Kurz und dreckig 44

Birne ist tot. Ach! 87 ist er geworden, davon 16 schier endlose Jahre als Präsi Kanzler. Dann gips natürlich Staatstrauer. Aber wie!
Der Preis für die lustigste Seite eins einer Zeitung für 2017 geht an die TAZ, wofür man sich aber gleich entschuldigt. Wofür, ist etwas unklar, denn lustig ist sie danach immer noch. Und es ist guten Witzen zu eigen, daß sie nicht jedermann versteht. Diese blühenden Landschaften haben so viele Opfer gefordert, daß man die kleine Gemeinheit durchaus als verspätete Aufmerksamkeit betrachten darf – und so war es vielleicht auch gemeint. Wenn der Chor der Verdammten in der heimischen Presselandschaften daraufhin aufheult wie auf den Schwanz getreten, ist das lediglich ein Zeichen ihres Zustandes, in dem sie vor staatstragender Trauer und hündischer Ergebenheit angesichts der Mächtigen nicht mehr gerade aus den Augen sehen kann.

Nun ist er jedenfalls endgültig tot, der Helmut. Etwas weniger tot war er ja bereits nach seiner Kanzlerschaft, die jeder so schnell als möglich vergessen wollte … und dann ging er in die Wirtschaft! Wäre da nicht sein Nachfolger Gerhard Schröder gewesen, über den Kohl einen der ganz wenigen richtigen Bemerkungen seiner politischen Karriere fallenließ: »Der charakterloseste Herausforderer, den ich kenne!« Man kann es Helmut Kohl nicht direkt zum Vorwurf machen, aber es war der Sozialdemokrat Schröder (SPD), der die bleierne Lethargie der Ägide Kohl zu nutzen verstand, um das »Wir hier oben, Ihr da unten« als Staatsziel nun auch offiziell zu verankern. Kohl wird es nach seinem Abgang lächelnd zur Kenntnis genommen habe so wie viele in der Union, während die linke und Intellektuelle schwiegen. Unverzeihlich, dieser Sündenfall: Diese Verblendung, zu denken, daß nun alles besser würde, nur weil Kohl nicht mehr täglich auf der Titelseite der Bildzeitung stand!
Aber das ist eine andere Geschichte.

In seinem Buch Masse und Macht des Nobelpreisträgers Elias Canetti über Kohl und seine Untertanen steht:

»Der Hungrige fühlt leeren Raum in sich. Das Unbehagen, das ihm diese innere Leere verursacht, überwindet er, indem er sich mit Speise füllt. Je voller er ist, umso besser ist ihm zumute. Schwer und voller Behagen liegt er da, der am meisten fressen kann, der Meistesser. Es gibt Gruppen von Menschen, die in einem solchen Meistesser ihren Häuptling sehen. Sein nimmer gestillter Appetit erscheint ihnen als seine Gewähr dafür, daß sie selber nie lange Hunger leiden werden. Sie verlassen sich auf seinen gefüllten Bauch, als hätte er ihn für sie alle mit gefüllt … Die Figur des meistessenden Königs ist nie ganz ausgestorben. Immer wieder ist es vorgekommen, daß einer sie seinen entzückten Untertanen vorgespielt hat.«

(Dankbar aus dem Artikel »Was Kohl mir über die Deutschen beibrachte« von Patricia Clough zitiert)

…und genau unter dieser Stelle steht dann ein staatstragender Hinweis der Redaktion:

Auch das ein äußerst subtiler Witz, wie ich finde.

Was Kohl während seiner Amtszeit leistete, ist allgemein bekannt und soll an dieser Stelle nicht wiederholt werden. In Warschau warf er sich auf die Knie, worauf der Russe zusammenbrach, um anschließend eigenhändig Briefumschläge mit genau DM einhundert an die Flüchtlingskrise aus dem Osten zu verteilen – jedes Kind lernt das heute in der Schule!

Was aber war dieses System Kohl und wo kam es her? Karl Heinz Bohrer formulierte es 1998 einmal so: »Dem System Kohl kann notwendigerweise zu nichts etwas einfallen … Es ist die Natur selbst. Die lebt auch ohne zu denken.«
Das ist eine richtige Feststellung, wenn auch eine wichtige Ergänzung fehlt. Wer sind diejenigen hinter diesem System, die das Denken für die Handpuppe übernehmen? Im Falle von Kohl steht dahinter ein Name, ohne den Helmut Kohl so nicht denkbar ist, Fritz Ries.

Ries, Mitglied der NSDAP seit 1933, 1936 »Vertrauensmann für besondere Angelegenheiten“ der Gestapo, Träger des Kriegsverdienstkreuzes 1942, war einer derjenigen Verbrecher, die es durch »Arisierung« von Betrieben und Einsatz von jüdischen Zwangsarbeitern zu einem bemerkenswerten Vermögen gebracht hatten. Kurz vor Kriegsende transportierte Ries Maschinen, Waren und Kapital aus Łódź heim ins Reich und wartete ab, bis sich die Lage ein wenig beruhigte.
Ziemlich zeitgleich robbte der junge Schüler Helmut Kohl als Hitlerjunge durch die Heide und wartete sehnsüchtig darauf, wieder die Schulbank drücken zu dürfen. Kaum war das 1946 geschehen, beschloß er, Politiker zu werden. Noch im selben  Jahr trat er der neugegründeten CDU bei. Über die Gründungsphase der CDU ist in der bestimmt sehr sorgfältig redigierten Fassung der Wikipedia zu lesen:

»Im Chaos des Zusammenbruchs der nationalsozialistischen Diktatur kam es unmittelbar nach Kriegsende 1945 überall in Deutschland […] zu fast gleichzeitigen, spontanen, voneinander unabhängigen Gründungen der Christlich-Demokratischen sowie der Christlich-Sozialen Union. Ihre Idee war in den Widerstandskreisen und Gestapogefängnissen im Bewusstsein gemeinsamer Schicksale, politischer Überzeugungen und Leitbilder unabhängig von der Konfession entstanden.«

Ganz genau so und nicht anders wird es gewesen sein! [Man merkt bestimmt schon, daß es in dieser Ausgabe von »Kurz und Dreckig« um subtilen Humor geht! Der Säzzer]
1947 wurde Kohl zum Mitbegründer der Jungen Union, schwor, niemals wieder mit einer Jugendorganisation durch die Heide zu robben und bummelte sich anschließend neun Jahre durch Studium. 1956 promovierte Kohl mit seiner Dissertation »Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen des Saumagens nach 1945« zum Dr. phil. Seit 1955 Mitglied des Landesvorstandes der CDU Rheinland-Pfalz wurde er 1959 als Abgeordneter in diesen Landtag gewählt.
Schnöde, langweilige Zahlen! Nach seiner Doktorwürde arbeitete Kohl als Direktionsassistent (Hoppala: Das ging aber fix!) in einer Eisengießerei und als Referent beim Verband der chemischen Industrie.

Nun wuchs zusammen, was zusammengehört und der Name Ries taucht wieder auf. Ries hatte Maschinen und den Großteil seines liquiden Kapitals aus dem besetzten Polen als kleine Starthilfe gerettet und eine Idee. Als Vertriebener stand ihm ja aufgrund des Lastenausgleichsgesetzes eine Entschädigung zu! Von den anvisierten vier Millionen D-Mark bekam er immerhin genügend zusätzliches Kapital zusammen, um die Pfälzischen Gummiwerke und die Badischen Plastic-Werke zu gründen. (Ein Strandhotel auf Borkum mit 280 Betten besaß er bereits.)
Soviel kriminelle Energie schreit natürlich nach einer politischen Grundsicherung. In der Folge baute Ries dafür systematisch Politiker der CDU/CSU auf. Neben besagtem Helmut Kohl waren das unter anderem Kurt Biedenkopf und Franz Josef Strauss. Stellvertretender Vorsitzer des Aufsichtsrats der von Ries gegründeten Pegulan-Werke wurde Ries Corbs-Bruder aus besseren Tagen Hans Martin Schleyer. (Schlagende Verbindung Suevia zu Heidelberg). Ries wurde zum Ziehvater und Förderer des Pfälzer Politikers Kohl.

Die Systematik und Zielstrebigkeit zahlte sich aus. 1967 bekam Ries in Anerkennung seiner »unternehmerischen Leistung und seines Engagements für die Gesellschaft« das große Bundesverdienstkreuz.
Und sein persönliches Verhältnis zu Helmut Kohl? Sowohl in der seriösen Wirtschaftswoche als auch im Manager-Magazin wurde das angebliche Ries-Zitat über Kohl kolportiert »Auch wenn ich ihn nachts um drei anrufe, muß er springen!« Als es 1976 zu einer sogenannten Schieflage im Riesschem Imperium kommt, muß es wohl so einen Anruf gegeben haben.

»Tatsächlich müssen die Finanzkalamitäten bei Ries und den Pegulan-Werken noch gravierender sein, als in der WiWo vom 23. Januar 1976 dargestellt. Der rheinlandpfälzische Finanzminister Johann Wilhelm Gaddum mußte dem SPD-Abgeordneten Rainer Rund auf eine Anfrage zur Pegulan-Krise denn auch eingestehen: „Landesbürgschaften werden nur dann gewährt, wenn die Sicherheiten im Sinne der Beleihungsgrundsätze der Kreditinstitute nicht ausreichen.“«

Wirtschaftswoche 5.3.76

Ries bekam natürlich die geforderten Landesbürgschaften. Auf den CDU-Kanzlerkandidat und Rheinland-Pfalz-Chef Helmut Kohl war Verlaß! Die Gnade der späten Geburt, die Augen dankbar verschließen zu können.

Und damit kommen wir nun zu dem Punkt, für den der ach so plötzlich verstorbene Helmut Kohl exemplarisch stand: Eine Generation von Nachkriegs-Politikern, die in ihrem Leben nichts anderes geleistet hatten, als an der kurzen Leine von Industrie und Banken deren Interessen umzusetzen. Nicht mehr und nicht weniger. Die Brut ihrer Nachfolger – stiller, namenloser, aber effizienter. Die Image-Designer leisten mittlerweile besseres. So einen primitiven, provinziellen und vollkommen geistlosen Handlanger werden sie nicht noch einmal kreieren.

»Aber Einsicht und Bescheidenheit sind Helmut Kohl wesensfremd, weshalb er auch die glänzende Konjunktur für das Werk seiner weisen Regierung hält, desgleichen die deutsche Fußball-Weltmeisterschaft und diese nationale Erfolgsserie – Einheit, Aufschwung, WM – im Dreierpack mit dem Aufdruck „Alles von Kohl!“ anbietet und damit die Wähler zu beeindrucken gedenkt. Die Mogelpackung, so hofft er, wird im nationalen Rausch durchgehen, weil „die Männchen draußen im Land“ (womit er aber alle, Männer und Frauen, meint, die außerhalb des Kanzler-Bungalows leben) so vergeßlich sind.«

Bernt Engelmann, Helmut Kohl – eiserner Kanzler des großen Geldes

»Schwer und voller Behagen liegt er da, der am meisten fressen kann, der Meistesser…«

Bernt Engelmann: Schwarzbuch Helmut Kohl oder wie man einen Staat ruiniert

Wieder was gelernt…

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15 Kommentare zu Kurz und dreckig 44

  1. Martin Däniken sagt:

    Helmut Kohl und Stauss wussten wie das mit der Macht funktioniert….Kohl hat sein schwarzes Notizbuch,mit dem jeden kleinen Bezirks/Ortsvorsteher „erreichen“ konnte nicht nur telefonisch sondern auch menschlich, er wusste von den Familien wer studierte,Abi machte ,wo Nachwuchs zuerwarten war usw.
    Das mag manchen übel aufstossen,aber es war (Macht)Politik mit menschlichen Antlitz.
    Auch wenn Kohl einen guten Riecher für Fettnäpfchen hatte, wollte er das System nicht wie Trump zerstören!
    Das er aber seinen Beitrag dazuleistete,den Boden bereitete,ist absolut klar.
    Das tat er aber mit den besten Absichten,die bekanntlich den Weg zur Hölle pflasten!
    Sollte ich zur Hölle fahren und würde dort den Hern Doktor Kohl treffen.ist irgendwas schief gelaufen…

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    • Pantoufle sagt:

      »Macht-Politik mit menschlichen Antlitz.«
      An dem Satz kaue ich freudlos beim Sonntagsfrühstück. Politiker, die Kleinkinder auf dem Arm halten und dabei Tänzchen vor einem Eisenbahnwaggon bei Compiègne machen, waren und sind mir suspekt.

      Aber es ist natürlich richtig, daß Kohl & Co nicht ein System zerstören sondern schaffen wollten. Und es ist ebenfalls richtig, daß das in einer anderen Art geschah – im Vergleich und der Rückschau mag man das für »menschlicher« halten. By the way: Schwarze Notizbücher gibts heute auch noch. Da finden sich neben dem Geburtstag des Abiturienten auch noch seine Fingerabdrücke, DNA und IP-Adresse. Outsourcing heißt das Zauberwort. Die klassische Kladde ist einfach nur zu klein geworden.

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  2. GrooveX sagt:

    nix für ungut, aber bernt und riesens (oder ries‘ oder dem ries sein) corpsbruder täten mir schon gefallen. aber ganz sicher bernt.

    unabhängig davon, was richtig sein darf und falsch sein muss, danke für die erinnerung daran, dass er prototypischer repräsentant eines korrupten systems war, aber immer gemeinsam mit strauß, leisler kiep, dregger und so. er war nicht so allein. und dann war da noch sein schwäbischer adjudant… oh je, man darf gar nicht anfangen – wo sollte man denn aufhören?

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  3. ich will editieren dürfen, bevor die blamage zu sichtbar wird! dant? tand? tant! ich hab nie gedient, ich darf.

    edit: – oh, geht doch, aber die uhr zur unumkehrbarkeit läuft… äh, ja, sonntag morgen ist ganz falsch!

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    • Pantoufle sagt:

      Schreibs einfach noch mal und ich ersetze es.

      Wenn ich bloß wüßte, wie ich die defekte Kommentarfunktion wieder in den Griff bekomme 🙁

      So, jetzt sollte alles gut sein!

      118+
  4. GrooveX sagt:

    hauptsache bernt – bernt engelmann (vor allem als tag)! alles andere ist egal, wenn selbst die zeit den bimbes hinter der zahlmauer verstecken muss.

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  5. aquadraht sagt:

    Meine nächsten beiden Wunschleichen wären der Dulleye Lamer und John McCain.

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    • Pantoufle sagt:

      Moin aquadraht

      Ich möchte mich ja nicht in Deine Wünsche einmischen. Aber Todeslisten – und seien sie politisch oder weltanschaulich auch noch so gut gemeint – wünsche ich hier nicht.

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  6. Martin Däniken sagt:

    Also Kissinger wird uns alle überleben!
    Und Yoda Geissler!
    Interessant könnte jetzt noch die Schlammschlacht der neusten Frau K. werden-als Verwalter des politischen Erbes..
    Ob es diesmal noch saftiger wird als wie beim Hrn Brandt?!

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  7. Pingback: De mortuis nil nisi bene – Alles nur Satire

  8. Martin Däniken sagt:

    Es gibt bei mir so einen Zwiespalt,der vielleicht auch garnicht aufzulösen ist?
    Einerseits das Kohl`sche Verständnis seiner Person selbst,das es ohne ihn nix gutes geben kann… und die Reaktionen z.B. auf die Eierwerfer,ein Klassiker…
    Auf der einen Seite ein Profi durch und durch auf der anderen Reaktionen aus dem Bauch heraus.
    Wir sind inzwischen diese Polit-Roboter/Bodysnatcher gewohnt,an denen man sich nicht mehr reiben kann.
    Man kann an Kohl einiges i-Bäh finden,aber nicht das er androiden-mässig wie heutige Polit-Produkte drauf war:
    „Ich funktioniere innerhalb akzeptabler Parameter.“

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  9. Martin Däniken sagt:

    Sorry wenn ich mich selbst ergänze,aber ein wirklich grosser Deutscher gestorben:
    Gunther Gabriel-eine ehrliche Haut und jemand der Deutschland liebte!
    Jemand der keine hohlen Politphrasen absonderte,
    sondern besang was sein Herz ihm sagte.
    Wer wohl die Herzen mehr und positiver bewegte:
    Kohl oder G.Gabriel

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  10. waswegmuss sagt:

    Eines konnte er -wenn er wollte, oder jemand wollte, dass er wollte: Bei Verhandlungen etwas herausholen. Ansonsten ich und nur ich.
    Davon ist das Angela meilenweit entfernt. Bei dem ich bin ich mir auch sehr sicher.

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  11. langlode44 sagt:

    Bin grad überm Schwarzbuch H. K. . Danke für den Link.

    Frach mich imma wieder was Menschen treibt sich zu unterwerfen, denn nichts andres hat Kohl gemacht… Muss, und das sehr gern, den Wessis in Schlaaand mal nen Komplement machen. Drüben, „Geh doch nach drüben“, gibts mehr Leutz die den Finger drein tun wos weh tut als hier in Ossiland. iss so…

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