Kurz und dreckig 47

Berlin spuckt mich aus und Teilchenbeschleuniger peitscht mich durch den Regen so schnell es geht aus dieser Stadt. Mit eckig gefahrenen Reifen – der Satz hat gut 9000km auf der Uhr – und viel Geklapper von ein paar losen Verkleidungsteilen. Ellenbogenfreiheit. Eigentlich sollte es ein Urlaub werden, drei Tage nach dem letzten Job mit einer Katastrophenband. Die Crew war sich auch nach dem Abbau nicht darüber einig, vor wievielen Jahren man eine schlechtere Combo auf der Bühne hatte. Einigkeit nur darüber, daß es sich um eine zweistellige Zahl handelt.
Ein Urlaub wurde es dann doch nur eingeschränkt.

Das beste Kaninchen mit Mangold und Reis in Berlin gibt es bei… man muß nicht alles verraten! So ein gesottenes Kanin definiert sich nicht nur durch die Beilagen, sondern auch über Umstände seiner Vertilgung und die waren unvergeßlich. Wein, Schnaps und als würde man sich seit dem Sandkasten kennen.

War sonst noch was?
Die Politiker in Berlin hängen im Moment da, wo man sie am liebsten hängen sehen würde. Durch die Technik der Aufhängung ergeben sich zum Teil kuriose Kunstwerke. Die letzte Partei (beim Aufhängen) schiebt die liebe Konkurrenz am Laternenmast ungewollt in die Höhe. Eine Merkel in 5m Höhe ist die Regel. In der Reihenfolge: CDU, SPD, FDP, AFD, GRÜNE, LINKE, also dem voraussichtliche Zieleinlauf. sPD-Chulz rutschte befestigungsbedingt über eine Wagenknecht, was ihm nicht nur einen sehenswerten Busen bescherte, sondern auch den Hinweis, daß es auch noch die LINKE gibt. Besonders auffällig dann, wenn ein Spaßvogel mit Hilfe eines Messers oder einer stabilen Schere beim Chulz-Plakat dementsprechend nachhalf – nein, leider kein Photo!

Überhaupt hatte man in der Bundeshauptstadt den Eindruck, als würde eine wichtige Wahl anstehen. Da ist man doch froh, wenn man wie die Schrottpresse in der Provinz beheimatet ist und nicht wählen gehen muß. Die Wechselstimmung auf dem Dorf hält sich in Grenzen. Warum sich an neue Feindbilder gewöhnen, wenn es die alten noch so gut machen? Auch die angebliche Alternative hat sich auf die Fahne geschrieben, daß es Menschen erster, zweiter und dritter Klasse gibt.
Wie im Restaurant Habel am Reichstag in der Luisenstraße, einem Hipstermausoleum schlimmster Güte. Gehobene deutsche Küche in menschenleeren Räumen. Das liegt wohl am Personal. Über das in der Küche kann ich nichts sagen – dazu hätte ich dort essen müssen. Das aber verhinderte wirkungsvoll ein Duo hinter dem Tresen:
»Möchten Sie hier etwas essen?«
»Wir wissen noch nicht… – könnte ich einstweilen einen grünen Tee bekommen?«
»Mir ist vollkommen gleichgültig, was Sie trinken wollen! Setzten Sie sich dann bitte…«
…und zeigt in in eine dunkle Ecke, in der Menschen mit dem Wunsch nach grünem Tee geparkt werden.
»Und ich möchte einen trockenen Sherry und einen Riesling!«
»Wir haben trockenen, milden und süßen Sherry! Den Riesling feinherb oder trocken?«
Der Wein war äußerst geht so und Sherry hatten sie weder in trocken noch in lachsfarben, sondern gar nicht. Aber eine ausgefeilte Wurftechnik mit der Getränkekarte, in der ich mir eine Alternative zum Sherry aussuchen sollte.
»Warten Sie – ich habs passend und der Appetit ist mir vergangen.«

Ein paar Schritte weiter findet sich Papa’s Tapas, ein klitzekleines spanisches Restaurant, in dem man für ganz wenig Geld großartig essen kann, aber wohl besser nach 18:00 Uhr reservieren sollte. Ein Geheimtip ist es wohl schon lange nicht mehr, so überfüllt, wie der kleine Laden war. Geschmortes Hüftsteak – eine unbedingte Empfehlung! Man darf auch beruhigt den Hauswein dazu ordern. Auf dem Weg dahin sollte man es nicht verfehlen, im Restaurant Habel (gehobene deutsche Küche mit degoutanten Manieren), Luisenstrasse 19, hineinzuschauen, um sich kurz an den leeren Sitzplätzen und dem Komiker-Duo hinter dem Tresen zu erfreuen. Hätten beide die Politiker-Laufbahn eingeschlagen, würden sie im Moment wohl recht weit unten an der Laterne hängen. Wäre ich durch einen bösen Wink des Schicksals Restaurantkritiker geworden, ziemlich weit oben.

Dritter Klasse – da war doch was? Es ist ja verboten, Neger zu sagen oder zu schreiben. Es ist allerdings nicht verboten, vorzugsweise pechschwarzes Personal aus die Straße zu schicken, um den Teppich vor der Rezeption oder den Straßenrand zu säubern. Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf wird zensiert, wenn ihr Papi Negerkönig auf Takatukaland wird, aber die Zensoren schleichen gemütlich vorbei am Titanic-Hotel, Chausseestrasse 30 ins nächste vegane Café, um sich irgendwas fair gehandeltes mit einem französischen Brötchen zwischen die Kiemen zu schieben. Und eigentlich liefen dort genügend selbstgestrickte Spätgebärende mit Kinderwagen vorbei, um für einen veritablen Skandal zu sorgen. Aber die sogenannte Wahrnehmungsschwelle ist wie das Kapital ein scheues Tier – daher meine Empfehlung für den geneigten Spaziergänger, ruhig mal an der Rezeption zu fragen, woher sie denn ihre Sklaven beziehen.

Noch etwas Öl nachgekippt, es waren dann doch wieder ein paar tausend Kilometer in den letzten drei Wochen und da kommt auch schon die Regenbö. Ach herrje! Keine Lust, die Regenpelle auszupacken und darum mit schmuckem, schwarzen Leder durch das Nass. Muß ja. Es wird still. Nur der Regen auf dem Visier prasselt, der Motor zwischen Beinen knurrt, aber eigentlich ist es still. Neben dem Brandenburger Tor ist ein kleiner Raum der Stille. Dort habe ich ein wenig geweint, weil es so schön war. Licht, das die Finsternis durchdringt, geht ruhig mal hin, ihr Berliner. Und eine Geschäftsidee habe ich auch für Euch: Baut einen Handkarren, etwas größer als ein Dixiklo auf Rädern. Sehr gut schallisoliert und mit einem Buch und einem schönen Bild an der Wand. Lauft damit durch die Innenstadt und bietet die Dienstleistung »eine halbe Stunde Stille« für nur 7€ an.
Das müßte eigentlich ein Renner werden.

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10 Kommentare zu Kurz und dreckig 47

  1. michl sagt:

    Die Politiker in Berlin hängen im Moment da, wo man sie am liebsten hängen sehen würde.
    tach erst mal,

    du singst das laternenlied ts ts ts das ist ja schon hate speech.. laß das mal nicht den lothar wissen.

    stille in berlin? empfehle den bürgerpark in pankow da kannste durchschnaufen.

    viele grüße ausm süden

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  2. Pantoufle sagt:

    Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne…

    Ich habe die friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind: eine bescheidene Hütte, ein Strohdach, aber ein gutes Beet, gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch, vor dem Fenster Blumen, vor der Tür einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, läßt er mich die Freude erleben, daß an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden. Mit gerührtem Herzen werde ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, die sie mir im Leben zugefügt – Ja, man muß seinen Feinden verziehen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt worden.

    Hate-Speaker Heinrich Heine

    Den kann Lothar, die Misere ja suchen und verhaften lassen

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    • derdilettant sagt:

      Sich hinter Heine verstecken, wenn man ein paar Menschen baumeln sehen möchte? – Schlechter Stil. D e r war sich auf jeden Fall zu fein, das selbst zu erledigen. Dagegen war seine Feder spitz genug, um auch unter der Gürtellinie zu treffen (August von Platen, beispielsweise). Kein Vorbild, wie ich meine, diesbezüglich.

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  3. Sklaven in gastronomischen Einrichtungen gehören längst zur Tradition unserer Neu- und Besserberliner. Man unterscheidet auch fein, welche man will und welche nicht.
    Schon vor Jahren gab es in einem Café in der Kastanienallee mit dem klingenden Namen „An einem Sonntag im August“ eine vom Personal zu unterschreibende Dienstanweisung, laut der Schwarze nur noch in weiblich, in Begleitung ihrer Freundinnen oder falls sie „kluge Augen“ hätten, als Gäste willkommen wären. Während Schwarze unter 25 des Lokals zu verweisen seien. Hintergrund: Dealer-Vergrämung.

    Eine schwarze Kellnerin war ruckzuck ihren Job los, als sie das nicht unterschreiben wollte. Der Skandal daran: es gab fast keinen, sondern Gastronomen in der Gegend solidarisierten sich noch – nach ein paar Zeitungsartikeln über „kluge Augen“ – mit der Dienstanweisungserstellerin. Statt sich mal zu fragen, woher wohl die Nachfrage nach illegalisierten Drogen in einer tradierten Trinkergegend kommt und wer denn eigentlich die Dealer-Kunden so sind.

    Bionade Biedermeier, ungebrochen aktuell und längst nicht mehr aufs Prenzle Bergle beschränkt.

    Auch der medial skandalisierte Görlitzer Park wurde erst mit vergnügungssüchtigen Touristen und Neu-/Besserberlinern zum Drogenparadies. Es wurde dort zwar immer schon Marihuana verkauft, aber es wurde nicht jeder Schwarze darauf angequatscht.
    Funfact: bis vor wenigen Jahren sorgten eine arabische und eine türkische Gang (zum Schluß in zweiter Generation) für Ordnung im Park – u.a. für zero harte Drogen, trotz fußläufiger Entfernung zum Kottbusser Tor – weil er auch von ihren ihren Familien genutzt wurde. Das alles ist seit Henkels Zero-Tolerance-Politik Geschichte, seitdem ist es dort deutlich ungemütlicher. Soviel zu den berühmten „rechtsfreien Räumen“.

    …………………………………..

    Was mich mehr aufbringt als die Umwandlung von „Neger“- in Südsee-König bei Pippi Langstrumpf (obwohl ich solche Retouchen immer zweifelhaft finde, die ist aber immerhin nicht grob sinnverfälschend) ist die Bannung des Begriffs auch in historischen politischen Schriften, von Aimée Cesaire über Frantz Fanon und Malcom X bis Martin Luther King. Schwarze wurden nicht als PoC versklavt und ausgebeutet, sondern als „Neger“. Auch begann die Begriffsbannung zu genau dem Zeitpunkt, als „Neger“ allmählich zu einem selbstermächtigenden Geusenwort wurde. Weil es aber PoC gibt, die den Begriff als herabwürdigend empfinden, ist der Sprachdrops damit für mich auch gelutscht.

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    Eigentlich plakatieren in Berlin immer die Nazis ganz oben, außerhalb der Reichweite von Antifa-Seitenschneidern. Aber: gibt ja auch Astscheren.

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    Falls es Ihnen übrigens mal in Charlottenburg zu laut und zu hektisch sein sollte: in der Gedächtniskirche ist es still und die blauen Fenster machen ein ganz untermeerisches Gefühl. Aber es ist eben immer das gleiche mit Berlinbesuchern: die kennen den Luxus des Verpassens (von Ausstellungen usw.) nicht und sind nach einem Berlinaufenthalt wochenlang erledigt.
    Und wir sind es dann wieder schuld…;-)…

    1+

    • Pantoufle sagt:

      »Noch mal: Antirassistische Aktivisten wollen verhindern, dass aus einer Rede, dass aus der Rede von Martin Luther King zitiert wird. Sie kreischen den Moderator (immer mich) an: „Sag das Wort nicht! Sag das Wort nicht!“«

      Das Wort heißt Neger. Ich hatte hier auf dem Blog mal so eine, die in aller Einfalt behauptete, daß man vielleicht eines fernen Tages in so einer wunderbaren Wunderwelt leben würde, daß man weder Pipi Langtrumpf, Martin Luther King oder Mark Twain zensieren müßte. Solange das aber nicht soweit sei: Feuer frei!
      Die ging in aller Unschuld davon aus, daß ihr so etwas wie ein natürliches Recht zum herumschmieren in den Werken anderer gegeben wäre. Den durchaus interessanten Punkt, ob es statthaft wäre, u.a. in Klassikern herumzusudeln, übersprang sie einfach. Ihr ging es nur noch um die Ersatzworte. Und bei denen offenbarte sie eine Kulturlosigkeit, das einem schlecht wurde.
      So wichtig die Debatte sein mag: Aber die hat hat mich für alle Zeiten verdorben. Ich kann nicht und ich will nicht; nicht mit solchen Blaustrümpfen, der ich eiskalt unterstellen würde, daß sie am Titanic ohne mit der Wimper zu zucken vorbeigegangen wäre. Weil da nämlich niemand zusieht, sie sich nicht in Szene setzen kann und ihre ähnlich degenerierten Mittussen nicht kreischend applaudieren.
      »Ihr Prenzlauer Berg ist ein Ghetto, das ohne Zaun auskommt […] Alle fühlen sich subversiv wie Pippi, sind aber so blond und brav wie Thomas und wie Annika.«
      Nuff said

      »Aber es ist eben immer das gleiche mit Berlinbesuchern: die kennen den Luxus des Verpassens (von Ausstellungen usw.) nicht und sind nach einem Berlinaufenthalt wochenlang erledigt.«

      Nix Kultura! Ich bin mehr oder weniger von einem Restaurant ins andere geflüchtet und habe dabei eine der besten Schwarzwälder Kirschtorten meines Lebens gefunden!
      So!!!

      Und die Nazis hingen nach meiner Beobachtung relativ weit unten. Ist auch egal – Hauptsache hängen 🙂

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  4. Fluchtwagenfahrer sagt:

    Moin Pantoufle, schön das du wieder da bist.
    Was dem einen sein Latern ist dem anderen sein Nachtigall,
    schön beobachtet, hier aufm Dorf ist wie immer alles Still, geistesstill, wie in deinem Dixialtar, hie und da unterbrochen von wassergefüllten 18m großen Treckkerreifen , die sich nebst Zugmaschine und Ladung durch die auch nächtlichen Gehörgänge winden.
    Ansonsten erinnert mich die Hipsterklitsche an Kaufhaus Patzig.
    Beehren sie uns mal wieder, aber nich so schnell. Wobei sich mir die Frage stellt, Berliner Gastonomen in Hetwig Holzbein oder Holzbeine in Berlin, wer weiß es,wer weiß es, Bueller?

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  5. Ossiblock sagt:

    Da hat jemand aus der Provinz Westberlin mit Berlin verwechselt …
    Kann ja mal passieren.

    Berlin und Deutschland sind seit 1945 passe.

    Mit untertänigsten Grüßen

    0

    • Pantoufle sagt:

      Dann bin ich wohl am richtigen Berlin vorbeimarschiert… links , rechts, links, rechts

      »Berlin und Deutschland sind seit 1945 passe.«

      Dieser Satz ist wohl auch dann Blödsinn, wenn er von einer Erklärung flankiert wäre.

      Freundliche Grüße aus der Provinz… wohin eigentlich? Kleinmachnow?

      0

  6. Ossiblock sagt:

    Welche Erklärung?

    Den 2. Weltkrieg verschlafen? Die Teilung Deutschlands und auch die von Berlin?

    Die Gründung der BRD im Mai 1949 auch verpennt? Hast Du nicht einmal im Grundgesetz für die BRD gestöbert? Weißt Du, wie es in der geteilten Stadt wirklich zugeht?

    Traurig, was Du da anbietest.

    Einige Beiträge waren lesbar – aber dieser war einfach nur Sch….

    Mit Grüßen aus der westsibirischen Tiefebene
    (Seit über 30 Jahren wohnhaft in Ostberlin)

    Du hast gerade einen Leser verloren – also wird Deine Antwort ins Leere gehen.
    CIAO

    0

    • Pantoufle sagt:

      Den 2. Weltkrieg verschlafen? [X]
      Die Teilung Deutschlands [X]
      und auch die von Berlin? [X]
      Die Gründung der BRD im Mai 1949 auch verpennt? [X]
      Hast Du nicht einmal im Grundgesetz für die BRD gestöbert? [X]
      Weißt Du, wie es in der geteilten Stadt wirklich zugeht? [X]

      Gruß nach Ostberlin. Und wenn ich Dich eben mal zitieren darf:

      »Ich unterbinde solche Kommentare sofort – denn Trolle sind bei mir nicht erwünscht. Durch meine konsequente Haltung habe ich auch kein Problem mit den Trollen.
      Sie haben sich alle getrollt.«

      Einen Troll weniger [X]

      0

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