Komm mir nicht dumm!

Der jüngere der beiden Polizisten fragt sehr freundlich und interessiert, was ich denn da mache. Ich schraube gerade an der Remote für mein PA herum. Touchscreen, den roten Knopf für general Mute gedrückt und es wird angenehm leise.
»Ich sorge dafür, daß es morgen während der Show nicht allzusehr wehtut.«
»Ach…!?!«
Und dann läßt er sich von mir ganz genau erklären wie das geht. Sowas hätte er auch gerne zu Hause. Das sagen sie alle, bis sie die Preise dafür hören. Seine Anlage zuhause hat Watt und 5.1. Meine hat PS.
»Ob wir wohl kurz mal auf die Bühne könnten… nur mal so zum angucken?«
»Na klar! Nur zu!«
Es ist Aufbautag und die beiden wollen listig, wenn auch sehr offensichtlich, ausprobieren, wieweit man sich ohne »Lebensberechtigungsschein« sensiblen Punkten nähern kann. Mit Uniform jedenfalls näher als ohne. Aber so ganz klappt es dann doch nicht: Kein Zugang ohne Helm und Sicherheitsschuhe! (Nur als kleiner Tip für potentielle Bombenleger.) Da kennt der amtierende Bühnenmeister keinen Spaß! Uniform hin oder her.
»Legt die Bombe solange unter die Bühne, besorgt Euch passende Stiefel, Handschuhe und Helm und dann könnt Ihr gerne wiederkommen!«

Auch im noch freien, weiten Feld werden die neuesten Sicherheitsmaßnahmen getestet. Auf das Dach eines achtsitzigen Kastenwagens hat die Behörde alle möglichen Gerätschaften geschraubt bis er aussieht wie »Robby, Tobby und das FlieWaTüüt« in der Prototypenphase. Irgend was ist kaputt und ein Beamter fummelt ziemlich talentfrei an einem herumbaumelnden Kabel.
»Brauchst Du was? CAT-5-Leitung, Opto oder BNC? Ham wir alles…!« und ich würde es ihm auch leihen, wenn er verspricht, es nach dem Festival wieder zurückzubringen.
Nö, geht schon! Danke für das Angebot! Seine Kollegin lacht. Festivals im Zeichen des Terrors. Bis auf weiteres hat das alles noch den Hauch des Lächerlichen.

Während der Showtage klettere ich oft zu den Kollegen in den ersten oder zweiten Stock des FOH-Towers und sehe mir das Feld von ganz oben an. Der Platz ist mit Barrierers und Heras-Zäunen unterteilt wie die Zuchtbecken einer Lachsfarm. Hier geht’s rein und nur dort kommt man wieder hinaus. Da Polizei, dort unfähige Ordner und in dem knöcheltiefen Modder auf StageRight eine Blechwanne mit zehn Wasserhähnen. Wasser – eigene Getränke mitzubringen ist verboten. Es könnte ja Sprengstoff sein! Oder war das doch mehr dem Einfluß der Getränkeverkäufer geschuldet? Die horrenden Preise würden dafür sprechen. Zu Zeiten von Flotho und »Umsonst und draußen« wäre so etwas vollkommen unmöglich gewesen. Musik, Drogen, ausspannen, seine Ruhe haben. So eine Gängelung wie hier: Vollkommen undenkbar! Die Leute wären einfach zu Hause geblieben. Nicht einmal für umsonst nach draußen: Kombi-Ticket 219€, Ressort 328€, Wohnmobil 50€. Was für ein Wahnsinn! Und sich dafür auch noch für drei Tage schurigeln zu lassen. So besoffen kann doch niemand sein – schon gar nicht 72 Stunden lang.

SABTA! Sicheres Auftreten bei totaler Ahnungslosigkeit. Spät in der Nacht beobachten wir, wie einer dieser sogenannten Ordner einen Krankenwagen mit Blaulicht am Gitter zum Busparkplatz und der Ausfahrt anhält. Dort ist nur Zugang für Musiker mit dem blauen Armband und einem Kreuz. Der Krankenwagen hat kein Armband oder nur ein andersfarbiges. Leider auch niemanden der aussteigt, dem Ordner ein paar aufs Maul haut und den mickerigen Heras-Zaun übermangelt.
Schade!
Das wäre zum Feierabendbier genau die richtige Unterhaltung gewesen. Der Tag und die Nacht wird kürzer, wenn man sich Methoden ausdenkt, wie man am besten 200kg Sprengstoff in kürzester Zeit an jeden beliebigen Punkt des Festivals bringen würde. Am zweiten Tag kann man sich dann überlegen… Na ja – lassen wir das! Irgend etwas mit Hürden und echten Hindernissen jedenfalls.
Am Aufbautag fand sich eine verzweifelte junge Frau an unserer Bühne, die den Tränen nah fragte, wie sie zurück auf den Zeltplatz kommen würde.
»Wie zum Teufel hast Du es überhaupt bis hierher geschafft?«
Ein Krankenwagen hatte sie nach der Behandlung kurzerhand im Nirgendwo abgesetzt.

Es ist wie im richtigen Leben: Würde man auf kollektive Intelligenz, Verantwortungsbewußtsein und ein Miteinander setzen, hätte man vielleicht eine kleine Chance, etwas zu verhindern oder zu verbessern. Gängelung und Drangsalierung aber ist von allen Mitteln das ungeeignetste. Vor allem dann, wenn sich die überwiegende Mehrheit des »Sicherheitspersonals« aus… nennen wir es mal diplomatisch bildungsfeindlichen Schichten rekrutiert.
Nein, an dieser Stelle kein Verweis auf die nach Hause zurückgeschickten Polizisten aus Berlin! Wobei man sich natürlich schon fragt, ob die lausigen Unterkünfte der Beamten dazu gedacht waren, das größtmögliche Aggressionspotential gegen die Demonstranten zu erzeugen. Allein: Der Frust hat sich vor dem Einsatz bereits ein Ventil gesucht, wenn auch so vollkommen anders als geplant. Dabei habe ich erheblich mehr Verständnis für Sex in der Öffentlichkeit als fürs Zusammenschlagen von Demonstranten. Soviel dazu.

Aus dem kleinen Fenster über meiner Koje sehe ich ein Schild auf dem Rastplatz: Koblenz. Also noch rund vier Stunden bis in die Firma. Alles schläft noch, es wurde spät gestern Abend. Um 2:00 Uhr gingen die Trucktüren zu, jeder trank noch ein paar Flaschen Bier und das Catering hatte sogar an ein paar Brötchen für uns gedacht. Das gehört sich auch so, ist aber leider etwas aus der Mode gekommen. Mittlerweile muß man mit jedem Cent kalkulieren, der nicht in die Tasche der Veranstalter fließt, damit er es dann doch tut.
Ganz leise anziehen, damit die Kollegen nicht wach werden. Zärtlich. Über den habe ich mich am ersten Tag geärgert, der andere hat ganz schnell eine Lösung für mich gefunden als alle auf mich einredeten und wieder ein anderer fand das richtige Wort zur richtigen Zeit, das mir den Tag verschönte. Kleine Gesten, Gerüche, zusammen lachen und arbeiten. Ich selber? Ich hab wohl leidlich funktioniert. Das bringt das Alter mit sich. Einmal, bei einer Band und einem ihrer Techniker, hatte ich feuchte Augen. Weil da etwas so war wie früher, als die Welt noch ein klein wenig in den Angeln hing. Vorbei, 600km bis nach Hause.

Barfuß öffne ich unten die Tür, gehe hinaus und zünde mir eine Zigarette an.
»Zieh Dir lieber Schuhe an! Hier pissen LKW-Fahrer hin!«
Ein gutgemeinter Ratschlag unseres Busfahrers. Vor meinem inneren Auge öffnen sich 200 Truck-Fahrertüren und aus jedem sprüht ein gelber Strahl, der lustig in der Sonne glitzert. Die gelben Strahlen vereinigen sich, werden zu einem reißenden Bach, der den ganzen Unrat wegspült… vereinigtes Europa auf dem Rastplatz – 30km vor Koblenz. Piss-Strahlen aller Länder, vereinigt Euch!
Immerhin drückt er mir einen Becher Kaffee in die Hand und hält sich mit weiteren Ratschlägen zurück. Gegenüber steht ein Volvo mit Auflieger, darauf das Bild eines Schwertwals (Orcinus orca) mit einem Cocktail mit Früchten und Schirmchen zwischen den Flossen. Neben ihm wiederum ein Aufpasser, der den Wal mit einem Feudel naß hält.

»Sie müssen sich das einfach mal in ganz groß vorstellen!«
Der Azubi aus dem Werbegrafik-Büro hielt dem Besitzer der Spedition sein Photoshop-Machwerk unter die Nase.
»Dem Aufpasser ziehen wir noch eine Schürze mit Ihrem Firmenlogo an! Die Leute stehen total auf sowas! Mensch und Natur!«
»Eigentlich machen wir ja keine Lebendtransporte, aber wenn Sie meinen…«
Der Azubi fuchtelte wild mit dem Computer-Ausdruck und beschrieb eine imaginäre Fläche an der Wand.
»Ganz groß! Dann wirkt das auch gleich ganz anders. Größer eben!«

Wir sollten besser weiterfahren. Noch eine Stunde auf der Autobahn, dann funktioniert das Gehirn vielleicht wieder.

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8 Kommentare zu Komm mir nicht dumm!

  1. Annika sagt:

    “Nein, an dieser Stelle kein Verweis auf die nach Hause zurückgeschickten Polizisten aus Berlin! Wobei man sich natürlich schon fragt, ob die lausigen Unterkünfte der Beamten dazu gedacht waren, das größtmögliche Aggressionspotential gegen die Demonstranten zu erzeugen.”

    Mir hat mal ein Polizist gesagt, dass genau solche Methoden in der Tat das Aggressionspotential gegenüber Demonstranten erhöhen soll. Stundenlang in voller Montur in der Sonne stehen und so’n Zeugs.

    Ich musste lächeln, als ich heute gehört habe, dass in Hamburg “öffentlich am Zaun gebumst wurde” (O-Ton Polizeisprecher). Wegen meiner, kann ich da nur sagen.

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    • Pantoufle sagt:

      Moin Annika

      Daß dahinter eine Methode steckt, ist klar. Ich fand es lustig, daß es dieses Mal in die Presse gekommen ist. Das wird schon öfter vorgekommen sein. Eine komische Welt: Wenn sie besinnungslos auf Leute einprügeln, gibt’s Orden – bei Feten müssen sie nach Hause und sich schämen.

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  2. Pjotr56 sagt:

    Wieder mal ein schöner Bericht aus deiner Praxis. Danke dafür! Am Samstag war ich bei Sting & Co in MG, da hat wirklich alles gestimmt, TOP-Konzert!
    Toller Job, als Techniker für den Sound oder das Licht zu sorgen, wenn die Musiker perfekt und die Kollegen Kollegen sind, dachte ich und musste an dich denken

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    • Pantoufle sagt:

      Moin Pjotr56

      Ja, das ist wahr. Nur das mit der Musik: Das ist ziemlich nebensächlich. Im Grunde ist das wie Straßenbau. Was für Autos am Schluß darauf fahren, spielt letztlich keine Rolle. Das ist es nicht, was die Qualität der Straße ausmacht.
      Aber Du hast natürlich recht. Es ist ein großartiger Job und es kann sehr viel Spaß machen; vom Privileg, überhaupt Arbeit zu haben, einmal ganz angesehen.

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  3. DasKleineTeilchen sagt:

    danke.

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