Kurz und dreckig 18

Armenian_woman_and_her_children_from_Geghi,_1899

Armenian_woman_and_her_children_from_Geghi,_1899. Keine bekannten Copyrights

Dem höheren Wesen sei Dank! Das Thema Flüchtlinge ist endlich vom Tisch. Was sind ein paar Schlauchboote im Mittelmeer, wenn Glyphosat im Bier gefunden wird? Da stehen höhere Werte auf dem Spiel – passend zum 500. Geburtstag des deutschen Reinheitsgebotes für Gerstensaft finden sich Spurenelemente eines Pflanzenschutzmittels im Bier.

»[…] Wo aber einer nicht Märzen-, sondern anderes Bier brauen oder sonstwie haben würde, soll er es keineswegs höher als um einen Pfennig die Maß ausschenken und verkaufen. Ganz besonders wollen wir, daß forthin allenthalben in unseren Städten, Märkten und auf dem Lande zu keinem Bier mehr Stücke als allein Gersten, Hopfen und Wasser verwendet und gebraucht werden sollen. Wer diese unsere Anordnung wissentlich übertritt und nicht einhält, dem soll von seiner Gerichtsobrigkeit zur Strafe dieses Faß Bier, so oft es vorkommt, unnachsichtlich weggenommen werden.[…]«
Gegeben von Wilhelm IV.
Herzog in Bayern
am Georgitag zu Ingolstadt anno 1516

Was dem Muselmann sein Halal, das ist der deutschen Leitkultur ihr Reinheitsgebot. Wozu sich noch dem Einfall des Islam erwehren, wenn Grundfeste des abendländischen Selbstverständnisses in den Orkus laufen – fassweise?
Im Schatten dieses Skandals wird dann schnell das Asylpaket II verabschiedet, daß das Reinheitsgebot Deutschlands ganz allgemein sichern soll. 429 gegen 147 Abgeordnete stimmten für das neue Panik-Gesetz aus Angst vor den Migranten und Wirtschaftsflüchtlingen  aus dem rechten Lager. »…sonst AFD!« als zeitgemäße Handlungsmaxime, nachdem sich Grundgesetz und Humanität als gesellschaftlich nicht durchsetzbar erwiesen haben. Und dabei braucht man gar nicht nach Sachsen zu schielen! Die wenigsten Abgeordneten der Abstimmung stammen aus diesem Landstrich. Die Heiligsprechung von Connewitz: Nicht entfesselter Mob, sondern Asylskeptiker.
Das Erwachen wird umgehend folgen. Was Franz von Papen nicht geglückt ist, wird auch Frau Merkel nicht gelingen; aus Prinzip nicht – nicht, weil sie sich zu wenig gebückt hat. Lalala…

Apropos Liedchen! »Jamie-Lee Kriewitz ist erst 17 Jahre alt, hat aber bereits allerhand Bühnenerfahrung: Vor dem Ticket nach Stockholm gewann sie die Casting-Show „The Voice of Germany«
Allerhand Bühnenerfahrung…soso! Wann hat sie denn angefangen, das Manga-Püppchen? Mit 4 Jahren? Wegen den klaren Copyrightverhältnissen des Bildes bleibt nur mir nur ein Link auf Zeit.de: Deutschland heute! Mit Fahne und buntem Stoffhasen. Da ist er also, der Gegenentwurf zu Xavier Naidoo. 44,5 Prozent der Zuschauerstimmen. Kommt das Wort Zuschauer eigentlich aus dem Wortstamm von schauerlich? Egal! Eine dieser unerträglichen Casting-Shows – man sollte nicht in den Fehler verfallen, dem irgend einen guten oder bösen Willen zu unterstellen. Genau so wenig wie für eine Waschmittelwerbung. Da fragt auch niemand im Ernst, ob es nun endlich das gründlichste Weiß aller Zeiten ist. Nur daß die Qualität der Musik dort meist besser ist, denn dort geht es um handfeste Interessen.

Der von der Fraktion der Grünen/Bündnis 90 vorgebrachte Antrag eines Tages zur »Erinnerung und Gedenken an den Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren« wurde aus Rücksicht gegenüber den aktuellen Kriegsschauplätzen abgelehnt. Völkermord möchte man das lieber nicht nennen. Wie denn sonst? Eine Verkettung unglücklicher Umstände mit Hilfe deutscher Militärs? »Armenier-Verminderung 1–1½ Millionen«, so ein Tagebucheintrag Gustav Stresemanns 1916. Nicht daß man dadurch eine historisch belastbare Zahl bekäme, aber auch die Wahl der Worte hat 100 Jahre überlebt.

»“Das, was mitten im Ersten Weltkrieg im Osmanischen Reich stattgefunden hat, unter den Augen der Weltöffentlichkeit, war ein Völkermord! […] Er ist nicht der letzte im 20. Jahrhundert geblieben. Umso größer ist unsere Verpflichtung, im Respekt vor den Opfern und in der Verantwortung für Ursachen und Wirkungen die damaligen Verbrechen weder zu verdrängen noch zu beschönigen […]
Obwohl die Reichsleitung umfassend darüber informiert war, nutzte sie ihre Einflussmöglichkeiten nicht. Diese Mitschuld einzuräumen, ist Voraussetzung unserer Glaubwürdigkeit gegenüber Armeniern wie der Türkei.«

Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU) am 23.4.2015

Aber zu diesem Zeitpunkt mußte die deutsche Bundesregierung auch noch nicht den Wiederholungstäter Türkei aus allzu durchsichtigen Gründen politisch decken. Wieder einmal.

Voelkermord-an-Armeniern-1915-und-1916

Gelegentlich macht man Fehler. Bundestag, Facebook, Twitter, Tagesschau – die Apokalypse in Wort und Bild. Aber es gibt immer eine andere Seite, immer eine Gegenstimme, die im allgemeinen Katastrophengeheule leicht untergeht.
Tante Jay schreibt auf ihrem Blog im Beitrag »Liebe Medien, wir müssen reden«:

»Hört auf, ständig auch dem kleinsten braunen Hänfling eine exorbitante Plattform für seine 15 min. jämmerlichen Ruhm zu bieten.
In ganz Deutschland schuften sich ehrenamtliche Helfer die Schwarte vom Rücken, um die Leute zu integrieren – und NICHTS davon wird gezeigt. Statt dessen malt ihr ein Bild, das ich nicht wiedererkenne.«

Alles, was darüber zu sagen ist, kann man bei der Tante nachlesen. Der Fehler, den ich meine, ist eben der, daß das braune Pack mitnichten für irgend ein Deutschland steht. Und daß die guten Werte in den Menschen nicht deswegen verschwunden sind, weil sie nicht mehr in den Schlagzeilen stehen.
Also ein wenig mehr die Augen öffnen und wieder wahrnehmen: Es sind nicht alle so wie die 429 Abgeordneten des Bundestages, die ihren Amtseid brechen.

P.S. Sie sind sogar zu dämlich zum Abstimmen. Link via fefe.

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8 Kommentare zu Kurz und dreckig 18

  1. Tante Jay sagt:

    Danke für die Blumen 🙂

    Allein, leider werde ich hier wohl eher nicht gehört. Es ist ja auch so schön, sich über die Brüller zu empören. Gibt höhere Einschaltquoten. 🙁

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  2. waswegmuss sagt:

    Ich fürchte, das Gedicht könnte schneller zutreffen als uns lieb ist. Wir müssen doch Verantwortung übernehmen und uns nicht aus der Verantwortung stehlen.

    (Als ob tätige Mithilfe verantwortungslos wäre)

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  3. waswegmuss sagt:

    Ich habe mir gerade mal das Mädel angehört. Mit 17 so eine Stimme? Die ist aufgebohrt, tiefergelegt, 15 Schichten Lack mit Perleffekt und hat noch Boombooster in der Timeline. Mehr Plastik geht nicht.

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    • pantoufle sagt:

      Ich sach da nix zu. Oder doch…? Ne, lass ma – jibbet nur wieda Ärger.

      Oder doch eine Kleinigkeit: Interessierte können das ja mit dem Kästner-Gedicht vergleichen. Um mal die Schwerpunkt festzulegen.
      Tiere schützen sie immerhin… ach, jetzt halt doch endlich die Schnauze, Pantoufle!!

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      • DasKleineTeilchen sagt:

        wer verpasst seiner tochter nur solche namen? michael-myers-fans? jamie-lee. aua. *und* vegan. *und* PETA. *und* manga-hentai-plastic-style. *und* ne 17-jährige, die aussieht wie 12 wird durch die kommerzielle instrumentalisierungsmühle gejagt. ohmann, „german“ satire at its best.

        mir is schlecht…

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    • DasKleineTeilchen sagt:

      ich auch gerade. auweia. yep, mehr plastic geht nicht. und so innovativ, das ganze.

      die kleene tut mir jetzt schon leid.

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  4. derda sagt:

    Das Reihheitsgebot ist doch fürn popo. Brauhefe ist explizit nicht erwähnt 😉
    Darauf ein Kerkbier.

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