Irgend etwas ist falsch

1a1

Die Welt ist erstaunlich resistent gegen Pfusch. Da werden bei Airbus Milliarden ausgegeben, um ein sicheres Flugzeug zu bauen und das muß dann notlanden, weil die Fluggesellschaft nicht ausreichend Sprit tanken ließ. Wird schon reichen! Leider kommt das Ding sogar heile irgendwo herunter, ohne daß jemand zu Schaden kommt. Sonst wäre es das letzte Mal gewesen. So kippen sie eben demnächst 20l mehr rein. Jetzt aber!
Der Pfusch beginnt im Kleinen. Ich weiß von jemandem, der sein Haus mit Sand baute, den er vom Strand der Ostsee nahm. Das war billiger als vom Baustoffhandel. Man sollte es aber nicht machen, weil der Sand aus dem Meer natürlich Salz enthält. Und beim Bauen wird hier und dort Stahl verwendet. Das ist auf die Dauer gar nicht gut. Man sollte also das Haus nach einer gewissen Zeit wieder verkaufen. Tunlichst nicht an einen guten Freund. Manchmal ist Pfusch erstaunlich langlebig (z.B. der Eifelturm), gelegentlich verwendet man sogar komplett Pfusch als Baustoff (wie beim Berliner Flughafen BER).
Aber das ist dann natürlich schon großer Pfusch und deswegen auch viel amüsanter. Pfusch beim Schlüsseldienst bis zur Elbphilharmonie: Warum gibt es das eigentlich nicht als Studiengang? Promovierter Pfuscher. Ach so: Auch die gibt es bereits.

Jedenfalls hatte ich nicht gepfuscht. Wenigstes nicht bewußt, geschweige denn in böser Absicht. Der neue Motor lief ausgezeichnet. Warum sollte er auch nicht? Feinster Maschinenbau der renommierten Firma Yamaha, von sanfter Hand klassisch feingetuned. Gewichtete Pleuel und Kolben, poliert (ok: Die Kaltstarteigenschaften sind gewöhnungsbedürftig) und dies und das andere auch noch verfeinert. Beste Voraussetzungen also für einen Kurztrip nach Berlin.
Bei einigen Gelegenheiten fährt man hauptsächlich mit den Nerven des Hinterns. Vor allem mit einem neuen Motor. Jedes Geräusch, jede Vibration will dir etwas sagen. Du verstehst es nur noch nicht. Es ist – irgendwie anders. Alles. Und das erste Mal über eine etwas längere Zeit mit 7000 Touren zu drehen: Da hört man aber ganz genau hin, zwei Finger immer an der Kupplung und alle Sinne im Hintern und den Fingerspitzen.
Sie rast.
Herrliches Wetter. Warm, Sonne – was für ein wunderschöner Altweibersommer. Das ist wirkliches Leben: Leder, die alten, löchrigen Handschuhe (aber woher bekomme ich neue, die so gut passen?). Etwas kommt von hinten. Ziemlich schnell und eigentlich erheblich zu dicht. Ohne zu schalten den Hahn etwas weiter aufdrehen: Kein Problem. Ein sanfter Ruck, festhalten und die Fuhre zieht nachdrücklich weg von dem, der da unbedingt schieben will. Ja! So hatten wir uns das vorgestellt. Soll er vorbei. Geradeaus schnell fahren kann jeder Idiot. Heute keine Rennen – es ist eine großzügig veranschlagte Probefahrt. 500, 600km in zwei Tagen und genügend Werkzeug in den Munitionskisten, die ich mir als Koffer draufgeschraubt habe. Erstmalig. Sieht einfach nur zeitlos elegant und stabil aus. Design trügt eben nicht, wenn es von Meisterhand in langen, schlaflosen Nächten ersonnen wurde. Hach! Es ist … Keine Eile, nichts weltbewegendes vor. Einfach nur vollkommen sinnlos Benzin verbrennen. Mit TÜV. Wie das gute Ende eines langen Weges, die Erfüllung eines alten Traumes.

Der Führerschein? Eine Katastrophe! Auto ging gar nicht. Irgend etwas war immer falsch: Einordnen, Halteverbot, Bushaltestelle – Nicht wirklich falsch, aber eben auch nicht wirklich richtig. Man macht sowas nur ein einziges Mal richtig und dann nie wieder. Nämlich bei der Führerschein-Prüfung. Nach erfolgloser Prüfung Nr.2 stiegen frisch durchgefallener Schüler, Prüfer und Fahrlehrer aus. »Na, denn bis zum nächsten Mal«. Wieso? Und was ist mit Motorrad? »Sie sind gerade durchgefallen. Jetzt mit Ihren Nerven… das wollen Sie doch nicht tatsächlich?» Meine Show, mein Geld, meine Nerven. Wo steht das verdammte Krad?
Die beiden zuckten mit den Schultern. »Unser Geld ist es schließlich nicht«. Selbst der Himmel schien etwas dagegen zu haben. Kaum steckte der Schlüssel im Loch, fing es an zu regnen. »Wollen Sie nicht wenigstens die Regenkombi…?« Nein, will er nicht! Pantoufle arbeitet an seiner Karriere als furchtloser Regenfahrer. Wir fuhren bis unter eine einsame Autobahnbrücke. Mein Fahrlehrer stellte ein paar Hüte auf die Fahrbahn, einige vor – die anderen hinter die Brücke. Es hatte sich mittlerweile prächtig eingeregnet und ich war eine explosive Mischung aus nassem Leder und kalter Wut. »Ok: Sie beschleunigen hier, fahren um die Hüte herum und legen unter der Brücke eine Vollbremsung hin und dann wenden. Solange, bis gut ist und so schnell wie geht.«
Das klang einleuchtend. Die halbe Bremsstrecke im Trockenen, der Rest in der Pfütze und Slalom im Gewitter. Ich fuhr los. Gewaltbremsung? Könnt ihr haben und den Rest mit ordentlich Drehzahl (anders war mit dem zerschundenen Fahrschul-Bike ohnehin nichts los). Das ging so etwa 15 Minuten, wenn mich die Erinnerung nicht trügt. Schlingernd im Wechsel nass-trocken, mit offenem Visier und bis auf die Knochen durchweicht. Ein Wink vom Fahrlehrer. »Reicht. Sammeln Sie mal die Hütchen wieder ein!« Schon klar: Ich war ja schon nass. Wieder auf die Scheiß-Kawa (ich werde mir niemals eine Kawasaki kaufen. Wutschnaubender Schwur). Hinter dem Auto herfahren… die fahren ja? … die Schweine fahren zurück zum TÜV! Wie jetzt?
Unter dem Vordach irgend einen Wisch unterschreiben, keiner sagt ein Wort und der Prüfer verschwindet ohne Gruß. Der Prüfling köchelt auf kleiner Flamme und möchte gerne süße Kätzchen vor den Augen von Kleinkindern töten. Ganz langsam! »Glückwunsch. Bestanden. Jetzt dürfen Sie endlich legal Motorrad fahren!« Der Fahrlehrer grinste mich an. »Wissen Sie: Wir haben gewettet! Wenn er die Strecke zehn Mal macht, ohne sich auf die Schnauze zu legen, geben wir ihm seinen Lappen. Gut, was?« Es dauerte noch etwas, aber dann habe ich mich auch gefreut. Spätestens, als ich wieder auf meiner Karre saß. Jetzt ganz legal.

Berlin. Ist ja eine schöne Stadt. Ehrlich. Na gut: Nicht gerade schön, so abgeklärt und weltoffen wie London. Wobei allein so ein Urteil allein uncool ist. Also ist Berlin immer eine Reise wert. Schon lange, wenn man sonst nicht zu tun hat. Nur dieser Stadtverkehr. Die Dicke mit ihrem neuen Motor ruckelt unwillig. Ruhiges Standgas nur oberhalb von 2000 Rpm. Da ist Handlungsbedarf. Etwas herumschrauben… jetzt geht’s wieder, aber nur zwei Ampeln lang. Dann ruckelts erneut. Weiter oben scheint alles in Ordnung. Nur keinen vernünftigen Leerlauf und irgendwie riecht sie auch komisch. Heiß. Nicht gut. Bis zum Hotel geht es gerade so. Gar nicht gut. Weil der Morgen aber klüger als der Abend ist, erst einmal einen unklug langen Abend mit den Kumpels.
Der nächste Morgen meint es gar nicht gut mit mir. Da ist zum einen die Biologie, die Alkohol für ein Gift hält und dann ist da der Regen. Nichts gegen Regen an sich – es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung. Die gute Kleidung hängt Zuhause im Regal. Leder ist kleidsam, atmungsaktiv und für höchstens 50 km regenfest.
Die Karre springt nicht an. Licht aus. Auch nicht beim zweiten Versuch. Zündung aus. Kerzenstecker trockenlegen. Die guten, regenfesten Kerzenstecker. Ha! Das ich nicht lache! Springt immer noch nicht an. Vollgas, Choke raus – erst mal ausdünsten lassen. Zigarette. Sanftes Zureden, Choke ganz wenig und den Starter nur kurz antippen. Rotzt, aber zündet einmal kurz. Nochmal und sie läuft auf zweieinhalb Töpfen. Alle vier wären schon schön, aber das gibt sich hoffentlich nach der dritten Ampel. Es gibt sich aber erst, als ich auf der Schnellstraße bin. Alles gut, solange sie über 4000 Touren läuft. Das kann ja lustig werden.

Motorradfahren ist vermutlich wie das Schreiben einer Kolumne. Ich bin mir nicht zur Gänze sicher. Die einzige, die ich schreibe, ist das Gedicht am Dienstag und das ist streng genommen keine Kolumne. Aber als Vorstellung taugt es. Es muß regelmäßig etwas passieren, was interessiert. Nur eben nicht den Leser, sondern dich selbst. Wenn es dich reizt, bleibt es spannend. Also sorgt man selber dafür, das es das bleibt. Ein probates Mittel dafür ist der Besitz alter und für sehr wenig Geld gekaufter Motorräder. Vorzugsweiser solcher, die einen traurig anblicken: »Das mit der Öllache unter mir – Inkontinenz ist keine Schande, weißt Du?«
Wenn man dann die Windeln, die der Vorbesitzer angelegt hat, freilegt, die Dichtung dank geplanter Flächen wieder ihrer Aufgabe nachkommt und die Lager nicht mehr spielen, sondern lagern – dann… Ein zufriedenes Krad ist ein zufriedener Besitzer. Wenn Pfusch nicht nur die Angewohnheit langer, tiefsitzender Wurzeln hätte.

Die Probleme dieser Welt hängen ausschlaggebend damit zusammen, ob man sie unter dem Mikroskop oder aus gewisser Distanz betrachtet. Beide Varianten haben ihre Vor – und Nachteile. Ganzheitliche Mechanik gibt es allerdings so wenig wie homöopathische Reparaturen. Damit hätte man die Probleme alter Maschinen schon recht genau zusammengefasst. Das gilt nicht nur für Motorräder: Es gilt für jedes Menschenwerk. Dann kommt etwas ins Spiel, das man als Liebe bezeichnen kann. Oder Zuneigung, Hinwendung. Auch ein gewisser Pragmatismus, der sich in der Gewissheit niederschlägt, daß jedes gelöste Problem eines weniger ist, an dem der Apparat kranken kann. Das Wegwerfen ist keine Lösung: Das Neue kann alles haben, jede denkbare Krankheit, jeden Defekt. Das Alte nur A – n, wobei A für alle denkbaren Defekte und n für getätigte Reparaturen steht.
Wem das jetzt zu theoretisch ist: Etwas Altes hat bereits bewiesen, daß es grundsätzlich lauffähig ist. Das kann im Zweifelsfalle sogar lauffähiger Pfusch sein. Also eine Suzuki Katana zum Beispiel oder der Eifelturm. Ein iPhone dagegen definiert seine Lebensspanne hauptsächlich am Erscheinungsdatum des Nachfolgers. Ich habe das schon immer für unbefriedigend gehalten.

Man macht sich gerne die verschiedensten Dinge vor, redet sich die Welt schön. Als Überlebenshilfe ist das unerlässlich. Der Sprung vom Heck der sinkenden Titanic und die Farbe des Rettungsringes paßt nicht zum Nagellack. Na gut – es hätte schlimmer kommen können: Der Barkellner war verschwunden, bevor man die Rechnung bezahlen konnte. Es gibt immer etwas Schlimmeres.

Zeit, mit dem Selbstbetrug aufzuhören. Die Karre läuft nicht. Sie läuft nicht schlecht, unwillig oder gemächlich, sondern gar nicht. Die linke Seite einer dreispurigen Autobahn mit verstopften rechten Fahrbahnen ist so ziemlich der blödsinnigste Ort für derlei Selbsterkenntnisse. Mit gezogener Kupplung den Blinker raus und hoffen, daß da kein Rambo ist, der dich nicht reinlässt. Irgendwie geht es auch, der LKW, nach dem ich mich hilfesuchend umsehe, reagiert und geht etwas auf die Bremse. Standstreifen und auf einem Zylinder zur Ausfahrt, die – oh Wunder – nach 500m kommt. Sogar mit Schild zu einer Tankstelle. Bis dahin geht’s noch; dann ist aber wirklich Schluß.
Das Ganze riecht nach Elektrik. Mechanisch scheint alles in Ordnung, die Kerzen haben ein sauberes Bild, irgendwelche Stecker fliegen auch nicht frei rum. Also alles erst einmal trockenlegen, wickeln und gut zureden. Die freundliche Frau an der Kasse spendiert Taschentücher, zwei Plastiktüten (zum einwickeln) und eine heiße Tasse Kaffee. Ein freundlichen Gruß von dieser Stelle!
Den Rest habe ich selber. Merke: Der Fahrer von Welt hat immer sein Bordwerkzeug dabei!
Eine gute Dreiviertelstunde später ist alles wieder zusammen, halbwegs trocken. Jetzt nur noch… gaaanz wenig Choke und sie springt auf der ersten Umdrehung an. Auf allen Pötten und halbwegs sauberem Standgas.
Geht doch!

Scheitern als Chance: Man fällt ja nicht nur durch die Prüfung (die man eines Tages wahrscheinlich doch besteht – und sei es nur, weil man einfach nicht mehr gesehen werden will), sondern die Niederlagen gehen ja weiter. Auch mit Patent.
Pfusch als Herausforderung.
Wie zum Beispiel die Benzinpumpe meiner Honda VFR. Ein (Vergaser) Motorrad mit Benzinpumpe? Ja, so einen Unsinn hat die Firma Honda in Form ihrer Version VFR/RC24 fertiggebracht. Durch die Einbaulage der Vergaser wird vom Tank nicht genügend Falldruck aufgebaut und so mußte man mit einer Pumpe nachhelfen. Super Idee. Das Bauteil kam aus dem Regal irgend eines Rasenmäher-Herstellers, vermute ich. Klapperig, mit einer Honda-eigenen Abschaltautomatik versehen, schweineteuer und nach 30.000 km ein Fall für den Müll. Das Schlechte: Sie fällt grundsätzlich bei Regen aus. Das Gute: Immer kurz vor einer Autobahnbrücke. Auch gut: Sie lässt sich mit einem kleinen Schraubenzieher, etwas Schmirgelpapier und Isolierband reparieren. Hält ca. 5000km. Danach wieder Autobahnbrücke. Ersatzweise Parkplatz, wo die Karre halb demontiert ein Panorama für Rentnerbusse darstellt.
»Soll ich den ADAC anrufen?« Freundliche Hilfsangebote von mitfühlenden Bikern. Ne danke – bis ich dem erklärt habe, wie man das flickt, habe ich den ganzen Motor grundüberholt.
Beste Zeit bis hierher: 12 Minuten. Das Schrottteil ist mittlerweile nicht mehr festgeschraubt, sondern läßt sich nach Abnahme des Sitzes einfach rausziehen. Nur noch eine Schraube und das Abschaltdingsbums ersatzlos entfernt (hält jetzt 10.000km). Eher geh ich an Krücken, als Honda für solchen Rott Geld in den Rachen zu schmeißen. Gangsterbande!

Bis kurz vor Burg geht alles halbwegs gut. Dann das selbe Spiel erneut. Der Schreck mit der linken Spur war heilsam und so muß ich mich dieses Mal nur zwischen zwei LKW drängeln. Trucks sind sowieso die einzigen Freunde, die Motorradfahrer auf der Straße haben. Alles andere sind Feinde: Vom Rollstuhlfahrer bis zum Maserati. Alles Feinde. Aber das nur nebenbei.
Es reicht gerade bis zur nächsten Tankstelle und dieses Mal ist wirklich Feierabend. Zwei Krümmer vom Auspuff sind kalt. Sollte da etwa…? Es sind die, die zusammen an einer der beiden Zündspulen hängen. Damit ist eigentlich alles klar. Tank runter, die Dinger ausbauen und die erste Inaugenscheinnahme zeigt einen Riss im Plastikmantel. 320 Jahre brav funktioniert und nu isse hin. Zur Kontrolle noch einmal die andere drangehängt: Die geht und funkt prima – die mit den Löchern nicht. Just for the records.
Was nun? Die Tankstelle mit der kleinen Werkstatt daneben hat zu. Erst mal einen Kaffee in der kleinen Gaststätte nebenan. Sonnabend später Nachmittag in Möser bei Regen. Es haben sich schon Menschen aus nichtigeren Gründen selbst entleibt. Bleib tapfer, Pantoufle! Meine Stimmung ist wie kurz vor Stalingrad, als mitten im schönsten Siegen das Benzin ausgeht.
Die Damen vom Grill sind die Freundlichkeit in Person. Sie wüßten sogar noch jemanden, der im Hinterhof Autos reparieren würde. Trabanten und so richtige Autos eben. Der hätte bestimmt noch irgendwelche Ersatzteile herumliegen. Solche Dingspulen sicher Zuhauf. Da würde man mal eben anrufen. Leider ist der gute Mann in den wohlverdienten Feierabend gegangen – es sei ihm gegönnt, aber es hilft mir nicht weiter.
Blut ist dicker als Regenwasser. Meine gute Frau ist ja noch da. Es nagt gewaltig am Stolz des Motorradfahrers, um Hilfe bitten zu müssen, aber die Zündspule ist sowas von hin – da beißt die Maus keinen Faden ab. Wie bringe ich ihr das nur bei. »Also Liebste! Ganz einfach: Zuerst gehst Du in die Werkstatt und bewaffnest Dich mit folgendem Werkzeug…« Wie schön, ein Weib zu haben, das ein Brecheisen von einem Drehmomentschlüssel unterscheiden kann! Das baugleiche Modell des Motorrades steht in der Scheune. »Den Tank bekommst Du so ab und dann weiter vorne siehst Du… ach siehst Du schon? Das ist doppelplusgut! Und die schraubst Du jetzt mit allem was da dranhängt ab. Nur nicht die Steckerdings… ah – sind schon ab. Noch besser… ja, beide. Ne, mehr brauche ich nicht.«
In einer Stunde ist sie da. Mit trockenen Handschuhen. Und im netten Grill wartet sie dann die 10 Minuten, bis der Schaden behoben ist.

Diese seltsame Flüssigkeit, dieses Benzin. Was für ein ungeheurer Tritt in den Hintern der Zivilisation. Ein Energieträger auf so kleinem Raum – zwischen meine Knie passen 22l – lange lagerungsfähig in einfachen Behältnissen, schwer endzündbar. Ja, Benzin brennt gar nicht so schnell. Da braucht man schon richtig Technologie. Die Vergaser, diese hübsche Feinmechanik. Dafür haben sie fast am längsten gebraucht. Ob Vergaser oder Einspritzer – beide Wege sind etwa zeitgleich entstanden. Erst einmal ein Gemisch erzeugen, das da verbrennen kann. Nicht explodieren: Verbrennen. Daher der Name Verbrennungsmotor. Die Verbrennung soll sich gleichmäßig ausbreiten, mit einer immerhin endlichen Geschwindigkeit. Wenn es explodiert, nennt man das klingeln und das ist nicht gut für die Elemente des Motors, die Lager, das Metall der Kolben. In den Anfangszeiten des Motorenbaus stand nur sehr niederoktaniges Benzin zu Verfügung. So zwischen 20 – 40 Oktan. Das explodierte, verbrannte aber nicht richtig, wenn die Verdichtung höher als 1:3 war. Erst in den 20. Jahren änderte sich das das und dann explodierten die Leistung der Maschinen. Ohne Änderung der Konstruktion konnte ein Motor 30, 40% mehr Leistung haben nur wegen der besseren Qualität des Benzins. Der Motor blieb kühler und wurde langlebiger, weil die Belastung an zwei neuralgischen Bauteilen entscheidend verringert wurde: Den Zündkerzen und den Ventilen (die mittlerweile mit Natrium gefüllt waren, um die Wärmeabführung zu verbessern). 1940 ist grundlegend alles erfunden, was einen soliden Verbrennungsmotor ausmacht. Daran hat im Prinzip selbst das elektronische Motormanagement bis heute nichts geändert.

Ein kleiner Druck auf den Anlasser und es startet diesen Vorgang: Ansaugen, verdichten, verbrennen, ausstoßen. Ein Vierzylindermotor bei 8000 Umdrehungen ist kein Viertaktmotor mehr, sondern eine oszillierende Strömungsmaschine. Ein Fahrer, der sich bei einem Sturm von 170km/h an dieses Wesen aus Stahl, Aluminium und Gummi krallt, ist so stolz wie die Erfindergattin Berta Benz, als sie sich mit ihren beiden Söhnen vor 125 Jahren aus dem Staub machte. Mit dem Auto ihres Herren Gatten. »In aller Frühe, als der Vater noch schlief […] Bergauf und bergab sollte der entführte Wagen zeigen, was er konnte und nicht konnte, auf einer Strecke von 180 Kilometern«.
Ansaugen, Verdichten, Verbrennen, Ausstoßen. Plank, nicht Einstein. Oder besser: Newton, nicht Heisenberg. Unscharf ist nur der Blick durch das Visier vom Helm. Wegen dem Regen und den Insekten. Auch ist der Mensch nicht für diese Geschwindigkeiten geschaffen. Fällt er, so ist er tot. Keine Airbags. Und das ist gut so. Es ist die Entscheidung, sterblich zu sein.

Der Regen hat aufgehört, der Fahrtwind das Leder fast schon wieder getrocknet. Das Vertrauen ist zurück. Es war nur eine kleine Sache, ein Bauteil für ein paar Mark. Einen Thaler. Durch eine Lücke der niedrigen dunklen Wolken fällt die Sonne auf die Straße. Es ist warm, der Motor läuft ruhig und mit Kraft. Im Rückspiegel Lichter, viel zu dicht.
»Du willst ein Rennen? Kannst Du haben.«

Benzin.

Dieser Beitrag wurde unter Motorrad abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

0 Kommentare zu Irgend etwas ist falsch

  1. gnaddrig sagt:

    Einfach Klasse! Vielen Dank für diesen tollen Text! Ich habe selbst noch nie auf einem Motorrad gesessen und ein großer Schrauber bin ich auch nicht, aber das hat jetzt Spaß gemacht 🙂

    0
  2. Stony sagt:

    Himmel! Einfach nur Danke! 😀
    Normalerweise vermeide ich solche Texte, weil sie mich in einer Weise (wieder und wieder) anfixen, die nicht gesund für mich ist. Aber alle paar Jahre laß ich mir gerne vor Augen führen, was ich vermisse.

    Was ich mich grad frage: Was zur Hölle fährst du eigentlich? Yamaha, Honda, welche isses denn nun? XJ900? RC24? 32 Jahre alte Zündspule… sind die Ältesten der besagten nicht von Mitte der 80er? Fragen über Fragen.

    Kannst du mal nen Bild posten, bitte bitte? 😀

    ps: Zuletzt so gut amüsiert zum Thema Bike hab ich mich beim geölten Blitz. wenn man Podcasts und Bikes mag ist die Ausgabe echt super. 😉

    0
  3. pantoufle sagt:

    Einmal XJ900/31a, E.Z. 83 (32 ist ein Rechenfehler: es sind 30 Jahre). Welches Teil davon außer dem Rahmen noch original ist, weiß ich beim besten Willen nicht. Motor ist inzwischen von einer 58L. Hier wurden die beiden XJ900 übringens schon einmal vorgestellt. Das war nach einem der Umbauten und dem Zulauf von 3,5 mehr oder weniger kompletten Yamahas. Ersatzteilprobleme gibt es seither nicht mehr. (Wenn Gott gewollt hätte daß Motorräder sauber sind, wäre Spüli im Regen!)

    VFR/RC24 Mittlerweile auch den zweiten Motor (nach 120.000) und geänderte Steuerelektonik. Wartet im Moment auf einen radikalen Neuaufbau. Und wenn ich radikal meine, dann heißt das radikal. Angestrebt ist ein Cafe-Racerlook der späten sechziger Jahre.

    Und zu guter Letzt hätten wir da noch ein Bilderrätsel. Bild wurde bei Lieferung gemacht – ein wenig anders aussehen tut sie jetzt schon, aber der Anblick hier ist abenteuerlicher.
    Um was könnte es sich dabei handeln? (Bremsen ist die Umwandlung hochwertiger Geschwindigkeit in sinnlose Wärme.)

    0
  4. Joachim sagt:

    Wie hieß es in einem Fahrschulbuch zum Motorrad: „Auch eine Regenfahrt kann Spaß machen“. So ist es. Es ist ja auch pures Adrenalin, wenn man Nachts, mit Millionen vom Vordermann aufgewirbelten Tropfen auf dem Visier, von einer modernen Lichtanlage der entgegenkommenden „Luxusdose“ geblendet, jegliche Sicht und Orientierung verliert. Nur noch das Gefühl ist hier der Lebensretter. Was soll’s, ich will doch nur nach Hause. Susy meint das auch und wackelt vor dem Überholmanöver sanft mit dem Hintern. Das Hinterrad dreht auf der nassen Fahrbahn durch. Wackeln ist ihre Art mir zu sagen: „die Kupplung ist in Ordnung und diesmal nicht der Grund für den mangelhaften Vortrieb“. Ich erinnere mich an die Lichtschwertübungen damals in der Fahrschule. Die Übungen mit den verbundenen Augen und dem Schwebeball…

    Damals, in der zweiten Stunde, meinte der Fahrlehrer: „Motorrad liegt ihnen aber besser als Auto“, sprach’s und düste ab in die Eifel, überholt dort in den Serpentinen ein Wohnmobil und wartet am Gipfel breit grinsend, auf seinen Schüler. So war das, eine harte, aber durchaus wirksame Schule. Der „Alte“ war einmalig.

    Und Auto? Nein, das hat mir bisher nie Spaß gemacht, selbst wenn Sixt für die Firmenfahrt mal etwas Fettes rausrückt. Motorräder dagegen, jedenfalls richtige Motorräder, nicht diese Neuen, nicht diese überteuerten Schnick-Schnak-Teile, nein die Alten, die mit einer Seele, wo der Versager vom Vergaser nicht so einfach unterscheidbar ist, die sind einfach Sprit-Spaß Wandler. Jedenfalls wenn sie nicht versagen. Ich liebe mein Motorrad. Rennen muss ich nicht haben. Pha, es reicht den R8 im Rückspiegel als das zu erkennen, was er ist: Als überteuerten Audi.

    Wieso sitze ich hier und bin nicht einfach an der Firma vorbei gefahren? Blöder Regen.

    0
  5. altautonomer sagt:

    Mein Traum ist dieser offene Zweiventiler komplett aus Carbon:
    http://www.look-bikes.de/mtb/look-986/look-986-e-post-sram-xx-2018.html

    Für das Geld gibts auch ein gutes Mopped.

    0
  6. pantoufle sagt:

    Moin, Altautonomer
    Also… ja, sehr, sehr schön. Wenn mir dazu eine kleine Anmerkung gestattet sei: Das Ding kostet mehr als doppelt so viel wie mein gesammter Fuhrpark. Inklusive dem Auto meiner Frau. Und den (wenn auch nicht ganz so dramtischen) Fahrrädern für die sechsköpfige Familie. Ein Anhänger für den Hund wäre da auch noch drin – eine rein fiktive Vorstellung, weil sich der Redaktionkampfhund in kein Fahrzeug traut.
    7500 Ocken für ein Fahrrad. 7500. Wenn auch mein Klopapierhalter von Manufaktum kommt, denke ich mal darüber nach.

    P.S. Die Yamaha hat mich vor ein paar Jahren 700€ Euro gekostet. Die VFR 1000 DM. Das T-Modell (W124) bisher 500€ (muß jetzt aber durch den TÜV). Nur mal so, um hier die Verhältnisse zu klären.

    0
    • altautonomer sagt:

      Hab ich mir schon denken können, das es bei dem Rad um ganz andere Preis-Dimensionen im Vergleich zu anderen (Kraft-) Fahrzeugen geht.

      0
  7. Thelonious sagt:

    Zum Bilderrätsel: Ich tippe auf eine Super Bol D’Or. Auf jeden Fall eine CB weißichdochnicht,kennichmichdochnichtausmit. Das abgesägte Heck ist aber Klasse.

    Übrigens, wieder ein Lob für den Text.

    0
  8. pantoufle sagt:

    Danke, danke – ich wundere mich sowieso, daß sich so viele Leute über den Text gefreut haben. Das hätte ich nicht vermutet: Ich wollte es einfach nur schreiben und freue mich über die Resonanz.
    Was das rote Bilderrätsel betrifft: Bol´Or ist schon dicht dran. 1000´ Eckhard. Der Rest ist nicht abgesägt, sondern serienmäßige Egli. Soweit Egli jemals serienmäßig war.

    0
  9. Stony sagt:

    @pantoufle: Erstmal sorry für die reichlich verspätete Antwort, ich konnte seit Freitag Mittag nicht mehr ins Netz.

    Besten Dank für die ausführliche Antwort, alle Fragen sind geklärt und ich bin begeistert. Ordentlich „verbastelte“ Bikes mit Patina, so gefällt mir das! Putzen ist was für… hehe.

    Zum Thema radikal: YES! (man möge mir großzügig meinen Überschwang vergeben) Cafe-Racer… dreimal YES! 😀 Meiner Meinung nach die schönste Art alten Boliden den besonderen Kick zu verpassen. Schöner Link übrigens, kannte ich noch nicht, aber ist für weiteren Genuß gespeichert.
    Ich beneide dich um den Platz den du hast, sowas in Angriff zu nehmen. Ich bekomme hier im Ort nichtmal ne kleine Garage, der Zugang zum Keller ist schon für ein Fahrrad knifflig und im Freien stehen lassen würde ich ein Bike keinesfalls. Ach verdammt. Naja, irgendwann klappt das schon noch und dann hol ich mir was schönes Altes (AWO Tourer, oder 30er Jahre BMW z.b.) und bau mir nen Cafe-Racer draus.

    0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *