Irgendwo in Deutschland.

Irgendwo in Deutschland treffen sie sich heute Nachmittag. Geschorene Köpfe und Stiefel. Kameraden. In Ungarn verlassen die Juden und Linke das Land. Richtung Österreich. Man hat was zum Reden. Dort ist man weiter als in Deutschland, daß wieder einmal erwachen soll. Es macht ihnen Mut. Muffig-braune Morgenröte.
Eine Partei brauchen sie nicht. Nicht jetzt. Später. Die NPD? Kindisch. Die Hälfte von denen nur Spitzel. Sind aber hin und wieder ganz nützlich. Warnungen, wenn die Bullen mal wieder was vorhaben. Ohne die hätte das mit dem Vereinsheim nie geklappt. Kohle vom Verfassungsschutz für ein neues Dach.
Die Kameraden des Nationalen Untergrunds: Die haben was gemacht! Zehn Jahre im nationalen Widerstand – Leben in Saus und Braus, Banküberfälle, Nicht Ausländer raus, sondern gleich abserviert. Mehr als 10 Jahre haben die gebraucht, um denen auf die Spur zu kommen. Sogar Waffen und Geld verschafft. Dumm, die Sache im Wohnwagen. Aber wenns am schönsten ist, soll man sowieso aufhören. Schweigeminute, Kameraden!
Helden der Bewegung.
Die Passanten machen einen weiten Bogen. Recht so. Das Polizeiauto fährt vorbei. Man ist gelangweilt. Habt ihr gehört, Kameraden? Rösler sagt, Dummheit kann man nicht verbieten. Stimmt. Sonst wäre er nicht da, wo er jetzt noch sitzt. Er hockt in seiner Panzerlimo und nennt uns dumm! Das Schlitzauge wird sich wundern, wie schnell er wieder in Vietnam ist, wenn… Wir haben unsere Listen.
Braune Träume.
Habt ihr gehört? Der Breivik hat Beate einen Brief geschrieben. Sie soll nicht schweigen. Haben die Bullen aber abgefangen. Geil, was? Der kann Briefe an die Bewegung aus dem Knast schicken. Schade, daß wir nicht zum Prozess nach München kommen können. Zu klein der Saal. Das wäre was… . Grinsen. Sogar zu klein für die Angehörigen der Opfer. Wir wären nicht Norwegen, hat der Staatsanwalt gesagt. Ja, stimmt. Gott sei Dank! Hier gibt es zum Glück keinen Ministerpräsident Stoltenberg, sondern Kristina Schröder. Gegner? Aussteigerprogramm für Rechtsradikale. Friedrich hat 20 Islamisten hochgehen lassen. Hatten wohl ein Attentat vor.
Wer zahlt die nächste Runde Dosenbier?
Langeweile. Man könnte ins Altstadtviertel gehen und sich mit der Antifa prügeln. Die Letzten, die man halbwegs ernst nimmt. Besser warten, bis sich einer von denen alleine aus dem Viertel traut. Sonst gibts wieder aufs Maul. Zeit, um in die Kneipe zu gehen. Ins goldene Eck. Da fallen sie nicht auf. Türkenfrei. Die trauen sich da nicht mehr rein. Seit letztem Jahr ist das Eck wieder Deutsch. Der Wirt rief nicht die Polizei. Das macht man schnell und unauffällig. Das Blut weggewischt und erst mal eine Lokalrunde. Die anderen Gäste blieben sitzen. Mitgetrunken haben sie alle.
Die rote Sonne ist untergegangen.
Es ist Nacht und sie machen besoffenen Mutes Jagt. Blut, Ehre und Alkohol patrouillieren. Im Fernsehen läuft »Unsere Mütter, unsere Väter«. Deutsche Soldaten und Panzer rollen wieder in die Wohnzimmer. Da sieht man es: Der deutsche Soldat hat sich an den angeblichen Verbrechen nie beteiligt… sach ich doch. Propagandalüge, das alles. Ist aber nicht so doll, die Serie. Hier auf der Straße sieht man in einer Nacht mehr Blut als in der ganzen Serie.
Warum die Zeit vor der Glotze verschwenden?

Deutschland erwache!

Daß sie ein Grab dir graben,
dass sie mit Fürstengeld
das Land verwildert haben,
dass Stadt um Stadt verfällt …
Sie wollen den Bürgerkrieg entfachen –
(das sollten die Kommunisten mal machen!)
dass der Nazi dir einen Totenkranz flicht –:
Deutschland, siehst du das nicht –?

Daß sie im Dunkel nagen,
dass sie im Hellen schrein;
dass sie an allen Tagen
Faschismus prophezein …
Für die Richter haben sie nichts als Lachen –
(das sollten die Kommunisten mal machen!)
dass der Nazi für die Ausbeuter ficht –:
Deutschland, hörst du das nicht –?

Daß sie in Waffen starren,
dass sie landauf, landab
ihre Agenten karren
im nimmermüden Trab …
Die Übungsgranaten krachen …
(das sollten die Kommunisten mal machen!)
dass der Nazi dein Todesurteil spricht –:
Deutschland, fühlst du das nicht –?

Und es braust aus den Betrieben ein Chor
von Millionen Arbeiterstimmen hervor:

Wir wissen alles. Uns sperren sie ein.
Wir wissen alles. Uns läßt man bespein.
Wir werden aufgelöst. Und verboten.
Wir zählen die Opfer; wir zählen die Toten.
Kein Minister rührt sich, wenn Hitler spricht.
Für jene die Straße. Gegen uns das Reichsgericht.
Wir sehen. Wir hören. Wir fühlen den kommenden Krach.
Und wenn Deutschland schläft –:
Wir sind wach!

Theobald Tiger
Arbeiter Illustrierte Zeitung, 1930, Nr. 15, S. 290.

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0 Kommentare zu Irgendwo in Deutschland.

  1. juergengerdom sagt:

    Hier drücke ich “Gefällt mir” mit gemischten Gefühlen. Zutreffende Darstellung des Status quo, leider. Denk ich an Deutschland in der Nacht…

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    • pantoufle sagt:

      Moin Jürgen
      Die Stunde der Schreihälse und blinden Wagenlenker, der Denunzianten und Einzeller. Der Lärm an allen Ecken ist das Unerträgliche. Und die Vergesslichkeit. Die Welt ist in einem unfassbaren Maße vergesslich Was gestern noch als Sturm durch die Schlagzeilen brauste, das Argument und die heilige Versicherung, ist morgen Makulatur. Es erinnert sich niemand. An nichts und niemanden.
      Unsere Regierenden? Eine Karrikatur. Sieh Dir Zypern an: Alle nordamerikanischen Zeitungen – von ganz links bis ultrarechts fragen sich, ob die »in EU« wahnsinnig geworden sind. Öffentliche Enteignungen – das haben sie in der Form nicht einmal 1929 gewagt. Damals haben sie nur still und leise die Schalter geschlossen und der Himmel verdunkelte sich durch die aus dem Fenster springenden Broker. Jetzt wird es auch wieder dunkel, nur daß es diesmal Freudensprünge sind.
      Ich weiß nicht mehr, wie man das kommentieren soll: Wahrscheinlich hatte Tucholsky recht, wenn er Gedichte schrieb. Es bingt es so schön auf den Punkt in der Gewissheit, das Lyrik noch niemals irgend etwas geändert hat. Argumente aber offenbar auch nicht.
      In Schönheit sterben.
      Lieben Gruß
      das Pantoufle

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  2. DJ sagt:

    Kopf hoch- ich bitte doch sehr!

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