Kleine Abschiede

Für eine längere Zeit muß ich wieder nach Deutschland… leider. Also noch einmal an einem friedlichen Samstag zu den Dingen, die ich in England besonders mag. Englische Gärten und Flugzeug-Museen! Und eine wunderschöne Kombination findet sich in Form der Shuttleworth-Collection mit seinem Schweizer Garten. Die Pentax, Stativ und eine handvoll Filme einpacken und los.
Shuttleworth – soweit ich weiß, weder verschwägert noch verwandt mit dem gleichnamigen Milliardär – war Offizier und reicher Sohn eines Dampfmaschinenfabrikanten und tat das, was viele reiche Söhne in der Zeit zwischen Kriegen zu tun pflegten: Reisen, Rennwagen fahren und fliegen. Als Ergebnis davon blieb eine bemerkenswerte Sammlung an sehr alten Flugmaschinen, Autos, Motorrädern und besagter Garten übrig. Jetzt kümmert sich eine Stiftung um die Sammlung – es kostet also (für England ungewöhnlich) einen Eintritt, der aber jeden Cent wert ist.

Die verschiedenen Hangars, in denen die Flugzeuge untergebracht sind, würde ich mit verbundenen Augen erkennen. Am Geruch nämlich! Da die Maschinen alle in flugtüchtigem Zustand herumstehen und zeitlich geordnet in verschiedenen Hallen stehen, ist das gar kein Kunststück.
In der letzten Halle stehen die ganz, ganz alten Flieger. Die Gnome-Rotationsmotoren wurden mit Rizinusöl, welches dem Benzin beigemischt wurde geschmiert. Daran kann man nichts ändern – das macht man heute immer noch so! Wer das gerochen hat, speziell, wenn so ein Motor vor weniger als einer Woche noch bewegt wurde, weiß von diesem einmaligen Duft.
Britische Kampfflugzeuge aus dem zweiten Weltkrieg riechen nach frischer Farbe. Besonders intensiv, wenn man drinnen sitzt. Das müffelt wie frisch gestrichen – auch noch nach 70 Jahren! Scheinbar hat man einen Lack benutzt, der niemals austrocknet. Höchst sonderbar…
Warum die Fighter aus dem großen Krieg sich geruchsmäßig von den ganz frühen Fliegern unterscheiden, weiß ich nicht genau. Sie tun es. Zwar auch nach Rizinus, aber da ist noch etwas anderes… Stahl, vielleicht andere Lacke bei der Imprägnierung der Flügel und des Rumpfes… anders eben!
Jets und Turboprops riechen nach Kerosin. Das ist dem Dieseltreibstoff näher als alles andere. Nicht so doll, würde ich sagen… man hat die Halle mit den „modernen“ Maschinen gefunden.

Wer kein Benzin und Schmieröl schnuppern will, kann ja in den Schweizer Garten gehen. Vorfahren von Shuttelworth haben ihn angelegt und über die Jahre haben die Generationen der Familie ihn erweitert. Zeitlich sehr schön abzulesen am gepflegten Hundefriedhof gleich neben dem Eingang links. Da stehen neben den lobenswerten Eigenschaften der Vierbeiner auch die Geburts- und Todesjahre der Lieblinge. Durchschnittsalter heute wie damals etwas 10 Jahre.

Der Garten selber ist so, wie so viele in England aussehen: Wunderschön! Von den Reisen in Europa und aus aller Welt kamen Ideen, die so unauffällig eingeflossen sind, daß es eine rechte Zauberwelt ist.

Auf einer großen Wiese feierte eine Hochzeitsgesellschaft – alle dem Anlass entsprechend gekleidet: Die Damen nach der herrschenden englischen Mode ganz erstaunlich entsetzlich, die ganz kleinen Mädchen sehr hübsch mit geradezu viktorianischen weißen Kleidchen. Ein Pfau stand am Rand der Wiese… die Mädchen liefen zu dem Vogel, im Hintergrund eine kleine weiße Brücke und die Zeit drehte sich für einen Moment um 140 Jahre zurück… Ja, so ein Pfau ist schon ein erstaunliches Tier.

Zum Glück hat sich das Wetter in den letzten Tagen eines besseren besonnen. Es ist wieder erheblich britischer und hat seine geradezu südländischen Manieren abgelegt. Es regnet nicht – nur ein paar warme Tropfen ohne Wind. Die Wunschblende der Kamera schreit nach einem Stativ und ich mache eine erstaunliche Entdeckung. Viele werden wahrscheinlich diese unsäglichen Stelen kennen, die wie überdimensionale Urnen auf Pfeilern die unpassensten Stellen verunstalten. Besonders schlimm, wenn sie in Museen nebeneinander stehen, besonders abartig in größeren Gruppen im Baumarkt – aber genial, wenn sie ein begabter Gartenarchitekt dazu benutzt, Flächen zu bezeichnen. Eine kleine Insel mit einem riesigen alten Baum, symmetrisch dazu eine Gartenbank und vier dieser Stelen, die ein Rechteck bezeichnen, das einen Zusammenhang von Baum, Brücke und Bank herstellt. Einer der schönsten Plätze, auf denen ich jemals das Vergnügen hatte, zu verweilen.
Schwarz-Weißphotographie mit einer analogen Kamera zwingt einen bisweilen, sich mit der Struktur und den Linien anstelle der Farben auseinanderzusetzen.

Ich bin alleine und mache meine Bilder in diesem unwirklichen victorianischen Park. Ich habe noch den Geruch des Öls, der Leinwand der Flügel und des Eisens, des Stahls in der Nase. Alles, was ich vermisse, ist die mir unbekannte Dame aus dem neunzehnten Jahrhundert in einem langen weiten Kleid mit einem hübschen Hut auf den hochgesteckten Haaren, die den Platz auf der Bank begehrt… ich müßte aufstehen, ihn ihr anbieten und wir könnten uns über das Wetter unterhalten… und diese beeindruckenden Maschinen mit Dampf, Benzin und Öl, die neuerdings sogar fliegen können – erstaunlich, nicht wahr?

….

Das Manifest des Steampunk-Magazins:

“Vor dem Zeitalter der Mikro-Maschinerie, vor der Domestizierung der Elektrizität und des Verbrennungsmotors gab es wundervoll monströse Maschinen, die lebten und atmeten und unverhofft explodierten. Es war die Zeit, in der Kunst und Handwerk eins waren, in der technische Wunder erfunden und wieder vergessen wurden.

Es war die Zeit, die es so leider nie gegeben hat.”

Morgen fahre ich auf meinem Motorrad die hunderte von Kilometern nach Hause. Meine Sehnsucht nach Dampf, Öl, Eisen und der Kunst, eine Maschine zu erschaffen, die schön ist.


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0 Kommentare zu Kleine Abschiede

  1. Derek Jefferson sagt:

    Lieber Herr Pantoufle

    Ich bedanke mich für die wunderbare, kleine Geschichte…..

    L. Derek Jefferson

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  2. Derek Jefferson sagt:

    Abschied von England
    Ich habe deinen Boden kaum betreten,
    schweigsames Land, kaum einen Stein berührt,
    ich war von deinem Himmel so hoch gehoben,
    so in Wolken, Dunst und in noch Ferneres gestellt,
    daß ich dich schon verließ,
    als ich vor Anker ging.

    Du hast meine Augen geschlossen
    mit Meerhauch und Eichenblatt,
    von meinen Tränen begossen,
    hieltst du die Gräser satt;
    aus meinen Träumen gelöst,
    wagten sich Sonnen heran,
    doch alles war wieder fort,
    wenn dein Tag begann.
    Alles blieb ungesagt.

    Durch die Straßen flatterten die großen grauen Vögel
    und wiesen mich aus.
    War ich je hier?

    Ich wollte nicht gesehen werden.

    Meine Augen sind offen.
    Meerhauch und Eichenblatt?
    Unter den Schlangen des Meers
    seh ich, an deiner Statt,
    das Land meiner Seele erliegen.

    Ich habe seinen Boden nie betreten.

    (Ingeborg Bachmann)

    Gute Heimreise
    L.Derek Jefferson

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    • pantoufle sagt:

      Lieber Herr Jefferson
      Ich bin es wohl, der zu danken hat. Es hat mich sehr berührt, umso mehr, daß Sie es wohl gefühlt haben.
      Der schönste Willkommensgruß – und wieder sicher und wohl daheim, durch die Chipskrümel der Kinder vor dem Rechner noch einen lieben Dank vor dem Schlafengehen,
      mit den besten Grüßen
      Ihr Pantouffle

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