sich zum Teil an das Kropotkins und Proudhons: Gegenseitigkeit, Solidarität, Kooperation, Selbstbestimmung, freie Assoziation und Föderation. Ein »Anarchismus ohne Adjektive«, ein Schwerpunkt auf die Veränderung des Bewusstseins der Menschen und nicht allein auf den ökonomischen und politischen Kampf. Freie Vereinbarungen und die Erkenntnis, daß der Mensch nicht Erfinder, sondern Erbe des gesellschaftlichen Zusammenlebens sei, erschienen Landauer als geeignetes Mittel, Hierarchien und Autoritäten abzubauen.
Höchstes Ziel sei die „Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit“. (Die 12 Artikel des Sozialistischen Bundes, 1908)
»Austritt aus dem Staat, aus sämtlichen Zwangsgemeinschaften; radikaler Bruch mit den Überlieferungen des Privateigentums, der Besitzehe, der Familienautorität, des Fachmenschentums, der nationalen Absonderung und Überhebung.« (Gustav Landauer: Ein paar Worte über Anarchismus, in: Der Sozialist vom 10. Juli 1897).

Landauers Kapitalismuskritik ist nicht primär eine Kritik des ökonomischen Systems und seiner Krisenanfälligkeit im marxistischen Sinne, sondern an seinem Geist, an seiner Vulgarität, Bestialität und Profitorientiertheit. Ökonomisch setzt er diesem die Idee genossenschaftlichen und Siedlungszusammenschlüssen entgegen, beeinflusst u.A. von de La Boëtie, Lew N. Tolstoj, Hertzka, Gesell, Franz Oppenheimer, Eugen Dühring, Henry George, Benedict Friedländer, Constantin Frantz.
Bei dieser Kritik beließ es Landauer nicht allein bei theorethischen Überlegungen. Einen nicht unerheblichen Teil seines Lebens widmete er der praktischen Erfahrung von lokal – autonomen Wirtschaftsformen. Ein Bereich seines Wirken, das den Rahmen dieses Textes sprengen würde – es soll zu einem späteren Zeitpunkt zum Thema werden.

»Vieles, was Landauer hier sagt, kann man als eine Kritik am Kautskyanischen Marxismus, wie er damals die deutsche Sozialdemokratie beherrschte, ohne weiteres akzeptieren. Ein differenzierteres Marx-Verständnis gab es aber 1911 noch nirgends. Marxismus, das ist für Landauer ein pseudowissenschaftlicher Entwicklungsglaube. Der echte Sozialismus kann keine Wissenschaft sein, weil er schöpferisch Neues zu verwirklichen trachtet, ein Ideal realisieren möchte. Er ist ein moralisches Sollen aber kein naturgesetzliches Müssen. Landauer bekennt sich zum moralisch-wertenden Charakter seines Aufrufs und nimmt für ihn – im Gegensatz zum Marxismus – keinen Wissenschaftscharakter in Anspruch. „Wir sind Dichter; und die Wissenschaftsschwindler, die Marxisten, die Kalten, die Hohlen, die Geistlosen wollen wir wegräumen, damit das dichterische Schauen, das künstlerisch konzentrierte Gestalten, der Enthusiasmus und die Prophetie die Stätte finden, wo sie fortan zu tun, zu schaffen, zu bauen haben im Leben… für das Mitleben, Arbeiten und Zusammensein der Gruppe der Gemeinden, der Völker“«

Iring Fetscher – Aus dem Geist der Gerechtigkeit. Wiedergelesen: Gustav Landauers »Aufruf zum Sozialismus« von 1911 (FAZ, 2.12.1977)

Warum Landauer lesen? Er übersetzte unter anderem Werke von Bernhard Shaw, Rabindranath Thakur, Peter Kropotkin, Oscar Wilde, Walt Whitman und Meister Eckhart.
Sein Œuvre umfasst sowohl politischer Essayistik wie auch Belletristik unter Einflüssen von Baruch, Spinoza, Fichte, Lessing, Heine, Schopenhauer, Meister Eckhart und Nietzsche. Sein Sprachgefühl und seine Kultiviertheit, sein bedingungsloser Pazifismus und nicht zuletzt sein Humor haben erstaunlich wenig Patina.
Deswegen also jetzt ein Brief Landauers, in dem er sein Verhältnis zum sogenannten kommunistischen Anarchismus zum Thema macht. Analyse, Sprachgefühl und ein Stil, der die Zeit überdauert hat.

Gustav Landauer – Ein Brief über die anarchistischen Kommunisten

Wertgeschätzter! Sie bestürmen mich in Ihren Briefen, nachdem ich Sie durch gelegentliche Bemerkungen in einem Aufsatz, der in andere Richtung ging, gereizt habe, ich möchte, ich müßte mein Verhältnis zum anarchistischen Kommunismus klar legen. Zwar wünschen Sie außerdem noch eine Darlegung über das Verhältis Proudhons zu diesem Kommunismus und wollen meine ablehnende Bemerkung, zu solchen historischen Exkursen hätte ich jetzt keine Zeit, und dieses Verhältnis stünde ja überdies fest, nicht gelten lassen.

Aber in der Hinsicht kann ich nur wiederholen: es steht fest; die Gewohnheit, Proudhon aus zweiter oder dritter Hand kennen zu lernen, braucht nicht unterstützt zu werden; man lese also Proudhons hier hauptsächlich in Betracht kommende Schriften, die sich nicht mehr verändern werden, und man wird wissen, worin er sich von den kommunistischen Anarchisten, die nach ihm kamen und ihn zu verbessern behaupteten, und sich wahrscheinlich auch nicht mehr ändern werden, unterscheidet. Das wird allerdings Zeit kosten, aber die Mühe lohnen. Ich hoffe, man wird dann merken — wenn man die Schriften von 1840 bis zu seinem Tode studiert und ihn als Gesamterscheinung erfaßt — daß er weder Individualist noch Kommunist noch Mutualist noch gar Proudhonist gewesen ist, sondern immer nur Proudhon, der jeweils auf die Gegenwart einwirken und das Mögliche durchsetzen wollte, der immer entsetzt war, wenn man von seinem System sprach, dem es einerlei war, ob er sich selbst je nach Gelegenheit Demokraten, Republikaner, Anarchisten oder sonstwie oder garnicht benannte, der schon frühzeitig erkannte, daß Demokratie heutigen Tags nur Demopädie, d.h. Volkserziehung bedeuten kann, und der in seinem Kopf allerdings ein durchaus und hervorragend systematisches Denken gehabt hat, das System des Denkens aber niemals für die Gestalt einer Wirklichkeit genommen hat.

Ich wiederhole also: über Proudhon und seine Bedeutung für unsere Zeit habe ich viel zu sagen und sage es fortwährend und immerzu; zu einem Exkurs über das geschichtliche Verhältnis seiner Wirksamkeit zu den Lehren der Begründer des anarchistischen Kommunismus gebricht es mir an Zeit.

Aber auch Ihren andern Wunsch, ich solle das System des Kommunismus kritisieren, werde ich so wie Sie es meinen, nicht erfüllen. Zunächst aber muß ich Sie daraufhinweisen, daß der »Sozialist« es bisher schon nicht hat an sich fehlen lassen, zu diesen Dingen die Stellung einzunehmen, die genommen werden sollte und die allerdings eine andere ist, als Sie sie erwarten. Ich verweise Sie vor allem auf den Aufsatz »Vom Weg des Sozialismus«, den Sie in der Nummer 10 des ersten Jahrgangs (1909) finden. Ich bitte Sie, ihn jetzt gleich zu lesen.

Sie haben es getan? Also ich wiederhole die ernsthafte Scherzrede, die Sie da im Eingang gefunden haben und knüpfe an sie an: »Weder ,auf dem Boden’ des Kommunismus noch des Individualismus steht irgendwer, sondern heute auf dem des Kapitalismus.« Das soll heißen: man steht auf dem Boden nicht mit dem Kopfe, sondern mit den Füßen; woran der Sozialismus als Verwirklichung anzuknüpfen hat, das ist nicht eine fertig in wissenschaftlicher Sprache ausgearbeitete Theorie, sondern die Gestalt der Wirklichkeit, aus der heraus, der entgegen er sich gründen will.

Sozialismus nämlich, ich wiederhole es aus dem genannten Aufsatz, ist nicht ein fertiges Lehrgebäude, sondern zunächst ein Aufbäumen des Gefühls und Willens gegen Ungerechtigkeit, Unsinn und Häßlichkeit. Ein Vorwärtsdringen des Gefühls und Willens dann zu Gerechtigkeit, sinnvoller Verständigung und freudigem Mitleben der Menschen.

Es kann dann die Utopie oder systematische Gestalt einer zukünftigen Gesellschaft im Hirn der Menschen folgen. Es kann so sein, daß die Revolutionäre eine genaue und fertige Beschreibung der Zustände, die sie wünschen, in sich tragen oder eine der vorrätigen und bereits veröffentlichten akzeptieren. Aber es braucht durchaus nicht so zu sein. Es kann auch andre Menschen geben, z.B. solche, die die Unklarheit über das, was nicht ist und was nicht lediglich von ihrem Willen und Verständnis abhängt, absichtlich nicht aufgeben wollen, die dafür über das, was ist, über die Gegenwart, durchaus Klarheit wünschen; Menschen, deren Willensenergie nicht so bestellt ist, daß sie sagen: ich will, daß die Welt, wenn der große Kampf ausgekämpft ist, so und so aussieht, sondern bei denen es so steht, daß sie daran gehen wollen, das ihrige zu tun, damit der große Kampf und die große Umgestaltung jetzt beginne. Ich habe Ihnen also zu erklären, daß meine Aufgabe nicht die Kritik des anarchistischen Kommunismus oder Individualismus sein kann, sondern die Kritik der Personen, die die Träger dieser Theoreme sind, und ihrer psychologischen Beschaffenheit.

Diese Kritik erkennt zunächst, daß die Personen, die sie untersucht, in ihrem Geist und Gemüt die unheilbare Tendenz haben, sich aus der verhaßten Gegenwart in ein Reich der Phantasie zu flüchten, das sie mit ihrem Gefühl und Verstand herstellen und ausgestalten. Sie überspringen den Übergang und sagen: wenn es erst so weit ist, soll es so und so aussehen. Hier, bei diesem Wenn gehen nun die verschiedenen Richtungen zu verschiedenen Wegen auseinander.

Die Kritik des Weges der sogenannten Individualisten ist in dem genannten Aufsatz gestreift worden. Lassen Sie mich jetzt nur etwas über den Weg der Kommunisten sagen. Sie schildern ihr Ideal, sie schildern die Zustände der Gegenwart und begeben sich an das einzige Werk, das sie in der Gegenwart vor Augen sehen : die Vorbereitung einer Volkserhebung, in deren Verlauf dann — ohne jede Diktatur ohne irgendwelche Dekrete, bloß durch die Initiative des Volkes, ja sogar, bloß durch die Initiative der Arbeiterklasse — ihr Ideal zur Wirklichkeit werden soll. Sie haben Klarheit über die ausgedachte Gestalt einer fernen Zukunft; über den Weg zu diesem Ziel, über die sofortigen Aufgaben der Gegenwart, über die Möglichkeiten während der Revolution herrscht in ihnen eine nicht zu übertreffende Unklarheit. »Revolution« ist für sie ein völlig mystisches Wort, das ihnen die Vorstellung der Erfüllung ganz und gar einschließt. Revolution heißt für sie Erfüllung. Revolution heißt für sie: Entfernung herrschender Personen; Macht des siegreichen Proletariats; und wenn das Proletariat siegreich ist, das Proletariat, das natürlich nicht mehr sozialdemokratisch, sondern kommunistisch-anarchistisch gesinnt sein wird, dann wird eben dieses kommunistisch-anarchistische Proletariat den kommunistischen Anarchismus einführen. Nichts scheint den Personen dieser Psychologie einfacher als das; und ich muß gestehen, auch ich finde das alles überwältigend einfach, einfach bis zum Kindischen.

Ich habe wiederholt darauf hingewiesen, daß die kommunistischen Anarchisten auf Grund dieser Seelenverfassung sich in ihrem Denken mit wichtigen Teilen des Marxismus eingelassen haben. Für sie, wie für die Marxisten der andern Richtungen, gibt es zwischen der gegenwärtigen kapitalistischen und der künftigen sozialistischen Gesellschaft diese Kluft und Generalpause der Revolution. Der Kapitalismus entwickelt sich bis zu seinem Gipfel, dann, teils durch diese Entwicklung selbst, teils durch unermüdliche Agitation und Aufklärung, kommt die große Revolution, das fruchtbare Chaos, und wenn sich die Wolken verzogen haben, wird der Sozialismus da sein. Ganz wie auf der Wagnerbühne, wo zwischen zwei total verschiedenen Szenenbildern sich schleierhaftes Gewölk herabsenkt.

Ich weiß nicht, ob es die richtige Erklärung dieser Gemütsverfassung ist, jedenfalls aber ist es die mildeste wenn man sagt, daß sich in dieser Richtung des Geistes und der Tätigkeit Weltflucht, Trostlosigkeit und Verzweiflung offenbart. Ich meine, in irgend einem Winkel des Kommunisten, tief verborgen und ängstlich immer wieder ins Dunkel hinuntergestoßen muß das Wissen wohnen, daß es doch so in der Welt nie zugehen kann, daß die Dinge garnicht diesen Gang nehmen können. Man ist nur hilflos, man weiß nichts anderes, jedes Einlassen mit der Gegenwart, jede tatsächliche Betätigung erscheint als eine unwürdige Anpassung, und um seinen Drang nach der Tat zu befriedigen, ruft man unermüdlich — aber doch wohl manchmal etwas müde, etwas schablonenhaft und mechanisch — zur Tat auf und gibt auch ab und zu in neuen Farben und Linien die Schilderung seiner Utopie zum Besten. Dieses letzte freilich geschiebt nicht allzu oft. Die kommunistischen Anarchisten mögen sich selbst befragen, warum sie viel lieber vom Generalstreik, vom Antimilitarismus, vom Syndikalismus, und allerlei andern -ismen reden als vom Kommunismus, den sie doch recht sehr im Hintergrund lassen. Nur nebenbei will ich hier erwähnen, daß Peter Kropotkin, wenn man ihn ausdrücklich fragt, sich allerdings in voller Überzeugung zum Kommunismus bekennen wird, daß ich aber in allem, was er seit vielen Jahren veröffentlicht hat, nur einen sehr vernünftigen und wertvollen Kommunalismus finden kann. Ich bin überzeugt, Sie werden geneigt sein, mir jetzt wieder einen Brief zu schreiben, in dem Sie mich auffordern, mich über den Unterschied zwischen Kommunismus und Kommunalismus auszulassen. Aber es geht gar nicht anders, als daß ein Mensch von einigermaßen lebhaften Einfällen auf seinem Wege ab und zu etwas streifen muß, bei dem er dann doch nicht verweilen kann. Ich muß jetzt auf meinem Weg weiter; ein andermal reden wir vom Kommunalismus, und dann auch davon, wie viel äußerst wertvolle Elemente, wie viel an Gemütsanregung an klarer Einsicht und an Tatsachenmaterial in den Schriften Kropotkins, Elysée Reclus, Malatestas und mancher andern steckt. Ich wende mich viel weniger gegen sie, die ich wahrhaft verehre — obwohl ich mich allerdings auch gegen sie wende — als gegen die Gestalt, die der kommunistische Anarchismus bei uns, in den Ländern deutscher Sprache, zumal in den Köpfen mancher propagandistisch tätigen Arbeiter, angenommen hat.

Wir Sozialisten vom Sozialistischen Bunde nun unterscheiden uns nicht darin von den Kommunisten, daß unser Bild einer fertigen Zukunftsgesellschaft ein anderes ist, sondern darin, daß wir entschlossen sind, dieses Bild in seiner völligen Unklarheit und Unbestimmtheit zu lassen. Wir wollen den Sozialismus verwirklichen, d.h. wir wollen jetzt das tun, was zur Verwirklichung getan werden kann. Wir wollen völlige Klarheit haben über die Wirklichkeit, in der wir drin stecken, und über die Wege, die uns zur Schaffung neuer Dinge jetzt frei stehen oder die wir jetzt zu bahnen haben. Wir wollen klar sehen nicht bloß über die Verhältnisse, ihre Geschichte und Zusammenhänge, sondern auch über die jetzt lebenden Menschen, ihre Geschichte und geistige Beschaffenheit. Wir wollen sehen, wann, wie, unter welchen Umständen Revolutionen bisher entstanden sind, wollen erkennen, wie sie verlaufen sind, und was nachher Bleibendes an Neuem und Wertvollem da war. Wir wollen prüfen, ob es nicht grundlegende Unterschiede zwischen der politischen Revolution und der sozialen Umgestaltung gibt, ob die sogenannte soziale Revolution überhaupt so aussehen kann, wie sie der landläufige revolutionäre Kommunist sich vorstellt; ob für den Sozialismus nicht heute, sofort Wege offen stehen. Ob die soziale Revolution nicht gerade deswegen ausbleibt, weil wir noch von ihr entfernt sind, d.h. weil wir noch gar nicht die Institutionen geschaffen haben, die eine Revolution möglich und notwendigmachen. Ich könnte ganz gut, wenn ich wollte, an dem Prinzip des Kommunismus, das ich so formulieren will: »Jeder arbeite nach seinem Bedürfnis und verzehre nach seinem Bedürfnis«, Kritik üben, an diesem Prinzip, das keinen andern Weg zur Bekämpfung der Not und der Ausbeutung weiß, als die Beziehung zwischen Arbeit und Verbrauch aufzuheben und dafür die Beziehung des ständigen Schenkens und Beschenktwerdens in die Ökonomie einzuführen; ich könnte ihm das Prinzip des an Proudhon geschulten Mutualismus entgegenhalten, das äquivalente Produkte sich gegen einander tauschen läßt, wonach also die Gemeinde aus Familien besteht (unter Familie ist hier ein Arbeitender mit den seiner Fürsorgeanvertrauten wenig oder gar nicht nach außen Arbeitenden zu verstehen), die unter normalen Umständen nicht mehr an Wert zu verzehren haben, als sie arbeiten. Das könnte ich, aber ich will nicht. Mit diesen paar Worten der Andeutung glaube ich schon gezeigt zu haben, daß ich allerdings über meine Nase und über die allernächste Gegenwart hinwegsehe, und daß die Unklarheit, zu der ich mich in Bezug auf alles, was nicht Aufgabe dieser Generation ist, freiwillig bekenne, nicht gerade dickste Dunkelheit ist.

Einiges sehe ich schon; und ich sage frei heraus, wie ich es jüngst schon in anderem Zusammenhang erwähnt habe, daß der Kommunisinus, dessen Formel ich oben angegeben habe, mir allerdings gegen die menschliche Natur geht und daß ich überzeugt bin, daß er immer nur als religiöser Kommunalismus irgend Verwirklichung finden kann. Ich sehe auch — aber alles, was ich hier sage, ist ja bereits im »Sozialist« vertreten worden — daß das Prinzip der Gegenseitigkeit, des Austausches gleichwertiger Produkte von Individuum zu Individuum, von Genossenschaft zu Genossenschaft, von Gemeinde zu Gemeinde, die Gerechtigkeit und die Abschaffung des Elends soweit verbürgt, wie überhaupt eine Generation den kommenden etwas verbürgen kann. Ich sehe, daß das Mittel, die Gleichwertigkeit, den Wert überhaupt festzustellen, allerdings vorhanden ist und nicht erst in der Zukunft gesucht werden muß. Ich sehe aber auch, daß die Gerechtigkeit immer von dem Geist abhängen wird, der zwischen den Menschen waltet, und daß es ein vergebliches Bemühen ist, ein für allemal Patenteinrichtungen zu schaffen, die jegliche Möglichkeit zur Ausbeutung und Bewucherung automatisch ausschließen. Sorge jede Generation recht nachdrücklich für das, was ihrem Geist entspricht; es muß auch später noch Grund zu Revolutionen geben; die Kommunisten gehen ebenso weit in ihrem Glauben an die allgemeine Menschenliebe wie in ihrer Angst vor dem Zurückbleiben irgend welcher Einrichtungen, die irgendwie und irgendwann ein Hilfsmittel zum Gegenteil der Menschenliebe sein könnten; aus diesem Grunde ersinnen sie ihre Patentparadiese.

Ich sehe auch, daß der Kampf gegen das Eigentum zu ganz andern Resultaten führen wird, als die Kommunisten glauben. Eigentum ist etwas anderes als Besitz; und ich sehe in der Zukunft Privatbesitz, Genossenschaftsbesitz, Gemeindebesitz in schönster Blüte; Besitz natürlich nicht bloß an Dingen des unmittelbaren Verbrauchs, sondern auch den von den Kommunisten abergläubisch gefürchteten Besitz an den Produktionsmitteln und am Boden. Auch da weiß ich, daß sich keine endgiltigen Sicherheitsvorkehrungen fürs tausendjährige Reich oder die Ewigkeit herstellen lassen und daß es gar nicht Aufgabe der Sozialisten ist, auf dieses Unmögliche abzuzielen. Bei der Gleichheit, die herzustellen ist, geht es um eine große und umfassende Ausgleichung und um die Schaffung des Willens, diese Ausgleichung periodisch zu wiederholen. Ich sehe, wenn ich in die Zukunft blicke, immer nur Wirklichkeit, ich sehe Wirklichkeiten hinter Wirklichkeiten auftauchen, sehe, daß das alles, solange es nur Vorstellung im Kopfe ist, im allgemeinen und unbestimmten bleibt, daß es aber nie eine Ähnlichkeit mit der kommunistischen Utopie annimmt.

Ich sehe aber noch eines. Ich sehe, daß die Gesellschaft des gerechten Tausches erst sein wird, wenn ein ganzes Volk, oder wenigstens große Teile des Volkes, die dann in Konsumentenverbänden vereinigt sein müssen, sie haben wollen. Sie können sie sofort haben, heute schon; nichts kann die vereinigten Konsumenten hindern, für sich selber mit Hilfe ihres gegenseitigen Kredits zu arbeiten, sich Fabriken, Werkstätten, Häuser zu bauen und Boden zu erwerben; nichts, wenn sie nur wollen und beginnen. Ich sehe aber auch, daß sie nicht wollen, noch lange nicht; daß sie es nicht einsehen, noch lange nicht; daß sie keine Schritte dazu tun, noch lange nicht. Einige sehen es vielleicht ein, ein paar Zehntausend vielleicht bald; aber das reicht nicht, reicht zu nichts Rechtem und Entscheidendem. Bleibt also, unsere Aufgabe, es ihnen immer wieder zu sagen, zu demonstrieren, zu beweisen zu schildern. Eine lohnende Aufgabe; all diese Dinge sind ja neu, wieder einmal neu; und so wenige erst kümmern sich darum; die Sozialdemokraten und die anarchistischen Kommunisten haben ja so viel Wichtigeres zu tun. Aber das ewige Reden, Auffordern, die immer erneuerten Versuche, zu richtigem Tun die nötige größere Zahl Genossen zu finden, die durch Konsumbündnis ihre Arbeit und ihren Tausch in den eignen Dienst stellen, das alles genügt nicht. Sind wir erst wenigere, so wenig, daß wir keine Tauschgesellschaft begründen können, so fangen eben diese wenigen, um ihrer Seligkeit und auch um des Beispiels willen, einstweilen das vom Sozialismus an, was für sie erreichbar, durchführbar ist. So kommen wir zu dem Wollen unserer sozialistischen Siedlung, unseres sozialistischen Gehöftes oder Sozialistendorfes. Nicht bloß so kommen wir dazu; dieses Erlernen des Sozialismus, diese Umkehr zur Verbindung von Landarbeit und Industrie hat auch andere Gründe; die Siedlung ist ein gegebener Anfang des Sozialismus, wenn Unnatur, Kapitalismus und Geistlosigkeit unter den Menschen erst so weit gediehen sind, wie wir es erleben. Nun ergibt sich das Seltsame, daß dieser notgedrungene Beginn des Sozialismus der wenigen, die Siedlung, in der eine geschlossene Zahl Menschen, eine für sich stehende, für sich arbeitende Gemeinde wie eine Oase sich von der tauschenden, kapitalistisch tauschenden Gesellschaft absondert, mehrerlei Ähnlichkeit mit dem Kommunismus hat.

Nicht zwar mit den Zukunftsphantasien der Kommunisten, in deren ausschweifendsten ja die Maschinen dauernd von selber laufen und alles besorgen und die Menschen eigentlich nur noch Feste feiern, aber mit dem harten und mühsamen Kommunismus primitiver Wirtschaft. Die Hauptsache aber ist: daß wir diesen kommunismusähnlichen Zustand nicht als Ideal wollen, sondern um des Sozialismus willen als eine Notwendigkeit, als ein Anfangsstadium akzeptieren, weil wir die Beginnenden sind. Wir wollen so schnell wie möglich aus ihm heraus, um zur Gesellschaft des gleichheitlichen Tausches zu kommen, die allerdings nach unserm Willen auf dem Grunde der Gemeinde, der Landgemeinde, welche Landwirtschaft und Industrie vereinigt, ruhen soll. Soweit sehen wir in die Zukunft, das ist nahe und erreichbar für uns; einstweilen wollen wir, sei’s auch in relativ primitiver Wirtschaft, jedenfalls beginnen. Relativ — da haben Sie eines der Worte unseres Verwirklichungssozialismus, über das Ihnen einiges Nachdenken empfohlen sei. Unser Sozialismus wird in alle Zukunft relativ ein Sozialismus sein; ein Sozialismus der Bewegung. Der Kommunismus geht aufs Absolute aus und kann zu ihm freilich keinen andern Beginn finden als den des Worts. Denn absolut, losgelöst auch von aller Wirklichkeit, sind nur die Worte.

Wir Anarchisten und Revolutionäre vom Sozialistischen Bund erkennen ferner, daß auch in Sachen der allgemeinen Befreiung des Volkes von politischem und geistigem Druck der Doktrinarismus der Kommunisten von größtem Schaden ist. Sie sind so maßlos fernsichtig, daß sie über alles, was vor ihren Augen an Verwirklichung vorgeht, hinwegsehen. Das ist ja nun in keinem Lande so trostlos schlimm, wie bei uns in Deutschland, wo ja auch der Kommunismus nur der Schatten einer Pflanze ist, die nicht im eigenen Lande erwachsen ist. Die türkische Revolution und das prachtvolle Niederwerfen der Gegenrevolution durch den großartigen Zug von Saloniki nach Konstantinopel? »Ah bah, ein Stück Militarismus; wir sind Antimilitaristen.« Die revolutionäre Republik in Portugal? »Bourgeoisrepublik; die Proletarier haben den Reichen die Kastanien aus dem Feuer geholt; schön dumm!« So wird alles klein gemacht, was eine revolutionäre Volksbewegung mit dem vor Augen liegenden, notwendigen politischen Ziel ist; wie umgekehrt die Großmacherei bis zum Schwindel üblich ist, wenn es sich um eine proletarische Klassenkampfbewegung wie den Generalstreik in Frankreich handelt, der nun wieder einmal in beschämendster Art fehlgeschlagen ist. Hier, an diesen Beispielen kann viel gelernt werden: wie eine Revolution gelingt, wenn sie zu klarem und bestimmtem Ziel das Volk der Arbeit und das Volk in Waffen eint; und wie eine Scheinrevolution gleich einer Seifenblase zerplatzt, wenn sie gar kein politisches Ziel hat, dafür aber ein in absolute Worte eingesargtes, ein soziales, für dessen Vorbereitung noch nicht das mindeste geschehen ist.

Dadurch daß wir den anarchistischen Kommunismus nicht an sich, als abstraktes Gebilde ins Auge fassen, sondern ihn in seiner psychologischen Entstehung beobachten, dadurch kommen wir dazu, zu sehen, wie aus solcher Gemüts- und Geistesverfassung des anarchistischen Marxisten nicht nur der Kommunismus, sondern noch allerlei anderes entsteht, was nun für uns nicht mehr davon zu trennen ist, weil es zwar nicht abstrakt, aber historisch-psychologisch genommen dazu gehört: der Klassenkampfstandpunkt, der Syndikalismus und vielerlei anderer Doktrinarismus. Wir erkennen, daß das alles eine Abkehr vom Leben, ein Mangel an eigenem, an selbstgewachsenem Leben, ein ödes Nachsprechen von Eingelerntem ist. Ich kenne keine tüchtigeren und bewährteren Antirevolutionäre als diese Revolutionäre, die es mit ihrem Revolutionarismus so sehr aufrichtig meinen und nur nicht merken, daß zur Revolution ein ganz bestimmtes, klar erkanntes Ziel not tut, das die energischen Elemente aus allen Schichten der Bevölkerung und allen Altersstufen um eine Fahne eint. Um des Kommunismus willen, um dieses ihres Kommunismus willen wird wahrlich nie eine Revolution ausbrechen. Vierhundert Jahre lang nun gehen die immer wieder ausbrechenden Revolutionen in allen Ländern Europas um die Republik und immer wieder um die Republik! Die letzten, die aus den Vorgängen in Europa etwas lernen werden, die sich auch nur besinnen werden, was denn das eigentlich heiße: Republik, warum die Menschen sich um dieser Gemeinschaftsform willen immer wieder auf die Schanze stellen; die sich fragen werden, ob nicht das Ideal der Anarchie und der Republik etwas mit einander zu tun haben könnten, — die letzten werden die anarchistischen Kommunisten in Preußen – Deutschland sein.

In der schnödesten, berlinerisch materialistischen Art kann man es von ihnen hören, daß »das Dinge sind, für die wir Proletarier unsre Knochen nicht zu Markte tragen«! Ja ja, ihr Kommunisten, solange euer Ideal ist, daß man etwa 1 1⁄2 bis 2 Stunden im Tag arbeitet und die übrige Zeit »genießt« — und ich kenne viele Kommunisten, deren Ideal so aussieht — solange der Materialismus und der (durchaus begreifliche) Ekel vor der Arbeit euch leitet, solange ihr mit Staunen oder gar Hohn auf uns blickt, die durch die Arbeit den Sozialismus schaffen helfen wollen, solange ihr nicht begreift, daß die Freiheit eine Sache des Volkes, des ganzen Volkes, nicht bloß einer Klasse ist, daß es so etwas wie Volk in Wirklichkeit gibt; solange ihr Industrie- und Großstadtarbeiter die Bauern nicht als eure Brüder und die Menschen geistiger Art, gleichviel aus welchen Schichten sie kommen, nicht als eure Führer betrachtet (o wie absichtlich wähle ich dieses Wort, von dem ich weiß, wie gern ihr es mißdeuten wollt! Wo werdet ihr Führer brauchen, und wie kann für euch ein Führer etwas andres sein, als ein machthungriger Unterdrücker oder ein bezahlter Ausbeuter!), so lange werdet ihr es in eurem Lande nicht zu irgend einer Wirkung und Wirklichkeit bringen. Und werdet immer in einem dunklen Winkel eures Wesens eine Art Wissen und Gewissen sitzen haben, das euch sagt: daß es in Wahrheit nicht Wirklichkeit ist, was ihr treibt.

Wertgeschätzter, Sie werden verstehen, daß ich warm geworden bin und daß ich Sie persönlich durchaus nicht mit denen identifiziere, die ich hier apostrophiert habe. Sie erklären sich zwar auch für einen anarchistischen Kommunisten, aber erstens gingen meine letzten Worte keineswegs gegen alle Kommunisten, von denen ich viele trotz ihrer falschen Wege sehr hoch achte, und zweitens halte ich Sie noch gar nicht einmal für einen Kommunisten, sondern — gestatten Sie — für einen revolutionären Eklektiker, der gern von allen Schüsseln nascht. Aber das eine oder andere werden doch auch Sie aus meinen Worten lernen können, wenn Sie sie in nachdenkliche Erwägung nehmen und beachten wollen, daß in einem solchen Briefe nur vielerlei gestreift, aber nichts gründlich gesagt werden kann.

An all diesen Dingen sagen wir im »Sozialist« fortwährend, und unsere ganze bisherige und künftige Arbeit wollen Sie als Antwort auf Ihre Fragen betrachten. Manches, was hier in Betracht kommt, findet auch seine Stelle in meinem Buche »Aufruf zum Sozialismus«. Haben Sie doch nur Geduld und Einsicht, daß es trotz vielfacher Ankündigung immer noch nicht hat erscheinen können. Ich will diese Ausarbeitung eines oft und immer wieder anders gehaltenen Vortrags über ein ungemein großes Gesamtgebiet so gut machen, als ich kann; und ich habe wirklich fast mehr zu freiwilliger Arbeit im Nebenamt übernommen als ich leisten kann. Als das Erscheinen des Buches versprochen wurde, hatte der »Sozialist« noch nicht bestanden; mögen Sie im »Sozialist« sehen daß ich nicht eben untätig bin und einstweilen mit meinen Beiträgen in diesem Blatt zufrieden sein, bis das Buch, das beinahe fertig ist, endlich ganz fertig ist.

Mit besten Grüssen Ihr

Gustav Landauer

Aus: “Der Sozialist. Organ des Sozialistischen Bundes”, 2. Jahrgang, Nr. 21, 1.11.1910. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.

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