Kurz und dreckig 32

Redaktionssitzung in der Schrottpresse. Redaktionskampfhund Oskar schnüffelt an einem Knochen, an dem gestern noch etwas verwertbares klebte, jetzt aber müffelt er nur noch etwas.
Tastaturen mit USB-Verbindung sind praktisch: Man kann sie von der Strippe lösen und die Barthaare, Keks- und Tabakkrümel herausschütteln. Der Chefredakteur schüttelt.
Redaktionsschwein Schnitzel blättert in der Fachpresse: »Der CSU-Politiker Gauweiler hat den letzten Brief Ludwig des Zwoten gefunden. Quik! Er war gar nicht verrückt! Das war alles ein Irrtum mit dem Meschuggeschreiben – man hat ihm bitteres Unrecht getan. Es lebe der König!«

Wenn Oskar grinst, sieht er gelegentlich etwas bedrohlich aus. Das liegt an den Eckzähnen und der Kampfhund weiß das auch. »Genau! Das lag nur an Neuschwanstein21, der Herrenchiemsee-Philharmonie und Schloß Linderhof „Willy Brandt“. Wenn das Schule machen würde, die Herrschenden für bescheuert zu erklären, nur weil sie mit völlig nutzlosen Prunkbauten ein Gemeinwesen ruinieren… Außerdem stammt der Brief vermutlich aus der Erbmasse Kujaus. Und natürlich kann sich kein echter Bayer damit abfinden, daß man vor 130 Jahren dieser Witzfigur eine Kugel in den Kopf schoß und ihn in einen Weiher schmiß. Keine Meldung!«
Der Chefredakteur nickt zustimmend. »Schnitzel, sei nicht traurig! Du bist ein Schwein, hast einen leichten Hang zur Monarchie und das ist auch gut so! Trotzdem keine Meldung. «

»Die Türkei ist in Syrien einmarschiert. Seit 5:45 Uhr wird zurückgeschossen!« Oskar grinst nicht mehr. Dafür steht sein Nackenfell auf habacht.
»Das ist das Ende des islamischen Staates! Nie wieder Terror! Nie wieder Hieb- und Stichwaffen im öffentlichen Nahverkehr! Oink!«
Die Erleichterung Schnitzels ist verständlich. Seit geraumer Zeit versteckt er sich während unserer Ausflüge konsequent im Tankrucksack und nervt den Rest der Redaktion mit dem vollkommen vergeblichen Versuch, sich einen Fressvorrat für 24 Stunden anzulegen.
»Früher© hatte ja jede Familie Karten an den Wänden, um die Erfolge des Kaisers mit Stecknadeln zu dokumentieren. Am Anfang stach sich das auch recht flott, nur später… Die Idee geriet dann etwas in Vergessenheit. Komm, Schnitzel: Wir pieksen mal zusammen!«
Redaktionskampfhunde haben gelegentlich etwas Rührendes, wenn sie enthusiastischen Schweinen etwas erklären wollen.
»Guck mal, Schnitzel! Das ist Syrien! Der Präsident heißt Baschar al-Assad und er teilt sich die Macht im Staate mit schätzungsweise 1200 Rebelleneinheiten. Jede dieser Rebelleneinheit hat ihre ganz privaten Vorstellungen vom Endsieg. Dazu kommen die Vorstellungen der USA, der NATO, des Iran, der arabischen Liga, Israels, Russlands und nicht zu vergessen die der Türkei.
Weil das alles zu kompliziert ist, teilt man die Gruppen in Viertel: Die Moderaten, Islamisten, Jihadisten und Kurden und dann noch mal in nützlich und nicht nützlich!«

Der Hund hat während seiner Einführung eine Karte Syriens an die Wand geklebt, auf der die Einflußgebiete der jeweiligen Gruppen wie Masern verzeichnet sind.
»Chef: Hast Du mal Stecknadeln mit großen Köpfen? Pfoten, Du weißt schon!«
Natürlich hat der Chefredakteur und Oskar sticht drauflos.
Das Schwein liest in der Zwischenzeit die ersten Siegesmeldungen vom Live-Ticker. »Die syrischen Regierungstruppen teilten mit, sie hätten die vollständige Kontrolle über die Stadt Daraja erlangt, die bislang von Aufständischen gehalten wurde. Die syrische Armee sei „in die gesamte Stadt vorgedrungen“ und kontrolliere sie nun vollständig, sagte ein Militärvertreter der Nachrichtenagentur AFP.«

»Wieso Rebellen der syrischen Regierung? Unterstützen die USA auch die Truppen Assads im Kampf gegen den IS?«
»Nein. Das waren keine vom IS – das waren ehemalige von den USA unterstützte moderate Rebellen im Kampf gegen Assad! Jetzt sind sie nicht mehr moderat, sondern unnütz. Das sieht doch jedes Schwein!«
»Aber die Türkei mit ihren glorreichen deutschen Panzern – die haben es doch dem IS so richtig gezeigt, oder? Das haben sie diesem Biden, der immer so verbissen-locker auf jede Teppichkante springt, versprochen.«
Der Redaktionkampfhund steckt ein paar Nadeln mit weißen Köpfen um ein Gebiet so groß wie die Niederlande ab.
»Das ist in etwa der Einflußbereich des IS in Syrien! Übersichtlich, nicht wahr?«
»Und da ist die glorreiche türkische Armee! Da oben, da, wo… wieso sind da gar keine Gotteskrieger?«
»Die kommen noch. Später! Und 100km weiter südlich. Oder 20km westlich. Da oben ist die autonome Region Kurdistan und westlich davon syrische Kurden.«
Oskar markiert fleißig weiter.
»Die türkischen Truppen sind jetzt ungefähr hier und bewegen sich in diese Richtung, wenn sie sich mal bewegen«
»Laufen sie vor dem IS weg?«
»Nicht direkt. Aber suchen tun sie ihn auch nicht gerade.«
»Also wenn ich türkischer General und nicht ein Schwein wäre, dann würde ich mit einer weit gefassten Zangenbewegung quer durch die autonomen türkischen Gebiete südlich vorstoßen, um den IS von hinten… Der würde sich aber wundern, der IS!«
»Der wundert sich jetzt schon. Überall wird auf einmal gekämpft. Nur nicht gegen den IS. Und die türkischen Generäle wollen vermutlich genau das, was Du vorschlägst: Quer durch die kurdischen Gebiete und dann wieder etwas kreuz, um dann wieder ziemlich quer ungefähr dahin zu marschieren, wo sie jetzt sind.«
»Bis der IS vor Langeweile von selbst stirbt. Das nenne ich eine schweinisch ausgefeilte Strategie! Aber wer kämpft denn jetzt gegeneinander außer den Türken gegen die Kurden und den Rebellen-Rebellen gegen Assads Truppen?«
»Die von CIA und US-Verteidigungsministerium unterstützten syrisch-arabischen Rebellen gegen die vom US-Verteidigungsministerium unterstützten kurdischen Kämpfer der YPG. Und natürlich die Rebellen gegen die anderen Rebellen-Rebellen, die wiederum nach Feierabend zusammen gegen Assad kämpfen!«
»Ich als Schwein würde dann ins IS-kontrollierte Gebiet fliehen! Da scheint ja vergleichsweise Frieden zu herrschen und Schweinefleisch ist dort geächtet!.«
»Das kann man so sehen, sollte es aber keinesfalls laut sagen. Sonst kommen noch andere Menschen und Schweine auf diese Idee! Das macht die Verhandlungen der USA und Russlands über eine Waffenruhe ja zu dieserHängepartie – man sitzt sich grübelnd gegenüber und wirft sich von Zeit zu Zeit Stichworte zu beim Versuch, sich daran zu erinnern, wer eigentlich wessen Feind war.«

Das Redaktionsschwein hat sich ein Blatt Papier genommen und kritzelt herum. Seine Aufmerksamkeitsphase ist nur von kurzer Dauer, und jetzt, wo es verspricht vollends unübersichtlich zu werden, ist es aus damit.
Hier noch ein Türmchen, dort einen Teich und ein paar Blumen. Oskar guckt interessiert zu.
»Wird das Neuschwanstein?«
»Ich werde es Neuschweinstein nennen! Und es wäre auch sehr preiswert. Die Experten haben bestätigt, daß sich die Baukosten schlimmstenfalls verdreifachen. Das ist doch akzeptabel, oder?«

Allen Lesern noch einen schönen, konfusionsfreien Sonntag!

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9 Kommentare zu Kurz und dreckig 32

  1. R@iner sagt:

    Ich mag Schnitzel.

    Wetterbericht

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  2. DasKleineTeilchen sagt:

    SPINNT vor 5 minuten:

    “Die türkische Armee und ihre Verbündeten verzeichnen in Nordsyrien weitere Erfolge im Kampf gegen die Kurden-Allianz”

    äh, was?

    ozeanien war schon immer im krieg mit /zutreffendes bitte ankreuzen/

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    • pantoufle sagt:

      Breaking News: Teile der systemischen Lügenpresse behaupten allen Ernstes, der deutsche Bundestag hätte den Völkermord an den Armeniern offiziell Völkermord genannt! Auf diese Lüge des sterbenden Kapitalismus kann es nur eine Antwort geben! Merkel auf den Knien nach Ankara! Apanage Ananas!

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  3. pantoufle sagt:

    Teilchen: Mal ganz im Ernst! Das, was wir da erleben dürfen, ist die mediale Heiligsprechung einer Diktatur. Der geplante Völkermord Erdoğans erlöst nicht nur die USA aus ihrer Schockstarre darüber, daß mittlerweile niemand mehr wußte, wozu man eigentlich dort Krieg führt. Wegen ein paar Messerstechern in der S-Bahn? Wohl eher nicht.

    Der türkische Vernichtungsfeldzug gibt dem Ganzen wieder einen Sinn und – das ist meine tiefe Überzeugung – öffnet einen Weg zur Teilung Syriens.
    Geh doch mal in Dich und überlege, worum es in diesem Krieg angeblich geht. Die Beseitigung des Assad-Regimes? Der führt dort völlig ungestört seit fünf Jahren einen Bürgerkrieg. Den IS? Der ist längst nach Afrika umgezogen. (Mali, Südsudan,… die gesamte Sahel-Zone, bis runter nach Südafrika und verdient zum ersten Mal richtig Kohle mit Schmuggel, Menschenraub und was weiß ich).

    Syrien? Das gibt es doch gar nicht! Syrien ist erst mal der Blinddarm des Iran. Für die Israelis ist es das Rückzugsgebiet militanter Palästinenser, für die Russen der Marine-Zugang zum Mittelmeer, die arabische Welt eine islamistische Petrischale und für die USA ein Ölfeld. Das sind alles keine verhandelbaren Standpunkte.
    Die Türken aber – die haben ein erstklassiges Argument in der Hand! Die sind der Korken auf der Flasche Europa und das übelste NATO-Mitglied überhaupt (weil immer schon Korken). Erinnern wir uns doch mal: Die waren über 10 Jahre eine Militärdiktatur (1980 – 1990 + Übergangsregime). In dieser Zeit bekamen die von der OSCD über 4 Milliarden Dollar an Wirtschafts- und Militärhilfe. Geschadet haben ihnen die Verbrechen, die Morde niemals. Urlaub haben die Wirtschaftswundler dort gemacht!

    So, und jetzt moderte dort die ganze famose westliche Militärtechnik unbenutzt vor sich hin in der Hand eines größenwahnsinnigen Irren, zu dessen einzig nachvollziehbaren Gedanken der Hass gegen die Kurden auszumachen ist.
    Für diesen Glücksgriff der Evolution fälsche ich doch jeden Kriegsgrund. Absolut jeden! Erdoğans Truppen ebnet den Nordirak ein, Assad gewinnt mangels Gegner endlich die Oberhand (das haben die Russen ja auch schon angetreten, hatten aber als Rückversicherung Verträge mit den Kurden) und das bisschen Infrastruktur des IS bomben die doofen NATO-Alliierten platt, die glauben, den Terrorismus zu bekämpfen.
    Was danach noch auf den Beinen ist, feuert mit der restlichen Munition auf alles, was sich bewegt.
    Man muß sich einfach von der Vorstellung verabschieden, die benannten Kriegsparteien und »Rebellengruppen« hätten irgendwelche nachvollziehbaren Interessen oder Kriegsziele.

    Die einzige Realität sind die Diplomaten, die bereits jetzt mit Zetteln in der Hand Schlange stehen, auf denen sie Assad ihre Wunschliste im Gegenzug zum Machterhalt präsentieren werden. Und diese Diplomaten sind äußerst rational. Die kümmert das Schicksal von ein paar Kurden einen Scheißdreck. Die kommen aus Ägypten, dem Iran, Russland, den USA, Saudi-Arabien, Katar, China und haben Mühe genug damit, sich nicht schon bereits im Vorzimmer gegenseitig an die Kehle zu gehen.

    Die Erde ist eine Scheibe? Für eine Erdöllagerstätte von einem Volumen von 37 Milliarden Tonnen Öl bauen wir eine Mauer um sie herum, auf daß die Ozeane nicht abfließen.

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  4. waswegmuss sagt:

    Manchmal kommt es mir so vor als der Taschendieb Erdowahn das Dritte Reich als Blaupause benutzt.
    Frau Merkel ist Neville Chamberlein…
    Nur habe ich bisher noch keinen Panzerkreuzer Graf Spree sichten können.

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  5. “Wenn man jedoch nur die Wahl zwischen einer „beschädigten“ Demokratie und gar keiner Demokratie hat, sollte man als Demokrat die beschädigte Demokratie vorziehen.”

    Das habe ich letzten Monat noch gelesen. Jetzt sind wir schon wieder einen Schritt weiter. Und wie immer verändern sich die Dinge zum Schlechten.

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  6. pantoufle sagt:

    Moin Matthias
    An diesen Satz habe ich in letzter Zeit auch gelegentlich gedacht. Nicht über seinen Sinn, wohl aber darüber ihn überhaupt auszusprechen. Diejenigen, die wir uns als Politik-Blogger betätigen, jonglieren ja immer ein wenig mit der Glaskugel. Je nach Glück, Talent oder Zufall liegt man mehr oder weniger daneben; mal Punktlandung, mal Niete.

    Daran ist ja überhaupt nichts verwerfliches, das ist einfach so und darin unterscheiden wir uns nur marginal von den beruflichen Wahrsagern und Sterndeutern des Kuh-Journalismus.
    Aber wir haben das Recht, unsere Meinung zu äußern und J. Berger hat das in dieser Form getan. Ein diskutabler Standpunkt. Bemerkenswert ist doch aber, daß all seine Kritiker von damals genau so daneben lagen. Da war doch niemand darunter, der genau das voraussagte, was nun eingetreten ist. Damit meine ich nicht die Trolle, die aufjaulten, nur weil Berger es so formulierte, sondern diejenigen, die sich mit seinem Standpunkt ernsthaft auseinandersetzten.

    @waswegmuss
    Nix Panzerkreuzer: Deutsche U-Boote. Auch kein Chamberlain, weil man eben keinen Frieden in unserer Zeit will. Keine Blaupause, weil Hitler keinen Stellvertreterkrieg führte bzw. führen sollte. Ich denke, die drittes Reich-Vergleiche führen uns nicht weiter. Man unterliegt zu schnell der Versuchung, das begrenzte Arsenal der Demagogen für eine Wiederholung der Geschichte zu halten.

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    • @ pantoufle

      Ich wollte mich über den Kollegen Berger nicht lustig machen, aber das Statement ist angesichts der Entwicklung einfach amüsant, weil ich – wie du – immer wieder mal dran denken muss, wenn Erdogan die nächste Sicherung durchbrennt. Eigentlich war die Türkei ja schon zur Zeit des Böhmermann-Gedichts keine lupenreine Demokratie mehr.

      Natürlich machen wir alle Fehler – bis auf Andy Bonetti, den Chuck Norris der Gegenwartsliteratur :o)

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