Kurz und dreckig 40

Der Tag der Befreiung. Das ist doch ein schönes Sinnbild und ein wenig nachdenken könnte man auch darüber. Wenigstens diejenigen, denen diese Gabe gegeben ist.
Der Tag danach: Putin hat also verloren. Die Nachlese auf Twitter und Facebook läßt einen in Abgründe blicken. Vernünftigere schalten glücklicherweise wieder in den Alltags-Modus um. Was gestern noch die »größte aller Dummheiten« war, ist bereits am nächsten Morgen wieder zitierfähig: »Wir müssen Europa ändern, sonst wird der Front National in fünf Jahren gewinnen« (Emmanuel Macron). Ist ja egal! Was schert mich mein Geschwätz von gestern?

Es geht aufwärts, die Rettung Europas kann beginnen. Wie das genau passieren soll, wissen im Moment allerdings nur die Weisen der deutschen Wirtschaftsverbände und ihr Finanzminister Schäuble. »Reformstau«, »die Märkte«, »Arbeitsmarktreformen« und überhaupt einen starken deutsch-französischen Motor. Ohne darauf im Detail einzugehen (Italien, Griechenland, Spanien), könnte man das als Wahlwerbung für die momentan unterlegene Madame Le Pen betrachten. Macron selber hat erst einmal die in vier Wochen anstehenden Parlamentswahlen zu überstehen, um dann dort weiterzumachen, womit er 2016 bereits Hunderttausende gegen Präsident Hollande auf die Straße brachte: Die Arbeitsmarktreformen, also ein Ding, bei dem jemandem etwas weggenommen wird. Vorzugsweise denen, die sich am wenigsten dagegen wehren können.
Im Westen nichts Neues. Öde und langweilig in seiner Vorhersehbarkeit und wenn es erwartungsgemäß nicht klappt, kann man ja immer noch den Putin aus der Deppenkiste ziehen. Der Übergang Europas vom Bewegungs- in den Stellungskrieg. Jedes hirnlose Attentat, jeder Anschlag wird den zähneknirschenden Burgfrieden gefährden, jede Verschärfung der politischen Verhältnisse zum Beispiel in Libyen oder Syrien. Oder auch nur eine darbende Bank, die sich verzockt hat. Dann wird sich zeigen, daß Reparaturen an der Stuckfassade des Neoliberalismus kein Ersatz für eine Idee ist, hinter die sich eine Nation stellen könnte. Und genau die ist bei Macron nicht erkennbar, ganz im Gegensatz zu Le Pen und Mélenchon. Wenn Frau Le Pen und die Front National eines geschafft haben, dann ist es, sich als feste Größe in der französischen Politik zu etablieren. Auf Obama folgte Trump und die Front National kann nun in aller Ruhe die Grabenanlagen der Opposition sturmreif schießen.
Aber die Redaktion der Schrottpresse will die Feier nicht ungebührlich stören.

Wie beruhigend, daß die rechtsrheinische Wacht ruhig weiterschlafen kann. In Schleswig-Holstein haben zwei Drittel der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben.
»Tausche junge Geliebte gegen gebrauchte Ehefrau, die zu hausfraulich für meine Augenhöhe ist.« Der Kandidat fragt sich, ob »die Bezeichnung Kanzlerkandidat« für Sigmar Gabriel die richtige sei, wo Angela Merkel ihren Job doch »ganz ausgezeichnet macht«. »Wenn sich die Bürger einen Kanzler malen könnten, käme sicher so etwas wie Frau Merkel dabei raus.«
»Am Ende werden wir in irgendeiner Form alle Nutzer heranziehen müssen«. Die Nutzer von Autobahnen.

Angela Merkel wird es denkbar leicht gemacht, den Chulz-Hype auszusitzen, wenn solche Sätze eines SPD-Kandidaten im Raum stehen. Darum ist Thorsten Albig auch abgewählt worden. Der »ruhige Feinmechaniker der Macht« kann sich aber für seine berufliche Zukunft der offenen Arme der Märkte sicher sein.
Ach ja: Daß überhaupt 66% der Wähler zur Wahl gingen, ist der Tatsache zu verdanken, daß das Wahlalter auf 16 Jahre herabgesetzt wurde. Ein Verdienst der Piraten-Partei, die daraufhin auch prompt abgewählt wurde.

»Lesen Sie hier, was nebenan in diesem Internet auch selbst sehen können. Das mag 10.000 Klicks bringen, aber Journalismus ist das nicht.«
Anne Fromm (taz-Medienredakteurin) erklärt, was sie allgemein am Internet alles noch nicht verstanden hat und speziell, warum sich an der Krise des klassischen Journalismus in absehbarer Zeit nichts ändern wird. Zweiteres allerdings eher unabsichtlich.

Schrottpresse-Redaktionskampfhund Oskar und Redaktionsschwein Schnitzel haben die interessante Frage in den Raum gestellt, ob das Beispiel Frankreich ein Exportschlager für Europa sein könnte. Man gründet einfach eine »Bewegung« statt sich einer arrivierten Partei zu bedienen. Was diese Bewegung an Aussagen tätigt und welche Ziele sie verfolgt, wird durch computergestützte statistische Analysen der Inhalten von Twitter, Facebook, Netflix und ähnlichen Plattformen über einen noch zu definierenden Algorithmus ermittelt. Die Datenbasis ist bereits vorhanden und wird täglich ohne eigenes Zutun erweitert. Die Maschine als Beobachter wäre nicht in der eigenen Blase gefangen, sondern würde vorurteilslos alle Stimmen wahrnehmen, Verbindungen herstellen und übereinstimmende Wahrnehmungen zu einem so frühen Zeitpunkt feststellen, wie es dem menschlichen Beobachter unmöglich wäre. Tendenzanalyse in Echtzeit.
Auf den Einwand des Chefredakteurs, daß die Ergebnisse leicht durch Bots oder Manipulationen beispielsweise von Regierungen zu manipulieren seien, bemerkte Schnitzel, daß sich Computer im Gegensatz zu Menschen nicht davon beeinflussen ließen. Sie könnten anhand von IP-Adressen, Statistik und Textanalyse solche Manipulationen schnell als solche erkennen. Ganz abgesehen davon, daß auch diese Fremdeinwirkungen Teil der Meinungsmenge würden und so zu einem unabdingbaren Faktor innerhalb der Statistik. Abgesehen davon könnte man zu bestimmten Anlässen ja selber… wozu hat man einen schwarzen Gürtel in Photoshop?

Was sich Schweine so ausdenken?

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