Jetzt kommen sie aus ihren Löchern gekrochen

Ich hatte ja bereits angedeutet, mich mit Fleischhauern nicht mehr zu beschäftigen. Vorsätze dienen aber dazu, gelegentlich gebrochen zu werden.

Vor rund zwei Wochen stieg meine Spannung, ob die ondulierte Feder, geschwungen von Fleischhauer auf SpOn, eventuell etwas über den Mord in Oslo schreiben würde – ob es zuvor seine Lobgesänge auf Rechtpopulisten waren oder die Verherrlichung von Vordenkern des Euthanasieprogramms der Nazis: Die Plattform SpiegelOnline hat in den vergangenen Monaten ja schon einiges aushalten müssen, was dieser rechte Narziss ausspuckte und den verblichenen Rudolf Augstein im Grabe rotieren lassen sollte. Es hätte also spannend werden können.

Nein, in den ersten Tagen nach dem Massenmord verkroch er sich wie alle seine Brüder im Geiste in irgend einem Loch und wartete ab, ob es irgend eine Reaktion gab, die ihn und seinesgleichen in Frage stellen, ihnen eine Antwort abverlangen oder zu einem Bekenntnis zwingen würde.
Es wurde ein ruhiges Warten: Da sich bei dem norwegischen Mörder absolut nichts fand, was ins Raster „links“, „Islamistisch“ oder „Amok“ passte, konzentrierten sich die professionellen Meinungsmacher darauf, den Mann zu dem „wahnsinnigen Einzeltäter“ zu stilisieren, mit dem man dann ausgezeichnet die Vorratsdatenspeicherung wieder fordern konnte oder eine Sammel-Datei für „seltsame Gedanken“ – ja: Der Populismus erzeugt manchmal eigenartige Blüten!
Etwas unter den Tisch fiel dabei die Tatsache, das in Europa solche „wahnsinnigen Einzeltäter“ durchaus mit in den Parlamenten sitzen und munter mitregieren, wenn sie nicht – wie im Falle Ungarns – das Land gleich komplett übernommen haben; respektive in Frankreich in den Startlöchern sitzen.

Fleischhauer beschränkte sich vorsichtshalber bei seinem nächsten Artikel nach dem Mordwochende auf einen unbegabten Geburtstagswunsch zum 20jährigen Internetjubiläum. Man ist zwar “aus Versehen konservativ”, aber eben auch feige. Eine Woche später wird Entwarnung gegeben: Die Geschehnisse sind aus den Schlagzeilen verschwunden – die Halbwertszeit einer solchen Nachricht beträgt offensichtlich weniger als 10 Tage – und man kann wieder „vernünftig“ reden.
Diese billige Chance kann Fleischhauer sich nicht entgehen lassen: „Die Suche nach den geistigen Hintermännern des Anschlags von Oslo ist bei den sogenannten Islamkritikern angekommen. Vorgeblich geht es darum, Erklärungen zu finden. Tatsächlich zielen die Verdächtigungen darauf ab, festzulegen, was man schreiben darf und was nicht.

Mehr braucht man von dem Geschmiere nicht zu lesen. Die Stoßrichung ist klar: Broder, Sarrazin und Ulfkotte (um nur einige wenige zu nennen) kommen als geistige Mittäter keinesfalls in Frage, weil… Achtung, jetzt kommts: „Anders Breivik kein Deutsch kann!“, er die genannten geistigen Brandstifter also keinesfalls gelesen haben konnte. (Das ist kein Witz! Das steht da tatsächlich!)
Da beruhigt es zu wissen, das Mao Tsê-tung niemals Karl Marx gelesen haben kann, weil auch der große Vorsitzende der chinesischen Volkspartei nachweislich kein Deutsch sprach. Die finale Rettung von Marx und Engels!
Nein: Es geht natürlich nicht darum, was diese Brandstifter geschrieben haben – es wird nur verteidigt, daß sie das auch in Zukunft ungestört machen können.

Man befürchtet am rechten Rand also Schreibverbote – lies: Denkverbote – gegen die sich Fleischhauer entschieden wendet. Uneingeschränkte Redefreiheit für Rassisten, „Islamkritiker“ und andere Rechtspopulisten. Die Frage einer Mitverantwortung stellt sich Fleischhauer selbstverständlich nicht. Wozu auch: Er weiß sich als Wortführer einer stillen Mehrheit.

Und wo er recht hat, hat er recht. Liest man sich die Leserbriefe auf dem zum „schwarzen Kanal“ gehörigen Forum durch, könnte man meinen, irgend jemand hätte die fünfziger Jahre wieder aufgelegt. Nein: Keine Wiederauflage, sondern die Rückkehr in eine Zeit, in der sich so viele ehemalige überzeugte Nazis in der damals neuen Bundesrepublik tummelten, daß es sich von selber verbot, allzu sehr auf eine höhere Gerechtigkeit zu pochen – sei auch nur auf die des alliierten Nürnberger Gerichtshofs. Fleischhauer kann sich im Moment in einem warmen Jauche-Regen von Zustimmung wohlfühlen – er hat diese Leser auf seiner Seite.
Willkommen in einer Vergangenheit, die man eigentlich seit 68 hinter sich glaubte.

Jetzt will es keiner gewesen sein. Thilo „lesen sie mein Buch“ Sarrazin und Hendryk „ich habe keine Ersatzteile“ Broder. Das haben sie alle nicht gemeint oder gesagt (obwohl man das doch eigentlich wieder sollte).

Nun gut: Es gibt natürlich auch ein paar Aufrechte wie den französischen Regionalpolitiker der FN Jacques Coutela, der laut seine Bewunderung für die Mordtat ausspricht und damit wohl vielen seiner Kumpane aus der Seele spricht oder den FN-Ehrenpräsident Jean-Marie Le Pen, der das Ganze als einen „Unfall“ bezeichnet. Es wird der Front National nicht schaden: „Das wird man ja wohl mal sagen dürfen“ und die Vergesslichkeit eines angstgesteuerten Publikums. Coutela wurde zum jetzigen Zeitpunkt für seine Äußerung gefeuert – bei der nächsten Wahl wird er genau deswegen wiedergewählt werden. Er weiß das, Marine Le Pen weiß das und die schweigende „anständige“ Mehrheit auch.
Und hier in Deutschland? Kopfschüttelnde Sympathiekundgebungen für den norwegischen Ministerpräsidenten Stoltenberg, dessen freiheitliche-demokratische Reaktion auf das Attentat reif für den Friedensnobelpreis wäre und das kurze Aufflackern eines Sigmar Gabriels (noch SPD), der wenigstens in einem Nebensatz versuchte, Ross und Reiter zu nennen. Wie allgemein bekannt, mußte jener kaum 12 Stunden danach vor der Inquisition der wahren Demokraten Abbitte leisten und versprechen, in Zukunft nicht wieder zu behaupten, daß die Erde sich um die Sonne dreht.

Ceterum censeo braucht man die Vorratsdatenspeicherung, die Liste für unerwünschte Gedanken und den Kampf gegen den internationalen Terrorismus.

Sie vertreten nicht das Recht oder die Moral. Das brauchen sie auch nicht: Sie haben die Angst auf ihrer Seite – das alleine zählt! Anders Breivik kam ihnen genau so gelegen wie ein islamistischer oder „linker“ Anschlag. Es macht keinen Unterschied.
Man hat Breivik genau das Forum gegeben, das er beabsichtigt hatte – man hat nur ein paar Details herausgearbeitet, die in die Linie passen. Man hat ihm seine Vergangenheit genommen: Die darf es nicht geben, weil man sonst nach Namen fragen müsste – man nimmt ihm seine Gegenwart, weil man seine Existenz und die Tat für die eigenen politischen Ziele ausschlachtet. Man lässt ihm seine Liebe zu Computerspielen, die man ohnehin gerne verbieten würde.

Die Zukunft? In Ungarn werden unter der faschistischen Regierung Victor Orbans Sinti und Roma verfolgt. Noch hat es keine offiziellen Toten gegeben. In Italien werden unter dem Alleinunterhalter Berlosconi Flüchtlinge aus Afrika drangsaliert. In Deutschland haben wieder Synagogen gebrannt und Polizisten haben einen Asylbewerber in einer Zelle in Brand gesteckt und damit ermordet. In Norwegen hat der Faschist Anders Breivik 76 Menschen ermordet. In seiner schriftlichen Begründung finden sich all die menschenfeindlichen Argumente, mit denen die Rechten seit Jahrzehnten erfolgreich agieren.

Anders Breivik ist nach offizieller Meinung ein wahnsinniger Einzeltäter.

Setzen wir die Reihe weiter fort:
Berlosconi ist ein wahnsinniger Einzeltäter.
Victor Orban ist ein wahnsinniger Einzeltäter.
Marine Le Pen ist ein wahnsinniger Einzeltäter.
Geert Wilders ist ein wahnsinniger Einzeltäter.
Pia Kjaersgaard ist ein wahnsinniger Einzeltäter.
Udo Voigt ist ein wahnsinniger Einzeltäter.
Sie alle – und sie sind nur eine nicht einmal repräsentative Auswahl – haben viele Anhänger; sonst gäbe es sie gar nicht.

Alles wahnsinniger Einzeltäter!
P.S.
Nein, das ist keiner der Artikel, den ich selber als „gelungen“ empfinde. Ich musste mich nur einmal auskotzen, weil ich sonst an dieser Brühe aus Lüge, Manipulation und fehlendem Demokratieverständnis ersticken muß. Man müsste so viel mehr schreiben, man sollte viel kälter kämpfen und sich nicht angreifbar machen – allein: Es ging nicht anders!

P.S.2 Hier gehts zum Misik; der hat das besser gemacht.

P.S.3 Hier gehts zum 1€Blog vom Mühlengeist – auch sie hat was zu sagen

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0 Kommentare zu Jetzt kommen sie aus ihren Löchern gekrochen

  1. Dazu werde ich die Tage wohl ebenfalls etwas schreiben, wie ich Dir schon “ankündigte” 😉 Mein Schwerpunkt wird allerdings ein anderer sein, auch wenn ich Dein “Auskotzen” sehr gut verstehen kann.

    LG
    Frank

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