Landauer: Schwache Staatsmänner, schwächeres Volk

Wieder einmal ein Text von Gustav Landauer, der mir gestern Nacht auffiel. Man mag ihn gar nicht kommentieren; er spricht für sich. Einzig zu betonen, daß er 1910 erschienen ist. Noch einmal: 1910.

Gustav Landauer – Schwache Staatsmänner, schwächeres Volk! (1910)

Ein sehr blasser, sehr nervöser, ganz kränklicher und schwächlicher Mann sitzt am Schreibtisch und malt Noten aufs Papier. Er komponiert eine Symphonie. Er arbeitet mit allem Fleiß und läßt alle Künste springen, die er gelernt hat. Die Symphonie wird aufgeführt: hundertfünfzig Mann spielen im Orchester, im dritten Satz wirken 10 Pauken, 15 Ambosse und eine Orgel mit, im letzten Satz greift ein achtstimmiger Chor von fünfhundert Personen und ein Extraorchester von Pfeifern und Trommlern ein. Das Publikum rast vor Entzücken über diese Überkraft, diese imponierende Wucht.

An diesen modernen Komponisten, der in Wahrheit keine Spur von Kraft besitzt, dem es ein leichtes ist, Massen zum äußeren Aufwand der Kraft zu kommandieren, erinnern unsre Staatsmänner und Politiker, erinnert mehr und mehr die ganze herrschende Klasse. Im Hintergrund all ihrer Schwächlichkeiten und Hilflosigkeiten, ihrer Unproduktivität und Pfuscherei steht ein williges Riesenorchester, das ihrem Kommando gehorsam ist: das Volk in Waffen, die Armee. Das Geschrei der Parteien, das Schimpfen der Bürger und Arbeiter mit der geballten Faust in der Tasche, all die Opposition und Kritik kann von der Regierung nicht sonderlich ernst genommen, nicht als eine wirkliche Macht betrachtet werden, da ja die Elemente, die von Natur aus die radikalsten in jedem Volke sein müssen, die jungen Männer im Alter von zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren, in Regimentern geordnet hinter den unfähigen Regierungen stehen und jedem Wink ohne jede Frage willige Folge leisten. Da das so ist, merkt weder das Inland noch das Ausland noch die Regierung selbst, wie blamabel unsre politischen Zustände sind, wie unfähig unsre Regierung ist.

Wir Sozialisten, die gewahren, wie seit mehr als hundert Jahren der Sozialismus, das heißt die unmittelbare Beziehung der wirklichen Interessen, gegen die Politik, die Herrschaft der Privilegierten mit Hilfe von Fiktionen, ankämpft, die diese mächtige Tendenz der Geschichte, die unsre Völker zur Freiheit und zum großen Ausgleich zu führen bestimmt ist, nach Kräften durch Erweckung des Geistes und Aufbau sozialer Wirklichkeiten unterstützen wollen, wir hätten mit der Staatspolitik in keinem Falle etwas zu tun. Aber wenn wir sehen müßten, daß die Mächte des Ungeistes und der Gewaltpolitik noch so viel Kraft hätten, daß große Persönlichkeiten, starke Politiker mit Ziel und Energie erstünden, so hätten wir einigen Respekt vor solchen Männern im andern, im feindlichen Lager und könnten uns zu Zeiten wohl gar fragen, ob nicht den Mächten des Alten noch ein langes Leben bestimmt sei. Mehr und mehr jedoch sehen wir – und wir könnten es in andern Ländern genau so verfolgen wie in Deutschland – daß die Kraft des Staates nicht mehr eigentlich im Geiste und der Naturgewalt seiner Vertreter steckt, sondern mehr und mehr darin, daß das Volk, auch die unzufriedensten, auch die proletarischen Massen, gar noch nichts davon wissen, daß ihre Aufgabe ist, aus dem Staate auszuscheiden und das Neue zu begründen, das bestimmt ist, ihn zu ersetzen. Hie Staatsgewalt und Ohnmacht der in Einzelne, Hilflose zerrissenen Massen einerseits, – hie sozialistische Organisation, Gesellschaft von Gesellschaften, Bund von Bünden, Volk anderseits, – das müßte der Gegensatz sein, der als Wirklichkeit gegeneinander steht.

Schwächer und schwächer wird die Staatsgewalt, wird das Regierungsprinzip, werden die Naturen der Menschen, die das Alte vertreten – und das ganze alte System wäre unrettbar verloren, wenn das Volk begonnen hätte, sich abseits des Staates tatsächlich zu konstituieren. Aber die Völker haben es noch nicht begriffen, daß der Staat eine Aufgabe hat und eine unweigerliche Notwendigkeit ist, solange nicht da ist, was ihn zu ersetzen bestimmt ist: die sozialistische Wirklichkeit. Einen Tisch kann man umwerfen und eine Fensterscheibe zertrümmern; aber die sind eitle Wortemacher und gläubige Wortanbeter, die den Staat für so ein Ding oder einen Fetisch halten, den man zertrümmern kann, um ihn zu zerstören. Staat ist ein Verhältnis, ist eine Beziehung zwischen den Menschen, ist eine Art, wie die Menschen sich zueinander verhalten; und man zerstört ihn, indem man andre Beziehungen eingeht, indem man sich anders zueinander verhält. Der absolute Monarch konnte sagen: ich bin der Staat: wir, die wir im absoluten Staat uns selbst gefangengesetzt haben, wir müssen die Wahrheit erkennen: wir sind der Staat – und sind es so lange, als wir nichts andres sind, als wir die Institutionen nicht geschaffen haben, die eine wirkliche Gemeinschaft und Gesellschaft der Menschen sind.

Aus: Der Sozialist, 15.06. 1910

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0 Kommentare zu Landauer: Schwache Staatsmänner, schwächeres Volk

  1. der Doctor sagt:

    N´abend
    ist mit diesem Text ähnlich,wie mit dem ,von mir geposteten Tucholsky-Gedicht:Vor so langer Zeit geschrieben,aber so topaktuell und in unserer Zeit zutreffend.
    L.G.,
    Der Doctor

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