Kurz und dreckig 22

Upps, die Uhr ist stehengeblieben! Das Glockenwerk aufziehen und Uhrwerk, auf 11:00 Uhr stellen: Das passiert eigentlich nur sehr selten. Man vermisst etwas, wenn es nicht alle halbe Stunde »kling« macht und die Stunden geschlagen werden. »katick, katick, katick« macht die Unruh – jetzt läuft sie wieder!

Schon 11:00 Uhr? Gefangener der Bewegung Filterblase 2016 und keiner zahlt Lösegeld oder läßt Gefangene frei. Irgendwelche Gefangenen.
Geisel der Blase?
Nein, eigentlich nicht. Der Strom schlechter Nachrichten, die in ihrer Eintönigkeit zum Begleiter wie Nieselregen geworden sind, verfangen sich in Perlen im RSS-Reader. Eine SMS abgeschickt, auf die es keine Antwort geben wird, eine auf einen Brief bekommen, auf den ich keine Antwort erwartet hatte. »katick, katick, katick«. Das Hamburger Landgericht hat Böhmermanns Gedicht, welches keines war, in großen Teilen verboten, besitzt aber genügend Humor, es vollständig als PDF ins Netz zu stellen. Die verbotenen Passagen sind rot markiert. Ein Satiregerichtshof.

»…und Böhmermann die Äußerung bestimmter Passagen des Gedichts untersagt, die Erdoğan angesichts ihres schmähenden und ehrverletzenden Inhalts nicht hinnehmen muss. Diese Textpassagen sind im Anhang zu dieser Mitteilung in kursiv-roter Schrift gekennzeichnet und eingerückt. Hinsichtlich der übrigen Teile des Gedichts (im Anhang in Normalschrift abgedruckt) hat das Gericht den Antrag Erdoğans zurückgewiesen.«

Aus der Pressemitteilung

Soso – das ist also verboten und das nicht. Mangels Rechtsempfinden kann die Schrottpresse nicht nachvollziehen, daß Majestäten nur so und nicht anders beleidigt werden dürfen. Vielleicht hätte man einem Literaturwissenschaftler die Auswertung anvertrauen sollen. Böhmermanns Anwalt findet schwere Verfahrensfehler und kündigt Kampf bis aufs Messer den Gang vor das Bundesverfassungsgericht an.

Wenn wir gerade bei Satire sind: »Dies zeigt, dass das BMVg mit seinen Überlegungen zur Überbrückung einer möglicherweise mittelfristig eintretenden Fähigkeitslücke den richtigen Weg eingeschlagen hat.« Meint was? Fähigkeitslücke? Böhmermann hätte gut daran getan, sich die Satire um das Transportflugzeug A400M genauer anzusehen – immer gut für einen unerwarteten Euphemismus. Im Sprachgebrauch des Kriegsministeriums v.d.Leyens beschreibt dieser Begriff den Zustand eines VW-Golfs, der sich bei 160km/h um einen Baum gewickelt hat. Das Fahrzeug hat danach eine Fähigkeitslücke.
Airbus A400M? Ja genau! Das ist der großartige Transporter der Bundesluftwaffe, dessen Triebwerke kurz nach dem Start schon mal in den Leerlauf gehen. Ein unbedeutender Software-Fehler, dessen Nachfolger nun in Form von Problemen mit den Propellergetrieben vor der Tür steht. Alles kein Beinbruch! Bruch… da war doch was? Ach ja, die Risse in der Außenhaut, deren Beseitigung allein vermutlich sieben Monate dauern werden. Wasserdicht war der Vogel nebenbei auch nicht. Die Toilette läuft aus?

»Nach SPIEGEL-Informationen listeten sie in einem Protokoll ganze 875 Mängel auf, darunter auch ausgelaufenes Hydrauliköl am Hauptfahrwerk und an den Reifen sowie fehlende Isolierungen an Elektrokabeln. “Airbus scheint ein ernstes Problem mit seinem Verständnis von Produktqualität zu haben”, lautete das drastische Fazit der Sachverständigen nach einem Besuch in der Produktionshalle.«

Manager-Magazin

BER mit Propellerantrieb. Und mit dem Propeller gibt’s natürlich auch Probleme.

Bleiben wir beim Thema Satire. Nein, natürlich ist Sigmar Gabriel nicht schuld! So wenig schuld wie die Galionsfigur am Bug für die schlechten See-Eigenschaften der »SMS Sozialdemokrat«, den fortlaufenden Wassereinbrüchen, den durchgescheuerten Ruderreeps und dem beim letzten Sturm über Bord gegangenen Fockmast. Um die fehlende Steuerung zu kaschieren, hatte man das einst stolze Schiff vorsichtig auf das Korallenriff »große Koalition« gesetzt. Bedauerlicherweise bei Ebbe und nun steht die Freibordmarke bereits kurz unter 18%.
Der Seerechtsexperte Pascal Beucker setzt sich in der taz mit der nachlassenden Attraktivität des Frachters auseinander und kommt zu einer durchaus treffenden Bestandsbeschreibung: Man könnte von einem Wrack sprechen.
Nur beim Fazit schwächelt Beucker ein wenig. Sein Vorschlag einer neuen Galionsfigur in Form von Gesine Schwan verfehlt das Problem um Armeslänge wie auch der Hinweis, daß die Dame mit 72 Jahren immerhin zwei Jahre jünger als Bernie Sanders sei.

»katick, katick, katick«

P.S. Auch Jörg Wellbrock beschäftigt sich beim Spiegelfechter mit diesem Thema. Als potentieller Name einer Kamzler-Kandidatur purzelt dort Andrea Nahles aus der Hutschachtel. Diese Schachtel Personalie wäre allerdings der Gegenentwurf zu der Behauptung, die Galionsfigur hätte keinen Einfluß auf das Schicksal des Schiffes.
Sirenengesänge, das Haupt der Medusa… vorsicht: Seeleute sind abergläubisch!

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7 Kommentare zu Kurz und dreckig 22

  1. An solchen Tagen baut mich mein bester Freund wieder auf:

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  2. pantoufle sagt:


    Ja, die sind echt lustig. Ich häng mich dann mal ans Telephon.

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  3. Frank Benedikt sagt:

    Sers, Daniel. Da ich derzeit weder Mail noch Skype nutzen kann, kurz hier. Auch eine andere Uhr ist stehengeblieben, nämlich die von Ralf (“Totschka”). Auch wenn Ihr wohl gezankt mal habt, denke ich doch, über Gräber ist das vergessen. Dafür kenne/kannte ich Euch beide gut genug.

    BG
    Frank

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  4. Der Duderich sagt:

    Als Pazifist gibt es für mich schlimmeres, als dass Militärtechnologie Schrott ist.
    Als Sozialist hätte ich natürlich das verbrannte Geld dahinter lieber in anderen Taschen gesehen.

    Und Böhmermann?
    Gleichzeitig total überschätzt, trotzdem aber unterschätzt, weil er seine Resonanzböden dazu verleitet, bessere Satire als er selbst zu machen. Und davon vermutlich selbst überrascht ist.
    Man muss das als Gesamtkunstwerk verstehen. Erstmal seine Sendung (Binse), aber doch viel mehr die Reaktionen darauf.

    Aber in all dem ganzen Wahnsinn, ist der Wahnsinn dann doch die Norm, die mehr nervt als belustigt.

    Es ist dieser ganz normale Wahnsinn, der uns an den Markt glauben lässt. An eine Wirtschaft, die durch immer geringere Löhne am Leben erhalten werden muss. Eine Wirtschaft, die durch stetigen Sozialabbau am Leben gehalten werden muss. Von Volkswirtschaften, die niemals mehr schuldenfrei sein werden – während sich aber die wenigsten fragen, bei wem diese Volkswirtschaften verschuldet sind.
    Der Wirtschaftsmotor Deutschland ist da auch keine Ausnahme.

    It’s capitalism, stupid!

    Der allermeiste Wahnsinn, findet innerhalb vorangegangener drei Worte statt.
    (Völkische Abgrenzung/Nationalismus gehört übrigens auch dazu.)
    Den restlichen Wahnsinn könnte ich ja noch irgendwie handeln…

    LG
    Duderich

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  5. pantoufle sagt:

    Moin @all
    @Matthieas
    Einer dieser Tage mit einer leicht fiebrigen Erkältung und der tiefgründigen Überlegung, ob die alle noch ganz dicht sind.

    @Frank
    Ja, ich hab’s bei Klaus drüben gelesen. Über die Gräber hinweg werde ich es wohl aber nicht vergessen – eines davon müßte ja wenigstens semantisch meines sein. Ich hatte gerade beschlossen noch nicht zu sterben.
    Was Totschka betrifft, so kann ich mich nicht mehr daran erinnern, worum es damals eigentlich ging. Es wird nicht so wichtig gewesen sein. Vermutlich eine dieser Diskussionen, die von Anfang darauf ausgelegt waren, keinen Konsens zu finden. Wobei: Auf der Schrottpresse hat er meines Wissens nie einen Buchstaben hinterlassen so wenig wie ich bei ihm. Aber da kann ich mich auch irren. Mein aufrichtiges Beileid an die Hinterbliebenen.

    @Duderich
    …und als Techniker rege ich mich über Pfusch auf.

    Böhmermann? Ja was denn nun? Über- oder unterschätzt, dabei aber auch ein Gesamtkunstwerk? Was mir bei der Debatte nicht nur über Böhmermann unendlich auf den Zeiger geht, ist der grundsätzliche Anspruch, daß Leute wie er den endgültig einigenden Satz aussprechen, unter dessen Banner endlich die Revolution ausbricht.
    Haben wir es auch eine Nummer kleiner? In der aktuellen Medienmeute fällt er durch Intelligenz auf, im Gegensatz zum Großteil seiner Kritiker.
    Diese Kritiker kann man in zwei Gruppen trennen: Da ist zum eine die, bei denen giftgrüner Aufmerksamkeits-Neid die Feder führt und dann diejenigen, die sofort wissen, was Böhmermann statt dessen sagen und machen soll. Der zweiten Gruppe sei empfohlen, das dann doch selber in die Hand zu nehmen – die anderen können unbeachtet unter den Tisch fallen.

    Bei mir drängt sich dabei immer die Vision auf, einer der »Besserwisser« sitzt anstelle von Böhmermann vor der Kamera und verbreitet seine Version der Botschaft. Ob das Publikum dann auch noch klatscht? Das mag sich jeder selber überlegen bevor er die finale Kritik abfeuert: Was wäre wenn ich an seiner Stelle wäre?

    »Es ist dieser ganz normale Wahnsinn, der uns an den Markt glauben lässt.«

    Ich glaube nicht an den Markt.

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  6. lattjamilln sagt:

    Du bist ja ein feinfühliger Poet?!

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