Ja, ich weiß!

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Hier stand seit geraumer Zeit nichts Neues. Und ob da jetzt unbedingt was kommt… ? Es ist ja nicht so, daß ich nichts zu schreiben hätte – mache es gelegentlich sogar, gelegentlich sogar beendet, um es dann auf die Halde zu legen. Zu einem späteren Zeitpunkt; nein: Für den Müll!
Und natürlich lesen. Die Lyrik, die mir Oblomow dankenswerterweise zusandte ein Zeichen für mich, daß ich viel zu wenig lese. Alfred Lichtenstein? Schon wieder jemand, der an einem vorbeiging. Ein Buch von Susanne Gerdom und einer anderen Quindie-Autorin stapeln sich neben der Neuanschaffung von 70cm W.S. Churchills Memoiren und der Gesamtausgabe von Rudolf Kinau… und ich hab mich bei Susanne noch nicht einmal dafür bedankt! Man kommt zu gar nichts mehr und ist obendrein auch noch faul wie die Sünde.

Dagegen klappt es mit der Lektüre des Werkstatthandbuches der EffJott recht gut, viel über Photographie, Edward Steichen, Yousuf Karsh (ein ganz, ganz großer), Feininger. Aber schreiben?

Blogs werden natürlich auch gelesen. Jeden Morgen die übliche Strecke – nein: Ich bin definitiv kein RSS-Feed-Freund -, Kiezneurotiker, Feynsinn und die Tagesschau, fefe und gibt es etwas Neues in der Denkerei, dem Amt der hohen Hand für unlösbare Probleme? Bazon Brock macht es richtig: Wenn schon Probleme wälzen, dann gleich die, für die es aller Voraussicht nach keine Auflösung gibt. Darin unterscheidet er sich wohltuend von vielen, bei denen sich eine Art Kultur der Aufgeregtheit mehr und mehr durchsetzt.
Warum schreiben?

Als ungläubiger oder auch zum Teil uninteressierter Leser zerfallen die Beiträge der Online-Medien scheinbar in zwei Extreme: Die der unablässigen Wiederholer der immer dem selben Prinzip folgenden Schlagwortsätze. Dem Genuss, jeden Zusammenhang zu unterschlagen. Es gibt keine Historie und folglich keine Kausalketten.
Und das andere Extrem der Aufgeregtheit, sich über diese Formulierungen echauffieren, diese Behauptungen aufzugreifen, wodurch sie wiederum eine eigene Geschichte bekommen, die Geschichte ihrer Diskussion. Beiden Seiten gleich ist die Uninteressiertheit an Ergebnissen, am Konsens. Beispiel gefällig? Der von mir vormals sehr geschätzte Klaus Jarchow behauptete in einem seiner Texte, »die Russen« hätten in Moskau auf einem Konzert von Black Sabbath bei einem politisch unerwünschten Song den Strom abgeschaltet (bla, bla… da sieht man mal wieder…). Nein, das hatten sie nicht. Das Mischpult (ein digitales Digico D7) hatte sich schlicht aufgehängt; nicht üblich, kann aber passieren. Mein Einwand interessierte nicht. »Hast Du einen Link dazu?« Nein, der Link bin ich. Ich stand daneben. Einzige Reaktion ein sarkastisches »Na denn muß es ja stimmen!«

Es war schlicht das vollkommene Desinteresse am tatsächlichen Sachverhalt – überflüssig zu erwähnen, daß am Text kein Komma geändert wurde. Nein, ich habe mich nicht darüber aufgeregt. Wozu auch? Die Bildzeitung setzt ihre Gegendarstellungen auch unleserlich in die Rubrik Vermischtes.
Wozu bloggen?

Diese Frage hat Joachim vor einiger Zeit aufgeworfen. Warum eigentlich?

»Der ganze Text, den Biedenkopf hier absondert, ist ein Paradebeispiel für propagandistischen, klar erkennbaren Zielen verpflichteten Schwachsinn, und die „Journalisten“, die ihn dabei unkritisch und devot begleiten, die diesen Quatsch auch noch in die Zeitung bringen und damit nicht nur die dumme Propaganda, sondern auch ihr eigenes journalistisches Waterloo in die Welt erbrechen, markieren einmal mehr den post-orwellschen Zustand dieses furchtbaren Staates.«

»Roberto De Lapuente (ad sinistram) hat heute einen Artikel über die „reine“ antikapitalistische Lehre veröffentlicht. Ein mutiger Artikel, denn es werden ihn wieder Leute wie Charlie vom Narrenschiff als „Salon-Linken“ und als „Sozialfaschisten“ beschimpfen.
Es gibt für besonnene Linke, die auf Mehrheiten im Volk besorgt sind, keine schlimmeren Feinde als solche Genossen der „reinen Lehre“…
Wer wie die AKL die Mehrheitsfähigkeit ihrer Forderungen der eigenen ideologischen Verhärtung opfert, der nimmt eine totalitäre Terrorherrschaft nicht nur in Kauf. Er hat sie als Ziel.«

»Die Terrormilizen finanzieren sich mit dem Schwarzhandel von Erdöl und Treibstoffen. Erst gestern waren deshalb in der östlichen Provinz Deir-el-Suur Förderanlagen und Raffinerien angegriffen worden. Diese Luftschläge wurden von Militär-Flugzeugen aus Saudi Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten durchgeführt. Die US-Luftwaffe meldete gestern insgesamt zehn Angriffe in Syrien und im Nord-Irak. Sie konzentrierten sich auf Kommandoanlagen, Bunker und Panzer des IS.«

Wer Zeit und Lust hat – oder es bereits getan hat – sehe sich die letzte Folge der Anstalt an und all das Getöse hätte sich erledigt. Ein zartes Stimmchen der Vernunft (und das ausgerechnet in einer Satiresendung) und man könnte eigentlich wieder bei Null beginnen. Einer großen Anzahl der Lautsprecher ist der Teppich unter den Füßen weggezogen worden und sie merken es nicht einmal. Was bei jeder Stammtisch-Diskussion für betretenes Schweigen sorgen würde, bewirkt hier… nichts! Das freie Internet als die Freiheit, Informationen zu ignorieren (das letzte Zitat stammt aus der Tagesschau). Ignoranz ist keinesfalls ein Privileg der Blogsphäre).
Wozu sich aufregen? Ignoranz ist keine Erfindung des Internets; nur die Hoffnung, daß es als Informationsträger dienen könnte erledigt sich nach und nach. Die Zukunft der Bloggerei: Kochseiten! Da sind die Behauptungen wenigstens nachprüfbar.

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Hat Carta deswegen zugemacht? Ach ja, sie haben ja nicht geschlossen, sondern haben nur die Redaktion gesundgeschrumpft. Die Menge des Mittelmaßes konnte sich nicht mit der Existenz von Qualität abfinden; Zeitgeist: Die einzige Art von Geist, die nicht wehtut. »Medien begeben sich in eine gefährliche Abhängigkeit von sozialen Netzwerken – Journalismus ist so bald unnütz.« Noch steht Carta bei mir in den Bookmarks, sozusagen aus Sentimentalität. Bei solchen Titeln könnte sich das aber in absehbarer Zeit ändern. Das »neue Design« und das Betteln um eine Ergebenheitsadresse als (ehemaliger) Carta-Autor, welches bei mir im Briefkasten landete, tun ihr übriges.
Aber das nur nebenbei.

Stichwort geschlossen: Dichtgemacht und 404 ist ja nun auch Nina Tabai, was ich tatsächlich bedaure. Über die Hintergründe wird gerne und ohne Information spekuliert; allein: Das war schon eine bemerkenswerte Performance, mit welcher Konsequenz und wie zielgerichtet da ein »erfolgreicher Blog« in die Welt gesetzt wurde. Nur mal eben so und als Beispiel für all diejenigen, die für vergleichbare Ergebnisse Jahre benötigen. Ein Journalist und eine Feldstudie? Ich weiß es natürlich auch nicht und mag gar nicht weiter spekulieren – das Ergebnis überzeugte wie das plötzliche Verschwinden. Im Zuge der Schließung der Schrottpresse schrub ich einen längeren Brief an »Nina«, mit Antwort oder besser: Ohne Antwort, dafür aber einem Gefühl, daß auch ich ein Teil dieser Satire werden soll. Zitat:

»...Entweder wandele ich das Blog in ein Webmagazin um, in dem sich der Inhalt in verschiedene Ressorts unterteilen lässt und hole mir vom selben Designer dafür ein Magazin-Theme. Oder ich splitte es in zwei Blogs. Ein Blog über Politik, Medienkritik und politische Satire, eher „ernsthaft“ und mit längeren Beiträgen, das andere Blog ein lockerer Treffpunkt für Popkultur- und Lifestylethemen mit einer höheren Frequenz an kurzen Beiträgen. Mittlerweile glaube ich mehr und mehr daran, das die zweite Option die Bessere ist.«

Das Zitat mit schlechtem Gewissen, sehr schlechtem Gewissen, weil privat. Vertretbar allerdings unter dem Aspekt, daß Nina einen provokanten Tod starb, sozusagen ein Rufen aus dem Grab.

Was sonst noch geschah:

Die zwei Monate mit dem Sommertheater endeten mit der Insolvenz des… ach, es waren herrliche Wochen und es gibt neue Freunde. Was will man mehr?

Die EffJott hat ihre ersten 4.000km runter ohne daß es größere Probleme gab. Im Moment steht sie mit neuen Lenkkopflagern und überholter Gabel in der Werkstatt; das ist das Programm für heute. Der schönen Sonne hinterher reparieren.

Einen neuen Vergrößerer für die Dunkelkammer gekauft. Sensationeller Preis, Steampunk zum Anfassen und ein glücklicher neuer Besitzer.

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Nachrag:

Vergnügtes Mädchen

Sieh doch, so ein feines Luder!
Diesmal hatt‘ ich wirklich Schwein.
Sein Gesicht ist weiß wie Puder –
Louis, nimm ihn! Laß mich sein …

Wird sich noch ein Bein ausrenken –
Oder schlägt an einen Pfahl –
Hui, der wird sein Lebtag denken
An den heut’gen Karneval.

Kannst ihn ganz allein behalten …
Daß dich nur kein Wachmann faßt –
Geh doch zu der Sau, der alten,
Die du ja viel lieber hast.

Ich find alle Tage einen
Neuen Freund … ich brauch dich nicht.
Louis schielt nach meinen Beinen,
Schimpft. Und schlägt mich ins Gesicht:

»Wirst du gleich ihn bei den Füßen
Fassen … Quatsch nicht … So … Gradaus.
Warte, Schleimstück, du sollst’s büßen,
Kommst du erst mit mir nach Haus!«

Mich ergreift ein tolles Fieber.
Hiii – ich freu‘ mich fürchterlich.
Endlich wieder ist mein lieber
Süßer Schieber geil auf mich.

Alfred Lichtenstein

Mit Dank an Oblomow

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0 Kommentare zu Ja, ich weiß!

  1. Stony sagt:

    Leben im ‚als-ob‘-Modus und dem, immer rigoroser werdenden, ’so-soll-es-sein‘. Bei aller Pluralität kaum mehr als in die Breite sich entwickelndes ‚Leben‘, zweckrational; kein wirkliches Heraustreten aus der Naturgesetztheit und deren Repräsentationen, nur mehr Kampf um (Deutungs-)Macht. Kalt, dumm, fad.

    Die Frage nach dem ‚wozu und warum?‘ wurde mir neulich mit einem warmherzigen ‚trotzdem!‘ beantwortet und paßt (zumindest für mich) gut zu dem, was ich vor einer Weile (noch auf der Schrottpresse) mal als ‚Lichtblick im Gefühl der Einsamkeit‘ umschrieben habe.

    PS: Die Photographien wissen wieder zu gefallen. 🙂

    .

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  2. waswegmuss sagt:

    Du brauchst dich nicht zu stressen nur weil da ein Backend ist. Schreib wenn du Lust hast.
    Oder um es mit meinem Großvater zu sagen: „Werd erst mal katholisch“*

    *Wir Unterfranken wurden 1200 Jahre kirchlich regiert. Damit ist ein gerechter Umgang mit den Obrigkeiten quasi genetisch verankert.

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  3. Thelonious sagt:

    Fleiß und Arbeit lob ich nicht.
    Fleiß und Arbeit lob ein Bauer.
    Ja, der Bauer selber spricht,
    Fleiß und Arbeit wird ihm sauer.
    Faul zu sein, sei meine Pflicht;
    Diese Pflicht ermüdet nicht.

    Bruder, lass das Buch voll Staub.
    Willst du länger mit ihm wachen?
    Morgen bist du selber Staub!
    Laß uns faul in allen Sachen,
    Nur nicht faul zu Lieb und Wein,
    Nur nicht faul zur Faulheit sein.

    Da geht mir doch der Lessing durch, wenn einer „faul wie die Sünde“ schreibt.

    Werter pantoufle, als ich noch ein junger Mensch und wissbegierig war, kramte ich eines Tages im Regal meiner Eltern und fand ein kleines Heftchen mit dem Titel „Recht auf Faulheit“ von Paul Lafargue. Dieses Bändchen beginnt nicht nur mit obigem Gedicht, sondern liegt seit damals als wichtigstes Arbeitsmaterial auf meinem Schreibtisch. Ich gebe zu, ich habe es damals meinen Eltern gemopst. Das war kein schöner Zug von mir. Aber seither lese ich immer wieder darin und setze Lafargues Theorien dann sofort in die Praxis um.

    Andere mögen mit meterlangen Marxzitaten beweisen, warum der Kapitalismus nicht funktioniert. Ich aber weiß seit damals, wie man ihn zerstört. Nichtstun ist das Ende der durchökonomisierten Gesellschaft. Dein Genuss lässt die Konzernlenker in ihren Büros zittern. Da wird das gargantueske Gelage zum revolutionären Akt. Ja zur Pflicht. Jede Minute, in der du nur dasitzt und träumst, kostet die Aktionäre Geld und Nerven. Kurz, ein herumlungernder pantoufle legt die Axt an die Wurzeln des Kapitalismus.

    „Bildet Banden“, schrieb Mao „und seid faul“, füge ich hinzu. Dann wird es auch was mit der Weltrevolution.

    Und zur Strafe schnappst du dir jetzt ein Gläßchen Wein, setzt dich bei dem schönen Wetter nach draußen und schaust dem Redaktionshund beim Dösen zu. 🙂

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  4. lazarus09 sagt:

    Wenige Leute sorgen dafür, dass etwas geschieht, viele Leute sorgen dafür, dass nichts geschieht, viele Leute sehen zu, wie etwas geschieht, und die überwältigende Mehrheit hat keine Ahnung, was überhaupt geschehen ist, so sieht’s nu mal aus .

    …Spass macht eben nur was man auch bleiben lassen kann …. also schliesse ich mich meinem Vorredner an “ schau dem Redaktionshund bei Gerstenkaltschale beim Dösen zu “

    cheers 😉

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  5. pantoufle sagt:

    Also wenn ich mir die Kommentare so durchlese, überkommt mich eine unerwartete Träg- und Schlaffheit. Woher kommt das nur?

    So ein Buch habe ich auch mal gemopst. Auch den Eltern, die es aber nicht vermissten. Sie waren zu beschäftigt, um den Verlust zu registrieren. Und so war es wohl auch keiner (was nicht den Straftatbestand relativieren soll – obwohl: Bei Büchern… ? Pantoufle ist total faul, was bücherzurückgeben angeht. Auch das ein sehr unfeiner Zug, aber es nährt seinen Mann).

    Wenn allerdings Faulheit und Weltrevolution Hand in Hand spazieren, ist das herrschende System ein empörendes. Zugegeben: Auch wenn sie es nicht tun, aber dann spricht die Unangestrengtheit, mit der man kein Ergebnis erzielt, dafür besser nichts als das Falsche zu tun. Eine Mutmaßung, bei der mir sofort einige Blogs einfallen würden, die mich aus ihrer Blogroll streichen würden… was aber zum Glück Geschichte ist 🙂

    Nächste Woche, wenn ich aus Berlin zurück bin, hole ich meinen Vergrößerer ab! Damit kann man stundenlang in der Dunkelkammer faulenzen! Er ist groß, größer, er ist von Leitz und echter Steampunk mit erstklassiger Optik. Hier erst mal ein Bild – bald Bilder!

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