Is grad nicht

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Schreiben is gerade nicht, um das zu präzisieren. Was is, ist Frühling. Nicht daß sich das ausschließen würde, aber mir ist gerade nicht.

Die Kirsche im Garten blüht gerade wie blöde. Man kann sich darunter setzen und an Trinnitus glauben. Ein Geräusch; da summt nicht ein Stecheviech vor sich hin. Das müssen Tausende sein, die ein gleichmäßiges Geräusch erzeugen. Jedenfalls machen die Summseln ihren Job, auf daß es viele, viele Kirschen gibt, die die Amseln rückstandslos vom Baum klauen werden. Die unteren, wo die Sonne nicht genug dran kommt und die gar nicht richtig reif werden, dürfen wir behalten. Das ist nett.

Blühendes Gras auf dem alten Schlachtfeld
den Träumen entsprossen
der toten Krieger.

Bashô

Frühling kommt erneut
Auf alte Torheiten folgen
Neue Torheiten

Kobayashi Issa

Die Suche nach Frühlingsgedichten erweist sich als schwierig. Sehr viel »Ohh!« und noch mehr »Ach!!« Bunte Bänder flattern, der Maien will kommen und wenn eine »Sie« dichtet, so bebt der Busen. Bei »Ihm« bebt es auch, nur sieht man es nicht so sehr.

Er ist’s
Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!

Da wäre dann alles zusammen. Er ist`s! Der Eduard Mörike. Das Gedicht bringt in hervorragender Weise zum Ausdruck, was ich am Frühling (und zuvorderst an seinen Gedichten) so sehr hasse. Die blassen Gesichter, die aus den Häusern treten, die Türen auflassen, damit der Mief des Winters sich mit dem des frischen Grases vereint und dann lassen sie es flattern. Das ist schon recht gruselig!
Da haben sie nun die Regen – und die wenigen Schneetage an stickiger Ofenluft verbracht und nun schreit es aus ihnen heraus: Kopulation! Lasset uns die Herbstkinderlein ansetzen, sonst wird das dieses Jahr nichts mehr!

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Ich presse mir den Finger nicht auf den Mund,
Ich bin beim Gedärm ebenso feinfühlig wie bei Kopf und Herz,
Kopulation ist für mich nicht geiler als der Tod.

Walt Whitman

Aus einem unbekannten Grund hat der Frühling wenigstens in der Lyrik etwas Schwaches zu sein; ausgerechnet der Frühling, diese lilafarbene Keule. Jetzt scheint das Wasser schwerer, die Erde dichter und das frische Holz brennt nicht im Ofen. Das alte vom vergangenen Jahr, das ja.

Unterkunft nehmend,
in Frühlingswaldes Nähe
schlief ich jene Nacht –
und selbst in meinen Träumen
waren Blüten, die fielen

Kokin-wakashû

 

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Redaktionskampfhund Oskar ist nach Menschenjahren gerechnet schon deutlich mehr als 100 Jahre alt. Da wird auch der Frühling zu einer ernsten Sache. Wie der Herbst oder auch der Sommer, ein Regen oder die Begegnung mit einer wohlriechenden Hundedame. Aber zum Glück dauern diese Anfälle von Melancholie nie besonders lange.
Eine Wurst? Echtes Menschenfutter! Ich beginne, ihn etwas zu verwöhnen. Das soll man ja eigentlich nicht. Es ist nicht gut für die Zähne, aber für die Seele doch. »Komm, Redaktionskampfhund! Wollen wir noch mal was zusammen schreiben? Sowas richtig gemeines, unfaires. Ganz und überhaupt undifferenziertes?«
Das Tier schreibt gerne mit mir. Dabei wird er gestreichelt und hundestreicheln macht glücklich.

Ist das Frühjahr gekommen
oder das Jahr vergangen?
Der vorletzte Tag.

Bashô

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0 Kommentare zu Is grad nicht

  1. Joachim sagt:

    Nu lass mal den guten Mörike. Wenn ich an mein Moped denke, mir auffällt dass man nun wieder etwas riechen kann, das es blüht, dass man sieht und wenn man weiß, dass mein Bike auch durch den (dreckigen) Winter (fahren) muss, wenn jemand den feinen Harfenton mit dem Brummen eines 4-Zylindes tauscht, dann lässt sich schon verstehen, Frühling, ja du bist’s.

    Ja, ja und ja, da ist mehr. Warum den Menschen verleugnen? Oder den Hund. Da leuchten die Blüten wie die Wangen und der kleine Tod rückt den Großen in unendliche Ferne. Da kommen nicht nur die Veilchen. Ich mag den Frühling, wie den Sommer, Herbst und Winter. Ich kann die Dichter schon verstehen.

    Jedenfalls mehr als Putin.

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    • pantoufle sagt:

      Moin Joachim

      Under der linden an der heide,
      dâ unser zweier bette was,
      dâ mugt ir vinden
      schône beide gebrochen bluomen unde gras.
      vor dem walde in einem tal –
      tandaradei!
      schöne sanc die nachtigal.

      Ja, ja – Tanderadei! Mörike ist schon in Ordnung. Friede seinen morschen Knochen. Was schreibt man morgens um halb vier? Mir war eher nach Haiku als nach Elegie auf einen Dorfkirchhof. Nicht lachen! Gips tatsächlich und ist von Thomas Gray.
      Aber man muß wahrlich nicht alles gelesen haben.

      Mit dem letzten Schall der Abendglocke,
      Die den jungen Maytag
      Weinend jetzt zu Grabe läutet, wandle
      Ich in diese Schatten.

      Vor mir schwimmt die bunte Frühlingslandschaft
      Schon im Dunkel; Luna
      Tritt entschleyert aus den Wolken, mischet
      In die Schatten Silber.

      Wie die Königinn mit voller Wange
      Durch die Linde lächelt,
      Wo ich sitze, und die Epheuranken
      Dort am Kirchthurm malet!

      Scene, welche vor mir lieget, gieße
      Wehmuth mir zum Busen!
      Süße Ruhe schlinget hier die Arme
      Um des Landmanns Urne.

      Das wurde mal von Ludwig Christoph Heinrich Hölty nachempfunden und klang dann so etwa.

      Was wollte ich eigentlich sagen? Ach ja… ich bewerfe mich gerade mit waswegmuss mit Stöckchen. Das muß ich mir noch eine Geschichte aus den Fingern saugen. Ich glaube, es werden Öfen zum Antrieb der Calkulatoren darin vorkommen. Mal sehen.
      LG

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      • tikerscherk sagt:

        Auf die Geschichte freue ich miich jetzt schon.

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      • Joachim sagt:

        Mörike ist schon in Ordnung und Du kommst mit Walther von der Vogelweide. Was willst Du sagen? Wenn es je einen Schritt der Menschheit gab, dann ist es die Sprache? Ja,

        manchmal. Manchmal frage ich mich, warum immer so düster? Damit es bedeutungsschwerer wird? Ich ertappe mich ja selbst dabei. Was für eine seltsame Sehnsucht haben wir? Klagelied auf einem Friefhof? In der Wirklichkeit haben wir eine Sehnsucht nach der “unendlichen Leichtigkeit des Seins” – und wenn wir noch so oft nachgewiesen noch so unbeugsam sind, ein wenig Cholecalciferol und schon bringen wir Hallelujah, etwas fürs Herz. Unheimlich schön? But you don’t really care for music, do you? Fällt niemandem die None der Tonika auf? Diesen schiefen Ton, der sich in Allem findet und alles verbindet, “the fourth” unentscheidbar von the second macht?

        “I did my best, it wasn’t much. I couldn’t feel, so I tried to touch. I’ve told the truth, I didn’t come to fool you”. Broken Halleluja.

        Ja, ich ertappe mich selbst dabei. “Sing mir mal schönes Lied” ist auch keine Lösung. Es wird Zeit für einen Frühling und Zeit für neue Geschichten. Ich bin mal gespannt.

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  2. tikerscherk sagt:

    @Joachim
    Du kannst die Dichter besser verstehen als Putin es kann, oder als Du Putin verstehst? 🙂

    @Pantoufle

    Dafür das gerade nicht is, is aber schon.
    Mörike ist halt Pop. Vielleicht ist dir mehr nach Benn?

    Letzter Frühling

    Nimm die Forsythien tief in dich hinein
    und wenn der Flieder kommt, vermisch auch diesen
    mit deinem Blut und Glück und Elendsein,
    dem dunklen Grund, auf den du angewiesen.

    Langsame Tage. Alles überwunden.
    Und fragst du nicht, ob Ende, ob Beginn,
    dann tragen dich vielleicht die Stunden
    noch bis zum Juni mit den Rosen hin.

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    • pantoufle sagt:

      Ach, ist das schön! Vielen Dank auch dafür. Es kommt der Sache jedenfalls erheblich näher als Mörike, Schrecken meiner jugendlichen Jahre im Auffanglager Schule.
      Gestern Nacht bin ich über Bashô gestolpert. Wieder einmal muß man sagen. Was ist das für eine große Kunst, die er da gemacht hat. Nur drei Zeilen…

      Blühendes Gras auf dem alten Schlachtfeld
      den Träumen entsprossen
      der toten Krieger.

      Mein Kopf kann sich gar nicht davon losreißen.

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      • tikerscherk sagt:

        Gern geschehen!
        Es gibt ganz schöne Sachen von Mörike (wie zum Beispiel “Im Frühling”). Aber gegen Benn kommt er doch nicht an.
        Und zu Basho (finde das circonflex auf meienr Tastatur nicht): umwerfend.
        Genau an diesen drei Zeilen hing ich vorhin bei dir fest, und jetzt habe ich sie im Kopf.
        Dank dir!

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    • Joachim sagt:

      Hi tikerscherk,

      – Uralter Teich
      ja ist denn heute schon Dienstag? Pantoufle ist gerade nicht”, bringt Frühling und Biedermeiner, Dann sogar Bashō und Photos aus unserem Garten (nein, unser ist zu wild, aber sonst stimmt es). Die Gedichte flattern nur so herein.

      – Frosch (hüpft hinein)
      Echt Pantoufle, wie wird es, wenn Du mal “bist?”

      – Plop.

      Und da erkennst Du erst die Mehrdeutigkeit, ich wagte es nicht zu hoffen, also wird Dir also der einfachere Rest nicht entgangen sein. Aber nicht genug, Du bringst Du auch noch Benn, wenn auch etwas “dunkel”. Wusstet ihr, dass Forsythien keinen Nektar bilden, also irgendwie “wertlos” sind…

      Mörike ist nur Biedermeier Pop? Habe ich ja auch immer so gesehen. Aber ich muss das etwas revidieren. Es gibt so Augenblicke… Das Klagegedicht fällt mir dann schwer. Wieso?

      “Tritt nicht in die Fußstapfen der alten Meister. Aber suche, was sie suchten”
      (Matsuo Bashō)

      Dank Euch Beiden.

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  3. tikerscherk sagt:

    Und jetzt ist Dienstag und ich hab ein Gedicht gepostet. 🙂

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